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Die Welt · 1897-11-19 · 25 (19.11.1897) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
25 (19.11.1897)
Article
Schwache Hände
Date
1897-11-19
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 16. Nr . M Feurl Schwache Hände. Eine Börsengeschichte von Karl Colbert. (Fortsetzung.) Unter den vielen armselig gekleideten Menschen, die alltäglich in der Umgebung der Börse hecumschleichcn, befand sich heute auch Leopold Weigert. Die Habitues der Trottoirs des Schottenringes erkannten sofort den Neuling in ihm, der durch allerhand Scheinmanöver seine Anwesenheit zu erklären sucht, der die Zettel an den verschiedenen Anschlagsäulen studiert, die Schaufenster zum zehnten- und fünfzehntenmalr betrachtet, dann unter ein Hausthor tritt und so thut, als ob er jemanden suche und durch all dies Gehaben doch nicht verbergen kann, auf was er wartet und warum er wartet. Er wie der hohe Staatsbeamte im feinen Zobelpelz, er wie der Bettler im fadenscheinigen Sommerrock, der sich bückt, um heimlich ein Cigarrenrestchen aufzuheben, er wie die gealterte Cocotte, die sich nur noch mechanisch nach jedem Vorübergehenden umwendet, sie alle treibt e i n Wunsch, e i n unwiderstehliches Verlangen. Und sie alle kennen dieses Verlangen und seine Qual und deshalb ruft der Hofrath dem Bettler, die Cocotte Leopold Weigert zu: „Etwas fester, 6b'/»!" Unnöthig, zu sagen was 65'/» steht. Sie alle wissen, dass dies „Omnibus" sind, wie sie alle wissen, dass es der Sturz dieses Papieres ist, der sie in die Tiefe mitrcißt. Weigert athmete auf. Nach der tiefen Niedergeschlagenheit des Morgens sog er den leisen Hoffnungshauch mit wonnigem Behagen ein. Wenn die Börse trotz der Baisse in Paris, trotz des Artikels des „Nord" etwas fester war, so mochte das vielleicht der Anfang einer Wendung zum Besseren sein. Wer weiß, ob die großen Häuser nicht bessere Nachrichten vom Auslande hatten, oder ob nicht die „staut« finance“ sich entschlossen hatte, der Baisse Einhalt zu thun? Je mehr er nachsann, desto mehr befestigte sich in ihm die Uebcrzcugung, dass das Schlimmste nunmehr überstanden sein müsse. Er malte sich aus, wie er das geopferte Geld zurückgcwinnen und dann, ferne von der Börse, ja ferne von Wien mit seinem Kinde ein neues, sorgenfreieres Leben beginnen werde. „Denn eines gelobe ich mir: Nie mehr will ich etwas mit der Börse und allem, was damit zusammenhängt, zu thun haben." Er machte ein so zufriedenes Gesicht, dass der Mann im Sommcrrock Muth fasste und ihn ansprach. Ihm fehlten drei Gulden, um eine Prämie auf Rente zahlen zu können. Wenn der Herr die Güte hätte, ihm die drei Gulden zu borgen — morgen werde er sie unfehlbar zurückzahlen, denn bis morgen müsse die Rente steigen — er sei ein alter Börsenmann, zwar momentan vom Unglück verfolgt — aber es müssten ja wieder bessere Zeiten kommen. — „Jawohl," sagte Weigert, „die müssen kommen!" Und in der frohen Stimmung, die ihn überkommen hatte, reichte er dem Fremden die erbetenen drei Gulden. Der sah ihn erstaunt an, denn er war gewohnt, auf seine stereotype Bitte mit wenigen Kreuzern abgespeist zu werden. „Dank, Herr," sagte er und steckte so hastig das Geld ein, als ob er befürchtete, dass der andere doch noch Neue empfinden und die Gabe zurückfordern könnte. „Und wenn ich wüsste, dass der Herr es nicht übel nimmt. . ." Er stockte. Erst auf Weigert's auffordernde Geberde fuhr er fort: „Ich bin ein armer Teufel; elend geht's mir, dass es ein Jammer ist, aber trotzdem kann ich Ihnen eines geben, Herr, was Sie in der Gegend — er wies auf die Börse und ihre Umgebung — nicht leicht finden werden." Er sprach in eigenthümlich gedehnter Weise und begleitete seine in unterwürfigem Ton gesprochenen Worte mit ebenso unterwürfigen Bewegungen. Weigert wurde die Sache peinlich; Verübergehende blickten spöttisch, wie ihm vorkam, auf die Gruppe. Trotzdem hörte er aufmerksam zu, als ob er erwartete, aus dem Munde des Straßenbettlers wichtige Neuigkeiten zu vernehmen. Der fuhr fort: „Also, wie gesagt, Herausgeber: Psvl Nafchaver. Verantwortlicher Redacteur: Dr. leton. wenn's der Herr nicht übel nimmt, so erlaube ich mir zum Dank für das Darlehen (das war das Wort, aber Tonfall und Geberde sagten „Geschenk") einen guten, einen ehrlichen Rath anzubieten. — „Und der wäre?" — Da neigte sich der Fremde zu ihm und sagte im Flüsterton und mit einem scheuen Seitenblick, wie einer, der ein schlafendes Ungeheuer zu wecken fürchtet: „Geh' der Herr fort von hier! (Er wies wieder auf die Börse.) Das heißt, wenn es noch Zeit ist. Ich darf das sagen, denn die da hat mir alles genommen, das Geld, die Ehre, meinen Namen und mein Kind, alles hat sich mir genommen und nimmt mir noch immer alles. Denn wie ein anderer Lump seine paar Groschen in die Schnapsbude trägt, so trag' ich meine da hinein. Ich kann aber nicht mehr anders. Aber wenn's noch Zeit ist, so möcht' ich ergebenst rathen ..." Weigert unterbrach ihn: „Was sagen Sie? Ihr Kind? Die Börse hat Ihnen Ihr Kind geraubt?" Aber in dem Augenblicke, als der Bettler antworten wollte, klopfte jemand Weigert auf die Schulter. Er wendete sich rasch um und sah seinen Freund Schvbeck. „Was verhandeln Sie da mit dem alten Lumpen? Will er am Ende auch Ihnen Geld für sein verdammtes Spiel abjagen?" Und er zog Weigert fast ungestüm mit sich fort. Dem aber gab cs keine Ruhe. „Sein Kind hat ihm die Börse geraubt? Was wollte er damit sagen?" Schvbeck lachte. „Die Börse hätte ihm sein Kind genommen? Nun ja, wie man's nimmt! Nachdem der Lump alles verspielt hatte, Geld, Ehre, Stellung — denn der Kerl war einmal Direktor, ja, ja, Director einer kleinen Bank, blieb ihm als einzige Ressource nur mehr seine Tochter. Und was die in der Kärntnerstraße verdient, das trägt er mit dem, das er zusammenbettclt, dem großen Moloch als Opfer zu. Uebrigens, sehen Sie selbst!" Und sie sahen den alten Bettler an derselben Stelle, wo Weigert mit ihm gesprochen hatte, im eifrigen Gespräche mit einem auffallend gekleideten Weibe, dem Elend und Laster aus den Augen sahen. Sie schüttelte wie unwillig abwehrend den Kopf, er aber sprach ihr so dringend zu, dass sie endlich in die Tasche griff und ihm ein Päckchen zusteckte. Dann reichten sie sich flüchtig die Hände und trennten sich. In dem Blicke des Mädchens aber lag namenlose Verzweiflung. „Glauben Sie mir jetzt?" sagte Schvbeck. „Ist es nicht schade um Ihr Geld? Uebrigens kommen Sie; das Geschäft hat schon angefangen und Sie werden wahrscheinlich auch wissen wollen, was heute geschieht." (Schluss folgt.) Vücherwrlk. „Die Mischehe" betitelt sich eine glänzend geschriebene Broschüre unseres trefflichen Gesinnungsgenossen Dr. Rüben Vierer in Sophia, die soeben im Verlage von I. Kaufsmann in Frankfurt a. M. erschienen ist. Der Feuereifer, mit dem Vierer immer und überall für die Reinheit des Judenthums eintritt, durchglüht auch diese Schrift. Ingenieur Uffischrin in Ekaterinoslaw gibt demnächst die russischen Uebersetzungcn der Congressreden von Herzl und Nordau heraus. Fm Verlage von Präger & Meier, Bremen, sind von dem Componisten M Herrle sechs Gedichte der „Hebräischen Gesänge" von Lord Byron vertont worden. *) Die Compositionen, die an alte jüdische Weisen erinnern, sind in musikalischen Kreisen in hervorragender Weise gewürdigt worden. Hoffentlich werden die Melodien bald Gemeingut aller Zionisten werden. *) Heule, Hebräische Gesänge nach jüdischen Melodien, Nr. 3062. An unsere Leser! Die Fortsetzung der Artikelserie von Dr. S. R. Landau „Unter jüdischen Proletariern" (II. Stanislau) wird wegen Raummangels erst in der nächsten Nnmmer erscheinen. Die R e d a c t i o n. ann- Veraer. Druck von Jacob Dux Wien, VIII., Laudongasse Nr. 57.

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