Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Ein Zionsabend in Berlin
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte 10. Hetzer Nr. 26. Ja das Geld, es ist in Berlin bei vielen Juden nichts Anderes als die Stufenleiter zum — Taufbecken. Wenn in diesen Familien ein Knabe zur Welt kommt, dann überlegt man nicht lange — er wird Protestant. Die Mädchen bleiben jüdisch, sozusagen. Man weiß noch nicht, ob ihr Mann lutherisch, helvetisch oder anglikanisch sein wird und man will das lästige Umtaufen ersparen, denn schließlich — am Ende muss sie knapp vor Thoxschluss doch einen Juden nehmen. Einzelne Familien treten auch zum Katholicismus über — weil die protestantische Kirche ihnpn schon zu stark verjudet ist.-So unser Freund. Mit einemmale gefiel es mir nicht mehr am Hausvogteiplatz und Umgebung. Mir graute vor der Confection und vor allen anderen Branchen, die den Juden das Geld liefern, mit dem man christliche Schwiegersöhne kaust. Ein Gefühl der Leere und der Scham stieg in mir auf, dann ganz plötzlich tue Sehnsucht nach Herrn Doctor Vogelstein ans Stettin. Nicht, dass ich gehofft hätte, er werde mir eine vernünftige Antwort wissen auf die vielen Fragen, die mich anfielen -7auch mit Borwürfen wollte ich ihn nicht belästigen, er ist ja niHt allein am Verfall des jüdischen Bewusstseins schuld — datm lebt er doch in Stettin, was geht ihn Berlin an? Und wenn es ihn nichts angeht, warum kommt er hierher um einen Vortrag gegen den Zionismus zu hallen? Das wollte ich ihn fragen. Und von der Confectionsbranche und von den anderen, die noch schlimmer sind, wollte ich ihm erzählen. Von dem Aufstieg zur Taufe, der als idealer Zug durch das Judenthum Berlins geht. Dann noch ein Wenig von dem Elend unserer Brüder in Russland, die ich einige Tage zuvor besucht hatte und deren Schmerzen noch in meiner Seele brannten, deren Leid noch in meinem Herzen zuckte. Aber man konnte mit dem Herrn Rabbiner von Stettin nicht reden, man sollte ihn nur hören — jede Discussion war untersagt. Die Mehrzahl der Hörer aber im Hotel Armin, Unter den Linden, waren Zionisten, alte Herren und junge Doktoren, sowie stramme akademische Bürger. Sie wollten den Zionismus und seine Führer nicht ohne Widerspruch heruntermachen lassen, sie verlangten das Recht der Discussion, man gestaltete ihnen blos — den Saal zu verlassen. Sie blieben aus Trotz. Was dann folgte — es war nicht schön, nicht die Melodie der Rede, noch weniger die Harmonie der Begleitung. Wagte der Herr Rabbiner einen Ausfall aus die Zionisten, dann zischte ihn die Majorität nieder, sprach er von Zion, applaudierte man ihn müde und erwähnte er unseres Führers Dr. Herzl, dann konrite er infolge der begeisterten Zurufe minutenlang nicht zu WoÜe kommen. Soweit verlief die Versammlung, unter Assistenz einiger possierlicher Herren, die das Bureau bildeten, ganz amüsant, aber dann begieng der Herr Dr. Vogelstein aus Stettin in Pommern einen großen Fehler — er prophezeihte uns, den Zionisten — dass wir alle enttäuscht durch den Zionismus vom Judenthum abfallen könnten. Wir lachten nicht — trotzdein das im Berlin der Assimilation gesagt wurde. Sie sprangen auf die Füße unserer jungen Heißsprorne, sie trappelten, klopften, sie johlten vor Zorn und Entrüstung und wollten den Herrn aus Stettin in Pommern nicht weiter sprechen lassen. Die possierlichen Herrchen des Bureaus eilten von der Tribüne üm zu beruhigen, zu drohen, ja mit der Polizei zu drohen — es half nichts — man verstand kein Wort mehr. So kam Herr Dr. Vogelstein aus Stettin um seinen Erfolg und ich um meine Rede über die Confectionsbranche und über die Anderen, die noch schlimmer sind. 1 Ich war in diese Versammlung mit einer sehr bekannten Berliner Schriftstellerin gekommen. Sie sagte: „Ich begreife nicht, wie ein Rabbirur gegen den Zionismus als Wanderprediger auftreten kann, wir haben doch auch in Berlin Rabbiner!" Und ein anderer bekannter Schriftsteller, der heute noch im gegnerischen Lager steht, sagte: „Dereinst wird es nur zweierlei Juden geben, getaufte undZionisteU." Wo droht demnach die Gefahr des Abfalles Herr Dr. Vogelstein? _ Y. St., Tribüne. I Diejenigen Herren Collegen, derzeitige oder ehemalige Hörer jedwelcher Hochschule, welche für die zionistische Bewegung unter den Akademikern ein Interesse hegen und der „zionistischen akademischen Lesehalle" in Lemberg als correspondierende Mitglieder angehören wollen, mögen sich an den Unterzeichneten wenden und ihn davon verständigen. Für d. Ausschuss d. „zion. akad. Lesehalle" Refer.: L. Szt e n c e l, 8tuä. ehern. Adresse f. Correspond.: Lemberg, Krasickichgaffe 9. Weltchronik. Die Juden als Ackerbauer. Der russische Statistiker Gr uzenberg gibt uns in seinem jüngst erschienenen Buche folgende Daten über die Verwendung von Juden in der Landwirtschaft : Im ganzen russischen Reiche sind als Ackerbauer 96.930 Juden thätig, und zwar: Im Gouvernement Cherson 19.419 „ „ Jekaterinoslaw 7.849 „ Wilno 3.932 n Witebsk 1.648 „ Wolyn 6.548 „ „ Grodno 2.752 Kiew 15.960 Kowno 4.954 Minsk 7.946 tr „ Mohilew 4.500 tr „ Podolien 18.822 „ „ Bessarabien 2.100 „ „ Plock 500. Außerdem finden bei den verschiedenen Tabakpflanzungen, Weinbergen und Obstgärten noch 10.274 Juden Verwendung. O, diese faulen Juden! Wollen die Juden arbeiten? Bei einem Neubau in Uhnow (Galizien) stürzte der jüdische Maurer Samuel Zucker vom Gerüste und blieb auf der Stelle todt. Unser Ritnalidiom. Wie aus Warschau berichtet wird, ist infolge der Unterhandlungen der römisch-katholischen Ordinariate mit dem russischen Ministerium angeordnet worden, dass die katholische Schuljugend in neun Gouvernements das Schulgebet in lateinischer und nicht mehr in russischer Sprache hersagen soll. Im Weichselgouvernement haben die katholischen Schüler das Gebet in polnischer, die protestantischen in deutscher und die jüdischen in — russischer Sprache zu verrichten. Eine deutschnationale Stimme über die Vorgänge in der Anla. Ein Wiener deutschnationales Organ schreibt: „Wir glauben: wenn schon die jüdischen Studierenden von der „freisinnigen Couleur" so wenig Selbstachtung besitzen, dass sie ihren unversöhnlichen Gegnern, den Deutschnationalen, welche bekanntlich den Juden sammt und sonders die Waffenehre absprachen, bei deutschnationalen Kundgebungen nachlaufen und ungebeten in Dingen mitschreien, die sie einen Schmarrn angehen, so sollten wenigstens die deutschnationalen Studenten den deutschthümelnden Juden einen wohlgemeinten kollegialen Wink geben, sich ihre deutschnationalen Mätzchen, die ja doch nur auf beiden Seiten zu Hohn und Spott herausfordern, endlich einmal zu ersparen. Nicht etwa um ihren Antisemitismus zu rechtfertigen, der gewiss über jeden Verdacht erhaben ist, sondern um den Juden zu zeigen, dass es für sie besser wäre, sie machten der schon von liberalen Deutschen als fad befundenen Narrensposse vom „mosaischen Deutschthum" selber einmal ein Ende." Der schlaue Dr. Stransky. „Judenstämmlinge" werden bekanntlich von stamm:sbewussten Deutschen für minderwertig erklärt, ihre „Ehre" unterscheidet sich wesentlich von der teutonischen Ehre, und in Ehrenaffairen bekommen sie daher von den Deutschen keine Satisfaction.. Aus diesem Anlasse wurden die Wiener jüdischen Studenten, wie erinnerlich, für „satisfactionsunfähig" erklärt, und aus demselben Anlasse wollten sich seinerzeit einige deutschnationale Studenten mit dem christlich-socialen Abgeordneten Gcßmann, der auch auf der schwarzen Liste der „Judenstämmlinge" stand, nicht schlagen. Auch der Abgeordnete Stransky ist „Judenstämmling". Auch seine Ehre participiert an den Vortheilen, die einer Judenstämmlings-Ehre angeboren sind. Aber der schlaue Abgeordnete weiß sich zu helfen. Nur ein Stümper kommt gegen solche Geburtsfehler-Bagatellen nicht auf. Aber der Abgeordnete Stransky, der kein Stümper ist, vertilgt den Geburtsfehler im Handumdrehen von der Erdoberfläche durch ein ganz einfaches Mittel — der Abgeordnete Stransky wird ein wüthender Junglscheche. Und jetzt zeigt seine Ehre eine ganz veränderte Visage. Sie wächst nicht nur im Nu über die Ehre jener Rabbiner hinaus, die vom Jungtschechen Stransky im Parlamente verhöhnt werden, nein, die vom heimatlichen jüdischen Boden losgerissene Ehre erbebt sich sogar mit Riesenschwingen weit, weit empor über das Niveau der teutonischen Ehre, und von der Bogelperspective des Jungtschechenthums blickt sie mit stolzer Verachtung hinab auf die ehemalige schwarz-roth-goldene Drängerin. Das hat sich jüngst im Parlament gezeigt. Der deutsche Abgeordnete Menger hat dem Abgeordneten Stransky eine Beleidigung zugerufen, aber Stransky lächelte höhnisch und rief: „Wenn Sie mir ebenbürtig wären, wüsste ich mir