Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Der Justizirrthum Dreyfus
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315736-3382464--02803-3382594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. jpn#war Nr. 26 denn das ist so recht der Gedankengang der Chauvinisten und Antisemiten. Für diese Leute ist der Franzose ein Wesen, das von Natur aus bestechlich ist, immer bereit, sich an das „internationale Judenthum" zu verkaufen, wenn dieses dafür einen Preis zahlen will. Das waren die Bedingungen, unter denen die Untersuchung ihren Fortgang nahm, und das der öffentliche Druck, unter welchem das Kriegsgericht sein Urtheil schöpfte. „Diese Thatsachen sind nun allen bekannt", sagt Bernard Lazare, „ich habe nichts mehr hinzuzusügen; sie sprechen für sich selbst. Welcher Mensch mit gutem Gewissen wird es nunmehr zu behaupten wagen, dass der Capitain Dreyfus nicht wegen seiner Angehörigkeit zum Judenthum verfolgt, vor die Richter gestellt und verurtheilt wurde? Wer wird es noch wagen zu behaupten, dass ich es bin, der in die Erörterung dieses Falles ein religiöses Moment einsühren wollte, das ihr bisher fremd war? Nicht ich bin es, der sich auf dieses Terrain begeben hat, man hat es mir aufgezwungen." Was hatte man also gegen den Capitain vorzubringen? Noch einmal sei es gesagt: nichts als das Bordereau, nichts als dieses Papier von zweideutiger Provenienz. Dieses Bordereau wurde nacheinander zwei Experten vorgelegt, Herrn Gobert, dem Experten der Bank von Frankreich, und dem Polizeicommissär Bertillon, dem Chef der Abtheilung, die von gerichtswegen die Identität zu prüfen hat. Herr Gobert erklärte, dass der incriminierte Brief auch von einer anderen Person als der verdächtigen herrühren könne. Herr Bertillon erklärte, dass eine und dieselbe Person die ihm vorgelegten Schriftstückegeschrieben habe. Auf Grund dieser beiden einander widersprechenden Gutachten verfügte der Kriegsminister die Verhaftung, des Capitain Dreyfus. Ohne Zögern ließ also der General Merc i e r auf die Meinung eines Experten im Schreibfache hin ejnen Menschen in den Kerker bringen. Hat vielleicht die damalige Conduite des Capitains ein solches Vorgehen gerechtfertigt? Keineswegs. Nichts im Leben des Capitain Dreyfus rechtfertigte auch nur den Schatten eines Verdachtes. Erner ehrenhaften elsässischen Familie aus Mühlhausen entstammend, war er miit 18 Jahren in die polytechnische Schule eingetreten, war einer der ausgezeichnetsten Zöglinge der Kriegsschule, und selbst seine Fejnde konnten ihn nie anders schildern wie als tüchtigen Officier voll Ambition. Er ist auch in geordneten finanziellen Verhältnissen, sogar reich. Er war verheiratet, Vater zweier Kinder und selbst die Anklage musste seine Lebensführung als durchaus regelmäßige bezeichnen. Niemals konnte man ihm verdächtige Beziehungen vorwerfen, eine außergewöhnliche Correspondenz oder geheimnisvolle Gewohnheiten. Bis zum Tage seiner Verhaftung gaö es nichts, das gegen ihn einen Verdacht hätte erwecken können — da genügte das Zeugnis eines geistig nicht sehr normalen Graphologen, um einen Mann in den Kerker zu bringen, dessen Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit unangreifbar waren. Und wie man die öffentliche Meinung gefälscht hatte, so suchte man auch die Richter zu beeinflussen. Schon seit einem Monate versuchte man alle Mittel, um einen Druck auf sie auszuüben. Man verbreitete das Gerücht, dass man ohne Unterlass zu Gunsten des Verräthers die Richter angegangen habe, dass man nichts spare, um sie zu verführen. „Man hat dem Commissär, der den Bericht zu erstatten hat, eine Million an geboten, damit er einen Zweifel vor bringe", schrieb die „Libre Parole" am 14. December. Und mit ähnlichen Ausstreuungen debütierte die Patrie und andere Journale. All der Lärm, die entehrenden Verdächtigungen und dazu die Worte dessen, der, als Kriegsminister, die höchste Behörde repräsentierte, alles das musste dem Geiste der Richter einen ganz bestimmten Urtheilsspruch aufdrängen. [ Außer den beiden Experten, von denen, weiter oben gesprochen wurde, wurden nach der Verhaftung noch drei andere beigezogen, die Herren Charavay, Teyssonnieres und Pelletier. Einer von ihnen, Pelletier sprach sich für die Schuldlosigkeit des Capitains aus, die beiden anderen für seine Schuld. Das wichtigste Gutachten aber, das, welches wenigstens auf den General Mercier und Du Paty de Clam den entscheidendsten Eindruck gemacht zu haben scheint, ist das des Herrn Bertillon, ein Gutachten, das er nach der Verhaftung so vervollständigt hatte, dass seine Einvernehmung vor dem Kriegsgerichte fast drei Stunden dauerte. Mit ihm beschäftigt sich also Bernard Lazare ganz besonders. Bevor er auf das Gutachten eingeht, spricht er von seiner Person. Bertillon, mach Bernard Lazare ein ganz gewöhnlicher Polizeibeamter, abhäntzig vom Minister des Innern, ein unverschämter Charlatan, der nach den Ideen anderer die Folterabtheilung organisiert hat, die anthropometrische heißt, ein Hilfsbeamter des Kerkermeisters, verurtheilt, dem niederigen täglichen Dienste anzugehören, hätte von der Verlheidigung abgelehnt werden sollen. Ein Polizeibeamter ist kein freier Mann, er ist im Dienste einer Regierung, was seine Unabhängigkeit unmöglich macht, und sein Bericht ist also von vornherein nicht einwandfrei. Aber ganz abgesehen von diesen Dingen ist er als Person in seine Ideen verrannt, ein Mann, dem das System über alles geht, der bereit ist, nm die Vorzüge seiner Theorien zu beweisen, jemanden ins Bagno oder auf's Schaffot zu bringen. Vor den Richtern hat er denn auch bekräftigt, dass an der Schuld des Capitain Dreyfus kein Zweifel möglich sei und hat ihn ohne das geringste Zaudern für den Schreiber des Bordereaus erklärt. Derselbe Bertillon aber hat ein Jahr nach dem Processe Dreyfus in einer Gerichtsverhandlung, in der es sich um eine Fälschung handelte, erklärt: „Ich bestätige niemals die Authenticilät eines Schriftstückes. Da es bei der heutigen Verbreitung der Schriftkunde durch eine minutiöse Analyse möglich ist, sich eine Schriftart ganz anzueignen, haben die Fälscher leichtes Spiel. Es ist nicht zu b e zwei feln, d a ss se lb st Documente, die vom Ge richte a.ls echt anerkannt worden sind, es durch aus nicht waren, dass sie aber von den Graphologen nicht als fatsch erkannt werden konnten. Ich enthalte mich bah er immer der Schlussfolgerungen und begnüge mich damit, auf btc Möglichkeiten hinzuwei s en." Herr Bertillon hat sich aber nicht mit dem Hinweis auf die Möglichkeiten zu begnügen gewusst, er hat „die Authenticität eines Schriftstückes" bestätigt. Warum, wenn er nicht durch eine nicht zu rechtfertigende Bor eingenommenheit sich hat beherrschen lassen? Da das Bordereau und die Schriftzüge von Dreyfus unläugbare Abweichungen zeigen, nimmt Bertillon an, dass der Capitain absichtlich seine Schrift verändert habe. Die Thorheit einer solchen Annahme liegt auf der Hand. Da soll ein Mensch sein, der einen Berrath begeht, und der findet kein geistvolleres Mittel, als seine Schrift zu verstellen, wenn er an seine Mitschuldigen schreibt. Noch mehr! Der Verräther (so stellt es das Gutachten Bertillons dar) sucht in einer seiner früheren im Ministerium niedergelegreu Arbeiten nach Worten, die er dann in seine Correspondenz überträgt! Dieser Graphologe, der im öffentlichen Dienste steht, argwöhnt auch nicht einen Augenblick, dass die Schrift, die er studiert, gefälscht sein könnte. Es fällt ihm gar nicht ein, wenn er die Worte der authentischen Schrift des Capitains findet, die genau den Worten des Bordereaus entsprechen, dass die von einem Falscher herrühren können, der den verderben wollte, den man anklagt. Und warum drängt sich ihm dieser Schluss nicht auf, wie er sich doch anderen aufdrängte? Weil Bertillon ganz eingenommen von der Idee war: „Der Capitain Dreyfus ist der Schuldige." Charavay und Teyssonieres begnügten sich damit, dass einige Worte des Bordereaus mit Worten in authentischen Schriftstücken von Dreyfus sich glichen. Sie beschäftigten sich durchaus nicht mit den Abweichungen. Ihn Gutachten sind Arbeiten iucompetenter Leute von leichtem Gewissen, die, ohne eine Ahnung von den Methoden und den Fort schritten der Graphologie zu haben, in der bornierten Unfehlbarkeit ihres unsicheren Wissens ohne Gewissensbisse einen Menschen in's Bagno schickten. So ist Capitain Dreyfus verurtheilt worden, infolge der Gutachten von Experten im Schriftfache. Fünf Experten hatten sich zu äußern. Zwei von ihnen haben sich in einer die Schuld verneinenden Weise geäußert, von den drei anderen, die eine Identität vorfanden, hat einer später feine Jncompetenz erklärt. Diesen Experten setzt Bernard Lazare die Gutachten von 12 an deren Experten des Schreibfaches entgegen, welche alle derselben Meinung sind, dass das Bordereau von Dreyfus weder geschrieben, noch gefälscht wurde. Die Unparteilichkeit und das Wissen dieser Experten steht außer allem Zweifel. Sie sind mit ihrem Namen und ihrem Ruf für ihr Gutachten eingetreten. Es sind: Cre p i e u x - I a m i n und Gustave B r i d i e r in Frankreich; Herr von Rougemont und Paul Moriaud in der Schweiz: M. E. de M a r n e f f e in Belgien; de G r a y,B i r ch, G u rri tt, School ing in England; Carvalho und Am e s in Amerika; Preyer in Deutschland. So steht jetzt die Sache. Wir können mit vollkommener Ruhe dm Zeitpunkt erwarten, an dcm Herr Scheurer-Kestner endlich sprechen wird, um zu zeigen, dass" die Affaire Dreifus, wie der unglückliche Berurtheilte selber sagte „das größte Verbrechen des Jahrhunderts" ist. A. L.