Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Wien
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Sette 13. Nr. 3-. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. K o k e s ch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, I., Singerstratze SS, zu senden. Wien. Als es hieß, ein Congress der Zionisten werde stattfinden, da war eine Unzahl von Zungen und Federn thätig, um das werdende Werk zu verkleinern, um der ersten jüdischen Nationalversammlung jeglichen Ernst und Wert abzusprechen. Die Gegner des Zioursmus sahen ein ungebautes Haus und lachten. Als die großen Argumente der drei Baseler Tage die Zweifler und Spötter ad absurdum geführt hatten, da blieb doch schließlich für die Gegner noch ein Nothausgang übrig: Ein Erfolg, jawohl, aber ein Momentanerfolg. Mehr ein Effect, als ein Erfolg. Die Gegner sprachen sich gegenseitig Muth zu, der eine warnte den andern vor Ueberschätzung der Baseler Weltkundgebung. Das Haus war schon fertig, und die Antizionisten zwangen sich zu einem Lächeln. Und jene fatale Ahnung hat Recht behalten. Aber am 6. November haben die drei Basler- Tage wiederum ein starkes Argument ihres Ernstes und ihrer eindringlichen Wirksamkeit ans Licht gefördert — den Anschluss der mächtigen englischen Chowewe-Zion an die Bewegung, die in Basel aus der theoretischen Existenz eines Bücherdaseins in das wirkliche Leben übertragen wurde. Der Beschluss der englischen Chowewe-Zion vom 6. Novemberbesagt ausdrücklich.- „die Versammlung der Headquarterstent spricht den Beschlüssen des Baseler Congresses ihre herzliche Anerkennung aus und erklärt sich bereit, an den Arbeiten der Wiener Zionistenorganisarion theilzunehmen." Dieser Entschluss der englischen Zionisten gewinnt dadurch ungemein an Wert, dass er einige Mönche nach dem Congress gefasst wurde. Die englischen Zionimn haben sich eine Bedenkfrist gelassen, sie sind reiflich mit sich zurathe gegangen, sie haben lange Zeit gehabt, das pro und eoutra von allen Seiten zu betrachten, und das Resultat ihrer gründlichen Erwägung war ein entschiedenes „pro." Damit ist den Gegnern unserer Bewegung die Erklärung entwunden, dass der Beschluss der englischen Chowewe Zion unter dem frischen, berauschenden Eindrücke des Congresses entstanden, dass das klare Urtheil der englischen Zionisten durch den Taumel des Congresses getrübt worden sei. Für unsere Bewegung bedeutet der Beschluss vom 6. November eine bedeutende Förderung. Der Kräftezufluss ist ein großer. Die englischen Zionisten sind energische, tüchtige Männer, die ihre Fähigkeiten schon oft im Dienste des Judenthums zur Genüge bewiesen haben. Sie werden, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst unserer Bewegung stellen, das Tempo, mit dem wir unserem Ziel zusteuern, doppelt beschleunigen. Wien. Zu den beliebtesten Einwänden, die man dem Zionismus macht, gehört auch der, der Zionismus sei eine reine Studentenbewegung. Und doch hat die jüdische Studentenschaft nichts anderes gethan, al.r dass sie sich selbstlos in den Dienst der zionistischen Propaganda geit.llt hat. Nun entstehen in Wien und in der Provinz zionistische Bereinigungen, die durchgehends aus Geschäftsleuten bestehen. Sonntag den 14. d. M. fand eine Versammlung von Kaufteuten und Handelsgch'.lfen im Gasthaus Bresnitz statt. Nach einer längeren Debatte, an der sich die Herren S. Dickstein und Dreßler betheiligten, wurde der. Beschluß gefasst, den Verein „Achdus" auf zionistische Grundlage zu t eilen. Der Verein schloss sich der zionistischen Organisation an. Drmknerg. Im Rahmen der Lemberger zionistischen Organisation hat sich unter dem Namen „Zionistisch-akademische Lesehalle" eine Vereinigung jüdischer Studenten gebildet. Der neue Verein bezweckt die theoretische Ausbildung des Zionismus und die Förderung aller Arbeiten auf dem Gebiete der Judaistik. Dem Ausschüsse gehören die Herren Dr. A. W a l d m a n n, iur. Wind, edem. S z t e n z e l, lur. D o g i l e w s k i und iur. Löwenherz an. Wolomrs. 'Nicht nur in Wien treibt man Obstruction, man kennt sie auch im Hauptorte Podoliens, in Kolomea. Für den 6. November war eine Versammlung der Zionisten einberufen. Diese wurde aber von den Socialisten gesprengt; sie setzten, obwohl in der Minorität, ihren Präsidenten mit Geschrei und Lärmen durch, stellten dann als echte Kümpser für die Redefreiheit den Antrag auf Verkürzung der Redefnst und machten schliesslich auf Commando einen derartigen Spectakel, dass die Zionisten die Versammlung verließen. Die Socialisten haben uns aber damit unwillkürlich einen Dienst erwiesen. Sie haben dem Zionismus neue Freunde zugeführt. Viele, die unsere Bewegung gleichgiltig ansahen, bekannten sich nun öffentlich zum Zionismus. — Am 13. November fand hier auf Grund § 2 eine zweite Versammlung der Zionisten statt. Einige hundert Gäste hatten sich eingefunden. Unter den Anwesenden konnte man auch Ruthenen bemerken, die hier eine hervorragende Stellung einnehmen. Auch die Anführer der Socialisten erschienen, aber ohne Gefolge. Einstimmig wurde der Einberufer, Herr D r. Zipfer zum Vorsitzenden gewählt. Dr. Rosenheck referirte über den Zionismus. Der Redner definierte den Zionismus und begründete ihn mit der Lage des jüdischen Volkes. Derselbe gibt sich der Hoffnung hin, dass alle Feinde in absehbarer Zeit die Fruchtlosigkeit ihrer Meinungen und Bestrebungen einsehen und sich in Zion wie Brüder mit Brüdern zum Wohle ihres Volkes vereinigen werden. Hierauf besprach Herr Löbel Taubes das Bedürfnis der Einigkeit unter den Juden. Er fordert die Anwesenden auf, unsere gute Sache geistig und materiell zu unterstützen, damit das Ziel erreicht werde, ein unglückliches Volk zu erlösen. Wimpolung. Samstag den 20. d. M. fand die constttuierende Versammlung des neu gegründeten Vereines „Zion" statt. Dieser wird im Vereine mit den bereits in der Bukowina bestehenden ZionSgruppen eine energische Agitation entfalten und im Sinne der Baseler Beschlüsse in allen Städten zionistische Ortsgruppen gründen, Dem Ausschüsse des Vereines gehören die Herren Dr. L. Z a l o s c e r, Ch. R o s n e r, A. Rauchwerger, L. Kranzdorf, I. Harth, Dr. I. M e h lmann, G. Storfer und Dr. C. Blum an. Vrrltn. Es ist sehr bedauerlich, dass von Herrn W. Bambus sein Amt als Schriftführer des Vereins „Efra" dazu benutztwird, um seine Quertreibereien gegen den Zionismus, zu dem er selber sich früher bekannte, fortzusetzen. So schreibt Herr Bambus in der antizionifrischen ^Allgemeinen Zeitung des Judentums" der Herren Masse und Karpeles: ,!Diese Erfolge des „Esra" zeigen, was auch mit kleinen Mitteln erreicht werden kann, ohne dass man sich dabei auf das Gebiet der hohen Politik des Zionismus eiuzulassen braucht." Aber Herr Bambus hat in seiner Eigenschaft als Schriftführer des „Esra" noch mehr geihan, üm den bösen Zionismus aus der Welt zu schaffen. Er hat ein Rundschreiben an alle Rabbiner in Deutschland erlaffen, in denen er gleichfalls „die kühnen und unausführbaren Pläne" der Zionisten angreift, indem er ganz einfach die Gelegenheit vom Zaun bricht, um im Namen des Central-Comiiös zu schreiben, wogegen der größere Theil desselben, wenn er von diesen Briefen wüsste, entrüstet protestieren würde. Wenn Aerr Bambus so weiter fortwurstelt, so dürfte seine Absicht mit der Zeit schon gelingen, die Zionisten, deren thätiger Arbeit allein der „Äsra" seine Größe verdankt, in ihrer Arbeit für den Verein in jeder Weise zu hemmen. Wie lange wird ihm Herr Dorn als Vorsitzender das noch durchgehen lassen? vr. 8. L. ]• Nltorm. „Jüdische Arbeit im heiligen Lande" lautete das Tbema, über das Herr Dr. Heinrich L o e w e aus Jaffa unter großem Beifall iü dem Saale der „Tonhalle" am 12. November einen Bortrag hielt. Die glänzenden Ausführungen des bekannten zionistischen Agiiators zeigten, wie die Judenfrage, deren Schärfe sich im Verhältnis zur jeweiligen Zahl der Juden in den verschiedenen Ländern correlat verhielte, nur durch eine rationelle, große Colonisarion Palästinas, durch eine Wiederbelebung hebräischer Cultur und Sprache gelöst werden könnte. Die Versammlung folgte mit gespannter Aufmerksamkeit den Wanderungen durch die Colonien und dem Gange historischer Entnsicklung der alten, neugewordenen Zionisten. Obwohl Herr Dr. Loewe nicht direct zum Anschluss an die bestehende Colonisationsorganisation aüfforderte, traten doch sehr zahlreiche Herren dem „E sr a" mit namhaften Jahresbeiträgen bei, um ihr neugewecktes Interesse auch zu betätigen. Die Thätigkeit des Herrn Dr. Loewe hier im Norden zeigt, wie man conform mit den schon bestehenden Colonisationsvereinen für die große, auf rechtlicher Basis beruhende Colonisation thätig sein kann, um nationale Gesinnung in weitesten Kreisen neu zu beleben. Kopenhagen. Herr Dr. Heinrich Loewe aus Jaffa hielt am 9! November vor einer zahlreichen Versammlung im „Casino" einen niftt Begeisterung aufgenommeuen Vortrag über die jüdischen Ackerbauer ist Palästina zugunsten der Joedisk Forming for Palaestinas Colonisation. Alle hiesigen politischen Zeitungen brachten günstige und begeisterte Artikel über diesen Bortrag, zu dem nicht nur Juden, sondern auch viele Dänen, besonders aus akademischen Kreisen, erschienen waren, so der Lektor magnificus hiesiger Universität. Nur das Judenblatt „Politiken" brachte einen hämischen Artikel „Zionisten i Kjöbenhavu“, der aber nicht verhinderte, dass zahlreiche Zuhörer der zionistischen Organisation sich anschlossen. Herr Dr. Loewe musste auch das Versprechen geben, vor seiner Rückkehr nach Palästina noch einen zweiten Vortrag zu halten. , Verlad (Rumänien). Der hier im August l. I. gegründete Zionisten-Verein „Max Nord au" hat bis jetzt erfreuliche Fortschritte geinacht und zählt bereits 120 Mitglieder, deren Mehrheit der Intelligenz angehört. Um die Einnahmen des Vereines zu vergrößern, haben die Mitglieder sich eine freiwillige Consumsteuer auferlegt. Fleisch, Brod, Petroleum werden bei den betreffenden Kaufleuten, die im Besitze von Blockzetteln des Vereines „Max Nordau" sind, gekauft und um zwei, resp. ein Bani per Kilo mehr bezahlt, die dem Vereine abgHiefert werden. Seit dem Bestände des Vereines hat diese freiwillige Cönsumsteuer eine beträchtliche Summe eingebracht. („Hajoetz".) Warschau. Die zionistische Bewegung macht auch bei uns sehr erfreuliche Fortschritte trotz der verleumderischen Gerüchte, die sich hiesige jüdische Individuen bemüht haben, in der polnischen Presse über den Zionismus zu verbreiten. Wie allerorts, ist auch hier das Volk vom Erlösungsgedanken beseelt und hegt den einzigen Wunsch, ein neues Leben, ein natürliches menschenwürdiges Dasein zu beginnen. Es kopnnen selten zwei Juden zusammen, ohne über Zionismus zu sprechen. Besonders ist es die Intelligenz, bei der die Wirkung des Baseler Congreffes eine unauslöschliche ist. Die Jugend, die bisher von den Liedern deb Assimilation gleichsam eingelullt war, erwachte wie aus einem tiefen Schlummer, sobald jener gehässige Judenlärm sich in diese Melodien mischte, der es ihr nachdrücklich ans Herz legte, dass sie unter Ariern frtzmd sei. Am 13. d. M. fand hier eine große Zionisten-Versammlung staft, in welcher der hiesige Delegirte über die Ergebnisse des Baseler Congresses Bericht erstattete. Die. Begeisterung, welche dieses Referat