Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Sniatyn [Nachricht]
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite,1L. Nr. L7. . SniskyN. Am 25. November fand in dem größten Bethause eine zionistische Volksversammlung statt, in der Hr. Josef Sin reich in populärer Darstellung den Zionismus erklärte. Der Vortragende erzielte mit feiner Rede über eine Idee, die den Massen hier keineswegs neu ist, reichlichen Erfolg. Nvlfow. Fern vom großen Culturcentrum gelegen, aber auch fern von irgend welcher industrieller oder commercieller Hauptstätte, hat Kossow, am Abhange der Karpathen gelegen, seinen Juden jenen breiten Zug der Behäbigkeit und Gelassenheit gegeben, den man gewöhnlich bei Juden vermisst. Seit jehev sind die Handelsreisenden, die die Stadt besuchen, die Anziehungspunkte der ganzen Gesellschaft. Denn sie wissen, von „draußen" zu erzählen. Dass aber einem solchen Geschaftsmanne gleich die ganze Stadt nachläuft und vertrauensselig zu ihm emporftarrt, als brächte er einem jeden Glück und Segen ins Haus, war noch nicht da. Und doch geschah vorige Woche das Merkwürdige. Herr D. H. Ti ger sprach in einer Versammlung über den Zionismus und erweckte eine Begeisterung, wie man sic bei unseren Juden nicht hätte erwarten können. Als der Redner auf den Baseler Congress zu sprechen kam, auf diese Bereinigung des jüdischen Volkes nach einer fast zweitausendjährigen Leidensgeschichte, da war es, als ob diese gedrückten und armen Juden all' ihre Sorgen vergessen, als ob jeder von ihnen wieder ein freier Mann auf freiem Boden wäre. Die erwachende jüdische Nationalitätsidee entriss sie dem Stumpfsinne und der Gleichgiltigkeit. Hr. Tiger musste Samstag seine Rede im Tempel wiederholen. Auf Grund, dieser Versammlungen bildete sich ein Executivcomitö, das die Gründung einer Ortsgruppe im Sinne der Baseler Beschlüsse zu besorgen hat. Mit der Abfassung der Statuten wurden die Herren A. Händer und Josef Muck betraut. Berlin. Am 24. November sprach im Arnimshotel Unter den Linden der Universitätsprofessor Dr. Schapira aus Heidelberg vor ungefähr 600 Personen „über Zionismus". Die Ausführungen des greisen Redners weckten in der Versammlung reichen Beifall. Hamburg. Herr Dr. Loewe aus Jaffa hielt in der Alsterburg vor einem geladenen Publicum zu Gunsten des „Esra" einen Vortrag „über custurelle Streifzüge durch den jüdischen Orient". Die meisten Zuhörer schlossen sich infolge des Vortrages dem „Esra" an. Tübrck. Herr Dr. H. Loewe aus Jaffa hielt hier einen Vortrag „über die Ziele des Zionismus" unter dem Titel: „Orient und Occident im Heiligen Lande" zu Gunsten des ,Esra^. Der begeisterte und begeisternde Borttag hatte den Erfolg, dass alle Zuhörer ausnahmslos sich dem Vereine anschlossen, ein Beweis, dass es auch für die Colonisalionsvereine keine bessere Propaganda gibt als das offene Bekenntnis der rückhallslosen Hingabe an die zionistische Sache. Bremen, „lieber jüdische Orientalen und orientalische Juden" hielt Herr Dr. H. L o e w e aus Jaffa einen Bortrag. Er sprach über die Ziele des Zionismus, wie sie vom Congresse in so Präciser Form festgestellt worden. Die Versammlung erklärte sich mit den Ausführungen des Redners identisch, indem sich alle Anwesenden der im „Esra" gegebenen Organisation anschlossen. Brrdyrzrkr (Russland). Die hochgehende zionistische Bewegung, die die russuscye Judcnheit ergriffen, hat auch unsere Stadt erfasst. Schon seit langem kennt BcrdycZtw den Zionismus, aber erst der Baseler Congress hat in die einförmige Form, in welcher die Agitation geführt wurde, ein neues Leben gegossen. Es wird gearbeitet mit einer Liebe und Ausdauer und Hoffnungsseligkeit, wie man sie früher nicht gekannt. Wir sind nicht mehr Zionssreunde, wir sind Zionsbrüder. Alle Phasen des Congresses und der darauffolgenden Ereignisse werden leidenschaftlich discmiert. Weiß man selbst keinen Rath und keine Auskunft, holt man sie von anderwärts. Vor zwei Wochen wurde eine Delegation zum Prof. Mandelstamm nach Kiew gesandt, um einen authentischen Bericht über den Congress und Aufklärung über die nöthige Arbeit zu > ri,alten. Auf Grund des Referates, das die Delegierten dann in Berdyczew erstatteten, wurde ein Zionsverein gegründet, dem schon in den ersten Tagen einige hundert Mitglieder beitraten, und dem in Kürze die ganze hiesige Judenschaft angehören wird. Brettls (Rumänien). Wie wir vernehmen, ist von hiesigen Mädchen die Gründung eines zionistischen Vereines in Angriff genommen worden. Solche Mädchenvereine bestehen bekanntlich schon in Deutschland und Oesterreich und haben, wie besonders die „Hadassah" und „Moria h" in Wien, manch schönen Erfolg aufznweisen. Beglückwünschen wir ihr Unternehmen aufs herzlichste. L. Tondon. Wie der „Jewish Chronicle" berichtet, sind in East- End über lausend Personen bereit, mindestens fünf Antheilscheine der Colonialbank zu subskribieren. Chicago. Im Verhaus des Vereines „Ohawe Schalom" fand hier anfangs Dctober eine zahlreich besuchte Versammlung des Vereines „Zion" statt, in welcher außer dem Rabbiner dieser Gemeinde, Herrn Dr. Brody, auch noch andere hervorragende Mitglieder mit großem Erfolge den zionistischen Gedanken erörterten. Aus» der glänzenden Rede des Dr. Brody sei es gestattet, folgende Stelle zu citieren: „Liebe Brüder! Ihr dürft nicht glauben, dass die zionistische Bewegung dazu da ist, um, wie man thörichterweise dem Volke einreden möchte, die jüdische Religion zu schädigen. Wenn dies der Fall wäre, so würden die R e f o r m ra b b i n e r sich längst an die Spitze der zionistischen Bewegung gestellt haben." In dieser Versammlung meldeten gegen 100 neue Mitglieder ihren Beitritt zum Vereine „Zion" an. (,8api8xob".) Chicago. Sonntag den 7. November haben hier mehrfache zionistische Versammlungen stattgefunden. In der einen, die mehr von per Intelligenz der South-Side besucht war; sprach das Vorstandsmitglied der „Zion-Association", Mr. Blumenthal; in der anderen mit mehr fromm gläubigen Besuchern setzte der Magid Brande in sehr gelehrter Weise die Bedeutung des Zionismus vom Standpunkte der Bibel und des Talmuds auseinander. Außerdem fanden noch in zwei Logen des Bnei-Brith-Ordens Diskussionen über den Zionismus statt. An neuen Zionsvereinen in Nordamerika haben wir folgende zu verzeichnen : inSanAntonio (Texas), Providence und Minneapolis. — In Pittsburg fand am 7. November ein zionistisches Massenmeeting statt. Bei demselben sprachen Rabbiner Werner englisch und Rabbiner Siwitz jüdisch-deutsch. Der Erfolg hat die Veranstalter dazu ermuntert, für den 14. November ein zweites Meeting einzuberufen. _ Lorresxsndenzeir. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Während der letzten Demonstrationen gegen das Cabinet Badeni waren die jüdischen Geschäftsleute, namentlich in den äußeren Bezirken, in großer Unruhe. Die Christlich-Socialen führten nämlich im Parlamente das bekannte Manöver auf, die ganze Schuld an dem Vorgehen der Regierung auf die Juden zu schieben. In der That musste in der setzten Sitzung des Parlaments Sectionschef Halb an infolge der Jnvectiven des Abgeordneten Schneider und seiner Geflossen den Berathungssaal verlassen. Die Juden wussten also bereits, was die nächsten Tage bringen würden, wenn die Demonstrationen andauern würden. Die Parole für gewisse Elemente jvar ja schon ausgegeben. Zum Glücke für die Juden erfolgte Pie Sistierung der Demonstrationen noch Sonntag. Nichtsdestoweniger erwarten die Juden in der Voraussicht, dass die Verhältnisse leicht wieder zu Excessen führen könnten, ängstlich die Dinge, die da kommen sollen. Und dass diese Furcht nicht unbegründet ist, das beweisen die letzten Geschehnisse in Eger und Prag. Namentlich in Prag scheint eine förmliche Proscriptionskiste nicht nur der deutschen, sondern namentlich der jüdischen Häuser und Geschäfte angelegt worden zu sein, nach welcher planmäßig gearbeitet wird. Die ersten Plünderungen und Demolierungen trafen die Juden. Wie in Wien die Partei des Herrn Dr. Lueger, so ist es in Prag der gefinnungsverwandte Handschuhmacher Brzesnovky und seine Genossen, welche die Parole gegen die Juden ausgeben und immer treue Helfershelfer finden. Die Judenstadt in Prag muss von Militär bewacht werden, um Raub und Mord zu verhindern; trotzdem kam es Au Plünderungen und Brandstiftungen in jüdischen Häusern und Geschäften in der Josefstadt, Altstadt, Neustadt und in den Vorstädten. Die Wiener Juden scheu also mit Recht der Zukunft besorgt entgegen. Wien. (O.-C.) DerVcrein zur Abwehr des Antisie mitismus hatte am 30. November einen Besprechungsabend. Man wollteberathcn, wie man der Abwehrbewegnng neue Lebenskraft Arführen könnte. Die Debatte darüber war „sehr interessant". Man sprach über das Jahr 1848, über Ethik, über die antisemitischen Frauenversammlungen, über die Häutung Luegers, über ein Vereinslocal, über die liberalen und antisemitischen Zeitungen, ikber die Verbreitung und die Leser des „Deutschen Volksblattes", über die liberale und demokratische Partei, über ein altes Haus am Kohlmarkt und über — den Reichthum der Juden. Das letztere war ganz im Ernst gemeint. Man wusste nicht, was man mehr anstaunen sollte, die Engelsgeduld des Vorsitzenden, des Barons Suttner, oder den Beifall, den die Versammelten, etwa 60 Personen, den verschiedensten und einander widersprechendsten Ausführungen zollten. „Wer zählt die Redner und Nednerinnen, nennt die Namen, die nie des Redens genug bekämen?" Herr Wolf wollte den Verein in einen politischen umwandeln, Herr Groller warnte davor. Frau Lang griff den Liberalismus an, Herr Hofrath Kar eis machte ihr Complimcute und erklärte, dass er die Juden mit mehr unjüdischen Augen betrachte und daher ihre Fehler vielleicht eher erkenne. Herr Wald stein wollte eine Austreibung der Jüdinnen aus den Kaffee- Hausern beschlossen wissen; er sprach im ganzen dreimal, eine Zurückhaltung, für die er wirklich allen Dank verdient. Herr Dr. Hajek erklärte, dass er die Schläge, welche die Juden bekommen, psychologisch sich zurechtlegen könne, und war vollkommen befriedigt, dass er in psychologisch verständlicher Weise seine Schläge beziehen könne u. s. w. Wie eine Erfrischung in dem monotonen Redegeplätscher empfand man die Worte des Herrn Jffspectors Engel und besonders die des Präsidenten, der es den Jpden an's Herz legte, sich mehr selber zu wehren und nicht alle Beschimpfungen und Misshandlungen ruhig einzustecken. Das stolze, selbstbewusste Judenthum würde