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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Arbeiter der Colonie Rechoboth (nach einer Photographie)
Date
1897-11-26
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 26. Geile S. Arbeiter der Lolonie Rechobstb. (Nach einer Photographie.) Zwischen Jaffa und Jerusalem, eine halbe Stunde von der Bahnstation Ramleh entfernt, liegt die jüdische Colonie Rechoboth. Das Stück Land, auf dem jetzt die niedlichen Hauser der Ansiedlung stehen, gehörte ursprünglich Herrn C h a n k i aus Jaffa, der den Besitz durch Kauf im Jahre 1890 vom Dorfe Duran erworben hatte. Bald darauf besuchte eine Anzahl von russischen Zionsfreunden, an ihrer Spitze Rabbi Mohilewer, das heilige Land; sie fanden Gefallen an dem hübschen Landstrich und kauften ihn für die Warschauer Actiengesellschaft „Menuchah Wenachalah“ an. Die Genossenschaft übergab die Leitung der Colonie den Herren Lewin Epstein und Goldin. Anfangs gab es einige siedlerfamilien stieg auf vierzig, das sind über zweihundert Seelen, das Land wurde in einen Garten umgewandcl', der mit seiner Viertelmillion Weinstöcken, seinen Tausenden von Mandel-, Müulbeer-, Orangen-, Esrogim- und Citroncnbänmen und seinen Getreidefeldern eine ungemein reiche Ernte lieferte. Die Ansiedlung, die in 65 Anthcile cingctheilt worden war, begann sich in wohlthuender Weise von den umliegenden Ortschaften zu unterscheiden, sie bekam gepflasterte Straßen, die Straßen wurden von Maulbeerallccn eingehegt, bei jedem Hause wurde ein Garten angelegt. Die Pferde, Rinder und das Geflügel zeugen von dem Wohlstand der Bewohner. Rechoboth besitzt eine gute Schule mit hebräischer Schwierigkeiten beim Bau der Häuser, weil die türkische Regierung nicht so ohneweiters den russischen Unterthanen die Ansiedlung gestatten wollte. Dadurch gieng die Erweiterung der Colonie bis zum Jahre 1894 nur langsam vor sich. In diesem Jahre hob die Regierung die Beschränkungen auf, und Rechoboth begann zu blühen. Bald umfasste die Ansiedlung Ländereien in der Ausdehnung von 10.500 Dunam, da neben der Warschauer Gesellschaft sich auch sonst einzelne Privatpersonen am Landankaufe betheiligten. Die Zahl der An- Unterrichtssprache und das Schulgebäude dient zugleich als Gotteshaus. Die Einwohner sind fromme Juden und — gute Zionisten. Sie wissen, warum sie für den Boden Palästinas und eine Rückkehr der Juden nach der alten Heimat schwärmen. Wohin immer sie blicken, auf ihre Kinder, aus die Weinberge, auf die nette Behausung, zurück in die Vergangenheit — überall sehen sie mahnende Zeichen, die zum Anschluss an den Zionismus auffordern. Mn Zionsabend in Berlin. Am Hausvogteiplatz in Berlin und in seinen Nebenstraßen, da hatte ich eine stolze Minute. Haus an Haus, ein Warenhaus am andern, jedes voll prächtiger Hüllen aus Sammt und Seide, Tuch- und Kammgarn, Plüsch und Astrachan mit allerlei künstlichem Zierrath versehen, Jacken, Jaquets, Paletots und Mantelettes in allen Farben, in jeder Größe, zu jedem Preise. Ich sah sie dort in solchen Mengen aufgestappelt, dass mir nicht klar werden wollte, wie denn eine noch so große Stadt genügend Frauen für diese Confectionsschätze beischaffen könnte. Ein branchekundiger Freund aber meinte, dass weder eine Stadt, noch ein Land, ja nicht einmal ein großes Reich imstande wäre, alle diese Gewänder aufzubrauchen, weshalb Berlin mit seiner Confection in die ganze Welt ziehe. Weit über 100 große Häuser betreiben die Massenerzengung dieses Artikels, in dem einzelne Firmen bis zu 20 Millionen Mark jährlich umsetzen. „Und alle diese Hauser sind jüdische", sagte mir mein Cicerone, .„die ganze Branche, in der es kaum einen christlichen Commis Mbt, 'ist jüdisch." i „Nicht etwa aus Exclusivität, o nein. Die christlichen Familien Haben uns ihre Kinder nicht in die Lehre — sie lernten das iFach nicht kennen, so haben wir es aus eigener Kraft weltbecherrschend gemacht." Der Mann sagte es ohne Ueberhebung mit wahrheitsdurchtränkter Ruhe. Und ich ward stolz auf ihn und ituf die Juden in der Confectionsbranche. Dann trat ich m einen dieser Kleiderpaläste, mit dessen ,Herrn ich ins Gespräch kam. Wir sprachen über österreichische Anstände. Er fand sie unleidlich. „Ich habe zwei Schwiegerssöhne in Oesterreich, Offiziere, Christen, sie sind auch gegen idiese Sache". Da meinte er den Antisemitismus, und er fand es wohl sehr nett, dass sie gegen diese Sache sind. Und es ist auch sehr nett von den zwei Herren; sie könnten ja auch für „diese Sache" sein und den Herrn Schwiegervater vor die Thüre setzen. Ach, und die Confectionsbranche ist noch die jüdischeste, die beste, „da ist es sonst viel schlimmer", meinte unser Freund.

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