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Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
Die Juden in Westphalen
Date
1897-12-03
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite V. Nr. 27. sogar, dort bald einen lebenskräftigen zionistischen Verein schaffen zu können. Sie'haben also einem Lebenden eine Leichenrede gehalten, Herr Prediger, und nach dem alten Volksspruche wird ihm wohl ein langes Leben Leschieden sein. Der Zionismus wird leben und zur Stütze Israels werden, wenn die Geschichte überall die grotesken Thorheiten des westfälischen Gemeindeverbandes längst zur Tagesordnung übergegangen sein wird. Also, auch diese blühende antizionistische Oase ist dahin und vom kräftigen Sturm der jungen Bewegung verweht. Wenn das so weitergeht, wird es den Herren Protestrabbinern bald in Deutschland, dem ehemaligen Dorado der Assimilationsapostel, ganz unheimlich werden. Zur Gründung der Colonialbank. Bon I. de Haas. London, Ende November. Mit großer Freude begrüßen die alten Anhänger der zionistischen Bewegung die projectierte Colonialbank, die in viel kleinerem Maßstabe unter dem Titel einer Agrarbank bereits vor Jahren in Paris und Berlin angeregt wurde. Die Wichtigkeit einer solchen finanziellen Institution für die zionistische Bewegung kann durchaus nicht in Frage gestellt werden; etwas anderes ist freilich die Frage ihrer Verwirklichung. Da entsteht ein Complex von Fragen. Ich selbst hege nach dieser Richtung hin nur geringen Zweifel, aber da die Antheilscheine in den Verkehr kommen und in die Hände verschiedener Leute gelangen sollen, möchte ich, um mir selbst zu genügen, einige praktische Anregungen geben: Die Antheilscheine treiben keine Politik, wohl aber die Besitzer derselben, und nach dem Gesetz über die Gesellschaften entscheidet die Majorität. Für uns ist es daher von großer Bedeutung, ob die Antheilscheine in Händen von Zionisten sind, oder ob nicht etwa Antizionisten in den Besitz der Majorität gelangen und auf diese Weise die Intentionen der Begründer zerstören. Wir wissen nicht, ob das geschehen wird, aber wir halten es für unsere Pflicht, dem vorzubeugen. Die zionistische Bewegung ist eine Volksbewegung, mit anderen Worten, ihre Stützen sind die Massen des armen Volkes, deren politisches und ökonomisches Leiden die Führer der zionistischen Bewegung zu ihrer Action angeregt hat. Mein Project will nun nach dieser Richtung eingreifen und andererseits auch der Bank große Auslagen an Agitationsspesen und sonstigen Auslagen ersparen. Vorerst mögen die Führer der Bewegung öffentlich versprechen, dass die Antheilscheine der Colonialbank per 1 Pf. St. zu einer bestimmten Zeit, in 3 oder 4 Monaten von nun an zur Subscription gelangen sollen. Sobald dies geschehen ist, hat in jedem zionistischen Centrum ein zionistischer Verein zu entstehen, oder es ist der bereits bestehende mit der Aufgabe zu betrauen, die größtmögliche Anzahl von kleinen Subscribenten zusammenzustellen, welche ihre Antheilscheine in Raten abzahlen würden. Im allgemeinen besteht die Gepflogenheit, dass jeder Subscribent eine halbe Krone (2 Schill. 6 Pence — 1 fl. 50 kr) bei der Anmeldung und den Rest in Raten zu bezahlen hat. In unserem Falle würden die Gesellschaften sofort mit dem Empfange von Raten beginnen, zu welchen nur noch ein Zuschlag von 10 Percent für die Sammlung pro Antheilschein hinzutreten würde. Es wäre das 1 Pf. St. auf 40 Wochen zu vertheilen, so dass jedes Mitglied zwischen 6 und 7 Pence (30—35 kr.) wöchentlich zu bezahlen hätte. Tausende von Armen aus der arbeitenden Classe würden ein oder zwei Antheilscheine zeichnen. Die Begründer der Gesellschaft hätten zu garantieren, dass die von den Gesellschaften nach Maßgabe ihrer Mitglieder geleisteten Anzahlungen an erster Stelle berücksichtigt werden. Es würden sich gewiss alle Subscribenten, selbst diejenigen die zehn Antheilscheine nehmen, dieser Zahlungsmet.hode bedienen. Es würden aber auch viele in den Besitz eines Antheilscheines gelangen, für die selbst eine halbe Krone ein unerschwinglicher Betrag ist. ' Ich glaube, dass dies allein schon der Subscription zu einem Erfolge verhelfen würde. Die mächtige Anzahl der Subjcribenten würde beweisen, dass die Colonialbank auch eine Nationalbank ist und dass die Nation hinter ihr steht. Selbstvernändlich müsste ein ausführliches Project die Organisatoren der verschiedenen Vereine über die Colonialbank eingehend belehren. New-Gorxkrr Bries. Bon Michael Singer 11. November 1897. Die Cabeldepesche, wonach an die Gründung der Zionistmbank geschritten werden soll, hat hier die freudigste Aufregung hervorgerufen. Hunderte von Menschen sind augenblicklich bereit, Actien zu kaufen und die erste That des praktischen Zionismus nach Kräften zu unterstützen. Das jüdische Volk in Amerika überzeugt sich von Tag zu Tag mehr von der Nothwendigkeit des Zionismus. Diese Nothwendigkeit tritt nun umso deutlicher zu Tage, da demnächst eine Bill dem Congresse unterbreitet werden wird, welche hauptsächlich gegen das weitere Einwandern der Juden aus Russland und Galizien gerichtet ist. Schon im Vorjahre ist eine solche Bill dem Congresse vorgelegen, Expräsident Cleveland legte aber sein Veto ein und hat sich damit einen effektvollen Abgang von der politischen Bühne gesichert. Diese Bill wird nun wieder, und zwar in verschärfter Art vorgelegt werden, nnd es unterliegt keinem Zweifel, dass dieselbe von den Schutzzöllncrn, die gegenwärtig die Geschicke der Vereinigten Staaten leiten, eine freundlichere Behandlung erfahren wird, als von der letzten, nunmehr abgetretenen Exekutivgewalt. Und so werden wir denn bald das zweifelhafte Vergnügen haben, die Freiheitsstatue in New-Uorker Hafen mit einem Polizeiknüppel bewaffnet zu sehen und am selben Platze eine Tafel mit der modernen Inschrift zu finden: Juden ist das Landen strengstens verboten. Unsere großen Assimilationsjuden, die schon lange klagen, dass das weitere Zuströmen des jüdischen Praletariates aus Russland und Polen eine Katastrophe mit sich bringen muss, werden darob zweifellos in hellen Jubel ausbrechen. Das j Palästina ihrer Sehnsucht, das Dollarland wird von einer - „Katastrophe" verschont bleiben, und sie selbst werden durch; den lästigen Anblick russisch-polnischer Einwanderer nicht gc-; stört werden. E Was mit jenen vielen unglücklichen Brüdern geschehen hsoll, die, von Land zu Land getrieben, ihren Blick hoffnungsfrettdig nach Amerika zu richten gewohnt waren, kümmert sie laicht. Ihnen genügt, Amerika „gerettet", und zur angeblichen Versorgung der hiesigen Armen Marmorpaläste errichtet zu haben, in welchen, wenn auch nicht die Armen, so doch zu- -mindest einige Schützlinge als fürstliche Arbeitsbeamte ein E behagliches Leben führen. , Und so sieht denn das Volk ein, dass es nicht bloß "verlassen, sondern auch verrathen und verkauft bleibt, wenn es seine Sache nicht selbst in die Hand nimmt. Unter dieser Wahrnehmung bilden sich nun auch Zionistenvcrcinc an allen Ecken und Enden. Der neue Verein „Z iono h", dessen Präsident der allbewährte Zionist Doctor -Bluestone ist, hat im Handumdrehen 200 ernste und -opferbereite Männer um sich gcschaart. Auch in Greenpoint, einem Nachbarorte New-Uorks, ist lein Verein im Entstehen, nnd wird die organisierende Verjsammlung nächsten Sonntag stattfinden, t Die Brooklyner Chowewe Zion, deren Präsident Ihr Corrcspondent ist, veranstaltet am 24. December ein igroßangelegtes Makkabäerfest, das dem Zionismus zweifellos «ine große Zahl neuer Anhänger zuführen wird. ' Der unter Leitung des Rabbiners Dr. Philipp Klein stehende Verein „New-Dorker Zionsfreunde" hält regelmäßig jeden Montag einen Vortragsabend über Zionismus, jüdische Geschichte und Literatur. Aus England. Tondon- In der letzten Sarnstagversaminlung der „Bnei Zion" sprach Herr Herbert Bentwich über eine „englische Zionistenconferenz". Nachdem er in sehr beredter Weise die jüdische Lage gekennzeichnet und die Angriffe gegen die zionistische Bewegung zurückgewiesen hatte, sagte er: „Unsere Gegner bauen ihre heftige Opposition auf der Behauptung auf, dass die auf Zion gerichtete Bewegung die auf eine Assimilierung mit den Engländern hinzielenden Bestrebungen der

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