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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Lemberg [Nachricht]
Date
1897-11-26
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14. Nr 25 ginnt eben auch schon in der polnischen akademischen Jugend Wurzel zu fassen, und nun will man den Juden sogar die Beneficien eines Humanitären Vereines entziehen. BEi all' diesen Vorgängen muss man sich aber nur fragen: Wann werden sich endlich die jüdischen Polen ihr Polenthum aus dem Kopfe schlagen? Krakau. (Orig.-Corr.) „Dort, wo die „Kolka rolnicze" blühen, wächst nicht der Antisemitismus/ Dies verkünden Autoritäten ü 1a Dr. Byk bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Selbst der bekannte Schriftgelehrte Anatole Leroy-Beaulieu hat den französischen Antisemiten „die liebe Eintracht" zwischen Polen und Juden als Muster hingestellt! Nur die bösen Zionisten wollen dieses notorische „ideale Verhältnis" nicht anerkennen. Aber wenige Facta werden wohl genügen, diese Störenfriede, welche die weitere Verschmelzung verhindern wollen, zu überzeugen! Wie judenfreündlich die Polen sind, beweist unter anderem auch folgende allbekannte, jedoch verkannte Thatsache. Die autonomen Behörden und Landesinstitute amtieren ,,judenrein". Bon jeher habe ich über den mir unergründlichen Sinn dieser Maßregel nachgegrübelt und war beinahe versucht, den Polen antisemitische Gesinnung zu imputieren. Einem puren Zufalle habe ich des Räthsels Lösung zu verdanken. Es hat sich dieses Vorgehen als weise Vorsichtsmaßregel herausgestellt! So behaupten die amtlichen Kreise. Deutschland. Berlin. (Orig.-Corr.) Am 16. November fand in Potsdam die Vereidigung der Rekruten statt. Alle Nichtpreußen und Juden waren schon vorher vereidigt worden und standen während der Vereidigung in den letzten Gliedern ihrer Truppentheile. In seiner Ansprache sagte der deutsche Kaiser: „Wer kein braver Christ ist, der ist kein braver Mann und auch kein braver Preußischer Soldat und kann unter keinen Umständen das erfüllen, was in der preußischen Armee von einem Soldaten verlangt wird." England. London. (Orig.-Corr.) Der Zionismus, die Judenfrage und der Fall Dreyfus beherrschen hier die ganze öffentliche Meinung. Nach den Artikeln Dr. Herzls im „Daily Chronicle" hat wieder Mr. White in der „Pall-Mall-Gazette" das Wort ergriffen, aber er hatte nichts Neues mehr zu sagen. Wir sehen jetzt überhaupt keinen solchen Kampf gegen den Zionismus wie in Deutschland. Selbst diejenigen, die früher die Chowewe-Zion lächerlich gefunden haben, fügten sich in den „neuen Curs" ohne Widerrede. Es gibt hier indifferente Elemente und solche, die nicht begreifen können, warum man überall vom Zionismus spricht, aber auch sie werden von den Erfolgen überrascht. Der „Jewish World" hat auch bei Besprechung des in seinen Spalten erschienenen Artikels über Galizien von Dr. Landau auf die Situation in Galizien als auf einen Zielpunkt der Zionisten hingewiesen, denn diese „Zielpunkte", ob in der Politik, ob im Sport gehören zur Dmkmethode der Engländer. Die Telegramme der hiesigen Morgenblätter über den Bankartikel der „Welt" haben hier tiefen Eindruck auf die Zionisten gemacht. Die Schekelsammlung hat noch nicht begonnen, da noch immer die Vorbereitungen hiezu getroffen werden. Insbesondere soll derselbe in einem Betrage, als wie in Basel beschlossen wurde, eingehoben werden, damit ein voller Shilling dem Actions-Comite abgeführt werden könne. Zahnarzt Dr. I. Luchs I., Nothenthrrrmstratze 31 ordiniert täglich von 9 bis 5 Uhr. Honorar inäHig. Vereinsnachrichten. Wien. Samstag, den 27. November 1897, findet im Festsaale der Wiener Ressource, I. Neichsrathsstraße 3, die Gründungsfeier der „Jüdisch-nationalen Vereinigung" statt. Der bekannte Schriftsteller Herr Mathias Ach er wird an dieftm Abend über das Thema „Wissenschaft und Zionismus" sprechen. Wien. Die akademische Verbindung /,8ifc<W0tti<*/' feierte am 13. d. M. den Beginn ihres VII. Semesters mit einem Commerse, zu dem Vertreter der akademischen Verbindungen sowie des Einzelvereines „Zion" und des „Theologenvereines" in Wien nebst zahlreichen Freunden dar Verbindung erschienen waren. Der Müdchenverein „gafeaflto" war säst vollzählig erschienen. Nach der Eröffnung und Begrüßung durch das Präsidium, eanä. meä. vet. Siegsried L e e b, hielt meä. Oscar Rosenberger die Tcndenzrede, worauf der alte Herr der Verbindung, Thicrarzt I. W o h l m u t h, die neuen Mitglieder recipierte. Hierauf sprach im Namen der letzteren 8tuä. edeiu. Richard Silberb e r g e r den Dank für die Reception aus. 8tuä. teelm. N e u m a n n hielt einen Toast auf die anwesenden Verbindungen und Gäste. Wien. Einzelverein In der am 23. November abgehaltenen Vercinsversammlung besprach Dr. S. Liebreich die Vorgänge in der Aula. Ein seltsamer Zufall habe es so gefügt, dass an demselben Samstag, an dem die Studentendemonstrationen stattfanden, „Uriel Acosta" aufgeführt wurde. Im „Uriel" und in der Aula haben Jyden gegen das Apostatenthum in gerechtem Unwillen Einspruch erheben. Dr. Liebreich resümierte zum Schluffe seiner Rede: Das Vergehen der jüdischen Schönerianer verdient Mißbilligung, die Aufwallung der zionisttschen Studenten und der Ausdruck ihrer Entrüstung entspringt Motiven, denen kein guter Jude seine Zustimmung versagen dgrf. Im gleichen Sinne sprach Dr. Kahn. Siegsrred Rosen bäum erörtert als Vertreter der zionistischen Jugend in ausführlicher Weise dije Gründe, die für die zionistische Studentenschaft maßgebend waren. Verein „Hadaffa". In diesem Verein jüdischer Mädchen hielt Herr Dr. S. R. Landau einen intereffanten Vortrag über ein neues Theaterstück „Malta Schwarzenkopf" und erntete den wärmsten Beifall. Der nächste Vortragsnachmitiag des Vereines findet Sonntag den 28. d. M., präcise 4 Uhr, im Sitzungssaale der Cultusgemeinde statt. Gäste herzlich willkommen! Lemberg. Für die Reste des jüdischen Volkes, die das Zionslied nicht verachten, schrieb der letzte Barde der hebräischen Dichtung seine Lieder. Als er starb, da musste ein brennender Schmerz seine Seele bedrücken; unverstanden, verlassen gicng er dahin, der letzte Dichter der todten Sprache eines todtgesagten Volkes. Vielleicht durchzuckte auch seine Brust eine stille, verstohlene Hoffnung, dass sein Lebenswerk nicht so gävz zwecklos war, dass vielleicht aus den Ruinen wieder ein neues Lebei erblühen wird.; nd die Ruinen regen sich; es blüht und sprosst im verfallenen Trümm rhaufen des Hauses Israel. Und die, welche die Trümmer wegraumen und das Haus wieder wohnlich gestalten wollen, lesen mit fürsorglich r Hand die staubbedeckten Schätze auf, laben an ihnen den Blick und das Herz und erschauern in froher Zukunftshoffnung. ' Dem letzten jüdischen Dichter galt die vom Lemberger Verein „Z i o n" am 6. d. M. veranstaltete Feier. Nach einleitenden Worten des Herrn B i k e l e s vernahmen wir die harmonischen Laute der althebräischen Sprache. Herrlich dahinrollend, bald elegisch zitternd, bald iw stummer Resignation ersterbend, bald in kühnem Trotz emporflämmend flössen Jehuda Leib GovdouS Gedichte aus dem Munde eines jungen Mädchens. :< Herr Schiller schilderte den Lebenslauf des Dichters. Unscheinbar war dieses Leben, bescheiden . . . Grau in Grau. Jehuda Leib Gordon war im Jahre 1830 geboren. Ein Sohn jener Halbjuden, die sich Maskilim nannten, die in die europäische Cultur hineinlugten, ohne sich zu getrauen, einen herzhaften Sprung zu machen. Er wurde Lehrer in Poniewez, hierauf Beamter eines jüdischen Vereines in Petersburg. Ex gerieth in den Verdacht des Nihilismus und wurde nach Tiefrussland verbannt. Das Leben des Dichters war gebrochen. Er starb im Jahre 1892. Jehuda Leib Gordon hat das Nachempfinden, das Nachdichten nach fremden Motiven nie verstanden. Er steckte ganz im Judenthum, und aus der jüdischen Muttererde schöpfte er seine Nahrung, aus dem Judenthum seine Motive. Deswegen war er aber auch ein echt nationaler Dichter, ein Erbe des Jcsaias, Jeremias, Jehuda Ha Levy, Mosche Chaim Luzatto, der letzte ursprünglich hebräische Dichter. Und seine Dichtung ist typisch, hebräisch. Sie ist nicht sinnlich, anthropomorphystisch. Sie ist vergeistigt, metaphysisch, göttlich. Sie ist großartig wie eitt Hymnus, ein Dithyrambus. Seine Lyrik ist abstract, seine Geliebte ist ihm ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele, denn er kann es nicht fassen, dass seine Herzensauserwählte sterben könne für immer. Seine Epik bewegt sich auf jenen unermesslichen Gefilden, die vom Libanon über Spaniens Tragödie in das russische Ghetto führen. Ein trauriges Bild bieten seine Epen; Verwilderung der Feinde, Niedergang, das schreckliche Sterben des Volkes; über diesem Sumpf leuchtet jedoch hell der Stern jüdischer Standhaftigkeit und jüdischer Treue. Und als herrliche Priesterin wallet die jüdische Frau. Der Epiker des Judenschmerzes ist dahin. Neue Dichter sind gekommen, doch sie sind nicht mehr die Söhne des Psalmisten. Sie singen arische Gefühle, fremde Freude und fremden Schmerz. Und doch läuft das jüdische Trauerspiel überall inß allen Straßen herum, und man braucht es nur mit den Händen zu greifen und auf die Bühne hinaufzuführen! Oder getraut sich vielleicht keiner an die Majestät des Judenelends Hand anzulegen? vr. M. Lemberg. Im hiesigen Verein „Syou" haben sich eine „akademische Lesehalle" und ein Mädchenverein mit zionistischem Programm gebildet. Verein „Zion" in Czernowitz. Sonntag den 14. November fand in der jüdischen Volksschule die II. ordentliche Generalversammlung des Vereines „Zion" in Czernowitz statt. Der Verein zählt 600 Mitglieder — nach kaum einjährigem Bestände. Die Einnahmen des Vereines betrugen in diesem Jahre 1047 fl. Vereinsmitglied Dr. Mayer Ebner referierte über das Arbeitsprogramm für das Jahr 1898.

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