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Die Welt · 1897-11-19 · 25 (19.11.1897) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
25 (19.11.1897)
Article
Hermann Bahr
Date
1897-11-19
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25. ja durch ihre Schönheit einen unbeschreiblichen Zauber auf mich ausgeübt haben. Um Politische Dinge bekümmere ich mich nicht, ich spreche also auch nicht von der politischen Bedeutung des Zionismus; aber als Künstler kann ich mich der idealen Schönheit nicht erwehren, die er hat. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sie mir zum erstenmal erschienen ist. Eines Tages kam ein kleiner, jüdischer Student aus Galizien zu mir und schilderte mir das furchtbare Elend in seiner Heimat: wie die jungen Leute dort im Schmutz, ohne einen Blick in's Helle der Menschheit, wie Thiere aufwachsen, mit einer vergeblichen Sehnsucht, auch einmal Menschen sein zu dürfen. Aber das wird ihnen nicht gewährt, und es gibt für sie keinen Trost; alles das Große, alles das Schöne der Menschheit ist für sie nicht da, sie sind ja blos Juden, und der Jude hat kein Recht auf das Glück, der Jude hat kein Recht auf die Poesie des Lebens. Und da, in dieser schrecklichen Noth der Seele, steigt vor ihrem inneren Blicke das Bild einer in der Kerne schimmernden Stadt auf: einer Stadt, wo die Juden Menschen sein dürfen, mit dem Rechte der Menschen auf die Schönheit und . auf das Glück! Aber diese Stadt der Verheißung wird ihnen nicht geschenkt: selbst müssen sie sich sie erobern. Mit ihren eigenen Händen müssen sie sie aus dem Schutt ziehen, aus der Erde graben, mit dem Schwert müssen sie sie vertheidigen können! Ich hätte Ihnen gewünscht, dass Sie diesen armen kleinen Seudenten, diesen abgehärmten, schmierigen und vom Schicksal verprügelten Kerl gesehen hätten, wie er das schilderte! Damals habe ich zum erstenmal die Größe des Zionismus gespürt. Ich habe gespürt, dass er ein Traum von einer glühenden und berückenden Schönheit ist, und dass nur eine große Nation solche Träume haben kann. Und noch etwas, das hat mich am meisten frappiert: mein ganzes Leben habe ich mich immer nach einem heroischen Ideal gesehnt, das ist mir als das tiefe Elend unserer schlechten Zeit erschienen, dass sie keine heroische Menschen hat. Mein ganzes Herumrennen in der Kunst ist zuletzt nur die wilde Begierde nach dem Heroischen gewesen. Oder sehen Sie Maurice Barrss an: was will er denn mit allen Worten vom freien Mann und von der nationalen Energie als auch den heroischen Menschen? Und was d'Annunzio immer thun mag, ob er zu seinen Bauern spricht oder ein antikes Theater baut, immer möchte er doch zuletzt nur, dass sein Volk heroisch werden soll; darum hat das Wort „Lateiner" einen so mächtigen Klang für ihn. Gebt uns ein heroisches Ideal! Gebt uns heroische Menschen! Wie oft haben wir das ausgerufen! Nun, diese Juden haben es bei sich erfüllt. Was wäre denn heroischer als der Entschluss, seinen Traum zur That zu machen? Wer sich ein höheres Leben zu schaffen den Willen hat, der ist ein Held. Mir fehlt ein Held, hat Byron gerufen. Wie oft haben wir alle geklagt, dass wir, von Pedanten umgeben, keine Helden sehen. Nun, da sind sie! An ihrem Anblicke können auch wir größer und besser werden. Gescheidte Leute — die gewissen gescheidten Leute, die über alles reden, aber selber nichts thun — haben mir gesagt, die Pläne der Zionisten seien unausführbar. Dies kann ich nicht beurtheilen, aber auch wenn es wahr ist, würde dadurch der Zionismus für mich nichts verlieren. Das Entscheidende ist, ob ein Volk ein Ideal fassen kann. Wenn ein Volk ein Ideal fasst, wird es dadurch allein schon besser und zu einer edleren Cultur gebracht. Es mag daran zugrunde gehen, aber in jenem höheren Sinne, in dem allein die Einzelnen und die Völker wirklich sind, in diesem höheren Sinne kommt es eben dadurch erst zu seiner wahren Existenz. Ein Ideal fassen, heißt leben können. So sind die Juden, kommt mir vor, durch den Zionismus wieder lebendig geworden. Ein Bedenken habe ich lange gehegt. Unsere Cultur ist ja eine Symphonie vieler Nationen, jede Nation spielt da ihr Instrument, das nicht fehlen darf. Werden uns nicht die Juden fehlen, wenn sie aufhören, ihr Jn- Seite 9, strument in unserem Concert zu spielen? Aber sie sollen ja nicht aufhören, im Gegentheil! Haben sie nur erst ein Vaterland gewonnen, so wird ihre Natur sich viel reiner aussprechen können als jetzt, wo sie allerhand Fremdes aufnehmen und so bisweilen ihren Charakter verwischen lassen. Dann erst wird ihre Stimme hell und mit Macht in unserer Cultur mitklingen können. Das sind die Gründe, die mich in dem Zionismus eine große und edle Bewegung sehen lassen. Ich glaube: er ist gut für die Juden und gut für unsere Cultur. Ich - meine auch, dass man seine Folgen bereits spürt. Man spürt bereits, dass die Juden durch den Zionismus besser werden. Das Traurigste sind mir immer jene Juden ge- - wesen, die sich schämen, Juden zu sein, die ihr großes Volk verleugnen, ja, die wohl gar die Worte oder die Gebärden eines anderen Volkes nachäffen möchten, indem , sie sich auf Deutsche oder.Franzosen hinausspieten. Ein i Mensch, der die ihm angeborene Art seiner Väter aufgibt, gibt das Theuerste und Edelste auf. Wir haben nichts 'ch. Besseres in uns als die stille Macht der verlässlich waltenden dJnstiucte unserer Rasse. Wer sich von diesen loslöst, der k wird einer jener leeren Verstandesmenschen, die sozusagen f nur theoretisch existieren, traurig und lächerlich zugleich. Es ist ein Glück für die Juden, dass ihre jungen Leute f jetzt wieder lernen, sich mit Stolz zu ihrem Judenthum zu bekennen." Weltchronik. Kine Ablehnung. Mit Bezug auf die von den deutschnationalen Studenten in Scene gesetzte Demonstration gegen die ^prächenverordnungen, an der sich auch Mische Schönerianer ' Mheiligten, schreibt die „Ostd. Rundschau": „Es fei ausdrücklich festgestellt, dass die' ganze Kundgebung nur von der deutschirationalen Studentenschaft ausgieng und auch von dieser allein |lt Scene gesetzt wurde. Mit den sogenannten freisinnigen oder Aar jüdischen Verbindungen sind weder Verhandlungen gepflogen worden, noch sind dieselben aufgefordert worden, mitzuthun. Wenn .sich einzelne freisinnige Studenten dem Zuge angeschlossen, so Konnten dies die Veranstalter der Kundgebung, die auf der Straße stattfand, nicht wehren." . >vv Inden ttttb nicht Slaven. Alljährlich arrangieren die Wiener Veterinärmediciner einen Ball. In das Ballcomite hatten . Heuer die südslavischen Veterinärmediciner drei Juden gewählt. Der Vorsitzende des Comires machte darauf aufmerksam, dass Juden keine Slaven seien. Hierauf wurde die Wahl der Juden annulliert, und an ihre Stelle wurden drei „wirkliche" Slaven . gewählt. .... pfa Weinöanfchltke in Klosterneuburg besucht seit Beginn dieses Schuljahres Herr Jacob Oettinger, ein junger Mann von Cherson, der mit Abschluss seiner Studien in die dortige jüdische Kolonie zurückkehren und Vorkehrungen für die Einführung des Weinbaus zu treffen haben wird. Ist Hrünfekd ein Jude? Der antisemitische Abgeordnete Schneider hat in der österreichischen Reichsrathssitzung vom 11. November wieder einmal seinen alten, verschimmelten Ritualwitz zum besten gegeben. Er überreichte eine Interpellation in Angelegenheit eines verschwundenen dreieinhalbjährigen Knaben, Pen ein gewisser Grünfeld entführt haben soll. Später stellte sich heraus, dass Grünfeld geistesgestört sei. Schneider weist in seiner Interpellation auf den Rabbinatscandidaten Bernstein im Deutschen Reiche hin, der nach der Aussage Schneiders einen Knaben „zum Zwecke der Entnahme von Blut zu' rituellen Zwecken" entführt habe. Der Interpellant fragt': Was gedenkt der Minister zn thun, um zur Beruhigung des Publicums Klarheit zu schaffen, und will er bekanntgeben, ob Grünfeld und der . untersuchende Polizeiarzt Juden sind oder nicht?

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