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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-11-26
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 96. jPitOWct: Seite 8. Tcufelsinsel sitzt, oft genug hören müssen: Drcysus wurde cin Verräther, weil er ein Jude ist, und weil eben alle Juden Verräther sind! Last». -i- * * Man hat diesen Juden in aller Stille abgcnmrkst. Bei sorgfältig verschlossenen Thüren hat man beschlossen, dass er cin Verräther sein müsse. Er selber hat nicht zuhören dürfen, sticht einmal das Recht, sich zu verthcidigen, wurde ihm gelassen. Dann hat man den jüdischen Osficier vor die Front geführt, hat ihm die goldenen Schnüre und Ehrenzeichen vom Rocke gerissen, bis er nichts mehr war, als ein gewöhnlicher Jude. Den hat man dann bespuckt, geprügelt gepeinigt und ihn zuletzt auf die Teufclsinsel geführt, wo er einsam lebt wie ein ausgesctztcs, wildes Thier. Ein ritualer Justizmord, dargebracht der Rcligion des Judenhasses, unter enormer Assistenz aller Antisemiten von weiland Marquis MoröS bis herab zu Mittcrmaycr. Aber cs scheint ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl iln Herzen aller Völker zu leben, stärker als jeder Hass und jede Wuth der Parteien. Und nun kann dieses Gefühl nicht zur Ruhe kommen. Jetzt beschäftigt man sich wieder mit der Schuld des Verbannten, jetzt untersucht man die Beweise seiner Schuld, jetzt prüft man alle Jndicien, jetzt — da er schon jahrelang im Elend schmachtet. * * -K Allerdings musste dieses Gefühl erst geweckt werden. Und das war gefährlich. Unter den Kühnen, di« unablässig am schlafenden Gewissen der Völker rüttelten, war Bernard Lazare der kühnste. Er hat sich zuerst gegen alle die fanatisiertcn Rotten vorgewagt. In seinem Buche hat er der Gerechtigkeit die Wege gewiesen, die man so sorgfältig vermieden. Er hat den Menschen Dreyfus gezeigt, er hat an Stelle der vorgefassten Meinung die Psychologie gesetzt, er hat Dommcnt um Documeut gesammelt, und es ist nur allzu bezeichnend für die leidenschaftlich absichtliche Pfadlosigkeit der öffentlichen Meinung, dass dieser Mann, der den Boden der Gerechtigkeit betrat, wie ein Pfadfinder, wie cin Entdecker wirkte. * » * „Ich sende Dir viele Küsse, mein kleiner Sohn," schreibt Drcysus von der Teufelsinsel an seinen Jungen. „Sei brav und baue Deiner Schwester jenen großen Thurm, den ich ihr immer baute, und der so leicht zusammenfällt. Bald komme ich wieder. Dann darfst Du mich von der Bahn abholen, Du, Deine Schwester und die Mama werden mich abholen, und alle W e l t." Man braucht nicht ein Untersuchungsrichter zu sein, ergraut und erprobt in tausenden Criminalfällen, um aus diesen Zeilen heraus die Accente der Unschuld zu vernehmen. Wenn Dreyfus auch ein Opfer ist, cin Uebcrmensch, ein Genie ist er nicht. Und das müsste er sein, fände er, auf der Teuselsinsel, in all seinem Elend noch die enorme dichterische Kraft, die dazu gehört, um so schlichte Worte zu erfinden. Für einen so großartigen Poeten werden ihn auch diejenigen nicht halten, die ihn zum plumpen Verräther gestempelt haben. rk- $ * Man muss übrigens nur seine früheren Briefe lesen die Bernard Lazare für die Sachverständigen im Schreibfache gesammelt hat. Es werden nicht bloß diese Sachverständigen aus ihnen Erkenntnisse schöpfen. Wie deutlich spiegelt sich Dreyfus in seinen Briefen. Ein mittelmäßig intelligenter Mann, der Cavalier-Offieicr, dem in seiner Nichtsthuerei der Degen die eleganteste Zerstreuung gibt. Ein Mensch, der ersichtlich ungern und ungeschickt zur Feder greift, und wenn er cs schon thun muss, nur triviale Zärtlichkeitsphrasen an seine Frau, ganz banale freundliche Redensarten zu finden versteht. Und nun soll ihn die Fiebersonne der Teufelsinsel zum Künstler gebrannt haben. * * * „In der langen und .... Erwartung Deines Briefes," schreibt er von dort aus an seine Gattin. Das Wort „und" wie das folgende ist durchgcstrichen. Sieht man genauer zu, dann liest man „und grausamen". Das ist ihm zu hart erschienen. Er wollte seine Frau nicht auch noch quälen und seine ganze Art schreckte offenbar vor starken Ausdrücken zurück. Man sicht diesen Mann, von ungelenken Reden, von jüdischem Aussehen, allzu sicher im Gefühle seiner Unschuld, und man kann sich den Eindruck denken, den er bei seinen Richtern, beim ganzen Volke hervorgebracht hat. Dieser Eindruck war sein Verbrechen, und wegen dieses Eindrucks ist er so rasch verurtheilt worden und so grausam. * * * Man muss sich heute fragen, ob denn überhaupt ein Vcrrath begangen wurde. Und die französische Negierung jagt einer Antwort auf diese Frage entgegen. Ein fürchterlicher Verdacht steigt in allen auf. Wenn man sich an dieses angeblich auf der deutschen Botschaft gestohlene Beweisdocument erinnert, zu dem die französische Regierung schweigen muss, weil sie nicht zugeben darf, sie habe sich durch einen Diebstahl auf exterritorialem Boden befleckt, wenn man alle die Dinge hört, die jetzt zutage treten, dann beginnt eine Ahnung zu dämmern, dass es da nur einen Betrogenen gibt — Frankreich selbst. Es scheint ein Meisterstreich gegen die Juden gewesen zu sein. Ein grausames Kunststück, sinnreich genug, um für cin paar Jahre der Beschimpfung Stoff zu geben, aber doch nicht so sinnreich, dass es nicht schließlich entdeckt wird. * * An dieser Entdeckung aber haben die Juden ein großes Verdienst. Ja, man kann es ruhig aussprechen, dass es die Juden waren, die auf volle Klarheit in dieser Sache unaufhörlich gedrungen haben. Denn die Affaire Dreyfus hat es wieder gezeigt, dass die Juden ein Volk sind, und dass das Gefühl davon stärker in ihnen lebt, als alle Anpassungsgcdanken. Wäre ihnen der Capitän Dreyfus bloß ein französischer Osficier — „mosaischer Confession" — gewesen, sic hätten keinen Finger gerührt, so wenig wie die Deutschen oder andere sich um einen Raubmörder bekümmern. Gewiss hat sie das allgemeine Geschrei aufgestachelt : „Dreyfus ist ein Verräther, denn alle Juden sind Verräther." Und wenn sie auch wenig erreichen werden für sich, wenn es auch, sobald Dreyfus frei wird, wieder heißen wird: „Gut, der eine war schuldlos, aber ihr anderen seid deswegen doch schmutzige Juden" — das Gefühl allgemeiner Solidarität, das nationale Bewusstsein ist dennoch wieder wie ein elektrischer Strom durch alle Juden gegangen, und das ist der sittliche Gewinn in dieser jüngsten, großen Prüfung. Präxionistische Gestalten. < Von Spectator. Erinnerung an H. Graetz. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß der größte Geschichtsschreiber der Juden sich freudig zum Zionismus bekannt haben würde, wenn er ihn erlebt hätte. Ich sage dies nicht blos, weil es sich fast von jeder Seite seines elfdändigen Monumentalwerkes ablesen läßt, sondern weil ich das Glück gehabt habe, durch geraume Zeit im persönlichen Verkehr seine Gedanken und Ucbcrzeugungcn kennen zu lernen. Er war kein Zauderer und Pactircr, wie viele seiner Schüler, welche jetzt von ihren Rabbinatskanzcln gegen die auskeimende Wehi Hastigkeit des jüdischen Selbsterhaltungstriebes protestiren; seine Bckenntnissrcudigkeit qnoll aus der Tiefe einer tapferen Seele, die sich eins wußte mit dem gesammten Bildungsgehalte der Zeit, ohne ihm die angeborene Persönlichkeit und deren Dascinsrccht zu opfern. Hirsch Graetz war — man kann es getrost behaupten — durch und durch ein Nationaljudc, den der Umstand, daß er an der Breslauer Universität eine außerordentliche Professur bekleidete, nicht hinderte, die inneren Beziehungen zwischen Antisemitismus und deutscher Volksart gelegentlich einer scharfen und viel verlästerten Kritik zu unterziehen.

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