Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Schwache Hände
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 1«. FlrHVMj Nr. ft«. Plötzlich kam ihm der Gedanke, Mayer, den Schobeck ihm als den Führer der Baissiers genannt hatte, um Rath zu fragen; er wollte ihm offen seine Lage schildern, ihm sagen, wie von dieser Frage das Schicksal seines Kindes ab- HLnge. Es war ja ein ungewöhnlicher Schritt, aber was konnte dem großen Börsenspeculanten daran liegen, ob er, der Bettler, ganz zugrunde gehe. Er trat auf den Gewaltigen zu, der, umgeben von einem Stabe von Agenten, die ängstlich jede seiner Bewegungen beobachteten, an einer Säule des Börsesaales lehnte, mit einem Gesicht, so steinern wie der, graue Granit der Säule. Da verließ ihn der Muthß er kehrte wieder um. Wieder läutete die Glocke, wieder drängten die Diener' die Menge hinaus und mit ihr Weigert, dem dieser Tag nichts gebracht hatte. Er verließ das Haus wie ein Angeklagter, dem die Verkündigung des Urtheils auf morgen verschoben wurde. Als er langsam nach Hause gieng, wurde er gegrüßt. Er blickte auf und sah den Bettler von gestern; da fasste ihn wieder die' hoffnungslose Verzweiflung und er fühlte deutlich, dass das Ende bcvorstehe. Er stöhnte auf: „Wäre cs nur schon morgen! Ich ertrag' es nicht mehr." * * * Und es ward morgen. Gegen Schluss der Börse bemerkte Weigert, dass ein Diener der Bank ihn suche. Er wusste, was das zu bedeuten habe; Verlangen nach weiterem Geldzuschuss, wahrscheinlich sogar die Kündigung des Darlehens — das Ende. Da überfiel ihn eine so tödtliche Angst, dass er dem Manne wie ein gehetztes Wild auswich. Plötzlich aber sagte er ganz laut, so dass die Nebenstehenden ihn verwundert ansahen: „Je schneller, desto besser", und trat auf den Diener zu: „Suchen Sie mich?" — „Jawohl, Herr Weigert. Werden wohl schon errathen haben?" antwortete der an die Schreckensscenen der Panik gewohnte Mann. „Eine kleine Rechnung!" Weigert nahm das gestempelte Blatt entgegen. Viertausend Gulden! soviel hatte er noch im Vermögen. Er zählte dem Diener bedächtig vierzig Noten zu hundert Gulden zu. Dieser bedankte sich so höflich, als ob es ein ihm gegebenes Geschenk gewesen wäre. „So, und da Hab' ich auch noch einen Brief für den Herrn!" Das war die Kündigung des Darlehens; der Todesstoß. Und während die zusammenbrechende Börse ihre Verzweiflung in einem letzten, ohrenbetäubenden Schrei Luft, machte, stürzte Leopold Weigert ohnmächtig nieder und wurde von den rasch herbeigesprungenen Aufsichtsorganen hinausgetragcn. * * * Als er das Zimmer des Börsenarztcs verließ, war es 4 Uhr, aber schon dunkel, ein trauriger, nasskalter Winterabend. Er gieng schwankenden Schrittes dahin wie ein Fieberkranker, keines klaren Gedankens fähig. So sehr er sich auch bemühte, an sich, an seine Lage, an das, was morgen geschehen solle, zu denken, so kehrten seine Gedanken immer wieder zu dem Bettler, dem die Börse die Tochter genommen hatte, zurück. Er sah die beiden, wie sie mit einander verbandelten, der Vater gierig nach dem schändlich erworbenen Geldc griff, das die Tochter zu vertheidigcn suchte. Er dachte nach, weshalb sie das gcthan haben mochte, und kam zu dem Schlüsse, dass sie es als Sparpfennig aufzuheben wünsche für die Zeit, wo sie nichts mehr zu verdienen imstande sein und der alte Mann ganz ohne Brot dastehen werde. — „Ganz wie ich!" rief er aus, und als ob der Laut der eigenen Stimme ihn aus dem Bannkreis der fixen Ideen befreit hätte, trat das Bild seiner eigenen Lage mit voller Klarheit vor sein Auge. Außerstande, die gelündigten Papiere zu übernehmen, war er morgen zahlungsunfähig, ehrlos, ein Bettler wie jener, nur dass sein Kind ... Er wagte es nicht, den Gedanken auszudenkcn, sein Kind mit jener in einem Athem zu nennen. Aber der Gedanke war stärker als er, und obwohl er mit ihm rang wie mit einem Feinde, konnte er ein entsetzliches Bild, das ihm seine Paula zeigte, nicht los werden. So kam. er nach Hause. I >, * * * Er hatte mit dem Kinde gespielt, wie es seine Gewohnheit war; beim Abendessen hatte er mühsam einige Bissen hinuntergewürgt, dann war Paula schlafen gegangen. Aber auch das unschuldige Geschöpf musste bemerkt haben, dass mit seinem Vater ernste Dinge vorgiengen, denn sie wälzte sich lange ruhelos in ihrem Bettchen herum, und er musste sie mehrmals ermahnen, cinzuschlafen. Als sie endlich ruhig geworden war, saß er lange, in dumpfes Brüten verloren; , dann nahm er aus der Schreibtischlade einige Papiere und zerriss sie, schrieb zwei Briefe, in die er Geld legte und dann verschloss. „An den Hausbesitzer" war der eine adressiert, „an meine Köchin Therese" der andere. Sodann schritt er zu dem eisernen Ofen, füllte ihn bis oben mit Kohlenstücken, setzte sie in Brand und schloss die Abzugsklappe. Endlich verriegelte er die Thür und überzeugte sich, dass die Fenster gehörig verschlossen seien. Als das alles geschehen war, schob er einen Stuhl an das Bett des Kindes, setzte sich und legte seine Hand auf die Stirn der Kleinen. So sanft er dies auch gethan hatte, so wachte sie doch auf. „Papa," flüsterte sie im Halbschlafe, entschlummerte aber sofort wieder. Starren Auges blickte er sein Kind an. Es sollte nicht werden wie jene. .. « * * 5 Als die durch das Dienstmädchen alarmierten Hausleute? die Thür aufgesprengt hatten, fanden sie Weigert und sein s Kind leblos. Der rasch herbeigeholte Arzt erklärte, dass das;; Mädchen tobt sei, durch Kohlengas vergiftet. Die mit Weigert f angestellten Rettungsversuche glückten. Die aufopfernde Thätigt keit der Aerzte erhielt ihn „dem Arme der Gerechtigkeit". k Zu der Stunde, als der Wagen, der Weigert vom Spitale in das Landesgericht überbrachtc, über den Schottenring rollte, trat Herr Schobeck aus dem Börsengebäude, in dem wieder fröhliche Hauffeströmung herrschte. Da gedachte er des armen Weigert: „Hätte er's nur noch die paar Tage ausgehalten, so wäre er gerettet gewesen, und das herzige Kind am Leben geblieben. Schade um beide!" Dann entfaltete er das Abendblatt und las: „Der Tendenzumschwung, der schon gestern eingetreten war, führte heute eine kräftige Erholung herbei. Die friedlichen Erklärungen Lord Salisbury's im englischen Oberhause und der beruhigende Artikel des „Nord" veranlassten die Contremine, ihre großen Coursgewinne durch Rückkäufe zu sichern. Am lebhaftesten haussierten Omnibusactien, die in der letzten Zeit durch Zwangsverkäufe schwacher Speculanten über Gebür gedrückt worden waren. Vergleicht man die heutigen Schlusscourse mit denen vor acht Tagen, so bleibt von der ganzen Coursderoute nichts übrig als eine gründliche Purification des Marktes, deren wohlthätige Folgen nicht verkannt werden können .. Bücherwelk. Wm. E. Blackstone: Jerusalem. Oak Park, Jll. S. 22 (hebräisch, jüdisch-deutsch, spagnolisch und englisch). Diese kleine in vier Sprachen gleichzeitig veröffentlichte Schrift bricht für den Zionismus eine Lanze. In klarer, populärer Sprache setzt sie das Wesen des Zionismus auseinander, wobei sie auf die verschiedenen Vorwürfe, wie die Nicht-Existenz einer jüdischen Nation, die „Unfruchtbarkeit" Palästinas u. brgl. schlagfertig reagiert. Besonders wertvoll ist jedoch die Schrift durch den Schatz von Citaten aus den Werken der Propheten Jeremias, Ezechiel, Jesaias u. s. w.. die eine Verheißung der wirklichen Rückkehr und nicht bloß ein „symbolisches Bild" enthalten. Manche Rabbiner würden aus dieser Schrift vielleicht gar erst die Propheten kennen lernen. Und das würde ihnen nützen. Mr. Blackstone (132 S. Oak Park, Illinois) ist sogar im Jntereffe der "Propaganda bereit, jedem, der es wünscht, die Broschüre kostenlos zukommen zu lassen. L. Herausgeber: Paul Nslchaver. Veranrwortlicher Redacteur: Dr. SlegMvnö Werner. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudongasse Nr. 57.