Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Boykott jüdischer Geschäfte [Nachricht]
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. MHW5 Nr. 23. werden, die durch ihre thatkraftige Agitation, nur bei Christen zu kaufen, dem Judengeschäfte den Todesstoß gab." Pie Zs-kKenarrer KriegserLkärung. Schritt für Schritt werden die Juden in der „Hochburg des Liberalismus", aus der nichtjüdischen Gesellschaft hinausgedrängt. Am 17. October tagten in Falkenau die Vertreter der Turnvereine des Ober-Eger-Turngaues in einer, wie sich die „Ostdeutsche Rundschau" ausdrückt, „überaus ernsten und nothwendigen Angelegenheit". Es handelte sich um die Satzungsänderung des Gau's. § 3, Absatz 1 sollte fürderhin folgende Fassung haben r „Den Gauverband bilden alle jene Vereine, welche innerhalb der Grenzen des ehemaligen Egerer Kreises ^gelegen, nur Deutsche arischer Abstammung zu ihren Mitgliedern zählen und auf Grund vorliegenden Gesetzes ihren Beitritt zum Gaue angemeldet haben." Mit anderen Worten: die deutschen Turner haben sich in Falkenau zusammettgefundeU, um sich der unbequemen Juden zu entledigen. Dem Teutonen ist es ein Greuel, mit Juden in ein und derselben Turnhalle, auf ein und denselben Geräthen zu arbeiten und neben Juden bei ein und derselben Turnkneipe deutschnationale Lieder zu singen. Das ist eme Schmach für einen deutschen Turner. Und man muss den Juden dadurch verächtlich machen, dass man ihn öffentlich für unwürdig erklärt, mit biederen deutschen Männern in einem Vereine zu sein, man muss den Umgang mit Juden öffentlich als Schmach brandmarken, und so den Juden in der nichtjüdischen Gesellschaft unmöglich machen. Diesen Zweck hat der Gauturntag in Falkenau gehabt. Anwesend waren bei dieser Versammlung, die von der „Ostdeutschen Rundschau" als eine „erhebende, großartige Kundgebung" bezeichnet wird, der gesammte Gauturnrath und 46 Vertreter von 25 Vereinen. Der Antrag auf „Arisierung" des Gau's wurde, wie es nicht anders zu.erwarten war, unter donnernden Heilrufen angenommen. Der Jude ist somit von den Deutschen ofsiciell in Acht und Bann gethan. Die Turnvereine fühlen sich und gelten als die Kerntruppen des deutschen Volkes, als die Träger und Hauptverfechter des nationalen Gedankens, und das Signal, das die nationale Elite in Falkenau gegeben hat, wird im ganzen Lande wiederhallen. Der Gauturntag bedeutet den statutenmäßig festgestellten Riss zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung. Pas HHeüo des Schukveremes. Bei der letzten Hauptversammlung des Deutschen Schulvcreines haben sich bekanntlich die „Liberalen" mit den Deutschnationalen auf die Errichtung antisemitischer Ortsgruppen des Deutschen Schulvereines geeinigt. Es wurde den Juden, die mit Zähigkeit an dem teutonischen Volksthum kleben, auch, weiterhin großmüthig gestaltet, für ihr schwarz-roth-goldenes Ideal Geld herzugeben, aber unter einer Bedingung: der Jude muss bei seiner „Arbeit" sür das Deutschthum in einem gesonderten, streng abgeschlossenen Districte Hausen, und diese Districte werden von den Urdeutschen mit jener Scheu gemieden, mit der der Gesunde eine Seuchenbaracke, ein Pestviertel meidet. Soweit war alles gut. Die Juden waren mit dieser Bedingung einverstanden, sie warm froh, dass man trotz des großen Antisemitismus ihnen doch erlaubte, Geld herzugeben. Aber die Deutschvolklichen empfinden jetzt Reue. Der furor teutonicus beginnt sich zu regen. Mlt dem mageren Brocken der antisemitischen Ortsgruppen lassen sie sich nicht abspeisen. Fort mit den Juden auS der deutschen Gemeinschaft. Der Prager „Deutsche Volksbote" schreibt: „Wenn der Schulvereinsleitung das Scheiden von den Juden so schwer fällt, und sie in dem Ersatz, welcher ihr durch tausende von Stammesdeutschen geworden wäre, nicht das entsprechende Gegengewicht erblickt, so möge sie sich auch für die Folge cm ihre Juden halten." - Pie gekündi-le« „Perrtschen". Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Und wenn er nicht geht, so wird er mit Fußtritten hinausgejagt. Die Juden haben aus der Bukowina eine deutsche Sprachinsel gemacht, und jetzt zeigt man ihnen die Stelle, wo der Zimmermann das Loch im Deutschthum gelassen hat. Hinaus! In Czernowitz hat sich bekanntlich vor sechs Monaten ein „Verein der christlichen Deutschen in der Bukowina" gebildet. Der Verein zählt jetzt schon über 1000 Mitglieder. Wohlgemerkt, „Verein der christlichen Deutschen". „Christlich", das ist das punctum saliens. Was empfinden die Bukowinaer Juden nicht alles bei diesem Wörtchen: TrennungSschmerz, Groll über die teutonische Undankbarkeit und — Hoffnung. Die Hoffnung, dass man vielleicht trotzdem daS „Deutschthum auf eigene Faust" wird betreiben können. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Kokes ch, Hof- und Gerichts- Advoeaterr in Wien, I., Singerstratze 35, zu senden. PasAetioUSeomit^ hat in seiner letzten Sitzung beschlossen an sämmtliche Vertrauensmänner, zionistische Ortsgruppen, Vereine rc. die Aufforderung ergehen zu lassen, sich der Schekelsammlung mit besonderem Eifer anzunehmen und die eingelaufenen Gelder in Kürze an die Zahlstelle des Comites (Dr. Kokesch, I., Singerstraße 25) abzuliefern. Wien. Die Ortsgruppe „Favoriten" des Verbandes „Zion" wacht erfreuliche Fortschritte. Durch die rührige Agitation, die der Vereinsvorstand entfaltet, nicht minder auch durch seine Veranstaltungen, von denen die im Monate September von einer vielhundertköpfigen Menge besuchte Versammlung zur Berichterstattung über den Baseler Congress erwähnt 'werden muss, ist die Mitgliederanzahl rasch in die Höhe gestiegen, und als besonders freudige Thatsache muss es constatiert werden, dass im Gegensätze zu anderen Bezirken der hierortige Tempelvorstand die zionistischen Bestrebungen aufs Thatkräftigste unterstützt. Zu den Feiertagen wurde im Tempel sür den Nationalfond gespendet und gesammelt. Die Sammlung ergab ein namhaftes Erträgnis. Die Mitglieder versammeln sich jeden Donnerstag, um die laufenden Geschäfte zu besorgen und die Vorarbeiten zu einer kräftigen Agitation zu berathen. Allein nicht nur der Vorstand, auch der Prediger Dr. Löwy unterscheidet sich vortheilhaft von den „Seelsorgern" anderer Bezirke. Am Schlussfeste forderte er in seiner Predigt die Anwesenden zu einer lebhaften Theilnahme an den Bestrebungen der Ortsgruppe auf und ermahnte insbesondere die Jugend, sich in den Dienst der Ideale ihres Volkes zu stellen. Wien. Der „Fewish Chronicle" berichtet, dass in der nächsten Zeit ein zionistischer Congress in London und im nächsten Sommer ein allgemeiner Congress in Frankfurt a. M. stattfinden werden. Die letztere Nachricht entbehrt jede Begründung. Dielitz-Biala. Sonntag 31. October fand im Bethanse der Chassidim eine stark besuchte Versammlung statt. Es sprachen die Herren Basel, Bromberg und Brasch unter großem Beifall für die Errichtung des Nationalfonds. Krakau Ueber Einladung des hiesigen Vereines „Chowewe Erez Israel" referierte Dr. S. R. Landau in der Sonntag, den 85. September einberufenen jüdischen Volksversammlung über den Congress in Basel. Die Versammlung, der Herr Schönwetter präsidierte, war von 500 Personen besucht, und insbesondere hatten sich auch mehrere jüdische „Genossen" eingestellt, die, wie es sich zeigte, die Absicht hatten, den ruhigen Verlauf der Verhandlungen zu stören und, wie es bereits mehrere Tage zuvor der „Socialistenführrr" Dr. Diamant in einem Vereine gethan hat, den Zionismus in abgeschmackter Weise anzugreifen und zu „widerlegen". Außerdem war der orthodoxe Theil der jüdischen Bevölkerung besonders stark vertreten. Der „Socialistenführer" Hecker, das Redactionsmitglied des .Maprzöd" verlangte nach Dr. Landau das Wort. Kaum begann er zu sprechen, so entstand ein Tumult. Die Anwesenden wollten ihn durchaus nicht hören. Mit Mühe gelang cs dem Präsidenten, die Ruhe herzusteüen, die Aufregung war so groß, und speciell geberdeten sich die Anhänger des Redners so laut, dass man eine Auflösung der Versammlung befürchtete. Nur unter fortwährenden Protesten konnte Redner seine antinationalen und antizionistischen Ausführungen fortsetzen. Nach ihm sprach Advocat Dr. Frühling, der ihn in schlagender Weise widerlegte. Redner wies auf die unglaubliche Thatsache hin, daß es leider nur jüdischen Socialdemokraten Vorbehalten bliebe, ihre eigene Nation anzugreifen, während es ihre Gesinnungsgenossen anderer Nationalität nie wagen würden, gegen ihre eigene Nation aufzutreten; er fragte, warum die Socialdemokratie sich so mit aller Wucht auf die Zionisten stürze, die ja eine Volkspartei sind, und wies darauf hin, dass ja der Zionismus den Socialismus nicht auSschließe. Dann ergriff Dr. Landau das Wort, um an der Hand von Thatsachen, wie Chodorüw, Schodnica, TLrnö.v nnd Przemy8lany zu beweisen, wie sehr die österreichische Socialdemokratie und besonders Herr Daszynski die armen Juden geschützt habe, und von welch' „warmem, judenfreundlichem" Geiste die cxcedicrcnden Arbeiter erfüllt waren. Man bemerkte, wie jetzt Herr