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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
Heinrich Heine
Date
1897-12-10
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 8. mme Nr. LS . Mitleid zur Zuneigung ist nur ein Schritt. Heine fühlte, dass er sein Volk liebe. Er, dessen Künstlersinn so viel bewunderndes Verständnis für die Linien des sterbenden Fechters hatte, er, der selber auf seinem Schmerzenslager ein wunderbar verklärtes Bild des Martyriums war, blickte mit betroffenem, staunenden Auge auf das Judenthum, auf die große Poesie des Schmerzes, auf die Schönheit des Leidens. Schönheit! Er hatte sie überall gesucht, in den Fluren Joniens, an den Ufern des Ganges, in dem Maurenschlossc, in den mystischen Schatten mittelalterlicher Spitzbogen, und jetzt, wo die Dämmer des Abends sachte in seine Stube hineinwallten, griff er zur Laute und sang ein Lied zum Ruhme der Stadt Jeruscholajim. Das Bild der Stadt war ihm das greifbare Symbol seiner abstracten Schönen, Judenthum geheißen. In die Ferne, in die Vergangenheit wandte er sich, wenn er sich mit dem Judenthnm beschäftigte. Die Nähe hat Schlacken, die versöhnende Entfernung verwischt die Mängel, der Dichter aber ist Herrscher über Raum und Zeit, und indem er über Jahrhunderte und Meere hinwegfliegt, kann er sein Ideal geläutert genießen. „Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo Jeder seine Todten aufsucht, die er liebt oder mit denen er verwandt ist." Auf seinem Fluge nach Zion hat Heine den Jehuda Halevy getroffen. Und nun sang er jüdische Verse. Kann sich über das Jordanthal nicht ein eben so blauer Himmel wölben, wie über das Tempethal? E. R. Ncht Tage Jude in Russland. Es ist vor dem heiligen Thore der Läwra in Kiew. Rechts und links ziehen an den Mauern Kopf an Kopf der heilige Antonius und der heilige Theodosius mit großem geistlichen Gefolge dahin und vor den überlebensgroßen Fresken knieen Hunderte von Pilgern, die sich mit den Heiligen unterhalten. Man könnte es auch Beten nennen, es ist jedoch mehr ein Verlangen, ein Heischen, ähnlich wie hier die Bettler nicht schüchtern ihre Bitte Vorbringen, sondern ganz hellklingend, wie selbstverständlich, aber doch auch nicht zudringlich, ihr „Daj me, daj me“, ihr „Gib mir, Gib mir" ertönen lassen. Sie stehen hier zu Hunderten, die Almosenheischenden und Bedürftigen, die Natur hat sie an ihren Gliedmaßen und Sinnen verkürzt, die Natur ihnen Glücksgüter versagt und der Besitzende soll ihnen nun helfen; das ist seine Pflicht, wie das Verlangen ihr Gewerbe, sie sind hier zuhause — in der Läwra. Und die Pilger, die zu Hunderttausenden jährlich hieher strömen, sie fühlen sich Eins mit den Heiligen, die unvermodert, als wohlerhaltene Mumien in den Grabhöhlen unter der Kirche ruhen. Der Pilger schämt sich hier nicht seiner Bitte, ihn stört nicht der Nachbar, der neben ihm kniet, mit der Geberde der Selbstverständlichkeit schaut er zu seinem Patron auf, laut und deutlich spricht er zu ihm. Sie gehören alle zueinander, sie fühlen sich fest und sicher bei aller Seltsamkeit ihres Gehabens und ihres Wesens. Aber sie stehen auf heimischem Boden. Ich sehe einige, die unter steten Zuckungen einer schrecklichen Krankheit sich bemühen, ihr Verlangen zu articulieren, andere, deren Gestalt von verheerenden Geschwüren fast zerstört ist. Sie verhüllen nicht ihre Gebreste, sie sind hier zuhause, der Heilige an der Wand, der Boden unter ihren Füßen, alles gehört ihnen. Die heilige Handlung in der Kirche schreitet vor, die ganze Schaar wirft sich zu Boden; so weit das Auge reicht, ungekämmte Köpfe, verfilzte Haare, kräftige Gestalten, in grobe Röcke gekleidet, zahllose andere, in Lumpen gehüllt oder in Kleider aus hunderterlei Flicken. Und von dem Thore heraus tönt der dröhnende Bass der Kirchensänger, die Pilger neigen die Stirn bis zum Boden, der ihnen gehört, und ich, der einzige, der sich hier nicht beugen soll, schleiche von dannen. Ich blicke nach rechts und nach links, die bauchigen Kuppeln, deren seltsames Schnörkelwerk in reicher Vergoldung erglänzt, winken mir zu, als sollte ich weilen und ihren Bau bewundern. Doch ich widerstehe der Lockung und ziehe «nsicher meines Weges dahin. Mir entgegen kommt raschen Schrittes ein hünenhafter Officier, der Gendarmerie zugehörig, wie sein weißer Reiherbusch bekundet. Er schaut mich strenge prüfend an: der Blick des Polizisten. Ob er wohl ahnt, dass ich etwas zu verbergen habe, ob er bemerkt, dass ich nicht hieher gehöre? Am Ende sucht er mich! Doch nein, er wendet den prüfenden Blick zur Seite und geht seines Weges. Befreit athmete ich auf; nur hier keinen Conflict mit der Polizei; nur nicht in Widerspruch gerathen mit der strengen Gendarmerie! Doch woher diese Angst eines ehrlichen Mannes vor der Behörde, woher die Scheu, die Unsicherheit? Seit 2L Stunden befand ich mich in Russland, tags vorher war ich angekommen und in einem der besten Hotels der Stadt abgestiegen. Der Vorsteher des Hauses kam sofort nach meiner Ankunft, der Vorschrift entsprechend, in mein Zimmer und verlangte den Pass. Er besah ihn prüfend und blickte dann verlegen nach mir hin. „Sie entschuldigen, mein Herr, Sie sind -ein — ein Israelit?"-„Ja, ich bin Jude!"- „Dann" — Verlegen schaute er darein und nur zögernd sprach er es aus: „Sie entschuldigen, aber dann dürfen Sie nicht bei mir wohnen. Fremde Israeliten dürfen sich nur in zwei bestimmten Stadtrayons aufhalten, in diesem nicht, in dem mein Hotel sich befindet!" In diesem Augenblicke konnte ich jedem ehrlichen Manne nachfühlen, der plötzlich in bübischer Weise durch einen rohen Schlag an Körper und Ehre verletzt wird. Die Situation war nur insoferne für mich ungünstig, als ich nicht zurückschlagen konnte und dem bescheidenen und liebenswürdigen Manne nicht einmal zeigen durfte, wie tief der Hieb saß. „Gut," meinte ich, „dann will ich .dorthin ziehen, wo ich wohnen darf." „Ja, aber in diesem Stadttheile finden Sie nur erbärmliche Kneipen geringster Gattung." Kiew ist eine merkwürdige Stadt, die Wiege der russischen Christenheit; mit seinen zahlreichen Kirchen das Jerusalem des russischen Reiches genannt, ähnelt es in seiner Lage auf steil abfallenden Hügeln, mit den breiten, sich geradlinig hinziehenden Straßen, in denen die Wagen der elektrischen Eisenbahn flink herauf- und hinunterrollen, der freiesten Stadt des freien Nordamerika, San Francisco. Doch darf man diesen Vergleich nicht ziehen, weil sonst die schwere Bürde, die man hier trägt, noch tiefer Niederdrücken möchte. Und die Anderen denken auch nicht daran. Sie leben hier und sterben hier, wirken und schaffen, erbeuten und erjagen, was ihnen tnt nächsten Augenblicke abgelockt und abgejagt wird. Aber sie leben und sie leben in Russland, ich meine nicht die Russen, die ja dazu gehören, ich meine unsere Brüder — die Juden. Ich habe sie in Palästen gefunden, die von Glanz und Reichthum strotzten, man aß, man trank, man lachte und scherzte, und ich wunderte mich, dass man hier als Jude nicht nur zu leben, sondern auch zu genießen wage. Fühlen sie denn nicht einen mächtigen Druck, krampst sich ihr Herz nicht zusammen bei dem Gedanken, dass sie Ausnahmsmenschen sind, gehetzt und verfolgt, geschmäht und verachtet? O, sie wissen es, dass jeder freie Athemzug, jede Bewegung mit schwerem Gelde erkauft und bezahlt werden muss. Das Recht, den leidenden Glaubensgenossen ein Krankenhaus zu erbauen, das Recht, sie zu erheben und zu belehren, das Recht, sie vom Hungertode zu erretten, es muss täglich erkauft werden, erkauft im vollen Sinne des Wortes. Vor kurzem schossen vier reiche Juden auf Wunsch eines hohen Herrn eine Viertelmillion Rubel zusammen für ein medicinisches Institut in Petersburg, und in diesem Hause werden Juden weder lehren noch lernen dürfen. Man erzählte mir von einer Stadt, in der 40.000 Juden wohnen, von denen nur 10.000 die Berechtigung des Aufenthaltes besitzen. Die anderen 30.000 leben von der Gnade der Beamtenschaft, von ihrer Nachsicht. — An der Universität demonstrierten 300 Studenten; man strafte sie exemplarisch, indem man 70 relegierte. Die Relegierten waren zufällig alle Juden, nur zufällig, und die Eltern der meisten besaßen nur das Recht des Aufenthaltes, weil die Söhne die Universität besuchten. Nun standen sie da; die Studenten, abgeschnitten von aller Zukunft, die Eltern ohne Brod und ohne Möglichkeit, es zu erwerben -auf der Landstraße- Man hat Aehnliches schon oft gelesen. Vor einer Woche noch hätten mich derartige Berichte so wenig oder so viel erschüttert, wie Jeden, der diese Zeilen zu Gesicht bekommt. Aber jetzt, da ich vor dem Blicke eines Gendarmerie-Officiers zusammenzuckte, jetzt konnte ich mich in die Seele jener gepeinigten Brüder hinein versetzen, die hier schmachten, die ohne Zusammenhang mit der Erde, die sie betreten, ohne Antheil an dem Staate, dem sie dienen und ohne Freunde in jenem Volke, das sie umgibt, ihr qualvolles Leben abhaspeln. Und dabei lieben sie dieses Volk und diese Erde, und wenn sie einst in Zion sein werden, ich glaube, sie werden mit uns eifern und ihre Russen bis aufs Blut vertheidigen. Die Juden in Rußland werfen den Juden der polnischen Gouvernements, namentlich den Warschauern, vor, dass sie sich nur als Polen mosaischer Confession fühlen und mit den Polen, den Feinden Russlands, gehen. In Galizien klagt man mir

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