Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Socialreformen für Neu-Zion
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« U. Nr. 86. sich von der Land besitzenden Minderheit die Erlaubnis erkaufen, auf dem heimischen Boden leben und arbeiten zu dürfen. Wer den Boden hat, besitzt auch die Menschen, die ihn bewohnen. Wenn ein Mann eine Insel eignet, von der es kein Entkommen gibt, so sind die übrigen Bewohner seine Sclaven, solange sie sein absolutes Eigcnthumsrecht anerkennen; denn ohne Boden kann der Mensch, der ein Landthier ist, nicht leben, und wer den Boden eignet, ist also Herr über Leben und Tod. Darum allein schon, abgesehen von dem ethischen Grunde, dass es einen Eigenthumstitcl nur mit Bezug auf das geben kann, was wir selbst hergestellt haben, nicht aber auf die Urquelle, die Gottes freie Schöpfung ist, darf der Grund und Boden nie zum unbedingten Privateigenthum werden, und müsste eine solche Aneignung da, wo sie besteht, die Hauptquelle aller Uebcl werden, unter denen wir leiden. Ich habe dies in verschiedenen umfangreichen Arbeiten des näheren ausgeführt, vor allem in „Der einzige Rettungsweg" (Dresden, Pierson), und kann hier nur einige Andeutungen geben, wie die Einräumung eines unbeschränkten Bodeneigenthums in Neu-Zion für den Einzelnen — der Gesammthcit die größte Gefahr bieten muss. Durch das Grundeigenthum allein können jene unheilvollen Vermögensverschiebungen dauernd werden, welche die Signatur unserer Zeit bilden. Ohne privates Grundcigenthum gäbe es keine Hypotheken, aber auch keine Staatsschulden, denn die Einnahmen des den Boden besitzenden Staates sind groß genug, um Schulden vermeiden zu können. Auch die Verkehrsmittel, die Bergwerke, Steinbrüche rc. wären öffentliches Eigen!hum, weil der Grund und Boden den wichtigsten Thcil dieser Werke bildet. Ohne diese Anlagen müssten sich die Ersparnisse der Industrie und dem Ackerbau anbieten, wodurch diese nicht nur billiges Capital in genügender Menge erhielten, sondern auch ein dauerndes Wachsen der großen Vermögen unmöglich würde, wie es heute auf Grund der bestehenden Anlagemöglichkeiten der Fall; denn gedachte Anlagen bedürfen der steten sachverständigen Ucbcrwachung, welche Fähigkeiten voraussetzt, die bei den Erben großer Vermögen selten zu finden sind. Das Anwachsen solcher Vermögen bildet aber die Grundursache unserer socialen Nothlage, indem ein immer größerer Theil der Einnahmen der Reichen weder verbraucht wird, noch im Kauf von Häusern, Maschinen und anderen Erzeugnissen der Arbeit Verwendung findet, sondern in neuen Anlagen der oben beschriebenen Art, in sicheren Tributansprüchen, mittels welcher sie die Kauffähigkcit der Massen immer, mehr hinter der zunehmenden Productivität der Arbeit Zurückbleiben lassen, ohne mit ihrem eigenen Consum in die Bresche zu treten. Die Folge ist abnehmende Arbeitsgelegenheit und U n t e r c o n s u m, die wir fälschlicherweise Ueberproduction nennen. Dies ist die tiefgreifendste Art und Weise der Einwirkung der privaten Bodenaneignung in unsere socialen und dadurch auch politischen Verhältnisse. Andere Wirkungen seien nur im Vorübergehcn erwähnt, nämlich die des allmählichen Vorherrschens des Rittergutes über das Bauerngut; ferner die Bodenspekulation in den Städten, die solche mit einem eisernen Gürtel umgibt, jede Ausdehnung verhindernd, wenn dem Bodenspekulanten nicht ein hohes Löfegeld gezahlt worden ist, so hoch, dass nur noch Mictkasernen rentieren, kleine Häuschen, inmitten vom Eigenthümer cultivicrter Gärtchen gelegen, ganz ausschlicßend, wenn man nicht in unmöglicher Entfernung leben will. Man halte sich dagegen nur einen Augenblick lang das Bild einer Stadt vor, deren Boden bis zu einem gewissen Umkreis Gemein.igenthum geblieben oder geworden ist, und der also die Grundpacht zufällt. Das Beispiel Englands zeigt, dass sogar, wo diese Grundpacht Privateigenthümern zufällt, das System des Bauens auf Mietboden ein billigeres und gesünderes Wohnen ermöglicht als das auf Eigenthumrboden. Der englische Grundeigenthümer weiß, dass ihm der Wertzuwachs seines Landes nicht entgehen kann, denn er hat es, sagen wir, auf 60 Jahre vermietet, nnd wenn er auch bis dahin n ur eine bescheidene Bodenpacht bezieht, so fällt ihm dann das Land wieder zu, und das darauf gebaute Haus wird ebenfalls sein Eigenthum. Die Miete desselben wird infolge der Zunahme der Bevölkerung bedeutend gestiegen sein und ihm ganz gehören. Aber auch der Hauseigen thümer fand seine Rechnung dabei. Das eine Percent, welches er für die Amortisation des Hauswertes hat bezahlen müssen, wird durch den billigeren Zinsfuß ausgeglichen, der in einem Lande herrscht, in dem das Capital wenig Bodenanlagen findet und sich daher mehr auf Häuseranlagen werfen muss. Die Folge sind billige Mieten, gesunde und hübsche Häuschen mit sechs Räumlichkeiten und Gärtchen in den Vorstädten der Großstädte für : 400 bis 800 Mark, wie sie bei uns undenkbar wären; denn der Grundeigenthümer, der sein Land einfür allemal hergibt, muss naturgemäß suchen, den denkbar höchsten Preis zu erlangen, und dieser Preis muss vor allem verzinst werden, i und wenn auch dieser Zins noch verhältnismäßig niedrig ist, , wird dann der des Hauscapitals umso höher, weil der l Grund- und Bodenpreis schon die erste Hypothek in Anspruch nahm. Der volle Preis des Hauscapitals ist überhaupt meist nicht auf Hypothek zu bekommen, und können also nur Kapitalisten bauen. Denken wir uns eine Stadt wie Berlin als Bodeneigenthümerin, was sie heute schuldenfrei sein könnte, wenn 1870 Professor Adolf Wagners Vorschlag der Wegsteuerung des Grundzinszuwachses angenommen, und diese Einnahme zum Adkauf des Bodens benützt worden wäre. Nicht nur dass ihr hiedurch gegenwärtig eine freie Jahreseinnahme von über 100 Millionen Mark zur Verfügung stände, welche jede Steuer unnöthig machen und noch große Summen für öffentliche Zwecke übrig lassen würde, sondern jede Verbesserung der Verkehrsmittel, jede Anlage zur Förderung der Gesundheit, der Erziehung und Bildung oder des Vergnügens der Bewohner würde ihren Ausdruck in einer Vermehrung der Grundrenten haben, so dass bald die Auslagen der Stadt durch ihre Einnahmen gedeckt würden. Doch, wie gesagt, es ist nicht möglich, im engen Rahmen . eines Artikels alle Seiten der Grundeigenihumsfrage eingehend zu besprechen. Ein näheres Studium derselben muss aber den Zionisten die Ucberzengung bcibringen, dass ein Aufbau Neu-Zions auf der Grundlage der Bodenfreiheit ganz andere Bedingungen für einen Erfolg schaffen müsste als die . auf der ihren, Ende in allen Culturländern rasch entgegeneilenden Grundlage des privaten Bodenwuchers, unter dem unsere Civilisation seufzt. Der verhängnisvolle Fehler der germanischen Länder, ihr gutes altes deutsches Recht mit dem der cvrruptcsten Periode Roms entstammenden römischen S ach recht zu vertauschen, ist eine der wichtigsten Ursachen unserer Socialzustände. Möge Neu-Zion nicht in gleicher Weise an Stelle des im Jubeljahr seinen schönsten Ausdruck findenden und die dauernde Bodenanhäufung in Einzelhand hindernden, sowie sonst so humanen und fortschrittlichen Socialrechtes Israels das corrupte, sich Recht nennende Unrecht seines Todfeindes setzen! Die Woche. Wien, 85. November 1897. In dem großen Spectakel, den man von allen Seiten über den Vcrrath des Capitäns Dreyfus angehobcn, wurde eine Frage viel zu flüchtig erörtert, und doch ist sie in dem .ganzen Processe die bedeutendste: Warum hat der Capitän Dreyfus jenes Verbrechen begangen? Warum eigentlich? Was sollte ihn veranlasst habe», ein so gefahrvolles Spiel zu ^treiben? Das preußische Gold? Dreyfus ist reich. Der Ehrgeiz? Wäre er vielleicht in Deutschland General geworden? -Die französischen Officiersepaulctten konnten ihm doch genügen. Er war ein Mann in geordneten Verhältnissen, sorgenfrei, ..ein glücklicher Vater, ein liebender Gatte. — Warum also Räuber und Mörder? Viele haben darauf mit Achselzucken geantwortet, als ob das „Warum?" bei einer Thal nebensächlich und unwichtig wäre. Biele aber haben eine laute Antwort gewusst, und wir haben sie, seit Dreyfus auf der