Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Olmütz [Nachricht]
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite IS. Nr. SS. aus betheiligten Kreisen erfahren, würden die dem Vereine zahlreich angehörenden Juden sich eine solche Provocation nicht gefallen lassen und sammtlich aus dem Vereine austreten." Wohl gemerkt! Sie werden aus dem Vereine austreten, vorläufig nur austreten. Denn das Deutschthum verlässt ein echter „Deutscher" nie. Inzwischen mehren sich die Wunder, und auch die Stadtverwaltung leistet sich mitunter etwas Judenfeindliches. So hatten zwei Jahrmarktsverkäufer, die das Malheur hatten, polnische Juden zu sein, einen Standplatz gemietet und bezahlt, der sich an einer belebten Stelle der Stadt befand. Plötzlich bekam die hiesige städtische Behörde ästhetische Bedenken und verwies die Juden in die Franzensallee. Was geht dies aber die Olmützer Juden an? Es waren doch nur polnische Inden und ein mährischer Jude ist doch etwas anderes. — Soeben wird in der Stadt die Nachricht von einem antisemitischen Bubenstück bekannt, das diesmal aber alle Olmützer Juden ohne Unterschied ihrer Landesgehörigkeit betrifft. Gestern, den 30., erfolgte um halb 12 Uhr nachts vor dem neuerbauten und erst im vorigen Jahre eingeweihten Tempel eine weit hörbare Explosion. Bor dem Tempeleingang wurde ein Metallrohr gefunden, das vermuthlich mit Metallstücken und Pulver geladen war. Ein Metallstück steckt noch im Tempelthor. Es wurden mehrere Glasscheiben zertrümmert und vom Mauerwerk sind Theile abgerissen. Dies Ereignis würde vielleicht die Aufmerksamkeit der Juden auf sich lenken, wenn es sich nicht um Wichtigeres handelte — um den deutschen Verein. Und doch ist die Lösung hier so einfach. Sie brauchen nur — die erklärten Antisemiten für nichterklärte zu erklären und ihre Lage ist wieder geklärt. LemVerg. (Orig.-Corr.) Die jüdischen Credit-Jnstitute sind für unsere kleinen Leute in ihrer schweren Bedrängnis sehr nützlich. Ist auch der Zinsfuß hoch, ist auch die Hilfe schwierig und theuer, sie ist doch eine Art Hilfe für die armen Leute. Gegen diese kümmerlichen Bollwerke des jüdischen Geld- Verkehrs richten sich nunmehr die Angriffe der Feinde. Es existieren im Lande zahlreiche polnische Vorschuss-Vereine, welche einen Verband bilden. An der Spitze des Verbandes steht der ehemalige Reichsraths-Abgeordnete Szczepanowski. Der Verband steht in enger Verbindung mit den landwirthfchaftlichen Verbindungen, hat Credit bei der Landes-Bank und anderer größeren Geldinstituten. Trotz alledem floriert er nicht besonders. Schuld daran sind natürlich die isolierten jüdischen Vereine, zu denen die Bevölkerung Vertrauen hat, weil sie billiger arbeiten und prompter ohne lästige Förmlichkeiten Credit gewähren, oder Spargelder verwahren. Auf der Generalversammlung des christlichen Verbandes wird weidlich über die Juden geschimpft. Die sind Wucherer, Betrüger und wie sonst noch die Blüten des antisemitischen Schimpf- Lexicons lauten. Und schliesslich wird beschlossen, die Negierung anfzufordern, sie möge die Gebahrung und die Bilanzen der jüdischen Vereine prüfen, da sonst der rechtschaffene christliche Wucherer nicht aufkommen könne. 'Nrzewyst. (Orig.-Corr.) Herr Leib Mendel Landau, der hiesige berühmte Gelehrte, der sich auch um die Ausbreitung des Zionismus in Galizien sehr verdient gemacht hat, wurde als Rabbiner für die orthodoxe Gemeinde in Bottuschan (Rumänien) berufen. Herr L. M. Landau, der mit seinem erstaunlichen jüdischen Wissen auch eine große philosophische Bildung verbindet und auch in den profanen Wissensfächern von anerkannter Bedeutung ist, wird hoffentlich auch in seiner neuen Heimstätte dieselbe Verehrung und Liebe finden wie bei uns. Möge er seinen Freunden und seinem Volke noch lange in gleicher Geistesfrische und Herzenswärme erhalten bleiben. ^l. K. Deutschland. KawvMg. (Orig.-Corr.) In einem Hamburger Blatt, das meines Wissens die zionistische Bewegung bisher kaum eines Wortes gewürdigt hat, fand ich dieser Tage folgende ans Berlin stammende Notiz: Zu einer Kundgebung gegen den Zionismus kam es in einer gestrigem Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Auf eine Anfrage aus der Mitte der Versammlung erklärte der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Horwitz, die deutsche Judenschaft stände in ihrer Gesammtheit mit einigen Ausnahmen den zionistischen Bestrebungen durchaus ablehnend gegenüber. Dem ersten Zionistencongresse, an dem übrigens nur sehr wenige deutsche Juden theilgenommen hätten, würde so bald kein zweiter folgen. Eine ernste Gefahr für das Fndcnthum könne in dieser jetzt von allen Vernünftigdenkenden vernrtheilten Bewegung kaum erblickt werden. Ich meine, es wäre rathsam, dieser „Kundgebung" möglichst weite Verbreitung in zionistischen Kreisen zu geben. Wenn es noch für sie eines Sporns bedürfte, in solchen Aeußernngen wäre er zu finden. Und was es mit den Prophezeiungen unserer Gegner auf sich hat, wissen wir. Wir kennen sie aus den dein Baseler Congress vorausgegangenen Tagen. Wrr wissen, was aus dem so laut verkündeten Fiasco wurde! Hoffentlich legt der nächste Congress bald ein ähnliches Zeugnis für die Schärfe ihres Blickes ab. Inzwischen verbeugen wir uns bei dem vernichtenden Urtheil, dass wir nicht als vernünftig Denkende zu betrachten sind, und gehen unseren Weg ruhig weiter. Aber in einem Punkt sind wir ja mit den Herren, freilich in anderem Sinne, völlig eins: „Eine ernste Gefahr für das Judenthum kann in dieser Bewegung nicht erblickt werden." Nein, in der That nicht! Im Gegentheil, wir sehen in ihr das Heil, das Erwachen, das Gesunden! Wir sehen in ihr die beste Abwehr jener andern Gefahr, gegen welche die Herren blind scheinen: den Process der inneren Zersetzung! Zuerst Gleichgültigkeit, dann Antipathie, und in der nächsten Generation der Abfall! — Das vollzieht sich täglich vor aller Augen, aber für die vernünftig denkenden strahlt alles in blühender Gesundheit. Russland. Kiew. (Orig.-Corr.) Seit dem 1. October erscheint hierunter der Aegide des berühmten russischen Orientalisten, Professor A. N. Gren, die „Rossija i Asia". Diese hat vor Allem die Emancipation der russischen Juden auf ihre Jahne geschrieben. In ihrem ersten der Judenfrage in Russland gewidmeten Artikel schreibt das neue Blatt: „Russland steht noch immer auf einer sehr niedrigen Stufe der Cnltur. Um das Aufblühen Rußlands zn fördern, bedarf es im Czarenreiche der Mitwirkung allerfähigen Kräfte. Russland besitzt einige Millionen solcher Fähiger, die Juden, welche aber von der Negierung nur bedrückt werden. Russland vergisst dabei, dass es mit seinen Juden so vorgeht, wie Spanien und Frankreich zur Zeit Philipp II., welche die fähigen Protestanten auswiesen und dadurch sich selbst großen Schaden zufügtcn. Die Emancipation der Juden in Rußland ist eine ebenso wichtige Sache, wie seinerzeit die Bauernemancipation, und der aufgeklärte Theil der russischen Gesellschaft muss die Losung dieser Frage mit allen Kräften herbeizuführen trachten." Die edle Meinung des Professors in Ehren. Wir achten ihn als einen der wenigen, die sich dem allgemeinen Voruriheile gegen die Juden nicht gebeugt haben. Wird er aber mit seinen patriotischen Bestebungen Recht behalten? Wohl schwerlich. Der aufgeklärte Theil der russischen Gesellschaft hasst den Juden nicht sosehr als Juden, sie fürchten in ihm dem Concurrenten, der dcls russische Volk bald exploitieren könnte. Denn, dass der Jude dem Bauer über sei, haben sie bald herausbckommcn. Und so müssen wir die Bestrebungen der „Rossija i Asia" als ausfichtslos^bezeichnen. Mit Abwehrbewegnngen löst mau keineswegs die Judenfrage. Aber eines berührt uns an dieser Abwehr sympathisch, sie wird nicht von Juden gemacht, sondern von echten Christen.