Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Der Schekel [Nachricht]
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. u. m&m: Seite 11. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke find an Herrn Dr.'O. K o k e s ch, HofunS Uerichts- Advoeaten in Wien, I., Singerstrafie 25, z« senden. Der Schekel. In der V. Sitzung-des Baseler Congresses, am dritten Verhandlungstage, .wurde nach dem Vorschläge deS .OrganLsationscomit6s beschlossen: „Jeder Zionist, der berechtigt sein, will, Delegierte zum Congresfe mitzuwählen, zahlt jährlich freiwillig für zionistische 'Zwecke min d e sten s einen Schecke! I Franc — 1 Schilling 25 . Cents — xl% Gulden <1 Krone) — 10 Kopeken \ Mark." Die Sammlung ist in jedem einzelnen Lande, . nach Maßgabe der geltenden gesetzlichen Vorschriften vorzunchmen. Die geeignetste Form' ist die der - .Schekelbücher, -die .in jedem Lande vorn Comit6 zu verlangen sind. Die Schekel.bücher haben abtrennbare Quittungen,^ auf denen zur genügenden Controle der auf der 'Buchleiste eingetragene Betrag wiederholt' wird. ..Der.,Schekel.. ist nicht nur eine freiwillige Steuer, die Erwerbung der .Berechtigung zur Delegiertenwahl, nicht nur.der-Grundstock des Nationalsondes, er .ist vor allem der Beweis, dass die Zionisten auch vor materiellen Opfern nicht zurückscheuen'werden; wenn die Zeit 'dazugekommen ist, .der..Beweis auch, dass die Beschlüsse des Congresses wirklich bindend sind für alle Zionisten, dass sie, respectiert werden, und dass die Behauptung, der Zionismus verfuge' 'über wenig opferwillige Anhänger, vollständig unrichtig ist.-Seit Jahrtausenden ist es das erste Opfer der Juden aller Welt zur Anbahnung der Wiederherstellung eines gesicherten Daseins,. einer eigenen Heimstätte. Wohl werden diese freiwillig aufgebrachten Summen, wie Dr, Bodenheimer schon auf dem - Congresfe unter astgemeiner Zustimmung erklärte, anfangs bloß für die Agitation und die Propaganda dienen' müssen. Je länger aber die Sammlung dauert, ünd je weniger nöthig die oberwähnten Ausgaben mit dem Fortschritt der zionistischen Bewegung sein werden, umsomehr wird dem Natiönalfönd verbleiben .und .schließlich für die letzten großen Zwecke 'verwendet werden. An den. Zionisten aber ist es, darnach zu streben, dass" schön. in; bei* Scheftlsammlüng die ganze Opferwilligkeit und die gaNze Begeisterung unsetcr Bewegung zum klaren, impo- ' nierenden Ausdruck,komme. Der DelegiertentaS der Zionisten Deutschlands. Det'Zionismus, die ästeste und jüngste Richtung in Israel, kann ' stolz behaupten, dass Me Erwartungen über den Lauf der Bewegung weit' übertroffen worden sind. ' Mit bangem Herzen zogen wir am 29. August nach Basel. Wird es^gelingen, all diese Parteien und Richtungen unter eine Fahne zu scharen? 'Das war' die Frage, die uns bewegte. Es ist. gelungen und der. Anfang war herrlich, ja in der Geschichte fast unvergleichlich. Das schier unlösbare Problem, - aus den Juden eine Partei zu machen, wurde spielend gelöst, weil es Söhne einer Mütter wären, die sich nach ihrem Urelement zurücksehnten, die sich zur Familie Israel flüchteten. Mit.bangem Harzen zogen wir. deutsche Zionsten am 30 October nach Frankfurt., Wird ,es gelingen, eine einheitliche Organisation zu schaffen? Wir wären uns dessen nicht sicher. Und es ist gelungen, weil alle von dem Bestreben' .LesHlt waren, ihre Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen und. alle Differenzen'in den Hintergrund zu schieben. Wir waren uns der Bedeutung dieses^ Delegiertentages wohl bewusst. Galt' es' in Basel,"darüber Klarheit zu schaffen, w a s w i r wolle n, so sollten wir in Frankfurt ä. M. uns darüber -einigen, was wir sollen. Auch das ist nun vollbracht, denn wir haben die Bahn der praktischen Arbeit beschritteu, wir haben für Deutschland eine den Verhältnissen, entsprechende Organisation ins Leben gerufen. v Schon Samstag waren die Herren aus Köln gekommen, um gemeinsam mit den Mitgliedern der Ortsgruppe Frankfurt ä. M. das Nöthige" 1>LrzuVere.iten7-'Äeberhaupt entfaltete die Kölner Vereinigung .cine'rege ^Thatigleffe und'./ eine spätere Geschichte, des Zionismus wird ihr ein.Ruhmesblatt widmen dürfen. Es fand noch an diesem Abend eine Berathung im engen Kreise statt, und man war sich bald darüber einig, dass für einöffentliches Auftreten die Verhältnisse in Frankfurt noch nicht reif sind, dass unsere.Aufgabe vorläufig die sein muss, langsam Schritt .für Schritt die gegen uns herrschenden Vorurtheile zu beseitigen und die Sympathien aller Freunde Israels zu gewinnen. Am Sonntag vormittags versammelten sich die Delegierten zu einer zwanglosen Besprechung. Es waren 21 Delegierte und 45 Mitglieder der Vereinigung für Deutschland ans Berlin, Bingen, Darmstadt, Frankfurt', 'Hejbelberg.. Köln, Mainz. München und Straßburg erschienen, und jeher äußerte frei seine Wünsche bezüglich des Delegierten- 1ag.es. Um die Zeit auszunützen, einigte, man sich schnell über die Zusammensetzung' des'Bureaus» über alle formalen Angelegenheiten, wie über die Frage, wer zum Delegi'ertentäge zugelassen werden solle. Es herrschte!.eine Einhelligkeit, darüber, dass nur solche, die sich auf den Boden des Baseler Programms stellen und der Nationaljüdischen Vereinigung äls Mitglieder angehören, Zutritt haben können. Uni -2^Uht^ wurde ein gemeinsames Essen im Hotel Emmerich eingenommen, und Herr Professor Schapira aus Heidelberg hielt eine warme. Ansprache an die Festgenossen und schloss mit einem Hoch auf Zion. _ r{ ^Mgen 4 Uhr begann die eigentliche Arbeit des Delegiertentages im oberen Saale des Kulmbacher Hofes. ' Herr Professor Schapira eröffnete als Alterspräsident die Versammlung und sprach die Hoffnung aus, dass die gefassten Beschlüsse dem jüdischen Volke zum Segeu werden mögen. Für das Bureau wurde folgende Liste vorgeschlagen und von der Versammlung per Acclamation angenommen: Dr. B o denheim e r-Köln, Präsident; Professor Sch ap i ra- Heidelberg und Privatgelehrter Lipmann Prins-Frankfurt, Vicepräsidenten; Rechtscandidat Klee- Berlin und Dr. Moses- Darmstadt, Schriftführer. Herr Dr. Bodenheimer begrüßte die Versammlung in herzlichen Worten und sprach den Wunsch aus, dass der Delegicrtentag ernst und würdig nach außen und von fruchtbarer Arbeit für die .heilige Sache Zions sein möge. Als erster Punkt der Tagesordnung gelangt die Frage der Organisation für Deutschland zur Berathung. Dazu liegt ein Statutenentwurf der Kölner Vereinigung- (Verfasser F a b i u s Schach) und ein Entwurf der Berlinex Ortsgruppe vor. Der erste Entwurf wird von den Herren Schach und Wolffsohn- Köln, der letzte von den Herren Estermann und K l e e-Berlin vertheidigt. Nach langer Debatte gibt die Versammlung dem Kölner Entwurf den Vorzug und nimmt ihn mit kleinen Aenderungen fast einstimmig an. Es wird aber von allen Seiten anerkannt, dass der Berliner Entwurf als Anregung sehr gut zu gebrauchen ist, wenn auch einige seiner Forderungen (Reform der Chaluka, obligatorischer Religionsunterricht) sich als Punkte eines Programms nicht eignen. Maßgebend ist dabei die Auffassung, dass der Zionismus sich nicht an eine Partei oder Richtung wendet, sondern an das ganze Volk. Zum zweiten Punkte, Agitation, sprechen die Herren F a b i u s Scha ch-KLln und Dr. S ch a u e r-Bingen als Referenten. Herr Schach als erster Referent weist darauf hin, dass alle weltbewegenden Ideen den Weg von der Theorie zur Praxis machen müssen. Sie tauchen zuerst als unklare, untastbare Gedanken auf, kristallisieren sich dann zn lebendigen Ideen und erzeugen Männer der That, die der Bewegung die Richtung, geben. Referent schildert den Process, den der Zionismus von Peter S m o l e n s k y und Leon Pinsker bis T h e o d o r Herzl und Max Nord au durchgemacht hat. Nun wir die Bahn kennen, gilt es, eine lebendige Agitation zu entwickeln und das ganze jüdische Volk für unsere Sache zu begeistern. Als Hauptpunkte, wo das Wirken der Zionisten einsetzen soll, nennt Referent: 1. Gründung von jüdischen Turnvereinen; 2. Gründung von Geselligkeitsvereinen mit national-jüdischem Charakter; 3. Errichtung von hebräischen Sprech- und Lesezirkeln, verbunden mit Lehrcursen für Erwachsene; 4. Propaganda in der Familie, Erziehung der Jugend, Belehrung des Weibes im jüdischen Geiste, Pflege jüdischer Sitten und jüdischen Lebens; 5. Aufklärung durch die Presse. Referent schließt mit der Bemerkung, dass unser Programm ein doppeltes sei ^Vertiefung nach innen, Verbreitung nach außen. Wir sollen die Breite gewinnen, aber nicht auf Kosten der Tiefe. Unser Streben muss dahin gehen, alle, die wir lieben, und das ist das ganze jüdische Volk, für die Sache Zions zu entflammen. Der zweite Referent, Herr Dr. Schauer, stellt sich auf einen mehr opportunistischen Standpunkt. Er betont, dass er selbst vor den Consequenzen des Zionismus nicht zurückschrecke, dass er aber aus Liebe zur Sache eine Agitation in sehr gemäßigten Bahnen wünsche, weil nur so auf Erfolg zu hoffen ist. Man müsse mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und sich in der Grenze des Erreichbaren halten. Stärkung des jüdischen Lebens, Bekämpfung des Jndifferentismus soll unsere nächste Aufgabe sein. Bei der vorgerückten Stunde musste von einer Discussion über die Referate abgesehen werden und die Versammlung ernannte eine Agitations-Commission zur Ausarbeitung eines Agitationsplanes. Nun wurde zur Wahl des siebengliedrigen Centralcomitßs geschritten und als gewählt giengen hervor die Herren Rechtsanwalt Dr. Bode rill e im er-Köln, Privatgelehrter Lipinann Prins-Frankfurt, Schriftsteller F a b i u s Schach -Köln, Universitätsprofessor Dr. S ch a p i r a- H e id e l b e r g, R a b b i n e r Dr. R ü l f -M e m e l, Rechtsanwalt Dr. Schauer-Bingen, Kaufmann D. Wolffsohn-Köln. Es werden die eingelaufcnen Depeschen verlesen, darunter herzliche Begrüßungen von den Herren Dr. .Theodor Herzl und Dr. R ü lf, nnd die Versammlung beschließt, diesen Kämpfern für die Sache ZionS durch Depeschen zu danken. Gegen 9 Uhr wird die Sitzung geschlossen und die Versammlung spricht dem Vorstande, namentlich ^dem Präsidenten, die warme Anerkennung.aus. Bald darauf fand eine gewüthliche Zusammenkunft statt, die von der Frankfurter Gruppe veranstaltet wurde, und zu der auch Nichtmitgliedcr, die Sympathie für unsere Sache zeigen, mit ihren Damen Zutritt hatten. Etwa 150 Gäste waren anwesend, und die Sitzung gestaltete sich würdig und anregend.. Die Ansprachen der Herren Dr. Bodenheimer, Estermann, Klee, Schach, Dr. Schapira, Dr. Schauer und Wolffsohn wurden von den Versammelten mit großem Beifall ausgenommen. Zündend wirkten besonders die im klassischen Hebräisch gehaltenen Reden der Herren Iehuda und Klausner. Anerkennenswert war auch die glänzende Leistung des Herrn Klee als schneidiger Leiter und witziger Redner der Fidelitas. Erst gegen halb 1 Uhr nachts gieng man in gehobener Stimmung auseinander, und aus dem Herzen kam der allgemeine.Abschiedsgruß: Auf Wiedersehen ,am nächsten Zionistencongress!