Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Ein Vorsatz [Nachricht]
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 87. WKM Seite 11. Ein Vorsatz. Die „Kreuzzeiturig" tadelt in ihrer Nummer vom 28. November die Haltung der deutsch-socialen Reformantisemiten, die angeblich nicht scharf genug gegen die Juden irzZ Zeug gehen, und erklärt, die konservativen würden, um die Unterlassungssünden der Reformer gutzumachen, jetzt mehr als je ihr Augenmerk auf die Ausschreitungen des Judenthums richten und diesen aufs Nachdrücklichste entgegentretcrr, wo es mit der That geschehen kann und nicht mit bloßen Worten. Wenn die deutsch-socialen Antisemiten „Selbstbesinnung genug haben, um dabei zu helfen, sind sie willkommen, das verstehe sich von selbst". Ein antisemitischer Hokus-Pokrrs. Die „Frankfurter- Zeitung" erzählt: Einem Privatpostkasten im Bahnhofviertel wurden durch unbekannte Hände Briefe eines gewissen Geschäftshauses entnommen, geöffnet und mit dem Vermerke versehet!: „Außerdem haben Sie gegen' die Juden vorzugehen, sonst wird nichts mehr geliefert"; dann wurden die Briese wieder geschlossen und in die Kästen geworfen. Ein Ritualmord an zwei Hirschen. Ein Wiener antisemitisches Blatt erzählt in weinerlich-sentimentalem Tone von zwei Hirschen, „zwei bedauernswerten Todescandidaten, die im grünen Waldrevier das Licht der Welt erblickt haben" und am 17. v. M. nach Breslau auf den Schlachthof gebracht wurden, „um dort koscher geschlachtet zu werden, da die Juden keine geschossenen Hirsche essen". „Ob sich," so schließt die Notiz, „die Hirsche ein solches Ende wohl träumen ließen?" Das Blatt, das seine antisemitischen Thränendrüsen so hingebungsvoll für die beklagenswerten Vierfüßler strapaziert, wäre offenbar im siebenten Himmel gewesen, wenn man die beiden Thiere einige Stunden mit Hilfe einer tobenden Meute von Hunden so lange über Berg und Thal gehetzt hätte, bis sie zusammengebrochen wären. Natürlich, die rohen, rohen Juden, die kein Verständnis für solche romantische Todesarten im grünen Walde haben, ermorden die Thiere auf der Schlachtbank. Die protegierte Firmatafel. Der Wiener Antisemitismus hat ein neues Angriffsobject ausfindig gemacht, an dem er sein Müthchen zu kühlen sucht — die Firmatafel. In der Sitzung vom 25. November beschwerte sich Gemeinderath Allmeder in einer Interpellation über die ungleiche Behandlung, welche seitens des Stadtrathes zwei Concurrenzsirmen widerfuhr, die auf den Tramwayhäuschen an der Kreuzung der Nussdorfer¬ und Aiserbachstraße, beziehungsweise Währrngerstraße Reclameschilder angebracht hatten. Die Schilder der einen Firma seien stadtbauamtlich bereits entfernt worden, der zweiten Firma, deren Inhaber ein bezirksbekanuler Antisemit sei, habe der Stadtrath die Berechtigung zncrkannt. Der Interpellant stellt folgende Anfrage: Ist dem Herrn Bürgermeister die bereits erfolgte Entfernung der einen Firmatafel bekannt? Weshalb wurden die gleichlautenden Gesuche zweier Concurrenten verschiedenartig erledigt, und dadurch eine vollkommen ungerechtfertigte Verletzung des gleichen Rechtes aller Gemeindeangehörigen begangen? Endlich, was gedenkt der Herr Bürgermeister zu veranlassen, um diese nur dem confcssio nellen Nasse nhasse entsprungene einseitige S"ch ädigung eines Wiener Gewerbetreibenden hintanzuhalten? Der antisemitische Mulatte. Bei dem Meeting, das anlässlich der Affaire Dreyfus von den antisemitischen Studenten im Quartier Latin abgehalten wurde, zeichnete sich besonders ein Mulatte durch seinen fanatischen Judenhass aus. Er erklärte, er könne es nicht begreifen, dass Juden im französischen Parlament und im französischen Heere eine Rolle spielen, und sprach sich für die energische Eliminierung des „fremden" Elementes aus; er erntete von Seiten der anwesenden Gallier großen Beifall. Konfessionelle Schuhe. Vor einem halben Jahrhundert hatte in der Türkei jede Confession für ihre Schuhbekleidung eine besondere Farbe vorgeschrieben. Die Armenier trugen rothe, die Griechen und die übrigen Christen schwarze und die Juden lichtblaue Schuhe. Jetzt sind bei den Männern allgemein schwarze Schuhe üblich. Ein abgesetzter Pascha. Ein Vorkommnis besonderer Art mit dem Erfolg der Absetzung des Paschas spielte sich kürzlich in Jerusalem ab. Die englische Mission besitzt daselbst ein neues Hospital, über dessen Eingang geschrieben steht: „Zur Bekehrung der Juden." Dieses Hospital zu benutzen wurde deshalb den Juden von ihren Vorstehern verboten. Nun geschah es, dass eine jüdische Frauensperson Aufnahme fand und in dem Hospital starb. Davon wurden die Rabbiner verständigt und aufgefordert, die Leiche abzuholen und auf dem jüdischen Friedhof zu beerdigen, was jedoch abgelehnt wurde, da die verstorbene Person wegen Verbotsübertretung im Bann gewesen sei. Als auch der Pascha vergebliche Vorstellungen gemacht hatte, ließ er die Leiche durch Soldaten abholen und nach dem jüdischen Friedhof bringen. Inzwischen aber ließen die Rabbiner Hunderte von Juden den Friedhof umstellen und verwehrten dem Leichenzug den Eintritt. Der Pascha ergrimmte und ließ eine Menge Juden ins Gefängnis bringen, wobei er insofern im Unrecht war, als vorsichtigerweise nur solche Juden aufgeboten worden warm, welche keine türkischen Untertbanen sind. Da die Reclamation der Rabbiner nichts fruchtete, so wandten sich dieselben nach Konstantinopel, und der Pascha wurde telegraphisch abgesetzt mit dem Befehl, an demselben Tage Jerusalem zu verlassen. Der Pascha war allerdings schon länger missliebig bei seiner Regierung, und die früher beschlossene Absetzung war nur durch Einschreiten des russischen Botschafters Nelidow rückgängig gemacht worden. Schließlich wurde die Leiche auf dem englischen Friedhof beerdigt. Die Juden in Russland. In Warschau wurde eine Verordnung erlassen, wonach die Juden in ganz Warschau nur 20 Gastwirtschaften führen dürfen, wo neben Speisen auch Getränke serviert werden. Auch diese 20 Anstalten dürfen nur im Judenviertel untergebracht werden. In christlichen Restaurants dürfen die Juden weder als Kellner noch als Diener angestellt werden. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Kokes ch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, I , Singerstrasie SS, zv senden. Wien. Montag den 29. o. M. fand die erste Plenarversammlung des Vereines „Z i o n" im neuen Vereinsjahre statt. Präsident Herr Löbl eröffnet die Sitzung und constatiert die Beschlussfähigkeit der Versammlung. Dr. Kokesch verliest dm Rechenschaftsbericht der Plenarversammlung vom 27. November v. I., welcher genehmigt wird, hierauf den Rechenschaftsbericht des verflossenen Jahres, aus welchem hervorgeht, dass der Verein während des letzten Jahres eine sehr lebhafte agitatorische Thätigkcit, speciell in den einzelnen Bezirken von Wien, entfaltet hat. welche die Begründung von mehreren Einzelvereinen im Gefolge hatte. Außerdem trugen die allwöchentlich am Dienstag abgehaltmen Discussionsabende wesentlich zur theoretischen Ausgestaltung und Klärung der Idee bei. Herr Siegfried Rofenbaum erstattet den detaillierten Rechenschaftsbericht über die Cassa. Die Revisoren legen Rechenschaft ab über ihre Prüfung der Cassabücher und Belege und sprechen dem Cassier die Anerkennung für die sorgfältige und wohlgeregelte Cassaführung aus. Herr Dr. Kahn stellt den Antrag: „Die Plenarversammlung votiert dem scheidenden Ausschüsse, insbesondere den Erstatten des Nechenschafts- und Cassaberichtes ihren Dank." Angenommen.) Der zweite Punkt der Tagesordnung lautet: Instructionen für den Delegierten zur Delegiertenversammlung des Verbandes. Dr. Kokesch beantragt in seinem Referate über diesen Gegenstand eine Modificierung des Z 2 der Statuten, die der Delegiertenversammlung zur Genehmigung vorzulegen wäre. Der § 2 in seiner jetzigen Fassung lautet: „Der Verband bezweckt die Beförderung der Colonisation Palästinas durch arme, beschäftigungslose Juden. Die Erreichung dieses Zweckes wird angestrebt durch Propagierung der Colonisationsidee und durch finanzielle Unterstützung der Colonisation." In seiner neuen Fassung soll § 2 lauten; „Der Verband ist bestrebt, die Colonisation Palästinas auf öffentlich-rechtlicher Grundlage zu propagieren." Referent begründet diese Abänderung mit der Programmsorm der Partei,, die auf dem Congress als allgemein giltig acceptiert wurde. Der Antrag des Referenten wird nach kurzer Debatte, an der sich die Herren Dr. Schnirer, Dr. Kahn, Dr. Landesberger betheiligen, einstimmig angenommen. Die Neuwahlen des Vereines, die als dritter Punkt auf der Tagesordnung stehen, ergeben folgendes Resultat: Präsident Herr Löbl. I. Vicepräses Dr. Kahn, II. Vicepräses Herr Seidener, I. Schriftführer Herr Rosenbaum, II. Schriftführer Dr. Werner, hebräischer Schriftführer Herr I. L. Landau, I. Cassier Herr Norbert Rappaport, II. Cassier Herr PH. Cahan 6, ferner wurden in den Ausschuss gewählt die Herren: Dr. Rosenthal, Dr. Kokesch und Leo Weiß. Als Delegierter für den Delegiertentag des Verbandes wurde Dr. Werner gewählt. — Dienstag den 30. v. M. eröffnete der neugewählte Vicepräses des Vereines Herr Dr. Kahn den Vereinsabend mit einer Skizzierung des Arbeitsprogramms. Durch den Congress sei eine Arbeitstheilung eingetreten. Der Verein habe das Actionscomite durch Besorgung der „Kleinarbeit" zu unterstützen. Diese Kleinarbeit bestehe zum nicht geringsten Lheile in einer Verbreitung jüdischen Schriftthums, jüdischen Wissens, jüdischer Geschichtskenntnisse. Unter lebhaftem Beifall des Auditoriums erlheilt der Vorsitzende im Sinne des Programms Herrn Dr. Liebreich das Wort zu einem Vortrage: „Jntrodnction zu einem Excurse durch die jüdische Tradition." Der geistreiche Vortrag, welcher von echter Liebe für Zion durchglüht ist und von einer gründlichen Beherrschung des Stoffes Zeugnis gibt, wird mit großem Beifall ausgenommen. Der Bortrag bildet die Einleitung zu einer längeren Serie von Referaten, die an den kommenden Bereinsabenden zum Vorträge gelangen. — Dienstag den 7. December findet im Vere i n „Z i o n" die Ergänzung der A u S s ch u s s w a h l e n statt.