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Die Welt · 1897-11-12 · 24 (12.11.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
24 (12.11.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-11-12
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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ernte 4. MWO «L M. setzt für die Untauglichen und für „jene Fremdt"^ dke^ ihrer Wehrpflicht „weder in Rumänien noch anderswo " genügen, eine Militärtaxe fest. Wer aber genügt ’ der Wehrpflicht weder in Ramänien uvch anderswo? Doch nur der'nicht als Staats^ -ürger anerkannte Jude. Denn jeder hat amEnde -ein Baterr land, dem er M. gesetzlich geschützter Bürger angehört, die rumänischen Juden haben keines. - ° - > . .: -fl -fl';;• . , < '»; . , / . y;.-\ ■> - Inzwischen führt Russland wieder Erleichterungen für seine Juden ein Und öffnet für die Jsraeliten des Auslandes ganz wenig die Grenze. Man lernt eben die Juden besser kennen, je mehr man sie leiden sieht. Ihre Ausdauer und ihre Fähigkeit, zu dulden, lernt man kennen. Keine „Alliance israilite“,!etne Judenmacht hat beim großen Russland diese Milderung durchgesetzt. Wenn die Juden dort eine Protection genießen, dann ist es die ihrer eigenen Intelligenz und ihrer zähen Anhänglichkeit. Der Antisemitismus im großen Stil, das ist der willkommene. Der reift und einigt das jüdische Volk. Nur der Antisemitismus der Kleinen erzeugt diese kleinlichen Zankereien, mit denen man sich dei uns plagt, und bewirkt diese schwächlichen Geste« der Abwehr und die muthlose Bereitwilligkeit der Anpassungsgedanken. Me Nstairr Dreyfus. Bon JaeqireS Bahar (Paris). Bor drei Jahren wurde plötzlich ein Stabsofficier der Artillerie verhaftet, dessen Namen man erst nach einigen Tagen erfuhr. Es war der Hauptmann Dreyfus. Er habe, so sagte man, geheime Mobilisierungsstücke an Deutschland geliefert. Wer mit dem französischen Charakter, den Verhältnissen, Press- und politischen Zuständen genau vertraut ist, dem musste die ganze Affaire schon am Anfänge sehr verdächtig erscheinen. Es' schien manchen sehr sonderbar, dass es in der Presse keine Stimme gab, die auch nur die Vermuthung ausgedrückt hätte, Dreyfus könnte vielleicht unschuldig sein. Einer meiner Freunde, der eine angesehene Stellung als Journalist in Paris befass, und dessen Artikel von den ersten Blättern erbeten und gepriesen wurden, ein Christ, der uneigennützige Sympathie für die Juden hegt, kam zu mir und theilte mir seine Bedenken mit. Unsere Ansichten bekräftigten sich durch wechsrlseitrge Auskünfte, und es würde beschlossen, dass « einen Artikel schreiben solle, der auf die Möglichkeit der Unschuld hinwiese. Keine einzige Zeitung nahm ihn ay, und der Mann verlor durch dieses bloße Anerbieten seine Stellung im Journalismus und muss heute noch unter Pseudonymen schreiben. Sein Name ist bis auf weiteres verpönt. , Wie ein Pressfeldzug organisiert, wie und woher die brüllendste Oppositionspresse geleitet und gebändigt wird — das unterlasse ich hier näher zu beschreiben. Es genüge zu sagen, dass am Processtage die 40 Millionen Menschen der französischen Bevölkerung fest davon überzeugt waren, dass ein jüdischer Osficier das Vaterland verrathen habe. Alles, was man von der Denkfaulheit der Masse erwarten konnte, ward hiemit erreicht. Dreyfus wurde bei geschloffenen Thüren gerichtet — zum allgemeinen Erstaunen jedoch nicht zum Lode, sondern zur lebenslänglichen Deportierung verurtheilt Das Volk reklamierte und map erklärte, dass in Friedenszeiten der Militärische Verrath ein politisches Verbrechen sei unir keine Todesstrafe nach sich zöge. Der Franzose verkauft Worte :*A kauft aber auch welche. Dreyfus wurde degradiert und benahm sich dabei so. musterhaft stolz und selbstbewusst, dass: der Unterofficier, der seinen Säbel entzwei brach, gesagt hat: „Ich bin dem Manne im schrecklichsten Moment am allernKWen MtäüÄm 'Srttid Seelntkraft und feint WhiHabrn mich so ergriffen, dass i ch. die Schwere der'' Päg^e ' mtf m rt steN SchulternJ fühlteUnd zitterte?' - J';; * Dreyfus ries laut aus: „ Ein Unschuldiger wirddegritdierti Frankreich lebe Hochs"' ' -‘c /?!;; Auf dein Wege zum Gefängnis sagte et; „Jch^W Ver größte Märtyrer des Jahrhunderts^ Mnnendrer Jahren wird meine Üuschüld chirrkaMt^ werde«, widrigenfäÜs ichwir eine Kugeldukch den Kopf schießen werde'.vv""v :? Drei Jahre sind bald veistössen und nuntrittder Vftepräsldent des Senats — des stanzöfischen Herrenhauses^—7 Herr S cheur er-Ke stner auf und.sagt: „Ich weiß ganz bestimmt, dass der Mann unschuldig ist." Der Senator Rünc sagte vor drei Tagen privatim: „Der Mann ist unschuldig, aber nennen Sie mich nicht, denn hätte ich 100.60V Francs Rente, so würde ich's selber laut ausrufen. Da ich sie aber nicht habe, so will ich nicht der Bestechung durch Juden bezichtigt werden." Bei der ersten Nachricht von dieser Entdeckung ist derselbe einstimmige Scandrl wie bei der Verhaftung losgebtochen. Die „Libre Parole" schäumt vor Wuth. Was hat nun Herr Scheurer-Kestner entdeckt? Außer ihm und noch wenigen Personen, worunter Bernard Lazare, weiß noch niemand etwas. Was ich zu wissen glaube, kann ich auch nicht sagen, denn, trifft es zu, so möchte es als eine verfrühte Enthüllung erscheinen, ybschon ich es von anderer Seite habe. Schlägt es fehl, so dreht es sich gegen den Schreiber selbst. Was aber jeder thun kann, das ist, die verschiedensten Momente dieses Dramas zusammenzustellen und die jedem einleuchtenden Schlüsse daraus zu ziehen. Nach seinem letzten Verhör stieg Dreyfus hüpfend und frohlockend die Treppe des Gerichtsgebäudes hinunter, und es las ihm jeder aus dem Gesicht, dass er seine Unschuld siegreich nachgewiesen habe. Und eine halbe Stunde später wurde ihm seine Per« urtheilung vorgelesen. Was war geschehen? Nach langen Monaten erfuhr man erst, dass er auf ein Döcument hin angeklagt worden war, dessen Unstichhältigkeit er zwar klargelegt — (daher das Frohlocken) — dass er aber auf Grund einer nachträglichen Kenntnisnahme eines zweiten Dokuments, das dem Gericht erst im Berathungssaal dargereicht wurde, verurtheilt worden war. Dieses Docnment war also Dreyfus und seinem Adoocaten vorenthalten und konnte demgemäß bei der Verhandlung weder besprochen, noch angcfochten werden. Eine solche eingestandene haarsträubende Procedur wird bei Sch u l d i g e n niemals angewendet. Als dieses Vorgehen öffentlich bekannt geworden war, schrieb die von Kummer tiefgebeugte Frau Dreyfus an die Kammer und verlangte die Revision des Processes. Aber kein Ruf um Gerechtigkeit erhob sich im ganzen Lande. Ja, in unserem so hochgepriesenen Jahrhundert, in dem höchstgepriesenen Culturstaat, der nach Gerechtigkeit um das verlorene Elsass-Lothringcn seit 25 Jahren ächzt, in diesem Lande schienen 40 Millionen Menschen wissentlich sich zu Mitschuldigen einer Barbarei zu machen und hämisch und verächtlich zu sagen: „Für Juden gibt es keine Gerechtigkeit! Unserem Judenhass mangelte noch eine Verkörperung, die wir nunmehr in der superlativen Form eines Hochverräthers besitzen. Wir halten ihn jetzt und lassen ihn nicht los." Wie verhielten sich die Juden? Biele, die Dreyfus hießen, änderten ihren Namen, und deren Anzahl war so groß, dass die Regierung sie endlich abwies. Die meisten übertrieben aus Schlauheit die christüche Entrüstung und sagten: „Wir hassen ihn doppelt: als Franzosen und als Juden.* Die wenigen, die genau informiert waren, schwiegen. Nur einer, Bernard Lazare, deffen Verdienst,i sich his. zum unsterblichen Ruhm emporheben wird, opferte, seine Notorietät, seine Freundschaften, seinen Ruf als Ehrenmann, um die ewigen Rechte der Gerechtigkeit zu proclamieren.

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