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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Der schlaue Dr. Stransky
Date
1897-11-26
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr 26. Seite 11. von Ihnen Genugthuung zu schaffen." Sprachs und verzichtete auf die Rehabilitierung seiner überlegenen Jungtschechenehre. Aber der Jungtschechenclub erklärte sich diesmal nicht so solidarisch mit Stransky, wie bei der Beurheilung der Rabbinerehre, und nöthigte ihn, die Sache von der „ritterlichen" Seite aufzufassen, was auch durch Vermittlung der Vertreter geschehen sein soll. Die Magyarisievungsmanie. Ein Meisterstücklein auf diesem Gebiete leistete der. „Pester Lloydim Abendblatt vom 10. November. Er erzählt von einem stadtbekannten Pester Krüppel, welcher jahrelang die Zielscheibe des Gassenjungenhohnes war, bis er endlich jetzt im Elisabeth-Armenhause sein gehetztes Dasein beendete. Im „Pester Lloyd" heißt der jüdische Krüppel „Schmilezer". Im „Neuen Pester Journal" dagegen ekttprrppt sich „Schmilezer" vor dem erstaunten Auge des Lesers als „Schmül-Leser". Eigentlich hieß „Schmilezer-Schmül-Leser" mit seinem ursprünglichen Namen Samuel Eleazar Löwy. Der Jude auf dem Stephansdom. Die Wiener antisemitische Hetze nimmt immer wahnsinnigere Formen an. In der Gemeinderathssitzung vom 17. November überreichten Gem.-Rath P u r s ch t und Genossen eine Interpellation betreffs eines Reclamebildes, das von einer jüdischen Schuhwarenniederlage in liberalen Blättern veröffentlicht worden sei. Das Bild stellte den von einer großen Menschenmenge umdrängten Stephansthuxm dar, auf dessen Spitze unmittelbar unter der Kreuzblume ein Jude, offenbar der Chef der Reclamefirma, sitze und aus einem Korbe Schuhwaaren auf die Leute ausstreue, die begeistert den von oben kommenden Segen auffangen. Durch dieses Bild werde nicht nur die Wiener Bevölkerung als so thöricht hingestellt, als ob sie sich um die jüdischen Erzeugnisse reiße und zu dem jüdischen Geschäftsmann gleichsam mit Verzückung emporblicke, sondern es werde dadurch auch die religiöse Bedeutung des Thurmes aufs Gröblichste verunglimpft. Die Gefertigten stellen daher an den Bürgermeister die Anfrage: 1. Ist derselbe geneigt, gegen die erwähnte Beschimpfung der Wiener Bevölkerung Verwahrung einzulegen? 2. Ist der Herr Bürgermeister geneigt, die geeigneten Schritte zu thun, um die staatlichen und kirchlichen Behörden zu Maßregeln gegen die erwähnten Beleidigungen der christlichen Kirche zu veranlassen? Die antisemitische Sprudelstadt. Der Führer der Karlsbader Juden, Dr. Fleischer, hat vor kurzem sein Mandat .als Stadtrath niedergelegt. In der Sitzung der Stadtverordneten vom 6. November erklärte er, dass ihn hauptsächlich die Gründung des Karlsbader antisemitischen deutschen Vereines und die antisemitische Metamorphose des deutschen Turnvereins zur Demission bewogen habe. Dem Consortium antisemitischer Curorte hat sich auch Meran angeschlossen. Die „Kreuzzeitung" schreibt: „Wie es scheint, wenden sich im Herbste die galizischen Curgäste, die sonst Karlsbad und andere böhmische Bäder unsicher machen, nach Meran, denn der dortige Curvorstand hat kürzlich folgende Kundmachung erlaffen: „Zur Beachtung! Das Betreten der Promenadeanlagen und des Curhauses ist nur in hier üblicher moderner, reinlicher Kleidung und mit gepflegtem Kopf- und Barthaar gestattet." Berliner Antisemitismus. Montag, 15. November ist in Berlin der „Deutsche Antisemitenbund" ins Leben getreten. Das einleitende Referat bei der Gründungsfeier hielt der sqttsam bekannte Antisemit Wilhelm Kretzer. Die weiteren Rednerbegründeten die Nothwendigkeit des Bundes. Der antisemitische „Wahlverein Berlin" sei in den letzten Jahren nur matt heryorgetreten. Damit neues Leben in die antisemitische Bewegung komme, müsse ein neues Centrum geschaffen werden, der „Deutsche Antisemitenbund". Die Hauptsache sei die Einberufung vieler politischer Versammlungen, damit das Volk wahrheitsgemäß von deutschen Männern über die Zwecke und Ziele der antisemitischen Bewegung aufgeklärt werde. Ein „infieierter" Club. Im sogenannten Millionär-Club in Berlin war es kürzlich, wie schon berichtet wurde, zu peinlichen Auftritten gekommen, weil ein Mitglied, der Rittergutsbesitzer Spieckermann, auf seinem Gute eine Tafel mit der Inschrift: „Juden ist der Eintritt verboten!" angebracht hatte. Herr Spieckermann hat nun an den Club ein Schreiben gerichtet, worin er erklärt, er habe unter „Juden" nicht die reichen Juden, sondern die a rm en H a u s i e r e r gemeint, die auf dem Gute ihre Waren auzubringen suchen. Er begreife daher die Aufregung der Clubmitglieder nicht. Die Tafel ist inzwischen entfernt worden. Ein Spinozamuseum. In Holland hat sich ein Verein gebildet „het Spinozahnis“, der sich die Errichtung eines Spinözamuseums zur Aufgabe gemacht hat. Es ist bereits das Haus in Rynsburg, wo nach der Ueberlieferung Spinoza gewohnt hat, angekauft worden. Rynsburg ist von Amsterdam in ungefähr Vier- Stunden zu erreichen. Man hat jetzt'vor, in Holland wie im Auslande Beiträge zur würdigen Ausstattung des Museums zu sammeln. Im Museum sollen die Werke Spinozas sammt Übersetzung, sowie eine möglichst vollständige Spinozaliteratur untergebracht werden, so dass Spinozaforscher dort ihr Studium bequem und ausgiebig betreiben können. Auch das Facsimile der Briefe und die verschiedenen Briefe Spinozas sollen im Museum Aufnahme finden. Französische Heilübrüder. Am 22. November hielten die Pariser antisemitischen Studenten ein Entrüstungsmeeting gegen die Vertheidiger des Dreyfus ab. Ungefähr 1000 Teilnehmer hatten sich eingefunden. Abg. Graf Hugues verlas mehrere Protestkundgebungen und mehrere Redner sprachen über die Judenfrage. Die Versammlung nahm eine Resolution an, die die Ausschließung der Juden aus dem Heere und allen öffentlichen Aemtern energisch befürwortet. Das Einwanderungsverbot in Amerika dürfte schon in der nächsten Wintersaison Gesetz werden. Es enthält unteranderem die Bestimmung, dass alle Einwanderer über 16 Jahre fünf Zeilen der Constitution lesen und schreiben müssen, ehe sie ans Land gelassen werden. Diese Bestimmung kehrt ihre Spitze direct gegen die russischen und galizischen Einwanderer, denen auf diese Weise eine Einwanderung kurzweg unmöglich gemacht würde. Ein Modell des Thurmes von Babel ist, wie aus Washington gemeldet wird, gegenwärtig dort im Nationalmuseum ausgestellt. Es gründet sich auf Forschungen und Untersuchungen des englischen Ingenieurs Sir Henry Rawlinson. Nach der Ansicht dieses Gelehrten hatte der Thurm von Babel an seincm Grunde ein Geviert von 272 Fuß und eine Höhe von 176 Fuß. Modernen Ingenieuren würde ein solches Bauwerk ein Spiel sein. Die argentinischen Colonien. Der Bericht des argentinischen Einwanderungsdepartements enthält einige interessante Ausführungen über die jüdischen Colonien. Die leider sehrungünstig ausgefallene Ernte ergab für 25.553 Hektar nur 3,257.617 Kilo Weizen, d. h. per Hektar 120 Kilo. Selbst Mauricio, diejenige Colonie, die die beste Ernte lieferte, ergab nur 500 Kilo per Hektar. Von den im Besitz der 14 jüdischen Colonien befindlichen 126.862 Hektar sind nur 25.553 bebaut worden. Infolge des ungünstigen Ernteergebnisses sind 45 Familien wieder nach Russland zurückgekchrt und 230 Colonisten sind nach den Städten Argentiniens übersiedelt. Jüdische Hochzeitsbräuche in Tunis. In der „Illustrierten Zeitung" schildert Richard Fuchs den Hochzeitszug einerreichen Jüdin in Tunis: „Eine vornehme Jüdin aus einer der reichsten Familien in Tunis wird ihrem Bräutigam zugeführt, der in dem neueingerichteten Heim, wohin der kostbare Brautschatz auf vielen Wagen und Eseln bereits am Vormittag gebracht worden ist, der Erwählten harrt. Die Aruhßa (Braut) schreitet, geführt von einer älteren Freundin unter dem Kib, dem gelbweißen, schwerseidenen Baldachin, dahin. Der Haik, der lange, kostbare Schleier, fein wie Spinngewebe, umgibt die jugendliche Gestalt, die das Costüm der tunesischen Jüdin trägt, das kurze Obergewand, das ein Halbmieder bedeckt, und die enganliegenden Beinkleider. Das ganze Costüm ist in den buntesten Farben gehalten und reich mit Gold und Perlen bestickt. Die Braut trägt überdies an Gold- und Perlenschmuck, Diamanten und anderen Edelsteinen, ein Vermögen mit sich, dessen Höhe bei der Verlobung ebenso genau bemessen worden ist, wie der ins Haus gebrachte Brautschatz. Hinter der Braut schreitet der Kissenträger, der ein goldgesticktes Purpurkissen hochhält, an das die Braut den Kopf lehnt. Neben ihm trägt ein jugendlicher Verwandter einen Stuhl, auf dem die Braut von Zeit zu Zeit sich niederlässt, damit alle sie anstaunen und bewundern können. Zur Seite schreiten Verwandte, die noch verschiedene kostbare Geschenke überbringen, darunter den siebenarmigen Leuchter. Soldaten begleiten den Festzug, um etwaige Störungen oder gar einen Ueberfall zu verhüten, bei dem angesichts des fürstlichen Schmuckes der Braut und der Brautjungfrauen gute Beute zu machen wäre. Vorne und seitwärts drängt sich die Jugend, die mit Halloh und Heidih die Trommler und Pfeifer begleitet, die in schriller Weise aufspielen. Langsam und feierlich zieht der Festzug vorüber, ein überaus buntfarbiges Bild, magisch von Fackeln beleuchtet, am dunklen Himmel der zunehmende Mond, das Zeichen der Fruchtbarkeit, der stille Freund der Liebenden. Ferner und ferner verhallen die uralten Sänge der Hochzeitsgäste, das taktmäßige Händeklatschen und das schrille Freudengeschrei der Frauen,5 die mit langgezogenem „Lililili" der Braut zujubeln, die ihrem Heim zu'schreitet, begleitet von den Segenswünjchen der ganzen Gemeinde."

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