Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Frankfurt / B.
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Eeile 14. Nr;?4..-5. Während alle , hiesigen. Blätter solche Sachen absichtlich todtschweigcn^ bringt die' hiesige „Sonne" am 22. October 1897 folgenden Artikel: „Juden haben leinen Zutritt." —- In mehreren Localen findet man diese lächerliche Aufschrift , welche Gäste mosaischen Glaubens den Aufenthalt in den betreffenden Localen unmöglich macht, und diese antisemitische Bemerkung, welche einer recht ordinären Gesinnung entspricht, artet geradezu in Unfug aus. In einem hiesigen kleinen Hotel in dev Friedbergerstraße ereignete sich dieser Tage ein Auftritt, der so eclatant die Rohheit einer gewissen Sorte von Antisemiten beweist/dass wir die Schilderung des Vorfalles unseren Lesern nicht vorenthalten' zu sollen glauben. In dem Hotel wohnten einige jüdische Herren, welche spät abends die Gaststube betraten, in der sich mehrere christliche Kaufleute, Reisende befanden. Sofort fingen die letzteren an, die Juden zu hänseln, und da diese sich das in anständiger Form verbaten, wurden dje Herren Reisenden so schlagfertig, dass der Wirtin nichts anderes übrig blieb als die Juden zu ersuchen, sich nach einem anderen Hotel umzusehen. So mussten die israelitischen Gäste nachts zwischen 12 und 1 Uhr ein fremdes Hotel aufsuchen, weil die christlichen Gäste sonst alles kurz und klein geschlagen hätten. Ein weiterer Commentar zn diesem Vorgänge ist wohl überflüssig." ... Charakteristisch ist auch folgender Vorfall: Eine. jüdische Firma hatte bei dem hiesigen Amtsgerichte einen Process, wobei die beklagte Frau einen Eid leisten sollte. Diese, ein einfach und ärmlich gekleidetes Weib, sagte zu dem Richter: „Ich als Christin schwöre dem Juden gegenüber, keinen Eid." . .. Haben unsere Assimilanten nun nicht recht? Ja, ja, wir sind keine Stammes- und keine Volksgenossen, wir sind Deutsche! Hurrah! Hurrah! Hurrah! B. ArldeWerg. Wenn der Eindrucks den der Zionisten-Kongress hervorgerufen, noch irgendwo in der vollsten Intensität nachwirkt, so ist es mein Heimatsland Russland, woher ich unzählige Mittheilungen bekomme, dass die Begeisterung für den modernen Stand des Zionismus eine unbeschreibliche sei. In Rußland, das mit Recht die Wiege des Zionismus genannt werden kann, wird eben der Fortschritt des Zionismus in seiner ganzen Bedeutung empfunden. Wenn auch in der alten unpolitischen Form, so Hat der Zionismus daselbst schon manches geleistet, manches vorbereitet, was für den modernen Zionsgedanken, und erst durch diesen, von nicht geringer Bedeutung ist. Der Gedanke an die Wiederbelebung unseres Volkes und seinernationalen Güter hat dort Männer erweckt, die ihr ganzes Leben in den Dienst der heiligen Sache stellten. Es genüge Dr. Pinskers zu erwähnen, ebenso eines Jünglings wie Wassili Bermann, der mit dem Rufe „Zion" seinen Athem aushauchte. Aus Rußland stammt Ben-Jehuda, der als Redacteur des „Hazwi" in Jerusalem seit 13 Jahren ein wahres Martyrium für seine Gesinnung und seine Arbeit um Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur uvd die Bekämpfung des Schnorrerwesens zu bestehen hatte. In Russland gibt es auch einen Dr. Chasanowicz, der mit den größten Opfern den Grundstock zur Gründung einer Nationalbibliothek in Jerusalem gelegt hat. Russland ist das Land, welches dem künftigen Historiker bei der Behandlung des. ZionSgedankens viel Material bieten wird, und deshalb begreife * ich es, wenn mir die dort über den Congress herrschende Meinung von einem meiner Collegen in folgender Weise geschildert wird: „ . . . . . Ein neues Lebensvoll von mächtigen, hoffnungsvollen Anregungen, ist hier allerorts zu bemerken. Ich spreche und unterhalte mich nie und nirgends über etwas anderes als über' den Congress^und Zionismus, und niemand, sei es aus der Intelligenz, auS dem Volke oder aus rabbinischem Gelehrtenkreise, findet, ein Wort der Gegnerschaft. Im allgemeinenmuß constatirt werden, daß der Zionismusjetzt stolzsein Haupt - erhebt, in einer Weisewie wir es vor dem Congrfsse kaum ahnen konnten. Besonders nach einer Richtung, ist der Fortschritt-: des Zionismus stark bemerkbar, dass er überall ernst ausgenommen, nirgends mehrauch nur im geringsten bespöttelt wird. Der Zionismus hat in Basel jenes Mitleidsgewand eines Bettlers, der verschämt an der Schwelle um Almosen .fleht, abgelegt und kehrte hieher als ungesehener und überall willkommener Gast und Hausfreund zurück. Und wi,e populär sind hier die Namen der Führer! Wie aufrichtig werden sie vom Volke geliebt! Wie groß ist die Freude, wenn Neujahrsglückwünsche mit ihren Bildnissen aus England und Amerika anlangen! Aus vielen Städten erhalte ich Nachrichten über große' Versammlungen, deren einziges Thema der Congress bildet, und die unter unbeschreiblicher Begeisterung abgehalten werden. Aus Bialystok schreibt man mir: „Die Jugend hält an Herzl's Ideen fest und entwickelt eine rührige Propaganda für sie. Wir haben den bekannten Schriftsteller Ben-Ämi beauftragt, eine Broschüre im Jargon über den Congress und den Zionismus zu schreiben, die wir auf unsere Kosten drucken und zu sehr niedrigen Preisen perbreiten wollen. Wir wollen uns auch bestreben, eine Concessionsür "eine h ebr a i sch e Mädchenschule, wie die „Jehudia" in Warschau, zu erlangen. Jede Woche finden einige Versammlungen statt, wo die Jugittd und die Intelligenz vertreten sind, und jedesmal steht der Congress auf der Tagesordnung ....." I. Melnik, 8tuck. phil. Rumänien. Iiukarest. (Orig.-Eorr.) Das neue Armeereformproject beschränkt die Militärpflicht auf rumänische Staatsbürger und sieht eine Wehrst euer vor für alle Dienstuntauglichen und weiter für alle F r e nt d e n, die nicht anderwärts ihrer.Militärpflicht genügen. Da ja entgegen den Bestimmungen des Berliner Vertrages die meisten Juden nicht naturalisiert wurden, so ist schon jetzt klar, auf wessen Taschen diese neue Steuer-berechnet-ist. —oni— .. Isjsy. (Orig. - Corr.) Der Prediger Cohn in Budapest stellte in seiner Predigt die Frage auf, warum gerade Herzl und : kein anderer jüdischer Diplomat den Zionismus in die Hand genommen hat,, und wollte daraus den Schluss ziehen/ dass die ■ jüdischen Diplomaten Gegner der zionistischen Bewegung seien. , Jede große weltbewegende Frage, besonders wenn sie. eine natio- ' nale Bewegung betrifft, entsteht im Volke selbst und wird anfangs wenig beachtet, in höheren maßgebenden Volkskreisen geringgeschätzt. Ist aber die Idee eine lebensfähige, so verfehlt,.sie--auch "nicht, sich nach und nach in den Gemüthern festzusetzen und sich in inimer breiteren Kreisen wellenartig Geltung zu verschaffen,' bis sich endlich dev Mann findet, der mit mächtiger Hand in den Gang derselben eingreist und sie mit energischer Leitung zur That werden lässt. Alle großen Männer, welche in den Gattg der Weltgeschichte epochemachend eingegriffen haben, haben ihr historisches Material vorgefunden, es wurde ihnen vorgearbeiiel. , Es ist daher nichts anderes, als ein gewöhnliches geschichtliches Ereignis, wenn gerade Herzl der Mann ist, der die vorgefrm- , dene zionistische Bewegung in die Hand nahm und sie mit diplomatischem Tact leitet und mit Sicherheit zum gewünschten Ziele führt. Die Folgerung Cohns ist aber sehr gewagt. Als ich mich vor 18 Jahren unverhofft dieser Bewegung gegenüber befanv, wurde ich verblüfft. Die Neuheit, die Großartigkeit derselben ließ, sie mir, dem Unvorbereiteten, zu gewaltig erscheinen, aber nach längerem ruhigen Nachdenken begriff ich sie ganz, und mein Eingreifen im kleinen förderte die erwarteten Früchte - zu Tage, weil es auf fruchtbarem Boden geschah. Würde sich .Herr Cohn in meiner Lage befunden haben, er würde sicherlich nicht anders haben handeln können. Mancher hat vielleicht noch nicht reiflich, nachgedacht, der andere zweifelt am Erfolge, wieder ein anderer hatte nicht den Muth dazu, oder er steht soweit außerhalb des Judenthums und kennt es zu wenig oder bloß aus dem Munde, aus der Feder der Antisemiten. Aber gewagt ist es, sie sämmtlich als principielle Gegner zu erklären. Unerschöpflich sind unsere Gegner in antizionistischen Erfindungen. So hört« ich unlängst einen neuen Einwurf gegen die Colonisten, und zwar': die Türken, die Araber, die Beduinen in Palästina werden eines Tagesdie Colonien mordend und