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Die Welt · 1897-11-12 · 24 (12.11.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
24 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
1 (sequence 5)
Language
German
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Wenn man die Judenlage und die Judenfrage von einer ganz cigenthümlichcn Seite kennen lernen will, muss man — die Börse besuchen. Vielleicht über keinen Ort menschlicher Thätigkeit sind so viele Jrrlhumer und Schauermärchen verbreitet, wie über diesen Knotenpunkt vieler Verkehre. In jeder großen Stadt gibt es ein prunkhaft ausgestattetes Gebäude, das den Namen Börse führt. Zu bestimmten Stunden des Tages versammeln sich in dem einzigen Riesensaale des Hauses viele Hunderte schreiender und gesticulierender Männer. Es ist ein beständiger Aufruhr, der sich innerhalb osficieller Grenzen bewegt, für jeden des Verkehrs Unkundigen der sonderbarste Anblick. Es ist das aufgeregte Treiben eines Marktes, ohne sichtbare Ware. Und so lässt sich auch die Börse definieren: sie ist der abstracte Markt. Man läuft Gefahr, im ersten Augenblicke missverstanden und höhnisch belächelt zu werden, wenn man sagt, dass die Börse eine der feinsten und unentbehrlichsten Einrichtungen des modernen Lebens ist. Denn es gekört zu den Merkwürdigkeiten des Ortes, dass er gleichsam mit einem Dunstkreise von Ehrlosigkeit umgeben ist. Wer daran Schuld trägt, wer die Einrichtung verdirbt, deren Ruf schädigt, böse Legenden entstehen macht und wer die eigentlichen Opfer, nachdem sie ausgesogen sind, auch noch schändet, das wollen wir hier anzudeuten versuchen. Jeder Gebildete weiß, wie die Börsen entstanden sind, wie die Bedürfnisse des wachsenden Verkehres dieses Organ allmählich entwickelten, wie aus den regelmäßigen Zusammenkünften der Kaufleute zur Besprechung und Findung der Preise die gcsatzten Normen und die ungeschriebenen Gebräuche erwuchsen. Die Börse war und ist das Nervencentrum des Verkehrs. Daher verstehen wir, dass ihr erster großer Aufschwung auf die Ausdehnung der Seewege folgte, und dass sie in diesem Jahrhundert mit dem Eintritt in die Eisenbahnzeit eine bedeutende Fülle und Kraft erlangte. Sie wuchs an Macht und verfeinerte sich zugleich weiter, als die Drähte des Telegraphen und in jüngster Zeit des Telephons die Mauern der Börsengebäude durchlöcherten. Die neuen Formen des Geldhandels, das Actienwesen mit der Beweglichkeit, die es erforderte und schuf, und vor allem die öffentlichen Finanzoperationen der Staaten machten die Börse immer wichtiger. Wieviel Scharfsinn steckt in der Differenzierung der Geschäfte, die auf diesem abstracten Markte gemacht werden. Welche Wohlthat bedeutet es für das wirtschaftliche £ibcn jedes einzelnen Volkes und aller Völker zusammcu, dass dieses Organ besteht. Es ist die unübertreffliche Centralisierüng von Angebot und Nachfrage, die rasche Ausgleichung der Weltpreise; es gewährt dem Einzelnen fortwährend die Möglichkeit über sein bewegliches Vermögen zu verfügen, ohne dass der Wert des Objects durch den bloßen Verkaufswillen wesentlich herabgemindert würde; es befruchtet alle Industrie- und Handelszweige; es ist für das Creditwcsen der Staaten eine Sicherheit und zugleich eine Erleichterung. Aus unserer jetzigen Cultur ließe sich die Börse einfach nicht mehr hinwegdcnken. Wenn wir diese banalen Wahrheiten hierhersetzen, so geschieht es zunächst, um darznthun, dass kein Verächter oder Gegner der Börse spricht. Kann dies ein Vernünftiger überhaupt sein? Es wäre das ebenso thöricht, wie die Verwünschungen des Geldes. Man hört häufig sagen, das Geld verderbe die Menschen. Aber das Umgekehrte ist wahr: die Menschen verderben das Geld durch den Gebrauch, den sie davon machen. Es ist auch nach dein bisher Gesagten nicht begreifbar, warum die Börse und deren Mitglieder in der bürgerlichen Achtung geringer bewertet sind. Dass dies thatsächlich der Fall ist, wird niemand läugnen. Wenn man cs noch bis vor wenigen Jahren leugnen und die volksthümliche Missstimmung gegen die Börse unterschätzen "konnte, so ist das doch heute nicht mehr möglich. Die Hetze im reactionären Theil der öffentlichen Meinung hat sich zu administrativen Chicanen und schlißlich zu repressiven Gesetzten oder Ueberlastung mit Steuern verdichtet. Warum? Will man ein unentbehrliches Organ der Volkswirtschaft, ein Vehikel des Weltverkehrs zerstören? Wenn die Beschwerden gegen die Börie, soll heißen deren menschliche Träger, berechtigt sind, ist auch die Repression die angemessene? Und wenn die Repression verdient ist, trifft sie auch die Schuldigen? Diese Fragen drängen sich uns jetzt mit einiger Actnalität auf, da durch die neue Börsenbesteuerung eine Anzahl Menschen die schon bitter mit dem Leben zu kämpfen Hallen, schwer betroffen wurden. Wir erzählen nun nichts Neues, weu > wir constatiercn, dass diese Menschen zum weitaus ' überwiegenden Theile Juden sind. Durch geschichtliche Umstände in den Handel geworfen, sind die Juden natürlich auch auf dem abstracten Markt sehr stark vertreten. Sicherlich ist viel von der scharssiimigcn Entwicklung des Börsenverkehrs dem zu Abstractioncii hinneigenden jüdischen Geiste zu verdanken, und in dieser Ausgestaltung ist an sich nichts, was den Juden zur Unchre gereichte. Dieses Blatt ist kein Börsenblatt, aber als ein Jndcnblatt hat cs sich offen dcctarieit, und an keinem Rolhstand von Juden gehen wir gleichgiliig vorüber, ob cs sich um die Misshandlungen unserer StammesgcnosseN in barbarischen

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