Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Starakonstantinow (Russland) [Nachricht]
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 13. . JPI^WC Nr. 33. Judenthum. Herr Seff sprach auch irr Slawuta, Bielohorodka und vielen kleineren Städten Wolhyniens, und wenn der Zionismus in Russisch- Polen einen großen Fortschritt gemacht, so gebürt das Verdienst unserem wackeren Rabbiner. 8. 8b. Lorrespondeirjeir. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Es ist eine schwüle Stimmung, die im Hause herrscht. Die Couloiers sind dicht bevölkert, die Abgeordneten stehen in einzelnen Gruppen beisammen und discutieren in nervöser Erregtheit. Da ruft die Glocke des Präsidenten in den Saal. Man kehrt zurück, aber es war ein Jrrthum. Es wurde nicht abgestimmt, Herr Dr. Stransky erhielt nur das Wort. Der Name Stransky zieht. Der Mann versteht auch in das Einförmigste etwas Leben zu bringen. Man bleibt und hört ihm zu. Und Dr. Stransky hält auch, was man von ihm sich versprochen. Er spricht unter allgemeiner Heiterkeit seiner Clubgenossen, der Jungtschechen, von krummen Nasen und sonstigen krummen Dingen.. Und mit einem Nu ist die Situation eine andere. Verschwunden der Ernst und die gedrückte Stimmung, die Gesichter hellen sich auf, man scherzt und man lacht. Nun, krumme Nasen und krummes ungereimtes Zeug sind ja immer komische Dinge. Da kommt plötzlich der Spassverderber. Abg. Bendel, Mitglied der Fortschrittspartei, findet die Sache gar nicht so komisch. „Es sei nicht leicht, meint er, seinem (Stranskys) Vergleich einen ähnlichen entgegenzuftellen. Krumme Nasen, Rabbiner, die genötbigt sind Schweinefleisch zu essen, das sind Dinge, in denen sich unsereiner nicht so gut auskennen kann, wie Dr. Stransky (Heiterkeit links), bei dem übrigens das Taufwasser die einzige Wirkung hervorgebracht zu haben scheint, dass er jetzt Vergnügen daran findet, sich über seine ehemaligen Glaubensgenossen lustig zu machen. (Zustimmung links). Und Dr. Bendel hat wirklich den ganzen Spass verdorben, denn er hat dem Abg. Wolf Gelegenheit gegeben, sein antisemitisches Herz wieder zu entdecken — und Wolf ist doch ein so prächtiger Obstructionsmann, der das Deutschthum sogar mit der Pistole in der Hand dem Grafen Badeni gegenüber vertreten hat. Und dafür gebührt ihm doch der Dank aller Deutschen. Wolf sagt in seiner Rede wörtlich: „Es hat ein Redner der Rechten, es war kein Tscheche, obwohl er unter den Tschechen sitzt, sondern ein Jude . . . (Zuruf auf der äußersten Linken) , . Vorsitzender, R. v. Abrahamovicz giebt das Glockenzeichen. Wolf: Ich bitte Herr Präsident mir zu sagen, warum Sie mich zu unterbrechen geruhen, ich habe lediglich nur die Wahrheit constatie.rt, dass Dr. Stransky kein Tscheche, sondern ein Jude ist. . . . Abg. Gregorec (Slovene): Der Jude electrisiert ihn ja. . . Wolf: , . . Wenn man auf Galizien blickt und seine Moral, die man gerne auch zu uns herbringen möchte, sammt den Juden (Heiterkeit links.) .... Die Situation wird ernst. Die Juden im Hause und auf der Galerie beginnen unruhig zu werden, dass der getaufte Jude Stransky seine Keile bezieht, ist schon ganz recht, aber diese Unklugheit des Wolf, wieder den Antisemitismus hervorzukehren! Es kommt aber immer schlimmer. Wolf hat sich in Stransky im besonderen und in den Juden im allgemeinen verbissen und fährt weiter fort: „ .. Das kann aber nur einer der Juden, die sür die heiligsten Ideen derjenigen Völker, die sie einfach auszubeuten gewohnt sind, keinen Sinn und kein Verständnis haben." Wolf, ist eben eine Kampfnatur, der man so manches Nachsehen muss. Und man sieht's ihm nach. Der letzte Passus wurde von sämmtlichen fortschrittlichen Tagesblättern unterdrückt. Und das alles wegen des getauften Juden Stransky, der so gerne den wüthenden Antisemiten spielen möchte. Wir erinnern uns da einer kleinen Episode, die sich im vergangenen Herbste abspielte. Die Jungtschechen Mährens, hatten ihre Parteiversammlung und es handelte sich darum, ihr Programm festzusetzen.'. Da war es wieder Dr. Stransky, welcher auf den ersten Punkt der Tagesordnung den Antisemitismus setzen wollte und dem nunmehr verstorbenen Abg. Eim, der in einer Heilanstalt in der Umgebung Wiens Linderung seiner Schmerzen suchte, böse Stunden bereitete. Der Abg. Eim, der zu den fortschrittlichsten seiner Partei gehörte, hatte große Mühe, dies zu verhindern. Schließlich wurde auf dem mährischen Parteitage doch der nationale Antisemitismus erkürt. Und Dr. Stransky ist christlicher Jungtscheche! Wim. (Orig.-Corr.) ,Der Wiener Gemeinderath. und der Reichsrath. Die Wahl thut einem weh zwischen diesen beiden Institutionen, die als Zeichen des Selbstbestimmnngsrechtes „des Volkes" gelten müssen. Obstruction im Reichsrath, Obstruction im. Gemeinderathe. In der Sitzung vom 4. November erregte die Beantwortung einer Interpellation unseres Glaubensgenossen, des „Deutschen" Dr. Mittler durch den Bürgermeister Dr. Lueger einen furchtbaren Sturm, der den Bürgermeister zwang, die Sitzung vorzeitig zu schließen. Näher interessiert uns speciell die Anfrage des Herrn Dr. Mittler. Dieser Gemeinderath, der Erwählte des II. Wahlkörpers der inneren Stadt — man » weiss, was das sagen soll — interpellierte der Bürgermeister folgendermaßen: „.Findet es der Bürgermeister mit seiner Stellung an der Spitze der Verwaltung der deutschen Stadt Wien für vereinbar, dass er in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 28. October dem czechisch-poln is ch en Präsidium des Abgeordnetenhauses zu Hilfe kam und mitwirkte, die aus nationaler Nothwehr obstruierenden Parteien zu vergewaltigen?" — Keiner von den Deutschnationalen, kein Deutscher der Fortschrittspartei hat den heißen Drang, das Deutschthum zu retten, so unwiderstehlich in sich verspürt, wie der „Deutsche" Dr. Mittler. Es ist Zeit, rhu und seinesgleichen rechtzeitig in ihrer Thätigkeit zu beobachten. Hat Herr Dr. M i t t l e r wirklich keine andere Sorgen mehr? Dann ist ihm und den Juden zu gratulieren. Bei der nächsten Wahl wollen wir Herrn Dr. Mittler und die anderen erbgesesseneu Wahlmacher an ihre fruchtbringende Thätigkeit erinnern. Wenn sie der allgemeine Unwille und Ekel auch dann nicht im Sturme wegfegt, dann verdienen die Juden ihren Dr. Mittler, und wir werden ihn neidlos weiter „arbeiten" sehen. W. Hknmtz. (Orig.-Corr.) Olmütz, die Hochburg des mährischen Liberalismus, ist gefährdet, das Deutschthum, das eine solch kräftige Stütze in der alten Krönungsstadt gefunden hat, steht auf dem Spiele. Die große Schlacht, die im Parlamente zu Wien geschlagen wird, hat auch die Kampflust der Olmützer Localpatrioten geweckt, und es wird heiß gestritten. Aber nicht um die deutsche oder czechische Sprache, nicht um den Ausgleich, der doch für einen gewissen Export der Stadt Olmütz von Bedeutung wäre, nein, um Höheres wird gekämpft: Olmütz wahrt seinen Ruf als Stadt des Deutschthums und des Freisinns und beräth den Judenpunkt. Es besteht ein großer deutscher Verein, denn so erfordert es die Situation inmitten der czechischen Umgebung und die Mandatslust einiger unbeschäftigter Herren. Dieser deutsche Verein soll sich aber nun von anderen seinesgleichen unterscheiden — er soll judenrein werden, und man ' beginnt eine antisemitische Agitation einzuleiten. Darob großes Entsetzen in Israel. „Also nicht einmal dem neuen Verein angehören dürfen? Thätig wollen wir so wie so nicht sein. Wir ' sind Mitglieder etlicher Vereine und zahlen regelmäßig unsere Beiträge. Hinein gehen wir aber nie, weil wir uns nicht den Insulten des Erstbesten aussetzen wollen." Und die Angst verleiht ihnen Kräfte und sie geben folgende Erklärung ab, so zu lesen in ihrem Olmützer Organe: „Wir wissen ganz gut zwischen privaten Meinungen und öffentlicher Stellungnahme zu unterscheiden. Wer nicht genug intelligent ist, um sich auf den hohen Standpunkt des bedingungslosen Freisinns aufzuschwingen, der mag ruhig Antisemit sein und bleiben. Allein wir warnen nochmals davor, dass man erklärte Antisemiten in den Ausschuss kandidiert, Wie wir