Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Nachwehen der Pilsener Excesse [Nachricht]
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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Seite 10. Nr. 25. ZlachrveHen der Pilsener K^ce/se. Im Monat August war Pilsen bekanntlich der Schauplatz von Judenexcefsen, die schließlich durch Militärgewalt unterdrückt werden mussten. Aehnlich wie in der Stadt gieng es auch in den benachbarten Ortschaften zu. Am 10. November standen in Pilsen die Stienowitzer Einwohner Josef Nechatny, 18 Jahre alt, Steinmetz, und Wenzel Beranek, 18 Jahre alt, Steinmetz, wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit vor Gericht. In Stienowitz erschien laut der Anklage am 21. August 1897 eine Rotte junger Leute ^m Laden eines jüdischen Branntweinhändlers und verlangte Branntwein. Sie verweigerten die Bezahlung und entfernten sich unftr wüsten Drohungen. Mit dem Rufe „Geh'n wir gegen die Juden" zogen sie gegen die Synagoge und schlugen die Fenster ein. Mit Rücksicht auf die widersprechenden Zeugenaussagen wurden beide Beschuldigte von der Anklage wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit freigesprochen und nur der Erstere, der bereits längere Zeit in Untersuchungshaft gesessen, wegen Beschädiguüg fremden Eigentums zu 24 Stunden Arrest verurtheilt. Außerdem wurde beschlossen, die Acten der k. k. Bezirkshauptmannschaft Pilsen zur Amtshandlung gegen die beiden Genannten wegen Excesfts abzutreten. ' Km Jubiläum. Ein Altmeister deutscher Wissenschaft, der berühmte Botaniker Prof. Ferdinand Cohn in Breslau, beging das seltene Fest des 50jährigen Doctorjubiläums. Neunzehnjährig war Ferdinand Cohn Doctor der Philosophie geworden! Es gibt unter den Lebenden vielleicht nicht einen zweiten, der sich des gleichen rühmen kann. Am 24. Januar 1828 in Breslau als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, studierte er seit 1844 erst dort, dann in Berlin, wo Männer wie Dove, Ehrenberg, Lepsius, Link und Mitscherlich seine Lehrer waren, die Naturwissenschaften und widmete sich insbesondere der Botanik. Auf diesem Gebiete waren besonders Prof. Göppert in Breslau und Prof. Link in Berlin seine Lehrer, hier trieb er aber auch fleißig Zoo- und Phytochemie unter Mitscherlich's Leitung. } Im Jahre 1850 hatte sich Cohn als Privatdocent für Botanik an der Breslauer Universität habilitiert, wurde 18&9 außerordentlicher und 1871 ordentlicher Professor. Die Regierung hat die hohen Verdienste Cohn's schon vor Jahren dadurch anerkannt, daß sie ihm den Titel eines Geheimen Regierungsrathes verliehen hat. Ferdinand Cöhn gehört zu den Begründern der modernen bacteriologischen Wissenschaft. Schon vor mehr als vierzig Jahren hat er sich mit dem Studium der Formen und Wirkungen der Batterien beschäftigt und die Lehre von der Bedeutung der Bacterien als Krankheitserreger vorbereitet. Bei Cohn erhielt Robert Koch Ende der 70er Jahre, damals noch Kreisphysikus in dem Städtchen Wollstein, Lehren und Anregung zu seinen epochemachenden Studien über Bacterien. Die Zahl der einzelnen Veröffentlichungen Cohn's ist sehr groß, sie sind der ganzen Botanik zugute gekommen. Unter seinen Fachgenossen genießt Cohn den Ruf einer ersten Autorität. Wiederholt hat er auch naturwissenschaftliche Fragen. in populärem Gewände geschickt dargestellt. Viel beachtet wurde z. B. sein auf der Berliner Naturforscher-Versammlung 1886 gehaltener Vortrag „Lebensfragen", in welchem er der Menschheit mit ziemlicher Gewißheit in Aussicht stellte, daß die Chemie einmal das Problem lösen würde, aus Stein Brot zu machen.. Iudert-Kneffe in England. Aus Cardiff (England) wird dem „Jewish Express" berichtet: „Vor zwei Wochen wurde ein jüdischer Tabakhündler ohne jeden Grund in seinem Laden von vier Engländern in der heftigsten Weise mit antisemitischen Schimpfworten überhäuft. Als der Jude dagegen protestierte, wurde er von den Leuten überfallen und grausam durchgeprügelt. Bis sich auf das Geschrei der Frau ein Wachmann zeigte, waren die Kerle längst, verschwunden. Die That blieb ungeahndet und so überfielen sie am letzten Sabbat abends wiederum den Juden, diesmal begleitet von zahlreichem Pöbel, der das Haus umstellte und wüthend rief: „Fort mit den Juden! Erschlagt die Juden!" Als ich gerade vorübergieng und dies sah, da erinnerte ich mich lebhaft an die Einleitung zu „pogromen“ (Excessen) in Russland. Ganz dieselben Worte, nur in englischer Sprache. Glücklicherweise brgnügte man sich hier nur damit, dass man die jüdische Familie durchprügelte und ihr die Scheiben einschlug. Die Wachmänner kamen, wie gewöhnlich, nachdem schon alles vorüber war. Nur die paar Juden werden für lange die Prügel spüren. Wie wäre es — meint zum Schluffe der Correspondent — wenn unsere „Fürsorger", die von Mission und Civilisation schwatzen, einmal so durchgebläut werden würden? Was würden sie dann sagen? Murnänische Proteste. Der zumeist aus Reservisten bestehende Verein eingeborener Juden protestierte gegen die geplante Ausschließung der einheimischen, als „Fremde" behandelten Juden vom Militärdienste. Auch die Studenten haben gegen dieses Vorgehen Protest erhoben. Aie Juden in Kuwänien. Man beginnt sich im Auslande mit der traurigen Lage der rumänischen Juden zu beschäftigen. Die „Münchener Allg. Ztg'" berichtet: „Schon seit längerer Zeit bestehen in sämmtlichen Städten des Landes Judenvereine, die unter einer centralen Leitung von Bukarest stehen und den Zweck verfolgen, den eingeborenen Religionsgenossen das rumänische Staatsbürgerthum und die damit verbundene politische und sociale Gleichberechtigung zu erkämpfen. Die gesetzlichen Bestimmungen für die Erlangung des Staatsbürgerthums sind in Rumänien wesentlich schwerer als in anderen Staaten; dasselbe kann weder ersessen noch auf Grund präciser Bedingungen rechtlich gefordert werden, sondern wird nur im Wege eines besonderen Gesetzes für jeden einzelnen individuell ertheilt und erstreckt sich nicht auf die Kinder des neuen Staatsbürgers. Diese harten Bestimmungen sind in erster Linie gegen die hiesigen sehr zahlreichen Juden gerichtet. Um aber den gegen dieselben geführten Kampf nicht als einen Rassenkampf — ein religiöser Kampf hat nie stattgefunden — erscheinen zu lassen und um die bezüglichen Gesetze auch als mit den Rechtsanschauungen anderer Staaten in Einklang stehend bezeichnen zu können, gebrauchte man den Ausweg, dieselben nicht speciell gegen die Juden, sondern im allgemeinen gegen die im Lande lebenden „Fremden" zu erlassen. Gegenwärtig sind zwei neue, Restrictionen gegen die „Fremden" bezweckende Gesetzesprojecte bekannt geworden. Das eine hat den Kriegsminister, das andere den Unterrichtsminister zum Verfasser. Ersterer will das Rekrutierungsgesetz dahin abändern, dass die Fremden vom Militärdienst befreit, respective ausgeschlossen, damit aber auch der Anwartschaft auf das Staatsbürgerthum verlustig werden — dass sie andrerseits aber eine Militärbefreiungstaxe zu zahlen hätten. Der Unterrichtsminister möchte die beim Volksschulgesetz bezüglich der Fremden geltenden Bestimmungen auch in den Mittelschulen des Landes einführen. Weil, wie schon erwähnt, die Fremdengesetze hauptsächlich gegen die Juden gerichtet sind, so haben diese aus Anlass der beiden vorgenannten Gesetzentwürfe am verflossenen 7. November in Bukarest einen außerordentlichen Landescongress abgehalten und gegen die geplanten Einschränkungen Stellung genommen. Aie Juden iw russischen tzentrakasten sind besser daran als ihre Brüder in den anderen russischen Provinzen. Sie wohnen namentlich in den Städten und treiben größtenteils Kleinhandel oder sind kleine Handwerker. Besonders zahlreich sind sie unteranderem in Taschkend, wo sie ein eigenes Stadtviertel bewohnen. Sie dürfen sich vollständig frei bewegen und zählen zu den treuesten Unterthanen des Czaren, was bei der Unzuverlässigkeit der meisten der dortigen Stämme (Usbeken, Tadschiks, Kaizaken, Kuramos, Turkomanen, Kaschgaris, Araber, Perser, Zigeuner rc.) viel sagen will. Sie haben es aber auch besser als ihre Brüder in den noch unabhängigen Khanaten. Dort ist die