Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 1 (sequence 5)
- Language
- German
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Pi? ttririkt Krdartion » Erscheint jeden Freitag. « Preise der Nnpeigen: * * und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wien, die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. ' Telephon Nr. 8805. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und ) Manuscripte nicht zurückgesendet. ( Einzelne Dummer« 13 kr. >-II Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.; für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg, Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40.; Nr. 28. Wien, 10. Derrmber 1897. 1. Jahrgang. Die „entschwundenen" Zeilen. Von Benjamin Seff. Wenn wir Zionisten mit tiefbekümmertem Herzen auf den jüdischen Nothstand in manchem Lande Hinweisen und die Vernunft und das Gewissen der glücklicheren Inden wachzurütteln versuchen, pflegt man uns der Schwarzmalerei zu beschuldigen. So arg sei es wirklich nicht, wir übertreiben die Miseren, wir sähen nur das, was uns in den Kram unserer Politik passe — und was der billigen Worte mehr sind. Wir wollen gar nicht untersuchen, wer die Leute sind, die uns dergleichen entgegenhalten; um welche Bequemlichkeiten sie besorgt sind, welches Geschäftchen sie machen oder welches Stellchcn sie erreichen wollen. Im Zionismus haben sich um das Schicksal ihrer Stammesgcnossen ernstlich besorgte Männer zusammengefunden, sie möchten die langersehnte, täglich nöthiger werdende Hilfe herbeiführen und gehen gelassen über die Missverständnisse hinweg, mit denen man sie thöricht oder böswillig umgibt. Höchstens haben wir in der letzten Zeit in Oesterreich die Bemerkungen ein wenig zurückgehaltcn, die sich von Tag zu Tag aufdrängtcn. Hier haben die Inden in einer geradezu unbegreiflichen Weise an den politischen Zwistigkeiten der Nationalitäten theilgcnommcn, insbesondere im Lande Böhmen. Mit einer Kurzsichtigkeit, die eigentlich weniger Zorn als Mitleid verdient, glaubten sie sich bei den kämpfenden Volksstämmen eine dauernde Anerkennung erwerben zu können,' wenn sie sich in der Schlacht exponierten. Wir waren und sind nun allerdings der Ansicht, dass den Assimilanten nur dann Achtung gebüre, wenn sie auch an den Gefahren des Volkes, dem sie sich anschließen, ihr redliches Theil haben wollen. Aber es ist betrübend: die Juden werden selbst in solchen Fällen, wenn es hoch kommt, von ihren Mitkämpfern lediglich als eine Art Fremdenlegion geringschätzig angesehen. An den Siegesfeiern dürfen sie nicht als Vollberechtigte theilnehmen, und die Niederlagen läßt man an ihnen aus, so hüben wie drüben. Sie sind, wie es auch ausgehe, die Geschlagenen. Wir haben vor einigen Wochen an dieser Stelle die Lage der böhmischen Juden besprochen. Es hat nicht viel Scharfsinn dazu gehört, die Entwicklung der Dinge so vorhcrzusagen, wie sie nun thatsächlich cingetroffen ist. Man mußte vielmehr mit Blindheit geschlagen sein, wenn man etwas anderes erwartete. So wollen wir denn unsere damalige Prophezeiung, dass die sogenannte Schonzeit ein Ende mit Schrecken nehmen würde, nicht höher bewerthen, als ziemlich ist. Nur dass es so bald wahr wurde, erfüllt uns - mit Kummer. Jawohl, wir sind so schlechte Politiker, dass wir keine Genugthuung empfinden über Ereignisse, die uns Recht geben und die Zahl unserer Genossen unzweifelhaft vermehren müssen. Den endlichen Sieg unserer Idee möchten wir nicht in demolierten Tempeln gefeiert sehen, und wenn ein Jude, der bisher unserer Bewegung ferne gestanden, zu Grunde gerichtet wird, so tröstet es uns über sein Missgeschick nicht, dass er nunmehr ein gehörig überzeugter Zionsfreund ist. Warum ist es doch so schwer, so unmöglich beinahe, die Gründe einer natürlichen Vernunft bei den Menschen zur Geltung zu bringen? Sie wollen nicht hören, sie müssen durchaus fühlen. An und für sich unterscheiden sich die Judenexcesse in Böhmen kaum merkbar von denen in Persien, Russland und Rumänien. Und wir, die wir in den Juden aller Länder immer nur unsere Brüder sehen, werden einen antisemitischen Rummel in Teheran nicht weniger beklagen, als eine solche Plünderung in Prag. Aber es ist bei der Betrachtung dieser im allgemeinen bedauerlichen Vorgänge nicht zu übersehen, wo und unter welchen Umständen sie sich abspiclen konnten. Wenn wir beispielsweise manches geschichtliche Argument aus dem Mittelalter, namentlich aus dem Spanien vor der großen Judenaustreibung zu holen pflegten; wenn wir etwa darauf hindeuteten, dass immer vor dem Ausbruche der judenfeindlichen Volksleidenschaften eine Zeit besonderen Wohlergehens für die Juden da war; dass man also die Episoden der Gleichberechtigung nicht unterschätzen solle: so lachten uns die Neunmalklugen überlegen ins Gesicht. Das seien überwundene Stufen der Volksrohheit, entschwundene Zeiten. Und heute liegt der Brief eines gebildeten ruhigen Mannes vor uns, datiert aus der modernen Stadt Prag, vom 3. December 1897. In dem Briefe heißt es unter Anderem: „Nicht eine Schilderung der Prager Vorgänge will ich Ihnen senden. Es war ja nur das zwei Jahrtausende alte Judenlied, das da angestimmt wurde. Ty kluku zidoyskey hieß der Refrain, und unter Plünderung, Brand und viehischer Misshandlung wurde cs gesungen. Es fehlte nur der Mord zu den „entschwundenen" Zeiten des Mittelalters. Es wurden auch deutsche Schulen aller Art, die hier zumeist von Juden besucht werden, demoliert. Es wurden Häuser hervorragender Deutschen mit Steinen bombardiert. Diese sind vermögend genug, um den Schaden einiger zerbrochener Fensterscheiben zu verwinden. Aber die kleinen jüdischen Geschäftsleute, deren ganzer Besitz geraubt oder vernichtet wurde, die sind an den Bettelstab gebracht". Das liest sich einfach genug, es ist keine Uebertreibung, keine Declamation darin. Die Berichte der Tagesblätter enthielten weit mehr aufregende Einzelheiten und Stimmungs-