Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-12-03
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315737--02937-3382789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«'it- < AtHWe Nr. -V. „Schonzeit" für sie. Als er fiel, haben manche illuminiert, möglicherweise ohne zu wissen, warum. Die Menge muss immer jemanden haben, den sie besinnungslos bejubelt oder besinnungslos verdammt. Halten wir uns von solchen Maßlosigkeiten fern, so sind wir der Gerechtigkeit näher. Aber Gerechtigkeit ist keine Politik! Sorialreformen für Neu-Zion. Vorgeschlagen von. Michael Flürscheim. II. Das Handelsmonopol. Ein falscher Socialismus wirft gewöhnlich drei grundverschiedene Gebiete zusammen, für welche er die Verstaatlichung verlangt, nämlich das Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln, die Production und den Handel, d. h. die Gütcrvertheilung. Ei:: aufgeklärter Socialismus, dem die Erhaltung der persönlichen Freiheit keine Nebensache ist, wird hier scharfe Unterscheidungen eintreten lassen. Die Productionsmittel wird er in die scheiden, welche beliebig durch menschliche Arbeit vermehrbar, aber der freien Arbeit zugänglich, und die, welche es nicht sind, also monopolisiert werden können. Da die Arbeit bei freiem Zugang zum Grund und Boden (und eine staatliche Verpachtung ist freier Zugang, da die Pacht nur die besonderen Vortheile, welche dem Einzelnen über seinen legitimen Arbeitsverdienst hinaus infolge der Bodenbenutzung zufallen, zu Gunsten aller ausgleicht) alle anderen Arbeitsmittel in beliebiger Menge erzeugen kann, so genügt, die Abwesenheit sonstiger Hindernisse vorausgesetzt, die Verstaatlichung des Grund und Bodens, um die volle Freiheit der individuellen Arbeitsbethätigung zu garantieren; die Verstaatlichung der übrigen Productionsmittel wäre unnöthige, zwecklose und sogar gefährliche Freiheitsbeschränkung. Das Gleiche gilt von der Produktion selbst. Ist ihre Grundlage, der Grund und Boden befreit, so liegt kein Grund für ihre Beschränkung, aber alle Gründe dagegen vor. Der freie Wettbewerb kann hier nur nützen, indem er immer vollkommenere Productionsmethodeu ersinnen lässt und zur Bethätigung bringt. Wenn er heute anscheinend schadet, so ist es nur, weil wir eben in Wirklichkeit keinen freien Wettbewerb haben, und solange die Grundlage aller Production monopolisiert ist, gar nicht haben können. Die freie Genossenschaftsentwicklung wird die einzelnen Producenten da vereinigen, wo nur vereinigte Arbeit Schritt halten kann, wenn die Grundlagen für wahrhaft freie Genossenschaften gegeben sind. Außer dem freien Bodenrechte ist aber hiefür noch eine weitere Grundlage nöthig, das Vorhandensein eines geregelten Absatzes und damit kommen wix zum dritten Gebiet dem Handel.! Es war eine Zeit, in der der Handeltreibende eine bewegende Kraft im wirtschaftlichen Getriebe darstellte, in der er hinauszog und neue Production anregte, indem er neue Bedürfnisse hervorrief. Heute ist der Handel im Großen und Ganzen eine riesige volkswirtschaftliche Vergeudung bei der 20 Menschen im Durchschnitt eine volkswirtschaftliche Arbeit leisten, für die einer ausreichen würde. Heute ist die Arbeit des Händlers zum überwiegenden Theil darauf gerichtet, den Concurrenten zu unterbieten, oft mittels Fälschungskünsten auf Kosten der Qualität. Zwanzig Galanteriewarenläden in einer Straße, wo ein einziger Bazar für 20 Straßen ausreichen würde, u. s. w., das ist der Anblick, den uns heute die Städte bieten. Zwanzig Läden mit zwanzig Mietern, d. h. Saugarme für Grundeigenthümer resp. Hhpothekenbesitzer, mit 20 Beleuchtungen, Heizungen, Annoncen, Commis rc. rc. Was würden unsere Briefe kosten, wenn in jeder kleinen Stadt 20 private mit einander concurrierende Postbureaux wären, wenn 20 Briefträger hinter einander ins Haus kämen mit je einem Brief, statt wie heute ein Briefträger mit 20? Ich wäre also ganz entschieden dafür, dass Neu-Zion das Handels-Monopol ausübte, was freilich kaum anders als in Verbindung mit dem Bodenbesttzmonopol durchführbar wäre, indem man bei den Bodenpachtverträgen die Bedingung stellt, dass nur productive Berufe in dem zu bauenden Hause ausgeübt werden dürfen, dass kein Laden, kein Agenturbureau, keine Handelsagentur errichtet werden darf. Der neue Staat errichtet die nöthige Anzahl von Bazaren und besorgt überhaupt den genauesten Zwischenhandel im Kleinen und Großen auf die denkbar ökonomischeste Weise. Hierdurch würden den Producenten Unsummen erspart und doch dem Gemeinwesen eine die Grundpachteinnahme ergänzende Einnahmequelle verschafft werden. Da dieser Staat ungeheuere Mittel zur Beförderung und Etablierung von Millionen Volksgenossen brauchen kann, dürfte das letztgenannte Moment auch nicht zu verachten sein, jedoch steht es weit hinter dem anderen zurück; denn auf keinem Gebiete giebt es auch nur annähernd eine solche Vergeudung, als wie auf diesem. Ich schätze sie auf mindestens 30«/» des ganzen Umschlages, also auf mehrere Milliarden jährlich, in Ländern wie Deutschland und Oesterreich. Nicht weniger wichtig wäre eine solche Reform für die Productivgenossenschaften der Arbeiter, denen sie die Grundlage bietet, deren Abwesenheit heute zumeist ihren Ruin zur Folge hat. Producirren ist ihnen leicht, aber verkaufen ist schwerer, und Leute, die gerade auf diesem Gebiete keine Schulung besitzen, unterliegen den erfahrenen Kaufleuten gegenüber. Der Staat, der dem Manne, der jährlich nur einen Brief schreibt, gerade so billig zur Verfügung steht, wie dem per Tag Hunderte Befördernden, wird auch als alleiniger Zwischenhändler den Kleinen die gleichen Vortheile bieten, wie den Großen und hiermit auch einen größeren Erfolg der Productivgenossenschaften möglich machen. Aber noch ein wichtiges Gebiet der Gütercirculation kann von dem neuen Staate reformiert werden, nämlich die Beschaffenheit des Circulationsmittels, des Geldes, dem ich einen besonderen Abschnitt widmen will. Ehe ich den über das Handelsmonopol schließe, will ich jedoch noch auf die erzieherische Wirkung desselben hinweisen, besonders in Neu-Zion. Der mit verhältnismäßig weniger Arbeit erzielbare Erfolg des Kaufmannes, die Speculationschancen, die sein Beruf bietet, halten Tausende von produktiver Arbeit fern, die sich ihr noch willig hingeben würden. Auch würde sie höheres Ansehen erlangen. Dir Enquete über die jüdische Armenpflege. Die jüdische Armenpflege in Wien bedarf dringend einer Reform. Das hören wir seit Jahr und Tag. Niemand bestrcitet es. Memoranden werden geschrieben, Resolutionen werden gefasst, und jetzt soll gar eine Enquete stattfinden. Der israclltische Cultusoorstand von Wien nimmt endlich die Sache selbst in die Hand und die jüdischen Armen von Wien dürfen um ihr Schicksal weiterhin besorgt sein. Es ist seltsam, wie in dieser wichtigen Frage alle Grundsätze des logischen Denkens über Bord geworfen werden. „Die Armenpflege ist schlecht, ungenügend, irrationell", haben wir schon während der Cultuswahlen einige mandatslustige Streber brüllen gehört, aber sie sagten uns nicht: Warum? Sie wiederholen es mit Selbstgefälligkeit noch heute und preisen ihre Palliativmittelchen an, aber noch immer unterlassen sie es, uns zu erklären, woran es der jetzigen Armenpflege gebricht, warum sie schlecht functioniert. Sie gewinnen die öffentliche Meinung, denn es handelt sich um die Armen, und da greift es an's Herz; aber sie können niemanden überzeugen, dass eine Reform noththut, dass ihre Reformvorschläge die richtigen sind. Wer die Armenpflege reformieren oder richtiger, eine rationelle Armenpflege einführen will, muss die concrcten Armenverhältnisse unter der jüdischen Bevölkerung in Wien kennen. Hand aufs Herz! Kennen sie die selbstberufenen Reformatoren oder der Cultnsvorstand oder überhaupt jemand in Wien? Es ist beschämend, wenn wir sehen, wie sich in unserem socialen Zeitalter sogar intelligente Männer an wichtige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.