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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
Die "entschwundenen" Zeiten
Date
1897-12-10
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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«eite L. «r. «. bilder. Und dass auch die Blätter die Sache nicht färbten, ergibt sich mit officieller Deutlichkeit aus der Verhängung des Standrechtes über di« vom Aufruhr durchtobte Stadt. Und dass das Standrecht in einem Augenblicke voll blutigen 1 Ernstes ausgesprochen wurde, das sehen wir aus der Flucht Vieler, die zu ihrem Glück ebenso wohlhabend wie ängstlich sind. Diese haben die Eisenbahnzüge bestiegen und sind Dank den Erfindungen der Neuzeit eiligst aus der Schussweite fortgekommen. Nur die Armen blieben dort. Die hatten freilich Dringendes zu thun. Sie mussten in ihren Wohnungen und Läden zurückbleiben, weil Thüren und Fenster vom Plünderpöbel herausgerissen waren. Freilich gab'es an den verwüsteten Stätten nicht mehr viel.zu bewachen. Aber für diese Leute waren es wirklich die „entschwundenen" Zeiten, wie unser Briefschreiber traurig und richtig bemerkt. Was hatten sie denn gethau, die kleinen Juden von Prag, die braven Kaufleule des Mittelstandes, die friedlichsten aller friedlichen Bürger? Wodurch hatten sie Plünderung, Brand und Misshandlung verdient? In Prag warf man ihnen vor, dass sie keine Czechcn, in Saaz und Eger dass sie keine Deutschen seien. Arme Juden, woran sollten sie' sich denn Hallen? Es gab welche, die sich czechisch zu sein bemühten; da bekamen sie es von den Deutschen. Es gab welche, die deutsch sein wollten, da fielen die Czechen über sie her — und Deutsche auch. Es ist, um den Verstand zu verlieren — oder um ihn endlich zu finden. Wir haben uns eine Zusammenstellung der Excesse gemacht. In Prag wüthete der Pöbel hauptsächlich in dem Bezirk Weinberge und Zizkow. In der Josephstadt wurden drei Synagogen demoliert, so dass sie, wie die „Narodni Politika" mittheilt, den Anblick „demolierungsreifer Baracken" darboten. Ein Professor der Prager deutschen Universität. erzählt: „Anfangs hatten die Demonstrationen wohl einen nationalen Charakter, später hieß es aber immer: „Pojdme na zidi 1“ „Gehen wir auf die Juden los!" Die Christen; stellten Crucifixe in ihre Fenster. . . Plünderungen und Excesse wurden von Czechcn an den Juden ferner noch be- . gangen in Chrudim, Nachod, Kralup, Melnik, Neubidschow, > Tabor, Königgrätz, Gitschin und in Laun, wo eine mit Schießpulver gefüllte Rakete vor dem Gesdiäftsladen eines Juden explodierte. Aber wenn die Czechen so ergrimmt waren, weshalb tobten dann die Deutschen in Eger und Saaz gegen ihre Juden? Da steht das Räthsel. Und doch, es ist keines. Wenn man die gänzlich schiefe Haltung der böhmischen Juden betrachtet, versteht man, warum sie für ihre Dienste mit Schlägen belohnt werden. Die beiden streitenden Bolksstämme in Böhmen haben merkwürdigerweise eine neue Variante zur alten Postillonsgeschichte gefunden. In dieser Anekdote begegnen einander zwei Postkutschen auf einem schmalen Wege. Keiner der Postillons will ausweichen, und im Wagen sitzt hüben wie drüben ein Jude. Da schnalzt jeder Kutscher mit der Peitsche nach dem jenseitigen Fahrgast hin; „Haust Du meinen Juden, hau' ich deinen Juden!" Aber in Böhmen wird noch hinzugefügt : „Und meinen auch!", so dass die böhmischen Juden für eine Fahrt doppelte Prügel erhalten. Freilich hatten sie versucht, als blinde Passagiere in dem Nationalitätenhader durchzukommen. Das geht nicht. Da wurde der Fehler gemacht, auf den wir — leider ungehört — oft hingewiesen haben. Eine offene, vernünftige Stellung zum deutsch-czechischen Streit wäre das einzig Richtige gewesen. Die Juden mussten sich einfach auf ihre jüdische Nationalität berufen, und man hätte sie auf beiden Seiten anders bebandelt. Sie wären nicht die Komischen oder verachteten Mitläufer während des Zwistes und nicht die Sündcnböcke für jede Schlappe gewesen. Die Juden in Böhmen sind zum weitaus größten Theile von deutscher Cultur erfüllt. Es hätte ihnen daher selbst von anständigen Czechen nicht verübelt werden können, wenn sie bei aller Reserviertheit ihre Sympathien dem bildungsverwandteren Volksstamme zugewendet hätten. Die Deutschen wieder wären den Juden wohl dankbarer gewesen, wenn diese unter Aufechthaltung und Betonung ihrer besonderen jüdischen Nativ- V nalität ihre Theilnahme an dem Kampf um's Dasein der Deutschen gezeigt hätten. Da sie sich als Deutsche mosaischer Confession gaben, musste ihr teutonischer Chauvinismus über- -' mäßig sein, um ein bischen geglaubt zu werden, Und sie brachten es doch nur dahin, von den Czechen für Deutsche gehalten zu werden. Für die Deutschen blieben sie aber, was sie vor Beginn der Schonzeit gewesen; Beweis Eger und Saaz. Hätten sie sich hingegen für das ausgegebrn, was sie wirklich sind: für Juden deutscher Cultur, so wäre alles anders gewesen. Die Czechen hätten sie nicht für mehr verantwortlich gewacht, als sie wirklich thaten. Die Deutschen hüllen ihnen für eine viel bescheidenere Mithilfe viel dankbarer ünd treuer sein müssen. Auch in der Politik währt ehrlich am längsten, wenn auch die Kniffchen vorübergehende Tageserfolge erzielen. Wann werden die Juden das einsehen? So lange sie scheu und unaufrichtig von Partei zu Partei, von Nation zu Nation taumeln werden, nur um für das ein wenig Schutz zu erlangen, was sie für uneingestehbar halten, nämlich für ihr Judenthum — so lange wird man sie nicht achten, noch lieben, nicht einmal dulden. Wer sich für Anderes ausgibt, als er offenbar ist, erregt Misstrauen, und dieses dumpfe Gefühl setzt sich herabsteigend bei den Pöbelmassen in Gewaltthaten nm. Das sind die „entschwundenen" Zeiten, auf deren Wiederkehr die Juden leider selbst in civilisierten Ländern gefasst sein müssen, so heute, wie vor vielen hundert Jahren. Die Woche. Wien, 8. December 1897. In den österreichischen Delegationsberathungen hat Monsignore Scheicher wieder einmal seine priesterliche Rechte drohend gegen die Juden erhoben. Was er ihnen vorwirft, lässt sich in seinen eig-nen Worten wohl am kürzesten sagen: „Arzt, Arzt, Arzt — Jud, Jud, Jud!" Diese Anklage ist nun allerdings nicht neu. Oft schon hat man es den Juden bitterlich übel genommen, dass sie auf dem Gebiete der Wissenschaft etwas zu leisten versuchen, besonders unverzeihlich wurde es aber gefunden, wenn sie wirklich etwas geleistet hatten. Was haben die jüdischen Aerzte nicht schon alles an- 1 hören müssen. An die Heilkunst der Dürrkräutler hat man zu 1 appellieren versucht, die Rettungsgesellschaft sollte von allen christlichen Verunglückten boycottiert werden, und keine an- > deren Gründe sind für diese Angriffe auf die jüdischen Aerzte 1 angeführt worden, als der, dass sie eben Juden seien. Andere Aulisemiten haben das langathmiger, schwungvoller gesagt, mit größerem Aufgebot an rednerischer Kunst. Prägnanter jedoch, und mit so viel dialectischer Schärfe ist es noch nie ausge- ' drückt worden: „Arzt, Arzt, Arzt — Jud, Jud, Jud!" * * * Diese neue Technik sollte Schule machen, sie ist bequem. , Sie erspart dem Politiker die Mühe, sich in fein ausgedachten Auseinandersetzungen zu ergehen. Sie enthebt ihn der Nothweudigkeit, nach Motiven und Beweisen zu fahnden. Monsignore Scheicher hätte seine ganze Rede abkürzen können, wenn er zum Beispiel gelegentlich der Armeelieferungen auch nur gesagt hätte: „Gewissenloser Lieferant, gewissenloser Lieferant, gewissenloser Lieferant — Jud, Jud, Jud!" Aber das scheint ihm denn doch nicht ganz gestimmt zu haben, s Ge wisse Geschichten müssen ihm da aufgestiegen sein und er ^fand sich in priesterlicher Milde veranlasst, zu gestehen, dass gewissenlose Lieferanten doch nicht immer deswegen gerade 'Juden zu sein brauchen. Es ist schade, denn die antisemitischen ^Agitatoren hätten das so gerne gewünscht. » * ■■ * Der Jude hasst die Arbeit. Er kennt nur das Spiel, 'nur das frevle Spiel mit Existenzen, nur die Speculation, die Ausbeutung. Nichts ist ihm heilig als der mühelose Gelderwerb. Und seit es nun Juden gibt, die unter tausend Entbehrungen mit stillem Fleiße das jahrelange, schwere Stu-

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