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Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
Die Enquete über die jüdische Armenpflege
Date
1897-12-03
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Rr. 27. MHWk S-itr » sociale Probleme heranwagen, ohne die ihnen zugrnnde liegenden concreten socialen Verhältnisse studiert zu haben. Und es ist ein Jammer, wie blutwenig alle die jüdischen Cnltusvorstände und Corpvrationen mit ihren Millionären und Professoren für die Erkenntnis, wenn schon nicht für die Besserung der geistigen nnd socialen Lage ihres eigenen Volkes geleistet haben Kann uns jemand antworten, wenn wir fragen: ,.Jn welche Berufsarten zerfallen die 120.000 Juden in Wien? Wie viele Juden wandern in Wien jährlich ein?" Oder: „Wie viel jüdische Berufsarme gibt es in Wien? Wie viel Arbeitsunfähige und Witwen mit kleinen Kindern zählt Wien, die nicht einer vorübergehenden Unterstützung, sondern einer dauernden Versorgung bedürfen?" Diese Fragen wird niemand beantworten können — außer jenen, die mit ihren Phrasen „sehr viel, wenig u. dgl." stets bei der Hand sind. Aber mit dieser Oberflächlichkeit, mit dieser totalen Unkenntnis der thatsächlichen Zustände schmiedet man Reformpläne, für deren Ersprießlichkeit man höchstens in der eigenen Eitelkeit die Garantie besitzt. Darin liegts. Niemand sucht die Armuth an ihrer Quelle auf, niemand hat nach ihren Gründen geforscht. Man wartet bis der Arme an die Thüre klopft und demüthigt ihn dann durch die „Hilfe". Der Cultusvorstand der Stadt Wien mit über 120.000 Juden gibt monatlich für Armenunterstützung 800 Gulden aus. Das Armendepartement des Cultusvorstandes weist 5000 Armenzettel aus, die bereits einmal oder wiederholt unterstützt wurden. Darunter sind ungefähr 3000 Witwen, die ihres Ernährers beraubt, dauernd unterstützt werden müssen. Aber wie viele gibt es, die lieber hungern und darben, als dass sie die Hand ausstreckten; wie viele, die nur Arbeit aber nicht Almosen verlangen? Und die Reform ist ja auch für sie, nicht bloß für die Professionsbettler oder Arbeitsunfähigen bestimmt. Darum muss man wissen, wie sie alle leiden, um das Mittel zu finden, .durch das jedem nach seinen Verhältnissen geholfen werden kann. Eines steht somit fest: Das Zustandsmaterial der armen jüdischen Bevölkerung in Wien muss zusammengestellt werden, bevor überhaupt an eine Reform der Armenpflege geschritten wird. Der einzige Weg hiezu ist die Enquet e. Die hat bereits der Cultusvorstand für den 8. December einberufen. Aber welche Ironie! Der historische Begriff der Enquete hat in der Seitenstettengasse eine neue Interpretation erhalten. Die Wissenschaft sieht den Zweck einer Enquete*) entweder in der Erstattung von Gutachten und Rathschlägen auf Grund eines vorliegenden Gesammtergebnisses oder in der Mittheilung eines thatsächlichen Gedanken- oder Stimmungsmatenals. Im ersten Falle nennt man die Enquete eine unvollständige, im letzteren eine vollständige. Den großartigsten Beweis für die Richtigkeit dieses Verfahrens bei socialen Reformen finden wir in den englischen Blaubüchern. Kürzlich haben auch in Wien vollständige Enqueten über Frauenarbeit, Lehrlingswesen u. dgl. stattgefunden. Die Herren von der Seitenstettengasse haben sich aber einen ganz neuen Begriff der Enquete zurechtgelegt. Sie legen kein Gesammtergebnis der Untersuchungen über die Lage der armen jüdischen Bevölkerung vor, denn sie haben keine Untersuchungen angestellt; sie fordern auch kein Stimmungsmaterial von den Fachmännern, die sie einladen, sondern sie arbeiten einen Fragebogen aus und verlangen Gutachten, deren Begründung jeder Einzelne in seiner Phantasie oder höchstens in seiner persönlichen, kaum auf wenige Fälle beschränkten Erfahrung zu suchen haben wird. Es wird gefragt, ob sich für die Armenpflege bezahlte Cultusbeamte oder freiwillige Armenpflcger besser empfehlen, welche Voraussetzungen für die Armenunterstützungen maßgebend sein sollen, ob ein Zusammenwirken des Cultusvorstandes mit den Privatwohlthütigkeitsanstalten bestehen soll u. s. f. *) „Das Verfahren bei Enqueten über sociale Verhältnisse" von Ein b d en, Cohn und Streda, Leipzig 1877 (Schriften des Vereines für Socialpolitik). Hingegen wird nicht gefragt: Auf welche Umstände ist die Armuth der jüdischen Bevölkerung zurückzuführen? Durch welche Action (nicht bloß durch Almosen) könnte diese Armut gelindert werden? Wie groß ist die Zahl der Unterstützungs- und die der Bersorgungsbedürftigen? rc. Diese Fragen könnten übrigens von den Einzelnen nicht beantwortet werden. Denn dazu gehört ein eingehendes, gewissenhaftes Studium, das viel schwerer ist, als die Abfassung von Memoranden und Resolutionen oder die Einberufung einer „Enquete". Aber eine Frage darf nicht vergessen werden, die als Quintessenz der jüdischen Communalweisheit an der Spitze des Fragebogens prangt. Die Reform der Armenpflege kostet Geld und der Cultusvorstand hat keines. Die Maxime des letzten Finanzministers, Bilinski, lautete: „Keine neuen Erfordernisse ohne Bedeckung" — und in der Seitenstettengasse findet dieser fiskalische Grundsatz verständnisvolle Aufnahme. Poch während der Finanzminister neue Steuern erfand und von deren Bewilligung die Gehaltsregulierung abhängig machte, sollen sich in der Cultusgemeinde über die Bedeckung die — Gemeindemitglieder den Kopf zerbrechen. „Woher soll das Geld zur Armenpflege beschafft werden?" fragt der Vorstand in der Enquete die Wähler, wiewohl er von diesen zu seinem Ehrenamte gewiss nur deshalb berufen wurde, weil er selbst die Quintessenz der Weisheit, Erfahrung und allerlei geistiger Fähigkeiten repräsentiert..... Die „Enquete", die unter Ausschluss der Oeffentlichkeit über die Armenpflege beraten will, ohne auch nur einen Armen anzuhören, ist ein Zerrbild dieser socialen Institution, eine Verunstaltung, die niemand ernst nimmt, nicht einmal der Cultusvorstand selbst. Es handelt sich nur darum, den Wählern Sand in die Augen zu streuen und den Schein zu erwecken, als ob etwas geschehe. Schon der erste Absatz ist ein Hinterthürchen für den Cultusvorstand und eine Falle für das Comite, durch dessen Oberflächlichkeit die ganze Frage vom richtigen Wege abgelenkt wurde. Das „Comite" ist jedoch nur sich selbst, hingegen der Cultusvorstand allen Wählern und der Oeffentlichkeit verantwortlich. Diese mögen wissen, was sie von der „Enquete über die Armenpflege" zu halten haben. Dr. S. R Landau Drr Justrrrrrkhum Dreyfus. Seit dem sensationellen Artikel des „Figaro" hat die Affaire Dreyfus noch einige entscheidende Schritte zu ihrer Lösung gethan. M a t h i e u D r ey f us, der Bruder des Verurteilten, hat den wahren Schuldigen angegeben, den wirklichen Verfasser des incriminierten Bordereaus. Es ist der Major Walsin- Esterhazy vom 74. Infanterieregiment, das in Rouen garnisoniert. Schon vor der formellen Anzeige durch Mathieu Dreyfus hatte die „Libre Parole" einen Artikel veröffentlicht, der mit „Dixi" unterzeichnet war. Es war dies die Antwort auf den Artikel des „Figaro", welcher mit dem Signum „V i di" gezeichnet war. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der „Dixi" niemand anderer als der Major Walsin-Esterhazy selbst. Jetzt ist es bereits zweifellos sicher, dass dieser ganz merkwürdige Ofsicier, der von sich behauptete, zur Blüte des Adels zu gehören — der ihn übrigens verleugnet — einer der Mitarbeiter des Journals des Herrn Drumont war. Es dürfte in kurzer Zeit schon gerade keine besonders schmeichelhafte Empfehlung für den Chef der „Libre Parole" sein, wenn sem Mitarbeiter, dieser würdige Apostel des französischen Antisemitismus, in seiner ganzen Größe der Mitwelt präsentiert wird. Wenn man aber einen Mitarbeiter gehabt hat, der über alle Vorgänge in den fremden Gesandtschaften so unterrichtet war, wenn man durch gemeinsame Arbeit so intim verbunden war mit einem Manne, der so versiert war in all den Geheimnissen, die für die Blicke der gewöhnlichen Menschheit undurchdringlich waren, dann hat man wenigstens die Verpflichtung, einen solchen Mann gegen die Angriffe feiner Gegner zu vertheidigen; wenn schon nicht bis zum Ende, so doch wenigstens bis zu dem Augenblick, wo dieser Mensch endgiltig abgethan erscheint. „Der große Prophet des französischen

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