Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Afsimilation." Und der Sturm blieb nicht aus, der darauf folgen musste. Die Techniker Siegnmnd Melzel, als Vertreter der tschechischen (?), Alfred Mandel als Vertreter der deutschen (?), Richard Kenedy (Kohn -j- 50 kr.-Stempel) als Vertreter der ungarischen Studenten (?) überreichten dem Rector- Herrn Prof. B r i ck folgenden Protest: „Durch den Aufruf der jüdisch-nationalen Verbindung „Kadimah" fühlen sich viele Commilitionen mosaischen Glaubens in ihrer Ehre verletzt. Der genannte Aufruf enthält folgenden Passus: Die „Kadimah" ersieht . . . Als Vertreter deutscher, tschechischer und ungarischer Studenten mosaischer Confession richten wir an den Herrn Rector die Bitte, Schritte einzuleiten, dass dieser beleidigende Aufruf entfernt werde, und glauben zu diesem Vorgehen auch die Sympathien andersgläubiger Studenten zu besitzen. Indem wir die beleidigenden Worte mit Entrüstung zurückweisen, ersuchen wir den Herrn Rector, unserer Bitte zu willfahren." Man wäre kein Sohn Libussas und würde den Namen Wotan schänden, man wäre nicht mit Arpad nach Europa gekommen, wenn man nicht gegen die Ueberhebungen der Zionisten Vorgehen würde. Aber noch lebt deutscher Muth und slavische Treue und magyarische Aufopferung auch in den Angehörigen mosaischer Confession. Sie „glauben, die Sympathien andersgläubiger Studenten zu besitzen". Wie bescheiden! Da lernt, Kadimahner! Sie „glauben" nur. — Der Rector hat den Aufruf dem Professoren-Collegium unterbreitet. Inzwischen soll sich der Rector privatim geäußert haben, er könne den Ausdruck der persönlichen Meinung der Kadimahner nicht corrigieren. Wie«. (Orig.-Corr.) Samstag, den 13. November hielt die „israelitische Union" ihre erste Plenarversammlung ab. Die Versammlung wurde durch einen Vortrag des Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemaun über den „Verfall des Judenthums" eröffnet. Der Vortragende suchte auseinanderzusetzen, dass die Geschichte des Judenthums lediglich eine Religionsgeschichte sei. Er rügte an den Juden den Mangel einer Organisation. Am stärksten wäre das Judenthmn zur Zeit Davids in Palästina gewesen; da war die Organisation am besten durchgeführt. Im Mittelalter, in der Diaspora, sei es soweit gekommen, dass die einzelnen in den verschiedenen Städten internierten Juden sich gegenseitig inmitten der christlichen Bevölkerung befehdeten. Eine Stütze des Judenthums sei das enge, reine Familienleben gewesen. Auch die Freiheit, die freie Luft sei ein unentbehrlicher Factor zur gedeihlichen Entwicklung des Judenthums. Es ist Luft nöthig, um für das Judenthum ein Blüthezeitalter zu schaffen. Die Enge des Ghetto habe die verderblichsten, hässlichsten Eigenschaften gezeugt. Aber nichtsdestoweniger sei es in unserem Jahrhundert nnt dem Judenthum schon besser bestellt. Es gäbe sogar jüdische Gelehrte auf allen Gebieten. Das jüdische Elend, die jüdische Armut könne durch wohlthätige Almosen gemildert werden. Auch gäbe es große weitläufige Gotteshäuser. Und auf diese Weise werde es immer besser werden. Wir brauchen um unsere Zukunft nicht zu fürchten, weil wir eine zu alte Geschichte haben. Großer Applaus lohnte die Ausführungen des Vortragenden. Als zweiter Punkt der Tagesordnung folgten die Mittheilungen des Vorstandes über dieThätigkeit des Vereines. Beim dritten Punkte der Tagesordnung protestierte Dr. Elias im Namen des Vereines gegen den Richter- Antrag Neumayer. Der Cultusgemeinde wurde für ihren Protest Dank und vollste Anerkennung ausgesprochen. Beim vierten Punkte der Tagesordnung, d. i. „Freie Anträge und Interpellationen"» ersuchte Herr Hofbauer um einige Aufklärungen über die Vorgänge in der Aula. Dr. S. R. Landau kam dem Wunsche nach und verfocht in schneidiger, klarer Weise den jüdisch-nationalen Standpunkt. Herr Schalit besprach unter großem Beifall den Zionismus. Es sprachen noch Herr Ingenieur Zerkowitz und Herr Landesschulrath Dr. Kohn. Lemöerg. (Orig.-Corr.) Ein jüdischer Kaufmann, Moses Brandler, der seit 28 Jahren sein Geschäft betreibt, hatte einige Stücke Ware vor feiner Handlung ausgestellt Der hiesige Gemeinderath erblickte in dieser Handlung einen unreellen Wettbewerb, eine empfindliche Störung der Communication und Gott weiß was noch. Genug, das Auslegen der Waren wurde bei Ordnungsstrafe verboten. Der Marktrevisor Roriccki hatte nun den Moses Brandler dabei betreten, wie er dem Verbote zuwiderhandelte. In Begleitung eines Polizeisoldaten decretiert er, dass die Ware confisciert sei. Moses Brandler verlegte sich auf's Bitten, während einige seiner Verwandten die Ware wegräumten. Herr Roriccki blieb unerbittlich. Als er bemerkte, dass die beanständeten Waren verschwunden waren und Brandler seinem Befehle, die Ware sofort auszuliefern, nicht sogleich willfahrte, befahl er dem Soldaten, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Der Polizist hieb nun mit blankem Säbel auf den Juden ein, verwundete ihn schwer am Haupte und an der Hand. So wurde die Autorität der Ortspolizei gewahrt. Der Bürgermeister Dr. Malachowski antwortete auf eine diesbezügliche Interpellation des Dr. Löwenstein, dass er die Sache untersuchen und die Schuldigen bestrafen werde, jedenfalls werde aber Brandler den Widerstand gegen behördliche Verfügungen vor Gericht zu verantworten haben. Deutschland. Kok«. (Orig.-Corr.) Die Saison des „Vereines für jüdische Geschichte und Literatur" hat begonnen. Ja, auch Geschichte und Literatur müssen sich die moderne Saisoneinrichtung gefallen lassen, die Vereinssaison in Köln dauert nur fünf Monate, von November bis April. Einst war dieser Verein der größte und regsamste in Deuschland. Er zählte noch vor zwei Jahren 500 Mitglieder und bildete die eigentliche Stätte des jüdischen Lebens am Rheine. In Norddeutschland sah man mit Neid auf uns, und unser Verein galt als Muster. Heute verliert er immer mehr an seiner Bedeutung und wird zu einer Burg des seichten Dilettantenthums.. Und die Ursache? Man hat den nationaljüdischen Geist vom Verein verbannt! Man darf nämlich im Verein über alle wichtigen Ereignissein Israel sprechen, über die Ernennung eines Juden zum Kommerzienrath, über die Decorierung eines „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens", über den Ausspruch eines bezahlten Philosemiten, über alte Ausgrabungen, nur nicht über die lebendige Geschichte des lebenden jüdischen Volkes, nur nicht über den „gefährlichen" Zionismus. Nun sind aber zufällig — dieser Zufall soll oft Vorkommen — die Zionisten die eifrigsten Mitglieder und die beliebtesten Redner des Vereines und sie fühlen sich jetzt im Vereine nicht mehr wohl. Früher gab es häufig zionistische Debatten im Verein, d. h. die Herren, die in sich den Beruf fühlen, unsere Bewegung zu bekämpfen, suchten jede Gelegenheit an den Haaren herbeizuziehen, um den Zionismus zu „vernichten." Als man aber sah, dass die Zionisten ihren Mann stellen, wählte man den besseren Theil der Tapferkeit und gab den Ukas, dass das Wort „Zion" in den Hallen des Vereines nicht mehr erwähnt werden soll. Bedauert wird dieses Vorgehen aber im Grunde genommen von den meisten Mitgliedern, denn die zionistischen Discussionen bildeten die interessantesten und anregendsten Vereinsabende. Geradezu komisch gestaltete sich der diesjährige Eröffnungsabend. Einem alten, schönen Brauche entsprechend bietet der Vorsitzende an diesem Abend einen kurzen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres im jüdischen Lager. Nun ist aber der Baseler Congress ein Markstein in der jüdischen Geschichte, wie soll man darüber hinweg? Diese Schwierigkeit ist von dem holländischdeutsch-österreichischen Patrioten Rabbiner Dr. Frank einfach dadurch gelöst worden, dass er in der Einleitung bemerkte, es herrsche ein stillschweigendes Uebereinkommen, über den Zionismus nicht zu sprechen. Es soll mich gar nicht wundern, wenn dieser originelle Herr nächstens erklärt, es bestehe eine stillschweigende Verständigung, die Weltgeschichte zu ignorieren, denn dass der