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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
Prager Brief
Date
1897-12-10
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr 38. Seite 11. Assimilationsbestrebungen zu unterstützen. Rieger, dessen wiederholte hämische, ja gehässige Ausfälle gegen die Juden älteren Zeitungslesern aus den Parlamentsberichten erinnerlich sein dürften, antwortete in einem Briefe mit dem Hinweise auf die milde Denkungsart des tschechischen Volkes und mit der Aufforderung an die jüdische Jugend, den Begriff der Ehre, der ein Erzeugnis der westlichen Cultur sei (sie!!), zu pflegen! Statt diese Ohrfeige nach Gebühr zu empfinden, veröffentlichten die Empfänger des Brests denselben wie eine Sieges-Trophäe in Parteiorgan. (Eine Übersetzung erschien im Herbste 1895 im „Freien Blatt".) Viel klarer und decidierter als die Genannten hat seine Stellung in der Judenfrage der „größte, tschechische Volksmann" Karl Havliöek gekennzeichnet. Dieser nannte die Juden „einen fremden Volksstamm (plemeno), der sich mitunter unserer (L. 6. tschechischen) Sprache bedient". Diese Worte wurden bis in die jüngste Zeit oft und oft citiert. Allein unsere Assimilanten blieben taub. Vielleicht sind sie für die Argumente der Straße, die sie jetzt am eigenen Leibe und an eigenem Hab und Gut erfahren, empfänglicher. Wir Zionisten sind weit enrfernt, die so arg Enttäuschten schadenfroh zu verlachen. Im Gegentheile, wir bemitleiden dieselben, wie wir mit allen leidenden Stammesbrüdern mitfühlen. Selbstredend sind wir auch mit den „jüdischen Germanen" nicht einverstanden, die heute nicht genug über die „tschechische Rohheit" sich ereifern können. Ein vornehmes Abseitsstehen der . Juden gegenüber dem tobenden Nationalitätenhader, ein end-? liches Aufgeben aller nutzlosen Verkleidungskünste und offenes, mannhaftes Sichbekennen zu dem eigenen Volke ist der einzige Weg, den unsere Brüder in Böhmen gehen können, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, sich selbst und anderen verächtlich zu werden. 8. Tribüne. Vrrlagsgrfellschasi „Trchrja". Die Herren, welche mündlich oder schriftlich ihre Bereitschaft erklärt haben, der hebräischen Verlagegesellschaft „Techija" beizutreten, werden höflich gebeten, ihre formelle Beitrittserklärung unverzögert an Dr. Marrus Ehrenpreis in Djakovar einsenden zu wollen. Die wesentlichen Bestimmungen des Genossenschafts-Slaluts lauten: „Techija" ist eine Erwerbsgenossenschaft mit beschränkter Haftung (R.-G.-B1. Nr. 70). Zur Beschaffung des Grundkapitals von 5000 fl. werden 300 Anteilscheine L 25 fl. ausgegeben. Der gezeichnete Betrag kann im Laufe deS ersten Geschäftsjahres in 4 Thellen eingezahlt werden. Die Haftpflicht der Genossenschafter übersteigt nicht die Höhe deS gezeichneten Betrages. Im November 1697. Das vorbereitende ComitL _ der „Techija". Löbliche Redaction! Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen mitzutheilen, dass Herr Willy Bambus mir versichert, den in meiner Correspondenz angeführten Satz gegen den Zionismus nicht geschrieben zu haben: er sei vielmehr von der Redaetion der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" ohne sein Wissen seiner Correspondenz eingefügt worden, und er habe davon erst aus meiner Mittheilung in der „Welt" Kenntnis erlangt Indem ich Sie höflichst ersuche, diesen Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Dr. Heinrich Loewe. weltchvonik. Jüdische Nationalhymne. Wie nicht anders anzunehmen,' war der Einlauf an Preisarbeiten ein ziemlich großer. Nahezu k 100 Gedichte, einige sogar mit Composition, sind dem Preis-k richtercollegium zur Beurtheilung überwiesen. Alle Sprachen fütb[ vertreten, die zumeist von Juden gesprochen werden, vor allemdeutsch, dann hebräisch, jüdisch-deutsch, französisch, italienisch, eng-' lisch. Wir hoffen in Bälde in der Lage zu sein, über die Ergebt nisse des Ausschreibens an dieser Stelle Mittheilung machen zu' können. * Heinrich Heine. Die Villa Achilleion auf Corfu, Eigens thum der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, ist kürzlich geräumt worden. Die Villa enthielt in einem besonderen kleinen Tempel die bekanntes Heinestatue. Die Kunstwerke, Möbel, Haushaltungsgegenstände find bereits nach der Wiener Hofburg gebracht. Die' Ursache, warum das mit großem Kostenaufwande erst vor wenigen' wahren erbaute Schloss geräumt wurde, liegt rheilsin dE orientalischen Wirren, theils in dem nicht entsprechenden Klima^ des Marktfleckens Gasturi, in dem die Villa liegt. Di^ Witterung kennt daselbst nur zwei Extreme. Entweder herrscht tropische Hitze oder es stürmt derart heftig, dass man es nicht im Freien aushallen kann. Auf dem Heinegrab in Paris wird nunmehr ein Denkmal errichtet werden. Die Familie Embden hat den Bildhauer Hasselruis in Rom mit der Ausführung einer Statue beauftragt, deren Enthüllung bereits auf den 13. December 1897, den hundertjährigen Geburtstag des Dichters, festgesetzt ist. Von der Hand Hasselruis' stammte auch das Heine-Denkmal auf Corfu. Das Grab Israels. Unter dieser Aufschrift veröffentlicht das seit einigen Wochen in jüdisch-deutscher Sprache erscheinende Londoner Wochenblatt „Die jüdische Presse" einen Brief aus Argentinien. In demselben lesen wir: „Beim ersten Blick aus die Colonien, mit ihren armen unglücklichen Colonisten erinnert man sich an einen traurigen Friedhof, wo die Todten in ihren engen finsteren Gräbern ruhig und still schlafen. Man sieht nur gedrückte, düstere Gestalten ohne Blut und ohne Leben, magere und blasse Gesichter, die längst jeden Freudenschimmer und jede Hoffnung verloren haben. Wer hieher kommt wird nur betäubt von herzerreißenden Seufzern — sie bedeuten Hunger, Noth und Entbehrungen. Schwarz und traurig ist es auch auf den Feldern; man sieht nirgends ein grünes Groschen, man hört nicht das Rauschen eines Zweiges, es blüht nichts,, es wächst nichts, alles ist wüst und leer. Wer hieher kommt bleibt wie eine Statue stehen und betrachtet diese schauderhaften Bilder des Todes. Vor einigen Monaten haben noch diese Colonisten auf diesen Feldern mit ihrem ganzen Krafteinsatze, wie Sklaven gearbeitet. Sie haben gearbeitet trotz der glühenden Hitze mit ihren blaffen kraftlosen Kindern, keuchend trieben sie die. Ochsen vor sich her und sie erwarteten eine günstige Ernte. Der Briefschreiber erzählt dann weiter, wie der ganze Ertrag dieser schweren Arbeit von den Heuschreckenscharen, die auch dieses Jahr nicht ausblieben, vernichtet wurde. Er schließt: „Die ganze Colonisation ächzt in allen Fugen, sie liegt in der Agonie. Die Heuschrecken-Epidemie! Sie bildet den Abgrund, in den alles stürzen muss. Man wird nur noch einen Grabstein darüber setzen und darauf schreiben: Das Grab Israels." Die „Jewish-Colonisation Association" pudliciert jetzt in einigen jüdischen Blättern, dass sie für die Colonien Lehrkräfte suche. Unter dem Titel „Freies Israel" hat sich in Budapest eine jüdische Secte gebildet, welche statt des Samstages den Sonntag feiert und mehrere gegen die Orthodoxie gerichtete Neuerungen einführen wollte. Der Minister hat vor kurzem die Bildung der Secte verboten. Die Juden in der Kuruezenzeit. In der Sitzung der ungarischen historischen Gesellschaft vom 3. December hielt Dr. A. Büchler in Budapest eine Vorlesung über die Juden in der Kuruezenzeit. Der Vortragende führte aus, dass die Juden zur Bekämpfung der Kuruczenbewegung viel beigetragen haben, insbesondere zeichneten sie sich bei der Erstürmung von Raab und LipolvLr aus. Die Kuruczen waren ob der kaiserfreundlichen Haltung der Juden gegen diese sehr erbittert, sie verfolgten dieselben, plünderten sie, viele Juden wurden in die Gefangenschaft geführt oder niedergemetzelt. Viele Juden suchten vor den Verfolgungen der Kuruczen im Auslande Zuflucht und erst nach der Unterdrückung des Aufstandes kehrten sie wieder nach Ungarn zurück. Die Hausierer. Wie die ungarische Regierunn der österreichischen bekanntgab, wurde die Ausübung des Hausierhandels nunmehr auch auf dem Gebiete der Stadt Brod in Slavonien verboten. Die Zahl der jüdischen Lehrer an den höhere» Lehranstalten Preustens beläuft sich im ganzen auf 98. In Ostpreußen gibt es nur 1 jüdischen Lehrer in Allenstein, in Westpreußen 1 Oberlehrer am Gymnasium in Thvrn und 3 Hilfslehrer. Posen hat 3 Oberlehrer und 1 Hilfslehrer. In Schlesien befinden sich 4 jüdische Oberlehrer und 1 Hilfslehrer. In Brandenburg (excl. Berlin) zählt man 1 jüdischen Oberlehrer. In Berlin wirken an Gymnasien 3 Professoren und 1 Oberlehrer, an Realgymnasien 6 Oberlehrer, an einer Oberrealschule 1 und an den Realschulen 10 Oberlehrer und an einer höheren Mädchenschule 1 Oberlehrer, zusammen also 22 jüdische Lehrer an den Berliner höheren Schiften. Unter den Hilfslehrern Brandenburgs (incl. Berlins) befinden sich 23 Juden, unter den Probanden und Seminarmitgliedern je 1. Die Provinz Sachsen hat 2 Oberlehrer, Hannover und Schleswig-Holstein je 1 Probandus.

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