Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Die Hausierer in Wien
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35. -JPkgVM? Sette 5. ftercit, das ein großer Theil unserer Glaubensgenossen diesen Leuten gegenüber zu beobachten für angemessen finden. Ein ansehnlicher Theil ist jeder Berührung oder auch nur dem Anblicke von Hausierern entzogen; in die Wohnungen oder auch nur in das Hausthor vornehmer Häuser dürfen sie nicht hinein; in die Restaurants, Clubs, in denen die reicheren Kreise verkehren, dürfen sie erst recht nicht hinein. In den Straßen mögen sie ihnen hin und da wohl unter die Augen kommen, allein entweder fährt der Wagen, in welchem sie sitzen, zu schnell, oder es ist so kalt, dass itian nicht die Hand aus dem Rocke ziehen mag; auch kann doch ein „besserer Mensch" nicht die Notizbüchel oder das Spielzeug kaufen, das der Hausierer auf der Straße anträgt. So bleibt denn der Hausierer nur auf die Mittelclasse, den Handwerker- und Arbeiterstand angewiesen und darf nur die mittleren Locale besuchen. Es mag aber hier hervorgehoben werden, dass bis auf wenige christliche Wirte in den Vororten die Hausierer in christlichen Wirtshäusern eher verkehren dürfen, als bei jüdischen. Empörend aber wirkt es bisweilen, wenn man Zeuge wird des Verhaltens, das selbst Glaubensgenossen jüdischen Hausierern gegenüber beobachten. Der Pöbel denkt bei dem Worte „Jud" immer nur an jüdische Millionäre; der Hausierer beweist am deutlichsten, dass nicht alle Juden Millionäre sind. Man hat so oft, und gerade wieder von Juden, den Rath gehört, die Hausierer sollen einen anderen Beruf ergreifen. Ja glaubt man denn wirklich, dass ein jüdischer Familienvater sein Kind zum Hausierer erziehen will? Vergisst man denn, dass die Anzahl der Geschäfte, s e l b st jüdischer Geschäfte, immer größer wird, in welchen nur christliche Praktikanten und Buchhalter ausgenommen werden? Ist es vielleicht ein Geheimnis, dass ein christlicher Handwerker fast niemals jüdische Lehrlinge aufnimmt, und ist es diesen Rathgebern unbekannt, dass der kleine jüdische Geschäftsmann, wenn er nicht genug Capital besitzt, um einen besonderen Betriebszweig zu ergreifen, mit den größten Sorgen zu kämpfen hat. Nur wenn jemand mit allen seinen Hoffnungen Schiffbruch erlitten, bemüht er sich um ein Hausierbuch. Und an welche Vorbedingungen ist dasselbe geknüpft! Es würde zu weit führen, sie alle zu besprechen, nur darauf wollen wir Hinweisen, dass eine gerichtlich bestrafte Person sich in Oesterreich eine Fabrik errichten darf — hausieren darf sie nicht. Es wird bei Beurtheilung der Wiener jüdischen Hausierer denselben zum Vorwurfe gemacht, ein großer Theil komme aus Galizien und gehe hier in zerissenen und schmutzigen Kleidern herum; gerade die Schilderungen „Unter jüdischen Proletariern" von Dr. S. R. Landau lassen es begreiflich erscheinen, dass sie, die in ihrer Heimat nichts zu verlieren haben, sich nach der Reichshauptstadt in der Hoffnung wenden, dort, wo eine Million Menschen ihr Auskommen findet, auch für sich Brot schaffen zu können. Das wissen sie, und wenn sie es nicht wissen, erfahren sie es bald, dass das Los eines jüdischen Hausierers kein glänzendes ist; Arbeitsfaulheit, Hang zum Müßiggänge, das Streben, ein müheloses, glänzendes Dasein zu führen, hat sicherlich noch keinen zum Hausierer gemacht; selbst der Statthalter von Oberösterreich, Victor Freiherr von Pouthon, erklärte in der Sitzung des oberösterreichischen Landtages vom 8. Februar 1894: „Des Lebens Notdurft bringt es mit sich, dass man das Hausicrwesen nicht ganz abschaffen kann." Gleichwohl hat es seither an Bemühungen nicht gefehlt, diesen Erwerbszweig zu beseitigen, und am 6. Oktober 1897 wurde dem österreichischen Reichsrathe neuerlich eine Gesetzvorlage unterbreitet, welche die Existenz der Hausierer ernstlich gefährdet. Mit welchen Gefühlen speciell die jüdischen Hausierer der Entscheidung entgegensetzen, lässt sich dem Gesagten zufolge leicht begreifen; sie werden bald zur Erkenntnis kommen, dass Heine recht hat mit seinem Satze: Wenn Du aber gar nichts hast, Ach, so lasse Dich begraben. Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur, die etwas haben. Der Iustrxirrlhum Dreyfus. Paris, Anfangs November. Seit zwei Wochen spricht man nur über die Affaire Dreyfus. Die Erörterungen, bei denen die Presse eine ganz außerordentliche Leidenschaftlichkeit an den Tag legte, wurden durch die Erklärung S ch e u r e r - K e stn e rs hervorgerufen. „Ich habe die volle Ueberzeugung von der Unschuld des Capitäns Dreyfus gewonnen," sagte Scheurer-Kestner. „Der Unglückliche war das Opfer eines furchtbaren Justizirrthums." Ferner erklärte Scheurer-Kestner: „Da ich weiß, dass der Capitän Dreyfus unschuldig ist, werde ich alles, was ich an Kraft und Energie besitze, anwenden, um ihn öffentlich zu rehabilitieren und es zu bewirken, dass man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lässt, die man ihm schuldet." — Es ist vor allem die Persönlichkeit des Herrn Scheurer-Kestner, welche seinen Erklärungen eine ganz besondere Wichtigkeit verleiht. Als Senator nimmt Herr Scheurer- Kestner in der ersten der gesetzgebenden Körperschaften eine ganz ungewöhnliche Stellung ein. Er ist nicht nur einer der geschätztesten und geachtetsten Männer, sondern bekleidet auch die Stelle des Bicepräsidenten. Seine Aeußerungen haben also schon an und für sich ein bedeutendes moralisches Gewicht, das noch dadurch vermehrt wird, dass sie ein wenig vom Officiellen an sich tragen. Jedenfalls ist ihre politische Tragweite ganz außer Zweifel. Darüber sind alle Journale vollkommen einig. Selbst jene, die rhren „Patriotismus" in lärmendster Weise ausschroten, bestreiten dies nicht, da sie die integre Ehrenhaftigkeit, die erprobte Vaterlandsliebe und das profunde Wissen des Herrn Scheurer-Kestner nicht in Zweifel zu ziehen wagen. Diesem Ehrenmanne steht Gabriel Monod hilfsbereit zur Seite. Herr Monod ist ein Professor von hoher Bildung und einer der Lieblinge unserer Jugend. Als Mitglied des Instituts de France hat er in akademischen Kreisen großen Einfluss und zählt dort nur Freunde. Auch Herr Monod beeilte sich nach seiner Rückkunft aus Rom in einem ebenso energischen als bemerkenswerten Brief an die Journale seiner innersten Ueberzeugung von der Unschuld des Capitäns Dreyfus Ausdruck zu geben. Er hat des längeren die Gründe auseinandergesetzt, auf denen diese Ueberzeugung basiert. Wie es von vornherein zu erwarten war, hat dieser Brief des allgemein hochgeachteten Akademikers einen sehr tiefen Eindruck gemacht. Das Schreiben wurde auch von allen Journalen citiert und in der verschiedensten Weise commentiert. Ich werde darauf noch zurückkommen, wenn ich mich mit der öffentlichen Meinung Frankreichs über diese sehr lehrreiche Affaire Dreyfus beschäftigen werde. Angesichts der Erregung, welche durch die Erklärungen der Herren Scheurer-Kestner und Monod hervorgerufen worden war, konnte auch die Regierung, bei der ja die ganze Affaire übrigens von Herrn Scheurer-Kestner anhängig gemacht worden war, nicht mehr gleichgiltig bleiben. Alle die Journale, ob sie der Sache des Capitäns Dreyfus günstig oder feindlich gesinnt waren, verlangten von der Regierung, dass sie sich ausspreche. Das Ministerium hatte anfangs den Journalen nur eine mündliche Erklärung abgegeben. Da aber, diese Erklärung von den einzelnen Zeitungen in ganz verschiedener Weise reproduciert worden war, hatten zwei Deputierte ihre Absicht kundgegeben, .die Regierung zu interpellieren. Da entschloss sich diese im Ministerrathe eine officielle Rote zu verfassen und sie den Zeitungen zugehen zu lassen. Die ministerielle Note, welche die Zeitungen noch am Abende nach der Beschlussfassung brachten, hatte folgenden Wortlaut: „Der Ministerpräsident und der Kriegsminister theilten..dem Ministerrathe mit, dass die Deputierten Castelin und Mirman die Absicht hätten, wegen der Presspolemiken in der Affaire Dreyfus in der Kammer zu interpellieren. HerrM elin e und General B illot haben dem Ministerrathe-die.Antwort vorgelegt: Der Capitän ist regelrecht und gerecht vom Kriegsgerichte verurtheilt worden. Das Urtheil bleibt mit all seinen