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Die Welt · 1897-11-05 · 23 (5.11.1897) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
23 (5.11.1897)
Article
Schwache Hände
Date
1897-11-05
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seiten«. Nr, 23. Feuilleton. Schwache Hände. Eine Börsengeschichte von Karl Colbert. Am 27. November las man im Abendblätter I. „Zur Börjenlage. Was jeder Vernünftige voraussehen musste, ist heute eingetroffen. Die wahnwitzige Hausse der Acticn der Omuibusgcscllschaft hat ein Ende mit Schrecken gefunden. Gestern noch zu 117 schließend, fielen die Aktien schon an der heutigen Vorbörsc um mehr als 20 fl. An der Mittagsbörse bewirkten Zwangsverkäufe im Vereine mit erneuten heftigen Angriffen der Baissiers eine weitere Dcroute, deren Ende, wie es scheint, noch nicht abzuschen ist. Letzter Cours 76 Ware ohne Geld. — Nach unseren an kompetenter Stelle geschöpften Informationen ist diese heftige Baisse in den Verhältnissen der Gesellschaft durchaus nicht begründet; man versichert uns im Gegentheil, dass die Geschäfte anhaltend gut gehen, und dass die Einnahmen eine stetige Steigerung zeigen, so dass bei reichlichen Abschreibungen auf eine Dividende in der Höhe der vorjährigen zu rechnen ist. Der Coursfturz soll einzig und allein darauf zurückzuführen sein, dass sich ein großer Theil der Aktien in schwachen Händen befindet. Mehrere Großspcculanten haben in Erkenntnis dieses Umstandes umfassende Verkäufe iu bianco effcctuiert und sind jetzt im Begriffe, durch einen kräftigen Vorstoß die Gelegenheit zu billigen Rückkäufen herbeizuführen. Nach dieser heilsamen Purification des Marktes düifte der Cours ohne Zweifel sich wieder in steigender Richtung bewegen." II. Halb 6 Uhr. Die Abendbörsc war zu Ende. Die Vertreter der Banken, die Banquicrs, die Agenten verließen den Saal, froh, einen schweren Tag beendet zu haben; aber die wild bewegte Menge achtete weder des schrillen Glockenzeichens, noch des mahnenden Zurufes der Diener: „Schluss, meine Herren! Schluss, Schluss, meine Herren!" Erst als die Diener, an derartiges gewöhnt, eine Kette bildeten und die Menge unaufhaltsam dem Ausgange zudrängtcu, leerte sich der Saal. In der Garderobe aber und auf der breiten Freitreppe setzte sich das wüste Treiben fort. Panischer Schrecken malte sich auf den verzerrten Gesichtern, den bebenden blassen Lippen; panischer Schrecken war in den jammervollen Augen zu lesen, äußerte sich in den wie hilfesuchend emporgeworfencn Armen. Und wie Angstgeschrei klang es aus dem eng znsammcngcdrängten Haufen: Ich geb'! Ich geb'! Neugierige hatten sich angcsainmclt; Straßenjungen riefen Schimpfworte, Wachmänner forderten dringend auf, die Passage nicht zu stören, führten auch wohl einen oder den anderen unsanft abseits. Allmählich verlief sich die Menge, cs blieben nur noch zwei Männer zurück, die die ganze Zeit hindurch bleich und verstört auf der obersten Stufe der Freitreppe gestanden waren und wortlos auf das Treiben der übrigen gestarrt hatten. Endlich sagte der eine: „Gehen wir, Herr Weigert! Es ist aus für heute." — „Aus!" erwiderte der Angercdete und wandte sich zum Gehen. Aber plötzlich lief er dem anderen nach und sagte: „Was glauben Sic, was wird morgen lvS kein?" — „Das fragen Sic mich? Ich soll das wissen? Ich? Das weiß kein Mensch außer Mäher." „Mayer? Welcher Mayer?" — „Welcher Mayer? Wie dumm Sie fragen! Wer sonst wie der schwarze Mayer?" „Wieso denn der? Wieso weiß der cs?" — „Hören Sie, Weigert, ich verstehe Sie nicht! Wissen Sie denn nicht, was vergeht?" Der also Angefahrenc machte ein so verzweifeltes Gesicht, dass der Sprecher unwillkürlich, etwas sanfteren Tones fortfuhr: — „Wissen Sie denn nicht, dass die ganze Panik von ihm ausgeht? Er hat Unmassen contremiuiert, man spricht allein von fünfzehntausend Omnibusactien, die er zu den höchsten Coursen gegeben hat. Ein Riescnkerl, der Mayer! Und wie er fertig war mit Verkaufen, hat er die Course gerissen, dass alles gekracht hat, und wenn es noch weiter fällt, wird er zurückkaufen. Yoilä tout! Und das wissen Sie nicht?" Weigert schüttelte den Kopf. Der andere wurde nun wieder ärgerlich. Es war aber auch zu dumm! Nichts von dem zu wissen, was seit ein paar Stunden alle Welt sich erzählte, nichts von dem Coup, dessen! Großartigkeit selbst die Opfer anstaunten! — „Hören Sie, lieber Freund," sagte er, „Sie sollten Holz hacken geh'n oder meinetwegen die Straßen kehren. Für die Börse taugen Sie nicht. Schade um Ihr Geld!" Und damit gieng er ohne Gruß. Weigert starrte ihm eine Weile wie betäubt nach; dann gieng er in der Richtung der Leopoldstadt. Eine rasende Wuth hatte ihn gefasst, Wuth gegen sich selbst, gegen die grenzenlose Dummheit, die ihn ins Verderben gestürzt hatte. War er denn blind gewesen, dass er nicht gesehen hatte, was, wie es schien, jeder andere wusste? Aber allmählich fiel es ihm ein, dass ja die vielen anderen, die gleich ihm heute mit zuckenden Lippen und fiebernden Pulsen der Vernichtung ihres Vermögens zugesehcn hatten,' geradeso blind wie er ins Verderben gerannt waren, und diese Erwägung gab ihm wenigstens den schwachen Trost, dass er nicht allein im Unglück sei. Aber mit der Ruhe kehrte auch das volle Bewusstsein der Lage wieder und damit das namenlose Angstgefühl. Was sollte jetzt aus ihm werden? Noch ein Tag wie heute, und er war rettungslos verloren; Vermögen, Ehre dahin, er ein Bettler, er und sein Kind. Es wurde ihm so übel, dass er sich auf eine Bank setzen musste; alles drehte sich im Kreise, er fühlte das Hämmern der Stirnabern, glaubte ohnmächtig zn werden. Endlich gieng der Anfall vorüber, er erhob sich mühsam und gieng weiter. Als er zur Augartenbrücke gekommen war, wandte er sich wieder um. Er wollte noch einmal in das Börsen-Kaffeehaus sehen, vielleicht konnte er dort neue Nachrichten erfahren. „Bessere," setzte er fast flehend hinzu. Aber nach ein paar Schritten kehrte er um, aus Augst, dass er dort noch Schlechteres hören möchte, und rasch, fast im Laufschritt eilte er nach Hause. Schon von ferne erblickte er das beleuchtete Fenster. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, aber die Angen wurden ihm feucht. „Da oben sitzt sie," dachte er, „das süße Kind, und hat keine Ahnung, dass der Vater cs ins Unglück gestürzt hat. Armes Kind, was wird aus dir werden?" Auf der Stiege blieb er mehreremalc stehen; er wollte nicht so erregt ins Zimmer treten, damit das kluge Kind nichts merke, nicht erschrecke. (Forschung folgt.) Wücherwelk. Im Verlage des zionistischen Comiies in B r a i l a ist jüngst bei Josef Bernhardt ein kleines Heftchen von 36 Seiten erschienen, das jeder Freund einer zionistischen Massen-Propaganda mit Freuden begrüßen wird. Es ist „namenlos wie unser Unglück" und gedruckt mit hebräischen Lettern „mit den Buchstaben der Bibel". Jede 14 Tage wird eines erscheinen und bis in den breitesten Volksschichien die Kunde von den Fortschritten und Erfolgen der zionistischen Bewegung tragen. Das hat sich das Comi'.e zur Aufgabe gemacht, das verbürgt die leichtverständliche Sprache (Jargon) und der geringe Preis (10 Bani — 5 kr.). Im vorliegenden Hefte finden wir bereits ein Circular des Central- Comitss in Galatz, worin zu Geldsammlungen aufgesordert wird, sowie Berichte über Neugründungen von Vereinen und über Versammlungen. Das Heftchen ist gut redigiert, allein es wäre für die Zukunft zu wünschen, dass nicht ein Artikel in dreierlei Schriftarten gesetzt werde. L. Hcrausgelcr: Poul Nsschsuer. BcrainU'ottl'cher Nedacteur: Dr. Siesrmmö Verirer. Druck von Jacob Dux Wien, YIIJ., 8«itioiiftoffc fftr. 57.

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