Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Acht Tage Jude in Russland
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite v. auf christlicher Seite, dass die Juden Congresspolens es mit den Russen halten, mit den Machthabern, und in Warschau wieder verlacht man die stark russificierten Odessiten, die Odessaer Juden, die stolz darauf sind, das beste Russisch im Reiche zu sprechen. Wann hat es der Jude getroffen, allen gerecht zu sein? Doch das sind Streitigkeiten der höheren Schichten. Unten im jüdischen Volke, in der gährenden, brodelnden, aber geistig durch schweres Leid fast stumpfsinnig gewordenen Masse, da kennt man diese Feinheiten nicht. Man kämpft mit Leib und Seele um das Stückchen Brod und verdirbt in diesem aufreibenden Kampfe mit Leib und Seele. Schmutzige, bresthafte Gestalten, in unsaubere Kaftans gehüllt, stehen dichtgedrängt in einem entlegenen Stadttheile. Sie stoßen und Pressen, als wollten sie dem Anderen das Stückchen Brod, dessen er bedarf, aus den Kleidern Herausreißen. Aengstlich blicken die Augen, sorgenvoll sind die Mienen, düster und hässlich das ganze Bild. * * Auf der Kresschtschatik, der in einer Schlucht sich hinziehenden breiten Hauptstraße, wandelt zur selben Zeit zwischen elektrischen Lichtern eine fröhliche Menge, lachend und scherzend. Stattliche Männer, prächtige Officiere, üppige Frauen in modernster Kleidung, feurige Pferde vor den zierlichen Droschken, die hin- und herjagen. Lachen und Scherzen tönt durch das Klingeln der Glöcklein.- Hoch auf einem Hügel, der den Dniepr beherrscht, taucht aus dem dichten Strahl elektrischer Lichter ein mächtiges Kreuz, das der erzgegossene heilige Wladimir auf seiner Schulter trägt. Die lustwandelnde, fröhliche Menge sieht nicht das Symbol, sie sieht nicht die mächtige Masse der heischenden Pilger oben in der Läwra. Sie denkt nicht an den kleinen Knäuel der hungernden Juden in schmutzigen Kaftans. Unter dem flackernden Licht, welches das Kreuz umstrahlt, sehe ich die große, große Masse des darbenden russischen Volkes, wie es, getrieben durch höhere Gewalt, hinunterdrängt von den Katakomben der Lawra in die dumpfe Vorstadt und willenlos die kleine, heftig gesticulierende Masse der Kaftanträger umringt, sie nach und nach eng zusammenpresst, bis kein Raum bleibt, sich zu bewegen, keine Luft, um zu athmen, bis sie zerquetscht, zerstört, deformiert, im letzten Athemzug verhauchet. Noch ist dies ein Bild, aber ein edler Mann von reifer Erfahrung sagte mir: „Noch solche zwanzig Jahre der Bedrückung, wie die letzten und unsere Juden werden nicht nur körperlich durch das Leid zerstört sein, sondern auch seelisch verrottet und entartet." Y. St. Nus Italien. Bon V. Rvsfo Die Juden in Italien leben ein von den übrigen Juden fast abgeschlossenes Dasein. Seit die letzten jüdischen Gelehrten, Dichter und Dichterinnen italienischer Zunge verstummt sind, haben die italienischen Juden auch nicht den geringsten Einfluss mehr auf die Entwicklung jüdischen Geistes und jüdischen Lebens genommen. Der Assimilierungsprocess ist dort langsam und stetig fortgeschritten, und die Juden Italiens haben nur dann das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gezeigt, wenn irgend ein Jude eine hohe Stellung oder eine Auszeichnung erlangte. Dass dies auch in diesem Lande nicht zu den selbstverständlichen Dingen gehörte, hat eben diese Reclamierung der betreffenden Ausgezeichneten für das Judenthum bewiesen. Es ist zum staunen, wie die italienischen Juden, die in früheren Jahrhunderten führende Geister des Judenthums hervorgebracht, die damals oft die glänzendsten Seiten der jüdischen Geschichte nnt ihren Namen gefüllt hatten, Plötzlich fast bedeutungslos für das Judenthum geworden sind. Das religiöse und jüdisch-wissenschaftliche Leben in Italien liegt heute bis auf wenige Ausnahmen überall darnieder. Ein Jude, der nach Italien kommt, findet oft nicht einmal die Möglichkeit, seinen rituellen Vorschriften Genüge zu thun, und in manchen Städten muss man förmlich nut der Laterne nach den Gotteshäusern der Juden suchen. Dieses Stilleben, dieses dumpfe Geschehenlassen, dieser beispiellose Jndifferentismus — all das ist mit einem Schlage anders geworden. Die Juden Italiens begannen sich wieder für das Judenthum zu interessieren, sie nehmen Stellung zu jüdischen Fragen, ja sie behandeln dieselben sogar mit jener Leidenschaftlichkeit, die, im guten wie im bösen, immer das tiefgehende Interesse zum Ausdruck bringt, das man für eine Sache empfindet. Und der Urheber dieses Umschwunges, der treibende Grund zu diesem Erwachen aus der Lethargie ist der Zionismus. Bis vor kurzem war es den italienischen Juden ziemlich gleichgiltig, was die Juden der anderen Länder machten, wie sie lebten und was sie litten, schon deshalb, weil man in Italien so ziemlich nichts von alldem wusste. Da kam der Congress mit seinem flammenden Protest gegen die Entwürdigung des Menschenthums im Juden mit seinen Kinnoth, in denen das tausendjährige jüdische Elend herzzerreißende Klage führte, mit seinerplötzlichen Erhebung gegen Noth und Vergewaltigung und mit seiner schließlichen Hoffnung auf eine frohe Zukunft für die Bedrückten. Nur von fernher drangen diese seltsam fremden Klänge nach Italien. Kein italienischer Jude war ja beim Congress gewesen. Und doch. Selbst auf die satte Behaglichkeit, auf das beschauliche Dahmleben der italienischen Juden machten sie tiefen Eindruck. Immer gewaltiger entbrannte der Kampf der Meinungen. Jetzt gibt es bereits kein größeres jüdisches Gemeinwesen Italiens, das nicht mit dem Zionismus sich beschäftigen würde. In ablehnender Weise nahm z. B. die jüdische Gemeinde von Casale Stellung gegen ihn und gieng so weit, an alle bedeutenderen Judengerneinden die Aufforderung zu richten, sich ihrem Proteste anzuschließen. Diesem Wunsche wurde nirgends entsprochen. Nur die römische Gemeinde schloss sich unter allerlei Verclausulierungen und „wenn" und „aber" dem Proteste an. Und auch das wäre nicht geschehen, wenn nicht ein israelitisches Organ in Rom alles aufgeboten hätte, um durch Benützung seines Einflusses die Gemeinde zum Anschluss an den Protest zu bewegen. Das war aber auch die einzige, sozusagen „bedingte" Zustimmung. Die meisten Gemeinden blieben in wohlwollender Neutralität, andere lehnten wegen Fehlens officieller Berichte über den Congress die Aufforderung einfach ab, während die Gemeinde von Reggio Emilia und die ihrer Umgebung ausdrücklich erklärten und durch ihre publicistischen Organe erklären ließen, dass sie von dem Proteste nichts wissen wollen. Ebenso gieng die Judengemeinde Venedigs über den Protest einfach zur Tagesordnung über. Dem Zionismus sind aber auch in Italien bereits redegewandte und geistvolle Vertheidiger entstanden, und der Rabbiner von Neapel, Guiseppe Sonnin o, hat erst jüngst im „Corriere Jsraelitico" in wärmster Weise für den Zionismus plaidiert. Auch das genannte, in Triest erscheinende, Blatt tritt muthig und unermüdlich für den Zionismus ein und gewinnt immer mehr von der Masse für dessen Ziele. So hat auch das Judenthum in Italien ein Wiedererwachen des Interesses seiner Bekenner für seine Lehren, seine Geschichte und seine Wissenschaft dem Zionismus zu danken,^ denn im Kampfe für und gegen ihn wird das ganze Rüstzeug jüdischen Wissens und jüdischer Tradition hervorgeholt, man lernt die alten Besitzthüm:r förmlich vom neuen kennen. Man wird auch weiter lernen, sie zu gebrauchen. Dass dies in Ehren geschehe, zu Nutz und Frommen nicht nur der italienischen Juden, sondern aller ihrer Brüder, auch derer, die ihnen heute noch so ferne zu stehen scheinen, dafür wird schon der Zionismus sorgen. Der zionistische Congress in England. Unter diesem Titel hielt am 27. November Mr. H e r<-b e r t B e n t w i ch bei den „B'n ei Zion" einen Bortrag, über denb ereits in der letzten Nummer kurz berichtet wurde. Heute wollen wir angesichts der Wichtigkeit dieses Themas die uns zugekommenen ausführlichen Nachrichten veröffentlichen. Den Borsitz führte Mr. S. B. R ub i n st e in, der den Referenten mit warmen Worten begrüßte und unter Hinweis auf seinen Beruf die besondere Wichtigkeit der zlonistischen Gesinnungsgenossen aus dem Advocatenstande für den praktischen Charakter der Bewegung betonte. Der Redner Mr. B e n t w i ch erinnerte zu Beginn seiner Ausführungen, dass er gerade vor einem Jahre bei den „Maccabaeans" über die „Palästina- Pilgerfahrt" gesprochen habe, wobei er darauf hinwies, dass für jeden Juden angesichts der jetzigen Zeltströmungen nur in der Rückkehr zur nationalen Idee ein Ausweg bestehe. Diese Idee hat in unserem Volke stets geschlummert, selbst in der Zeit seiner tiefsten Erniedrigung. Für sie haben unsere Märtyrer ebenso geblutet, wie für ihren Glauben. Und jetzt, da sich der Kampf nicht bloß gegen unseren Glauben, sondern auch gegen unsere Rasse richtet, sehen wir viele, die, obwohl religiös indifferent, sich mit Begeisterung zum Judenthnm bekennen. Wir leben im Jahrhundert der Nationalitäten, das den Ruf „Griechenland für die Griechen", „Vereinigtes Italien" verwirklicht sah, und darum entstand der Gedanke, dass auch das Losungswort „Judäa für die Juden" einen Ausweg aus den Wirren der Judenfrage bilden könnte. Mr. B e n t w i ch würdigt dann eingehend die Bedeutung des Baseler Congresses und seiner Beschlüsse, gegen die, obwohl sie mit dem Ritus nichts zu thun haben, eigenthümlicherweise Männer von so entgegengesetzter Ueberzeugung, wie Dr. Adler und Oswald Simon austraten. Um aber die zionistische Agitation besser zu entfachen und über verschiedene Punkte Klarheit zu verschaffen, sei ein, zionistischer Congress