Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Der zionistische Congress in England
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 88. in England einznberusen. Auf demselben sollen 12 Program mpunkte , zur Debatte gelangen. 1 Die Unterstützung von Pilgerfahrten und Forschungsreisen nach Palästina. 2. Die Bildung eines Centralcomites in Palästina behufs Vertheilung und Reform der Chalukah. 3. Die Förderung und Errichtung von industriellen Unternehmungen in Palästina in Verbindung mit Ausstellungen. 4. Die Annäherung an die „Jewish Colonisation Association“ behufs einer ausgiebigen Unterstützung für die Colonisation Palästinas.. 5. Die Reorganisation der „Chowewi Zion". 6. Die Entwicklung einer Propaganda. 7. Schaffung von Fonds für colonisatorische und literarische Zwecke. 8. Ausbildung von jungen Leuten für den landwirtschaftlichen Beruf in Palästina. 9. Ausschreibung von Concursen behufs Aneiferung zum Studium der hebräischen Sprache und jüdischen Literatur. 10. Die Annäherung an Vereine mit ähnlichen Zwecken behufs gemeinsamer Arbeit. 11. Finanzprojecte für die angeregte Colonialbank, Schaffung einer Autonomie für die palästinensischen Colonien im Zusammenhang mit einem Jahrestribut an die Türkei. 12. Die Veröffentlichung von Berichten und Anstellung von Untersuchungen über die Verhältnisse im heiligen Lande. Nie war es eine größere Wahrheit, schloss der Redner, als jetzt, dass die messianifche Periode dann beginnen wird, wenn Israel sein nationales Banner entrollt. Nach ihm sprach Dr. Gast er. Seine Rede war eine scharfe Philippika gegen die „Chowewi Zion". Er persönlich weist den englischen Juden in der zionistischen Bewegung den letzten Platz an. Sie dürfen stch doch nicht cinbilden, gottbegnadete Wesen zu sein, weil sie in einem freien Lande leben, während die Juden von Russland, Rumänien rc. tolerirte Menschen seien. Diese Juden bilden das Hauptcontingent und darum ist ihre Stimme die Stimme des JudenthumS. Die Aufgabe der englischen Juden wäre es, sie zu unterstützen, ihnen beizustehen. Die unmittelbare Aufgabe aber ist die Einigkeit. Die „Chowewi Zion" würden am besten thun, einzupacken. Hingegen sollten die „Bnei Zion", „Pircle Zion" sich alle, vereinigen und eine große Körperschaft bilden. Die Juden in England sind nur ein Tropfen im Ocean und dürfen nicht für sich das Recht beanspruchen, zu führen. I. de Haas weist daraus hin, dass die Association nach langem Schweigen endlich ans Werk geht. Ihr Anschluss ist der beste Protest gegen jene anonymen Ausstreuungen in Galizien (Gemeint ist hier wohl der antizionistlsche Artikel einer Wiener jüdischen Wochenschrift. Anm. d. R.) dass London nicht hilfreich beitreten wolle. Nach einer Replik Dr. G a st e r s erwiderte Mr. B e n t w i ch. Er Wendel sich gegen die Behauptung Dr. Gasters, dass man aus ein Commando warten soll. Dr. Herzl selbst würde dies nicht billigen; er wünscht gewiss, dass jedem Lande die Freiheit der Action bewahrt bleibe. Demgegenüber betont Dr. Gaster, dass er nur dagegen sei, der Affociation in der bevorstehenden Conferenz die Leitung zu überlassen. Im Uebrigen halte er die Legalität gegenüber dem Actionscomitv für dringend nothweudiq. Zum Schluffe erklärte Mr. de Haas unter allgemeinem Beifall, dass die Conferenz lediglich auf der Basis des Baseler Programms verhandeln werde. _ Prager Brief. 6. December 1897. Die traurigen Vorgänge, deren Schauplatz die böhmische Hauptstadt in der abgelaufenen Woche war, trugen — das wird von keiner Seite in Abrede gestellt — neben dem antideutschen einen stark ausgeprägten antisemitischen Charakter an sich. Von der Verwüstung deutscher wissenschaftlicher Institute und Schulen sowie einiger hervorragender deutscher Gebäude abgesehen, waren es vorwiegend Wohnungen und Verkaufsläden „israelitischer Mitbürger", die der Beraubung und Plünderung anheimsielen. Auch Synagogen, die sicherlich nicht durch zweisprachige oder ausschießlich deutsche Firmatafeln den Zorn der Menge wachgerufen haben, waren nicht nur in Prag, sondern auch auf dem Lande das Ziel der Zerstörungswut. Selbst thatliche Mißhandlungen, die einzelnen Personen widerfuhren, wurden beispielsweise von der „Politik" damit entschuldigt oder beschönigt, dass die jüdische Stammeszugehörigkeit des Mißhandelten besonders betont wurde. Das gibt gewiss zu denken. Nach den Vorstellungen tschechischer Blätter waren die Ausschreitungen lediglich die Antwort auf Provocationen, die vorher erfolgt waren. Angesichts dessen ist es schwer zu glauben, dass die jüdischen Trödler oder kleinen Kaufleute, die ihr Hab und Gut verloren, die Demonstration der deutschnationalen Studenten der Prager Universität, welche in der Regel durch wüstes Geschimpfe auf die Juden dem bedrohten Deutschthum zu Hilfe eilen, angeregt hätten oder gar den deutschen Professoren die Reden, durch welche sich die Tschechen verletzt fühlten, suggeriert hätten. Leichter ist es, den antisemitischen Charakter der Prager Excesse zu verstehen, wenn man den tschechischen Stimmen glauben schenkt, dass die tschechische Bevölkerung Prags durch das chauvinistische Verhalten der Deutschen in Saaz provociert worden sei. Dann hatten die Prager Tschechen sich einfach — mit Bariierung eines bekannten Satzes — im Hinblick auf die Saazer Deutschen gesagt: „Haust du deinen Juden, so hau ich meinen Juden". Allein für den Kenner der Geschichte der Prager Judengemeinde sind die jüngsten Exceffe gegen die Juden weder sehr überraschend, noch auch durchaus unerklärlich. Die Prager Judenstadt war gar oft der Schauplatz der blutigsten Judenverfolgungen, die oft durch die nichtigsten Anlässe hervorgerufen wurden, und noch in den Sechzigerjahren unseres Jahrhunderts, ehe noch das Wort Antisemitismus geprägt war, gab es sowohl in Prag, als auch in anderen tschechischen Städten Böhmens arge Ausschreitungen gegen die Juden, die durch das Verhalten der letzteren zu motivieren man sich nicht einmal die Mühe gab. Es jetgt sich immer wieder, dass jeder Ausbruch der Bolksleidenschaft die Juden in Mitleidenschaft zieht, selbst wenn die Juden auch nicht die entfernteste Beziehung zu den Anlässen der Erregung haben. Unsere Missionsprediger, d. h. Protestrabbiner mögen darin eine besondere Mission des jüdischen Volkes erblicken, alle irgendwo vorhandenen, durch die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten verursachten Spannungen in der politischen Atmosphäre gleich Blitzableitern an sich zu ziehen, auf dass sich dieselben über ihren eigenen Häuptern entladen. Unsere Protestrabbiner, die ja in der Regel jeden Zusammenhang mit dem wirklichen Volke verloren haben, mögen sich einer derartigen Mission, bei der sie selbst nicht mitleiden, freuen; wir Zionisten hingegen erblicken in den Erreignissen der Vorwoche einen Ansporn mehr zum rüstigen Vorwärtsschreitcn auf der von uns betretenen Bahn. Die Ereignisse in Böhmen bieten, von dieser allgemeinen Betrachtung des Judenschicksals abgesehen, noch eine specielle Seite des Interesses für uns. Im letzten Jahrzehnt hat in Böhmen die Assimilation der Juden an das Tschechenthum ganz erhebliche Fortschritte gemacht; speciell seit dem Anwachsen des Antisemitismus in Wien wurde in Böhmen immer wieder darauf hingewiesen, dass der Antisemitismus auf deutschem Boden gewachsen sei, und dass die Tschechen sich immer durch besondere Milde gegen den Juden hervorgethan hätten. Nun, die Excesse der Vorwoche sind die nicht mißzuverstehende Antwort der Tschechen auf die Liebeswerbungen der Juden. In rein tschechischen Gegenden, wie in Tabor, Gitschin, Königgrätz, wo die Juden seit langem politisch mit den Tschechen gehen, sich der tschechischen Verkehrssprache selbst in ihren Familien befleißen, wurden in jüdischen Wohnungen und Synagogen die Fenster eingeschlagen; in Prag wurde der Obmann des tschechisch-jüdischen akademischen Vereines „spolek ceskych akademikö zidfi“, wie die Blätter betonen, ein fanatischer Jungtscheche, auf der Straße mißhandelt. Das spricht wohl eine deutliche Sprache. Werden unsere Assimilanten aber dieselbe verstehen? Das ist keineswegs außer Zweifel. Unsere tschechisch-jüdischen Assimilanten hätten sich manche Enttäuschung erspart, wenn sie ihre Empfindlichkeit für die Bereitwilligkeit und das Wohlwollen, mit welchen von der anderen Seite ihre Verbrüderunqsversuche ausgenommen wurden, vom Anfänge an mehr geschärft hätten. Man braucht keineswegs zu den fast durchwegs auf der Stufe des „Deutschen Volksblatt" stehenden Provinzblättern hinabzusteigen, um die Abneigung, die im tschechischen Volke gegen die Juden herrscht, kennen zu lernen. Wollen wir erfahren, wie einer der erlauchtesten Geister des tschechischen Volkes über die Juden denkt, so brauchen wir nur in den „Humoresken. Satyren und kleinen Scherzen" von Svatopluk 6ech (Prag 1887) den „Ewigen Juden" zu lesen. Dort finden wir dieselben Vorurtheile, dieselben Verallgemeinerungen, dieselbe Verwechslung von Ursachen und Wirkungen, dasselbe Gefühl der Fremdheit den Juden gegenüber wie nur in irgendeiner deutschgeschriebenen antisemitischen Schrift. Insbesondere möchten wir die Tschechen mosaischer Confession auf die feine Ironie aufmerksam machen, die darin liegt, dass der Dichter den als armen Hausierer auftrelenden ewigen Juden , dem er in einem Spiegel seine Fehler und Gebrechen, ganz besonders aber seine Fremdheit gegenüber dem Tschechenthum vorhält, mit der Versicherung seines tschechischen Nationalgefühls — gewissermaßen ad captandam benevolentiam — ins Zimmer treten lässt. Damit ist auch für den minder Feinfühligen deutlich gesagt, dass die Tschechen allen Betheuerungen tschechischer Vaterlandsliebe und tschechischen Nationalgefühls seitens der jüdischen Assimilanten einfach keinen Glauben schenken. Aber diese Wahrheit muss eben diesen Assimilanten gar oft und eindringlich wiederholt werden, ehe sie derselben Gehör schenken wollen. Vor mehr als zwei Jahren wandte sich der tschechisch-jüdische Akademikerverein an den greisen Tschechenfkhrer Rieger mit der Bitte, die tschechisch-jüdischen