Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Schwache Hände
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 16. Nr. L3 die Schultern, kniete es vor dem Herde und blies das Feuer an. Verwundert sah es aus. «Küss die Hand, Herr Weigert!" — „Guten Morgen, Rest! Ist die Zeitung schon da?" Er öffnete die Thür und hob daSi noch druckfeuchte Blatt auf. Mit der Sicherheit der täglichen Gewohnheit schlug er die Seite auf, welche die Coursdepesche» enthielt. „Frankftrt: Abendbörse flau." „Paris: Boulevardverkehr Baisse." Da taumelte er und sank auf den Stuhl in der Küche, dass das Müdcheu erschrocken fragte, ob dem gnädigen Hertn nicht gut sei. Er winkte ihr „Nein" und starrte dann lange vor sich hin. „Baisse in Paris", das war das Ende, düs bedeutete einen weiteren Rückgang der Course, und wie sollte er dem standhalten? War eS aber auch wirklich wahr, hatte er in der Er» rrgung picht etwa falsch gelesen? Beim flackernden Scheine des Feuers, a« dem das Mädchen den Morgenkaffee kochte, las er nochmals. Nein, er hatte sich nicht geirrt. „Flau", „Baisse", es war kein Zweifel möglich. Fast mechanisch las er nun auch die politischen Telegramme; auch da nichts als Hiobspostcn. Der „Nord" erklärt die Situation in Bulgarien als unhaltbar, Russlands Geduld für erschöpft. Lord Salisbury bezeichnet die Lage — Weigert fuhr es eiskalt über den Rücken. „Papa, Papa!" Diesmal war das Kind wirklich wach. Er schob die Zeitung unter den linken Arm und eilte ins Zimmer. Da saß das Kind im Bettchen und blickte ihm schlaftrunken, aber liebevoll lächelnd entgegen. „Mein süßes Herz, bist Du wach? Hast Du gut geschlafen und was Liebes geträumt?" — „Von Dir Hab ich geträumt, Papa! Dass ich Dir ein großes Blumenbouquet milgebracht habe, und dass Du mir dafür einen Kuss gegeben hast, einen so langen!" Und dabei schlang sie die Aermchen um seinen Hals und küsste ihn so lange, bis ihr endlich der Athem auSgieng, und sie in die Kiffen zurückfiel. Er aber beugte sich zu ihr nieder, fasste das Köpfchen mit beiden Händen und küsste sie stürmisch auf die Stirne, so dass sie verwundert fragte: „Was hast Du denn Papa? Seit damals hast Du mich nicht so geküsst!" Aber sie hielt erschrocken inne. „Seit damals," das hieß, seit dem Schreckenstage, an dem die Mama gestorben war, und der arme Papa sie in seiner Verzweiflung zu sich cmporgehobcn und auf die Stirne geküsst und unter bitterem Schluchzen zu ihr gesagt hatte: „Jetzt bist Du, Paula, alles, was ich auf Erden habe, mein einziges, einziges Glück!" Aber was war denn das? Der Papa stand am Fenster und weinte und schluchzte ja gerade wie damals! Gewiss, weil sie ihn an „damals" erinnert hatte. Sie sprang aus dem Bettchen und eilte barfuß zu ihm, hieng sich an seinen Hals und bat ihn — und dabei rannen ihr selbst dir Thränen aus den Augen — er möge zu weinen aushören und ihr verzeihen, sie werde cs gewiss nie mehr thun. Er verstand sie nicht gleich; aber als er ihren liefen Kummer gewahrte, beruhigte er sich gewaltsam und hieß sie sanft sich ankleiden. Es war strenger Winter draußen, und er fürchtete sehr, dass das Kind sich erkälten möchte. Die Magd brachte das Frühstück. Er goß dem Kinde und sich eine Tasse voll. Schweigend tranken beide; seine Gedanken flogen mit unwiderstehlicher Gewalt zum Schottenring, wo in wenigen Stunden sein Schicksal entschieden werden sollte; das Mädchen aber empfand mit dem Instinkt des Kindes, dass Papa heute nicht gelaunt sei, ihr zuzuhören. Dabei war ihr gar weh ums Herz, denn es schmerzte sie tief, den Vater so finster und schweigend vor sich hinbrüten zu sehen. Dass ihn schwere Sorgen quälten, empfand sie wohl; aber welche mochten eS wohl sein? Sie war doch so brav, hatte alle ihre Aufgaben fleißig gemacht und ihm gar keinen Grund zum Aerger gegeben! Und als er ihr plötzlich über den Tisch die Hand hin hielt, da legte sie ihr^Händchen darein und blickte ihn so betrübt und doch wieder jo vertrauensvoll an, dass er, seiner Stimmung nicht mehr Herr, ansrief: „Nein, es ist nicht möglich! So ein Schatz kann nicht zugrunde geh'«! ES wird alles wieder gut werden!" Da fasste sie wieder Muth und sagte: „So ist's recht, Papa, sei wieder gut gelaunt! Schau', Du hast ja noch nicht einmal Deine Semmel gegessen." Da aß er die Semmel. (Forschung folgt.) Dücherwrlk. Das Erwachen der jüdischen Nation. Der Weg zur entgiltigen Lösung der Judenfrage von F. HtMan. Verlag P. Kober, Basel 1897. Es ist schon eine lange Zeit her, dass sich der gelehrte Professor F. H e m a n eingehend mit der Judenfrage beschäftigt. Die vorliegende Schrift ist auch nicht seine erste über dieses Thema, und doch dürfte sie in anderem Sinne seine erste sein, die beste nämlich. Was uns Juden diese Schrift besonders interessant macht, daist das reife Verständnis und die wohlwollende Würdigung des christlichen Verfassers, die er allen Regungen der jüdischen Volksseele entgegenbringt. Er gehört zu jenen wenigen Nichtjuden, die im Ersoffen der jüdischen Psyche keinen allzu großen Jrrthümern unterworfen sind. Bei alledem zeigt uns auch diese Publication wieder, dass er kein Philosemit in d e r Bedeutung ist, wie dieses Wort von unseren Abwehrfreunden aufgefasst wird. Und« das freut nnS. Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit haben wir Juden nie zu fürchten gehabt. Einem wahren und ehrlichen Manne dürfen wir sogar Jrrthümer verzeihen. Die neue Publication zerfällt in fünf Abschnitte, von denen uns der zweite, vierte und fünfte die gelungensten zu sein scheinen. Im zweiten Abschnitte bespricht der Verfaffer die leitenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung, im vierten ihre Gegner und im fünften die Erwartungen und Hoffnungen, die sich an das Wiedererwachen der jüdischen Nation für Juden und Nichtjuden knüpfen. Geradezu glänzend und der größten Verbreitung werth, sind die Ausführungen H e m a n s über die Protestrabbiner und Missionsjuden. Er meint unter anderem diesbezüglich: „Wenn die Juden diesen Missionsberuf jetzt in der Welt haben, dann sind die Rabbiner natürlich die wahren Geisteshelden, dann hängt das Heil der Welt an diesen Rabbinern, und ste haben recht, wenn sie unter den Völkern bleiben wollen; jetzt schon leben sie da herrlich und in Freuden, haben es so gut, wie sie es nur wünschen, und welche Ehren warten.ihrer erst, wenn die Völker es erst einmal merken, welche Lichter diese Rabbiner sind und welch' großen Beruf sie erfüllen! ... Es ist hoch erfreulich, dass die jüdischen Zionisten diesem hohlen, mit den Thalsachen der Geschichte durchaus nicht in Uebereinstimmung stehenden Geschwätz zu Leibe gehen und gegen diese aufgeblasene Renommisterei sich empören . . . Jnconseguent sind aber die Assimilanten, zu denen jene Protestrabbiner gehören, welche einerseits eine kosmopolitische Cultur haben möchten, deren Lichter sie wären, dagegen andererseits um fremde Nationalität betteln und dafür schwärmen, sechte Deutsche, Franzosen und Magyaren zu werden. Cultnrell wollen sie Kosmopoliten, politisch Germanen und dergleichen und religiös wollen sie jüdischer Confession sein: eine saubere Mischung"... „Die Zionisten haben auch schon erkannt, dass diese Assimilationssucht recht eigentlich die Quelle des heutigen Antisemitismus i st." rc. Es wäre verlockend, noch eine Reihe anderer Stellen über die Berechtigung der Colonisation, über die Nothwendigkeit eines raschen Handelns, über die künftige Stellung Palästinas und die Culturaufgaben, die der Juden dort harren, zu citieren, aber wir denken, dass sich das besser und interessanter im Zusammenhänge liest. Wir empfehlen unseren Lesern dies Buch. Es ist ein neuer Beleg für den tiefen Eindruck, welchen der Baseler Congress auf Juden und Nichtjuden machte, es zeigt uns besonders, wie von nichtjüdischer Seite über die Juden und über den Judenstaat gedacht wird. „DieJud enfr age ist in ein neues, großes, und wie zu, hoff en ist, heilversprechendes Stadium getreten; es ist das Stadium, da die Juden ihre Lösung selbst in die Hand nehmen wollen. Damit wäre die Frage in die rechten Hände gekommen, denn die Judenfrage kann durch niemand anders als.durch die Juden selbst gelöst werden." So schreibt ein Christ, der, wie er selbst sagt, mit keinem der Congressbesucher persönlich bekannt ist. DaS ist daS Werk des Baseler Congresses. Virat sequens! Dr. W. Jsre'el Periodische Zeitschrift, herausgegeben von Osias Faden Hecht, Kolomea. I. Heft (Preis 12 kr.) hebräisch. Auch ein Protest; nicht gegen den Versuch eines armen, moralisch und physisch geknechteten Volkes, sich zu retten, sondern im Gegentheil: ein Protest gegen unsere Protestrabbiner. Als solchen können wir diese uns vorliegende Schrift mit Genugthuung begrüßen, denn sie ist nicht nur eine Kundgebung aus der großen Masse unserer orthodoxen Brüder, sondern ein Beweis mehr für die Haltlosigkeit der Rabbmerproteste, die, ohne das ganze jüdische Volk und dessen allehrwürdiges mehr als zweitausendjäh. iges Schriftthum zu befragen, gegen unser Volksthum Protestieren. Herausgeber: Paul Aslcharrer. Verantwortlicher Redacteur: Dr. Sre-nmnwerrrer. Druck von Jacob Dux Wien, VIII., Laudongasse Nr. 57.