Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 1 (sequence 5)
- Language
- German
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In manchen modcrn-jüiüschen Kreisen wird der nationaljudischcn Bewegung hauptsächlich ihre Nationalität zum Vorwurf gemacht. Das Nationalgefühl, so heißt es, entarte zum Chauvinismus, hetze die Völker gegen einander und richte immer neue L chcidcwändc zwischen den Menschen auf. Dadurch würden die Ideale der modernen Menschheit, die Humanität und die allgemeine Verbrüderung, in unerreichbar weite Fernen hinausgerückt, und eine neue Barbarei breche über die Welt herein, die um so schlimmer wäre, als sie sich aller Mordwaffen einer hochentwickelten Industrie und Technik bedienen könne. Wcichmüthige, verträumte, feinsinnige Idealisten, die sich theils einen abstracten alten Pscudo-Goethc und theils iiiße Rococoschnörkeleien zum Muster nehmen, wimmern besonders noch über die Brutalität und den Kampfmuth, sowie auch über die garnicht fein abgetönte Lebenskraft, die im Nationalgefühl verborgen liegen soll. Und da nun die jüngeren Juden seit den Tagen des Essayisten Felix Poppcnbxrg und seit Hirschfeld's „Müttern" schaärenweise in das Lager des Pseudo-Goethe und des Nococo hinüber gezogen sind — zum Teufel, man muss doch ein ganz Moderner sein! — so kann man sich schon vorstellen, dass das zarte, fein besaitete Nervensystem dieser Sensitiven entsetzlich zusaiiuneuzuckt, wenn der Zionismus ein bischen Radau inacht und in seinen Kundgebungen, wie es anders nicht sein kann, den Volks'vcrsainmlungs- und Masscnton zn treffen sucht. Ja, ja, Faustschläge sind nicht immer etwas Angenehmes, und ein feinsinniger (aber bei Leibe kein großer) Poet wird es unter seiner Würde halten, mit einem Stück Holz auf ein Pult zu schlagen — wie manchmal in Parlamenten gebräuchlich. Trotzdem, meine Herren Aesthcten, meine Herren Intimen, meine Herren Modernen, meine Herren Jungwicncr, Ju»gberlincr u. s, w. u. s. w. — ich bitte um Gehör für einen kurzen Augenblick! Ich bitte nur auf fünf Minuten! Nehmen Sie die Walte aus den Ohren und thun Sie mir den Gefallen, meinem Plaidoyer für den Zionismus ein geneigtes intimes Gehör zn schenken! Zunächst sind Redensarten, wie Humanität oder Verbrüderung aller Menschen, die dem Nationalen immer entgegengehalten werden, schon längst aus dem Sprachschatz eines wirklich modernen Menschen hinausverwiesen worden. In späterer Zeit, vielleicht schon im nächsten Jahrhundert, werden diese Phrasen freilich einen sehr eoncretcn Inhalt gewinnen. Dazu müssen aber erst die nöthigen Vorbedingungen geschaffen werden. Würden zum Beispiel schon heute die zierlichen Verse eines Hugo vor, Hoffmarmsthal in die Sprache der Zulukaffern übersetzt werden, würden die Rejane und die Düse Einladungen zu Gastrollen am Hofe des Mahdi erhalten, würden ferner der Papst und der Dalai-Lama diplomatische Noten tauschen, während gleichzeitig der aus Reisen befindliche Kaiser von Timbuktu dem Fürsten von Neuseeland mittheilte, dass er ihn nicht empfangen könnte, weil er über seine Zeit schon anderweitig disponiert hätte — dann, aber auch dann erst, wäre der.Augenblick gekommen, um von Humanität, von Menschheit, von einer Verbrüderung aller Völker des Erdballs zu schwärmen, ohne dass diese Worte etwas anderes, als weihevolle Phrasen wären. Zuerst muss eben die gleiche äußere Cultur vorhanden sein, bevor an eine Annäherung und wirkliche Gemeinsamkeit gedacht werden kann. .Mit dem blassen Abstractum Mensch ist gar nichts anzufangen, und darum haben auch die Modernen, die sich ja vor Allem gegen allgemein gütige Redensarten und Conventionen kehrten, statt der Wcltbürgcrlichkeit den Begriff des „guten Europäers" geschaffen. Dieser Ausdruck ist wunderbar treffend, weil er deutlich und klar ist, einer sehr richtigen Erkenntnis entspringt und zugleich ein großes Culturziel aufstellt. Auf die „Vereinigten Staaten von Europa" kann man immerhin noch eher rechnen, als auf die „verbündete Menschheit", und es ist sogar die Behauptung nicht zu kühn, dass der nächste, ganz große Staatsmann nicht mehr nur einem einzelnen Lande unseres Continentes angehören wird. Die gemeinsame Cultur ist ja längst da und koncentriert sich in den einzelnen Brennpunkten, den Weltstädten, die in einen immer innigeren Verkehr miteinander treten und auf jedes Zerreißen dieser tausend unsichtbaren Fäden immer empfindlicher reagieren. Der Begriff des guten Europäers hat demnach Hand und Fuß, einen guten, ganz modernen Sinn und verdrängt immer mehr die Schwärmerei für Humanität und W.ltbürgcrlichkeit. Wie aber, ganz im Allgemeinen, stellt sich dieser Begriff zum Nationalgefühl und, in unserem besonderen Falle, zum Zionismus? Lebhaft erinnere ich mich an ein bedrucktes Stück Zeitungspapier — leider weiß ich nicht mehr, aus welcher Zeitung! — welches mir in die Hände fiel, als gerade die ersten Nummern der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" herausgekommen waren. Jener Artikel patronisierte wohlwollend das neue Unternehmen und rieb sich nur ein Bischen an dem „guten Enropäerlhum" in den Spalten der neuen Zeitschrift. Für solche Extravaganzen, meinte der Herr Artikelschreiber, wäre doch in den Tagen Bismarcks kein Raum mehr. Diese eigenartige Kritik erregte meine Ncugier. Ich bemühte mich also sehr eifrig um ein paar Hefte der neuen Zeitschrift, und das wurde mir sauer genug, da ich mich dazumal in ein kleines liter aturloses Städtchen von West-