Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Das Syndicat
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. Sh. 28. einer ganzen ehrenhaften Familie von fleckenloser Rechtschaffenheit und makellosem Patriotismus. Ihr aber, ihr falschen Patrioten, ihr gröhlenden Antisemiten, ihr Ausbeuter des öffentlichen Zusammenbruches, ihr habt es gemacht, ihr habt es gewollt, und ihr habt dieses Syndicat gebildet! Wenn es ein Syndicat gegeben hätte so würde es doch ein Einverständnis gegeben haben, und wo ist dieses Einverständnis? Es hat einfach am Tage nach der Verurtheilung in manchen Gewissen ein Mißbehagen gegeben, einen Zweifel angesichts dieses armen Elenden, der seine Unschuld in die Welt hinausschreit. Die schreckliche Krise, der öffentliche Wahnsinn, den wir mit ansehen müssen, haben sicherlich von da ihren Ausgangspunkt, von jenem Schauer, der noch in den Seelen zurückgeblieben ist. Und es ist der Major Forzinetti der Mann, der diesen Schauer empfunden und der uns hievon die ergreifende Schilderung gegeben hat." Zolla schildert nun die Rolle von Bernard Lazare und von Scheurer-Kestner, welche das Bedürfnis nach Wahrheit und Gerechtigkeit gemartert hat, und die sich Gewissheit verschaffen wollten, ohne etwas von der officiellen Enquete zp wissen, welche in demselben Augenblicke vom Obersten Piquart besorgt wurde. „Es ist ein Zufall" — fährt Zola fort — „wie man es später erfahren wird, dass sich diese beiden Männer begegneten, die sich nicht kannten, die abseits voneinander an demselben Werke arbeiteten und die in letzter Stunde miteinander giengen. Das ist die ganze Geschichte des Syndicats: Leute von gutem Willen, von Wahrheit und Billigkeit, die von allen vier Windrichtungen kamen, arbeiten, ohne einander zu kennen, und gehen auf verschiedenen Wegen demselben Ziele entgegen, schweigend, den Boden aufwühlend, und eines schönen Tages an einem und demselben Ziele zusammenkommend. Nothgedrungenerweise mussten sie an dem Eckstein der Wahrheit, an diesem unausweichlichen Rmdezvousorte der Gerechtigkeit, ankommen. Diese Menschen bedeckt Ihr mit Schmähungen und klagt sie der schwärzesten Complote an, während sie doch nur ein Werk der höchsten Ehrenrettung erstrebten. Zehn, zwanzig Zeitungen, in welchen sich die verschiedensten Leidenschaften und Interessen durcheinander mengen, eine ganze verworfene Presse, die ich nicht lesen kann, ohne dass mein Herz vor Entrüstung bricht, hat nicht aufgehört, das Publicum zu überzeugen, dass ein Syndicat von Juden mit Gold die Gewissen erkauft und am abscheulichsten Complot arbeitet.Wie viel einfache Leute sind an mich seit acht Tagen herangetreten, um mir erstannt zu sagen: „Was! Herr Scheurer-Kestner ist kein Bandit? Und sie gehen mit diesen Leuten? Wissen Sie denn nicht, dass sie Frankreich verkauft haben?" Mein Herz ist von Angst bedrückt, denn ich fühle wohl, welche Escamotagen bei dieser öffentlichen Verderbtheit möglich sind. Und das Schlimmste ist, dass die Tapferen sehr selten sind, wenn es heißt, gegen den Strom zu schwimmen. Wie viele flüstern ihnen ins Ohr, dass sie von der Unschuld des Capitain Dreyfus überzeugt sind, aber dass sie nicht wagen, sich in Gefahr zu begeben inmitten dieses Lärmes. Vom Kriegsministerium will ich heute noch nicht reden, denn ich hoffe, dass Gerechtigkeit geübt werden wird. Aber wer fühlt denn nicht, dass wir vor dem halsstarrigsten aller schlechten Willen stehen? Man will nicht eingestehen, dass man einen Jrrthum begangen hat, ich hätte beinahe gesagt, einen Fehler. Man beharrt darauf, compromittierte Persönlichkeiten zu schützen. Man ist zu all m entschlossen, um der großen Auskehr zu entgehen. Und das ist dermaßen bedenklich, dass selbst jene, welche die Wahrheit in der Hand haben, von welchen man sie wüthend verlangt, noch zögern, sie öffentlich auszurufen, in der Hoffnung, dass sie von selbst hervorbrechen werde, und dass sie nicht den Schmerz haben werden, sie selbst sagen zu müssen. Es ist eine Wahrheit wenigstens, die ich heute schon in ganz Frankreich verbreiten möchte: nämlich, dass man sich anschickt, Frankreich, das gerechte und generöse, ein Verbrechen begehen zu lassen. Ist es denn nicht mehr Frankreich, dass mm es so sehr täuschen kann, es so sehr aufbringen gegen einen Armseligen, welcher seit drei Jahren unter den grausamsten Bedingungen ein Verbrechen büßt, das er nicht begangen hat? Ja, dort existiert, auf einer verlorenen Insel, unter der heißen Sonne,: ein Wesen, das man von der Menschheit abgetrennt hat. Nicht allein das weite Meer isoliert ihn, sondern elf Wachen sperren ihn Tag und Nacht in einer lebendigen Mauer ein. Niemals ist ein Mörder, niemals ein Tobsüchtiger so strenge eingemauert worden! Und das ewige Schweigen! Und die langsame Agonie unter dem Abscheu eines ganzen Volkes! Und da wagt ihr zu sagen, der Mann fet nicht schuldig! Nun Wir sagen es, wir Leute vom „Syndicat". Und wi sagen es zu Frankreich, und wir hoffen, dass es uns schließlich hören wird, weil es immer für die gerechten und schönen Dinge entbrannt ist. Wir sagen Frankreich, dass wir die Ehre der Armee und die Größe der Nation wünschen. Ein gerichtlicher Jrrthum ist begangen worden, und so lange dieser Jrrthum nicht gut gemacht ist, wird Frankreich leiden und kranken. . Ein Syndicat hat sich gebildet, um auf die öffentliche Meinung zu wirken, um sie von dem Wahnsinn zu heilen, in den eine verworfene Presse sie hineingeredet, um sie zu ihrem Stolze und zu ihrer jahrhundertealten Generosität zurückzuführen. Ein Syndicat, welches darthun soll, das jeder gerichtliche Jrrthum gut gemacht werden kann, und dass in einem solchen Jrrthum zu verharren, unter dem Vorwände, ein Kriegsgericht könne sich nicht irren, die monströseste aller Halsstarrigkeiten ist und die schrecklichste aller Unfehlbarkeiten. Ein Syndicat, welches die Campagne führen wird, bis die Wahrheit zum Vorschein kommt, bis Gerechtigkeit gesprochen wird, ungeachtet aller Hindernisse, selbst wenn noch Jahre des Kampfes nothwendig wären. Zu diesem Syndicate gehöre ich und ich hoffe, dass alle braven Leute von Frankreich dazu gehören werden. Anker jüdischen Proletariern.*) Von Do. D. R. Land«»». H. Skanislau. (Schluss.) (Nachdruck verboten.! Unweit von Stanislau erhebt sich die „Neue W e l t“. Es ist das Cottage der armen Juden. Nicht Bau- und Sparvereine, nicht wirtschaftliche Selbsthilfe haben es geschaffen, sondern die Profitsucht der Capitalisten. Sie baben billige Gründe zusammcngekauft und dann zu theueren Preisen parcelliert. Ihre Banken stellten dann das zum Ankauf des Bodens und zum Bau des Hauses notwendige Geld in der Form von Hypothekardarlehen zur Verfügung, auf „gute" Zinsen und rückzahlbar in Raten. So machrcn sie ein doppelt gutes Geschäft. Nur musste der Darlehenswerber selbst etwas haben: 150—200 Gulden. Dann bekam er auch 400—600 Gulden als Credit. Die „Neue Welt" zählt vielleicht an hundert Häuschen. Auf beiden Seiten einer neu hcrgestellten Fahrstraße in ländlicher Umgebung gelegen, machen sie den Eindruck einer hineingcschneitcn Colonie. In ihrer Gestalt sind sie schablonenhaft: quadratförmige Bauten, mit Schindeldächern, weißübertünchten Holzwänden und zwei, selten vier Fenstern. Zimmer, Küche und Kammer — das ist das ganze Haus. Nichts mehr. Kein Raum für ein Gärtchen oder einige Blumenbeete, die das Augen^erfreuen, weder vor noch hinter dem Haus; nichts als die paar Ouadratklafter Erde, auf denen der Mensch seine Behausung errichtet. Dieses neuevtstehende Judenviertel hat eine Zukunft, denn hieher werden''neue Ansiedler folgen, wenn man ihre morschen Hütten nrederreißt. Einige Zinshäuschen für je zwei Mietparteien bestehen schon jetzt; der berechnende Unternehmungsgeist beginnt den Ereignissen voranzueilen. In einem dieser Häuschen wohnt ein Kammacher. Für zwei Räume, ein großes Zimmer und eine lichte Küche, zahlt er 6 Gulden Monatszins. Hier befindet sich auch die Werkstätte, in der er „Bauernkämme" erzeugt. Mann und Frau sind dabei den ganzen Tag beschäftigt. Sie macht die Hörner über dem Feuer weich, um sie dann aufzuschlitzeü und in hölzerne Pressen zu legen; er feilt auf einem niedrigen Schemel die Zähne aus und poliert das fertige Erzeugnis. Damit verdienen sie täglich — 60 Kreuzer. Ein Heimarbeiter, der hier dasselbe Gewerbe ausübt und die Werkzeuge benützt, zahlt 50 Kreuzer die Woche. Die Hausfrau findet noch soviel Zeit, um ihre Wirtschaft zu besorgen; alles ist so rein und nett wie die Wirtin, die, mit dem Tuche auf dem Kopfe, geschäftig hin und her eilt. Das nächste Haus gehört einem alten Mann mit langen Scheitellocken und zerzaustem grauen Bart. Er ist Tischler. *) Bgl. Nr. 23, 24 und 26 der „Welt".