Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Köln [Nachricht] / S.
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85. Seite 15. erste Zionistencongress das größte Ereignis des Jahres für die Juden war, darüber lässt sich nun schlechterdings nicht mehr streiten. In der Discussion traten dem Referenten die Herren Dr. Bodenheime r, Schach und W o l f s o h n entgegen und geißelten diesen Standpunkt als einen der Vereinsleitung unwürdigen. Es wurde hervorgehoben, dass es ein Armuthszeugnis bedeute, wenn man es nicht gestattet, über eine Bewegung, die Millionen von Juden beseelt, zu sprechen. Wie die Verhältnisse liegen, ist nur schwache Aussicht vorhanden, dem abwärts gehenden Verein eine andere Richtung zu geben. Die Zionisten werden also streiken müssen, und ich fürchte, die Schaar der Cherusker jüdischen Glaubens wird sich bei der Eintönigkeit der Vereines bald nach den — Lösen Zionisten zurücksehnen. 8. Frankreich. 'Naris. (Orig.-Corr.) Aus Paris wird uns eine merkwürdige Thatsache gemeldet, so merkwürdig, dass wir daran fast nicht glauben können. Unter den Bewerbern um den Eintritt in die hebräischen Seminare befinden sich mehrere russische Juden. Diesen Juden wurde die Ausnahme in das Seminar unter nichtssagenden Gründen verweigert, während sämmtliche Bewerber aus dem Elsass acceptiert wurden. England. London. (Orig.-Corr.) Die Judenfrage weicht nicht von der Tagesordnung. Auf seinen gemäßigten Artikel im „Contemporary Review" hat Mr.Arnold White wieder einen Schimpfartikel in der „Pall Male Gazette" folgen lassen. Was er damit bezweckt, ist mir unklar. In seiner letzten Philippika erklärt er, sich von der Anti-Emigrationsbewegung zurückzuziehen, der die Regierung in einer Bill gerecht werden wollte, von der sie jedoch unter dem Drucke des öffentlichen Interesses in weiterem Sinne Abstand nahm. „Gegenwärtig", sagt Mr. White selbst, „ist eine solche Maßregel zu kleinlich, denn die englische Judenfrage muss unter dem Gesichtswinkel der allgemeinen Judenfrage betrachtet werden." Das ist klar genug, und er könnte als Freund angesehen werden, wenn er sich nicht der dümmsten antisemitischen Argumente bediente, wie z. B., dass die Juden die europäische Presse beherrschen. Seine Schlussausführungen gehen aus eine antijüdische Agitation hinaus, bei der die armen Juden abgehen würden. Eines ist aber klar, dass diese Angriffe die Juden zur Erkenntnis von Wahrheiten führen werden, vor denen sie bisher hartnäckig die Augen verschlossen. — Das wichtigste Ereignis dieser Woche war die Nachricht von einem Aufruhr in Jerusalem. Es handelt sich um eine jüdische Frau, die in einem Missionsspital gestorben ist, und die die Juden keineswegs auf ihrem Friedhof begraben lassen wollten, da alle, die diese Spitäler aufsuchen, in den Bann gelegt werden. — Unser Freund Fächer Ignatius hat in der christlichen Presse eine große Agitation für den Zionismus eingeleitet. 1. de H. Verernsnachnchteir. Wien Dienstag, 16. November hielt Herr Brandes im Verein „Zion" einen Vortrag über „Aufklärung und Zionismus". Referent widerlegte die vielverbreitete Ansicht, dass die von Mendelsohn angebahnte Aufklärangsperiode für die Entwicklung des Zionismus nachtheilig sei. Hierauf theilte Dr. O. Kokesch den Versammelten einen von der Leitung acceptierten Entwurf zur praktischeu Erlernung der hebräischen Sprache mit. Wien. Donnerstag, 11. November hielt der „Politische Volksverein seine zweite Vereinsversarmnlung ab. Auf der Tagesordnung stand „Reform der Armenpflege." Anwesend waren.zahlreiche „Vertreterinnen von Frauenvereinen, die Vertreter der Cullusgemeinde, der „Oesterr.-israelit. Union" rc. Nach den einleitenden Worten des Präsidenten Dr. H. Fialla referierte der Schriftsteller Dr. Lichtenst a d t in ausführlicher Weise über das Thema des Abends. Seine Ausführungen gipfelten in folgender Resolution: „Die Plenarversammlung des Politischen Volksvereines vom 11. November 1897 unter Mitwirkung einer sehr großen Anzahl von Glaubensgenossen und Bereinsrepräsentanten aus den verschiedensten Berusskreisen und Bezirken anerkennt: Die dringende und unaufschiebbare Nothwendigkcit einer durchgreifenden Reform der Armenpflege innerhalb des Gebietes der israelitischen Cullusgemeinde in Wien — unbeschadet der gesetzlich bestehenden Verpflichtung der Politischen Gemeinde zur Armenversorgung - und empfiehlt dem löblichen Cultusvorstande die beschleunigte Durchführung dieses umfassenden Reformwerke^ als dessen wesentliche Endziele: 1. Die Verhütung der Verarmung; 2. Die wirksame und rasche Unterstützung der Armen und 3. Die Verhinderung der missbräuchlichen Ausnützung der Wohlthätigfeit. ju betrachten wären, behufs deren Erreichung: ad 1. Die Errichtung eines centralen Arbeitsvermittlungsamtes für Arbeitgeber und für Arbeitnehmer: ad 2. Die Bestellung von Armenpflegern und Armenpflegerinnen in'allen Bezirken aus der Mitte der Glaubensgenossen; ad 3. Eine enge Cooperation der von der israelitischen Gemeinde geübten Armenpflege mit sämmtlichcn Wiener israelitischen Wohlthätigkeitsvereinen — liilfer voller Wahrung des autonomen Fortbestandes dieser letzteren — als wirksame Mittel in Vorschlag gebracht werden. Zu dieser Resolution sprachen noch die Herren S. Brod, K a uders, G. B e t t e l h e i m, Dr. Ascher, Cultusvorstand P o ll a k, Dr. S. R. Landau u. A. Herr Marburg regte im Sinne des Zionismus unter Zustimmung der Versammlung eine Ergänzung der Vorschläge zur Beseitigung der Armuth an. ' Czernowitz Die jüdischnationalen Studentenverbindungen der österreichischen Monarchie sind um eine Corporation reicher geworden; an der Czernowitzer Universität hat sich die „Z ep h ira" gebildet. Der Commers, der anlässlich ihrer Constituierung am 24. October stattfand, zeigt uns eine Schar jüdischer Studenten, die, getragen von Mannesmüth und unendlicher Liebe für ihr Volk, mit froher Zuversicht gegen feige Kriecherei und verdammenswerthe Indolenz in den Kampf ziehen. Die fröhliche Energie, mit der die „Zephira" ihr Werk begonnen, bietet allein schon die Gewähr für ihren Erfolg. Es sprachen die Herren stud. jnr. M. Diamant und stud. iur. L. Presser. Frumosa. Im Gegensätze zu den größeren Städten der Bukowina, wo die Juden leider eine unglaubliche Indolenz an den Tag legen, besitzt unser Städtchen seinen eigenen Zionsverein. Frumosa zählt nur 40 jüdische Einwohner, aber auch 40 begeisterte, aufrichtige Zionisten. Am 11. November sprach Herr Dr. Wilhelm Brodzky aus Kiew über den Zionismus und seine Ziele. Bei dieser Gelegenheit konnte er nicht umhin, auf die Theilnahmslosigkeit der Bukowinaer Jrrden dem Zionismus gegenüber hinzuweisen. Hoffentlich wird die Czernowitzer Centrale in dieser Hinsicht bald eine regere Thätigkeit entfallen. Zürich. In der am 13. d. M. stattgesundenen Generalversammlung des Vereines jüdischer Studierender „Hessiana" wurde Johannes Dunant zum Ehrenmitgliede ernannt. In das Comite wurden die Herren Assistent W e i n t r au b, iur. M a m e l o k. med. Neinus, phil. Pasternak und phil. Glasberg gewählt. Zelts chriften-Rundschau. Im Londoner „Daily Chronicle" hat Dr. Herzl soeben zwei längere Artikel über den Zionismus veröffentlicht. Ein Leitartikel der Redaction beschäftigt sich am 13. November eingehend mit der Sache. Wir geben davon nur einige Zeilen wieder: „Die territoriale Lösung der Judenfrage ist eine Erleichterung für Europa und eine Erlösung für uns." So erklärt Dr. H e r z l. in einer interessanten Mittheilung, die er in unseren Spalten über die zionistische Lösung der Judenfrage veröffentlicht hat. Wir müssen sagen, dass, wenn sie praktisch ist, ist sie die humanste Lösung, die cs geben kann. Aber ein europäischer Congress könnte sich in die innere Gesetzgebung oder Administration irgendeines Staates mit Rücksicht auf die Juden nicht emmengen. Russland würde eine Einmischung in seine Behandlung der Juden ebensowenig dulden wie Frankreich oder England eine Störung der Gleichberechtigung ihrer jüdischen Staatsbürger. Allein ein solcher Congress könnte eine Verständigung herbeiführen, sofern es sich um die Emigration der Juden handelt, die sich in Palästina ansiedeln wollen. Bei den guten Beziehunaen des europäischen Concerts zum Souverän von Palästina, und da dieser Monarch selbst seinen jüdischen Unterthanen gut gesinnt ist, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass Vereinbarungen getroffen werden könnten zu dem Zwecke, um in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen unter jüdischer Verwaltung zu errichten,- mit der Unterordnung unter den Sultan und mit der Beipflichtung zu einem jährlichen Tribut — solange das Sultanat existieren wird — und wir glauben, dass es noch lange in Kleinasien bestehen wird, nachdem es den europäischen Continent durch seine Existenz zu beunruhigen ausgehört haben wird. All dies scheint uns ganz gut möglich und wenn verwirklicht, wäre es die beste Lösung des Problems, das iu Centralnnd Osteuropa zweifellos einen immer größeren Umfang an nimmt." „De? Zionist" in New-Uork gab am Ende October eine sehr gehaltvolle Nummer heraus. Die neue Broschüre Dr. Herzls: „Der Zionistencongress" beginnt in dieser Nummer zu erscheinen, ebenso wird der erste Theil von Dr. Bodenheimers Organisationsentwurs veröffentlicht. Voll Schneidigkeit ist der Artikel „Ivri onauclii“ von Michael Singer, trefflich die 8. W. gezeichneten Ausführungen „Sinai und Zion". Die Üebersicht über die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Amerika wird gewiss jedem Gesinnungsgenossen viel Freude machen.