Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Olmütz [Nachricht]
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Olmütz. Zur bevorstehenden Constituierung de- Zweigvereines „Zion" wurden die.angemeldeten Mitglieder , am 1. November M eiyer Besprechung über die Ziele des Vereines eingeladen. Herr Profeffob Dr. Julius W e r n e r kennzeichnete in markanten Worten die Bestrebungen der, Zionisten, welche so weit die westlichen. Länder;za Betracht kommen — einen vorwiegend humanitären Charakter besitzen. Jnsoferne könne jeder Menschenfreund ohne Rücksicht auf die eig?nd Person den' Zionismus fördern. Die äußerst lehrreichen und ausklärenden Ausführungen des Vortragenden, wurden von der Versammlung mit großem Interesse verfolgt und mit lehhastcm Beifalle belohnt. Dem Vortrage folgte eine längere DiSeuffion^ in der ein so lebhaftes Interesse für die zionistische Sache zu Sage trat, dass über Antrag des Comil4mitgliedes Herrn Braun, am 6. eine zweite Besprechung 'stattfinden wird, in welcher Herr eand. jnr. B ir nste i n über die Resultate des Baseler Congreffes sprechen wird. Sniat^N. Auch unsere Stadt besitzt nun einen ZionSverein. Die Gegnerschaft, die matt anfangs dem Zionismus entgegengebracht, ist geschwunden, und gerade die einflussreichsten Juden setzen sich jetzt mit aller Energie für die neue Sache ein. Die letzten Festtage wurden. henützt, um mehrere Versammlungen einzuberufen, die, von einer großen Volksmenge besucht, ihren informativen Zweck vollkommen erreichten. An der Spitze des neuen Vereines stehen die Herren F. K r e i s I e r, I. Reifler, M. Ungar und I. Sinreich. Baltimore. Kurz nach Heimkehr des Dr. S. Schaffer vom Zionistencongress hat der hiesige Zionverein ein Massenmeeting einberufen, das sich zu einer imposanten Kundgebung der freundlichen Stellungnahme der Ballimorer Judenheit dem Zionismus gegenüber gestaltete. Es war die größte Judenversammlung, die in Baltimore je gesehen wurde. Ungefähr 1500 Personen haben dem Meeting beigewohnt, während ebensoviele Raummangels halber Zurückbleiben mussten. Dr. Aaron Friedenw.al d, Chairman des Baltimorer ComitSs. des Baron de Hirsch-Fond, hatte den Vorsitz. Er eröffnete die Versammlung mit riner warmen, sinnreichen Ansprache, die mit der Verlesung eines Schreibens von Prof. A. B. Arnold daselbst endete, in welchem der alte Gelehrte, eine Leuchte der hiesigen medicinischen Welt, der für ein Lebensalter als Assimilator vom reinsten Wasser gegolten hat, seine ungeteilten Sympathien für den Zionismus nachdrucksvoll darthut. Der längeren Rede des Dr. Schaffer über Verhandlungen und Bedeutung des Congreffes folgte die Versammlung mit großem Interesse. Die darauffolgenden Reden des Rechtsanwaltes L. H. Levine und Herrn Silberm a n beendeten dieses merkwürdige Meeting. Der Zionsverern hatte dabei eine bedeutende Zunahme an Mitgliedern und Freunden zu verzeichnen. Nicht weniger imposant und erfolgreich hat sich eine Versammlung in Philadelphia erwiesen, die von dem vor kurzem zustandegekommenen Verein „Ohawe Zion" am Hoschano Rabah-Abend einberufen wurde, an der sich bei 2000 Personen betheiligten. Es sprachen Prof. S. Solis-Coh en,Dr. S. Schaffer,H. Ma sslians ki, Rabbiner Lewenthal und M. K l e i n. Hunderte von Zuhörern ließen sich als Mitglieder einschreiben, darunter auch mancher Führer diese- oder jenes Jntelligentenkteifts, wie Rechtsanwalt D. Amram und Rev. Hiowizi, Verfasser von „Jewish Dreams and Eealities“, die beide ihre Bekehrung zum Zionismus von der Tribüne aus ankündigten. Ein Gesammtbild von mehreren Vorkämpfern der nationalen Bewegung ist vom Publicum in mehreren hundert Exemplaren gekauft worden. Die am New-U ork herüberkommendcn Nachrichten sind sehr ermuthigend. Der alte, ehrwürdige Dr. Gustav Gottheil,Rabbiner der bedeutendsten Reformgemeinde New-Uorks, stellt seine Stimme und seine Feder in den Dienst unserer heiligen Sache. Sein nicht minder berühmter Sohn, Professor an der Columbia University, Dr. Ri ch ar d G o t t h e i l, gedenkt demnächst in die Bewegung activ einzugreifen, zusammen mit dem Rabbiner der dortigen portugiesischen Gemeinde, Dr. H. P e r e i r <t MendeS, aus dessen Feder ein interessanter Artikel »Ide Etzjuvenation of the Jew“ in der letzten Nummer des „North American Review" soeben erschienen ist. Und durch die dichten Reihen der russisch-jüdischen Intelligenz in New-Uork zieht ein Sturm der Begeisterung, und die Besten unter ihnen thun sich zusammen, um für die allgemeine Sache zu wirken. Eine geschlossene Versammlung, zu der Delegierte von neun Zionsvereinen im Greater New-Uork erschienen sind, hat vor einigen Tagen in den Raumen des Rabbiner-Seminars stattgefunden. Es sprachen Professor R. Gottheil, Dr. Schaffer, Hermann Rosenthal, Mässlianski u. A. Es wurde beschlossen, an die Organisation der Zionisten in New-U ork und Brooklyn unmittelbar zu schreiten und dann eine Centrale für die Vereinigten Staaten zu bilden. Und da kommt ein recht warmer Brudergruß aus der Metropolis des Westens, aus Chicago. Große Versammlungen werden dort abgehalten. Dr. B. Felsenkhal, einer der gelehrtesten und populärsten Rabbiner Amerikas, Mr. Parvin, Redacteur des „Star os Israel", Mr. W. Schur, Verfasser des „Nezach Israel", Mr.L. Zalatkoff, Redacteur des „Jüdischen Courier", und viele andere führen das Wort. Vorderhand haben sie eine starke Organisation zustande gebracht mH Dr. Felsenthal als Präsidenten. Der wackere Schur hat die Wiederherausgabe seiner „Hapisgah" unternommen, einer hebräischen Wochenschrift, die sich ihrerzeit um den Zionsgedanken in Amerika viel Verdienst erworben hatte. Weiter gründete sich ein Verein „Mewasereth Zion" zu LouiSville, Ky., unter der Leitung des alten Zionsfreundes Rabbiners S ch e i n f e l d. Neue Vereine wurden noch geschaffen in B o st o n, Masft, M i nneapolis, Minn., und, was sehr interessant ist, in den jüdischen Colonien Carmel und Alliance. Und so zieht der große Zukunftsgedanke von Herz zu Herz. A. S. Lorpospoirdenzeir. DeftEerch-Arrgarrtr Wen. (Oriss.-Eorr.) Airr^ 15. Dctöber-bi I. hm- 4>ckS Comite ties Mischest RechMandidatentäges in'Lembkrg-Ne--'Petition wegett Präterittlmg der Juden bei Besetzung stvtt Richter¬ und insbesondere von ÄuscültÄÜt^nstellen, drdferunterstell StüM in der richterlichen Beamtenhierarchie^ delll Parlamente'überreiche Dieselbe wurde dem Justizminister zugewjesen, dieMMort ist nicht ausgeblieben. -In -den letzten Tagen wurden in Ärakem W und in Lemberg 41 Auscultantenstellrn besetzt^- Ernannten be find et si-ch kein ei zig er I uh,tn v;,. Angefichts dessen verlohnt es sich die in jener Petition*) enthaltenen Thatsachen wenigstens theilweise der Oeffentlichkeit zu übelst geben und wem sie unglaublich erscheinen, der mag sich vor Augen halten, dass diese Petition von einem rechtSgelehrten Cornili, darunter auch zwei Landtagsabgeordneten, an der Hand von Thatsachen und mit dem vollen Bewusstsein der öffentlichen Verantwortung abgefassh wurde. In der Petition lesen wir nach der allgemein gehaltenen Einleitung: „Mögen die Thatsachen sprechen: Im Sprengel des hohen k k. Oberlandesgerichtes in Krakau wurde seit dem Jahre 1686 kein einziger Jude zum GerichtSauscultanten ernannt, obgleich sich viele darum bewarben. Manche waren so glücklich, dass gleich ihr erstes Einschreiten um Aufnahme in die stabile Gerichtspraxis zurückgewiesen wurde. Andere wurden zwar ausgenommen, mussten aber auf die Justizcarriöre nach kürzerer oder längerer PrüsungSzeit verzichten, nachdem sie bei Vornahme der Ernennungen immer und immer übergangen wurden. In den meisten Fällen wurden die ablehnenden Erledigungen der Ausnahmsgesuche mit näher nicht bezeichnet««, aber jedenfalls bezeichnenden Hr'ndernissen begründet. DaS Präsidium des genannten Oberlandesgerichtes macht auch kein Hehl daraus, dass den Ernennungen jüdischer Competenten nur ihr Religionsbekenntnis im Wege stehe. Die Erklärungen, welche den ihre Sache im Präsidium persönlich betreibenden Bewerbern ertheilt zu werden pflegen, lassen darüber gar keinen Zweifel aufksmmen. Die Zurückweisung und Praterierung der Juden wurde im Krakauer Sprengel ju einer so selbstverständlichen und natürlichen Erscheinung, dass feit einer Reihe von Jahren dort kein Jude mehr die judicielle Laufbahn zu betreteu wagt. Nicht viel besser gestaltet sich die Lage der jüdischen RechtSpraktikanten im Lemberger Oberlandesgerichtssprengel. Wir könnten eine große Menge concreter Fälle aufzählen, wo die judenfeindliche Tendenz deS Lemberger OberlandeSgerichtS-PräfidiumS noch craffer und greifbarer zum Ausdruck gelangt. Wir begnügen uns jedoch mit nachstehenden Beispielen: In einem ostgalizischen Kreisgerichte hat ein jüdischer Praktikant auf Anrath en und Ermunterung des dortigen Gerichtspräsidenten, der in dem sehr begabten und arbeitsamen Jünglinge eine für daS Gericht besonders geeignete Kraft erblickte, um die Anstellung angesucht. Als er aber in dieser Sache im Oberlandesgerichts-Präfidium vorsprach, wurde ihm aus competentem Munde ans Herz gelegt, sich lieber derAdvocatur zuzuwenden, „da auch diese gute Kräfte brauche." Einem anderen jüdischen Praktikanten widerfuhr die Ehre, dass fein Vorgesetzter sich im Oberlaudesgerichts-Präsidium persönlich für ihn einsetzte. Die Erklärung des Referenten lautete: „Dieser Candidat mag wohl sehr tüchtig und brav sein, aber die Beschaffenheit der Person ist gleichgiltig, denn eS handelt sich um ein Prineip." Ein andereSmal lautete die Antwort: „Wir können Euch nicht alle ernennen, wem es nicht recht ist, der kann ja auStreten." — Ober: „Wir dürfen auf uns nicht den Borwurf laden, dass wir jüdische Gerichte haben." — Oder noch ein Fall: „Im Lemberger Landesgerichte ereignete eS sich im Jahre 1891, dass zwei die einjährige Gerichtspraxis absolvierende AdvocaturSeandidaten, ein Christ und ein Jude, zwei Schulcollegen und herzliche Freunde, sich gemeinsam dem Justizdienste widmen wollten. Der christliche Practikant wurde nach einer Wocye zum Auscultanten nominiert. Dem Juden aber wurde seine Bitte abgewiesen, „da er doch schon Gerichtspraktikant sei, seine Bitte sich als gegenstandslos darstelle." Die eigentliche Begründung befand sich jedoch auf der Rückseite in den in ganz.kleiner Schrift vor der Entscheidung, wahrscheinlich zur Erleichterung des Gedächtnisses des Referenten mit Bleistift niedergeschriebenen Worten: „Alles in Ordnung — Jüdlein (L^dsk)." In der Sitzung des Polenclubs -am Letzten Sonntag, hat sich derselbe mit dieser Petition beschäftigt mrd beschlossen, für deren Zuweisung an den Abgeordneten Dr. P i $ t a k im Petitionsausschuss zu stimmen. *) SitzungSprotokylle des Abgeordnetenhauses. 19. Sitzung der X1IL Session. S. 706 ff. ' '