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Die Welt · 1897-11-05 · 23 (5.11.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
23 (5.11.1897)
Article
Zur Frage "Trade Unions"
Date
1897-11-05
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. SS. Seite 9. . Zur Frage „Trabes Unions". Von Josef Kott, Ober-Ingenieur in Olmütz. Der Aufforderung des Herrn Leo Rafaels iu Nr. 22 der „Welt" komme ich als treuer Anhänger der zionistischen Sache gerne nach und hoffe, dass man mir mit Rücksicht auf meinen Beruf und die in einer 18jährigen Praxis gesammelten Erfahrungen das Recht nicht absprechen wird, in Arbeiterfragen mitzusprechen; ich will nur noch bemerken, dass es mir auch vergönnt war, viele jüdische Arbeiter genau kennen zu lernen. Die Anregung des Herrn Rafaels, jüdische Gewerkschafts-Vereine behufs Förderung unseres Endzweckes zu gründen, verdient selbstverständlich vollste Beachtung, da ja ein Staatswesen bei aller Wichtigkeit der führenden Geister die große Masse des Volkes als Grundlage benöthigt. Nebst dem Landmanne dürfte im künftigen Judenstaate auch dem gewerblichen Arbeiter eine wichtige Rolle Zufällen, denn gerade im wärmeren Klima Palästinas bedarf der Landruann einer ausgiebigeren Entlastung bei seiner körperlichen Anstrengung durch mechanische Hilfsmittel als der Nordländer. Ueberdies erfordert das Klima eine ausgedehnte künstliche Wasferbeschaffung und der Mangel an Baumaterial, der noch längere Zeit bestehen dürste, bis die Aufforstung diesem Mangel abgeholfen hat, wird die Erschließung anderer vorhandener Kraftquellen nothwendig machen, wozu viele geschulte Industriearbeiter nothwendig sein werden. Es ist also kein Zweifel, dass der Judenstaat viele geschickte Hände, die mit Säge und Hobel, Hammer und Feile umzugehen verstehen, benöthigen wird, dass es daher geboteuscheint, diese Arbeitskräfte schon jetzt für die.künftige Aufgabe vorzubereiteu. Wer jedoch zionistische Versammlungen besucht hat, muss mit Bedauern zugeben, dass die industriellen Arbeiter uns bis jetzt kühl gegenüber stehen'. Der Grund ist auch nicht schwer zu finden, denn es ist gar kein Geheimnis, dass uns auf diesem Felde der Socialismus die schärfste Concurrenz bietet, da er dem Arbeiter den Himmel auf Erden verspricht, unbekümmert, ob er auch nur einen minimalen Bruchtheit seiner Utopien erfüllen kann, während wir in das entgegengesetzte Extrem verfallen sind und dem Arbeiter bis jetzt nichts Besseres in Ausstcht zü stellen wussten als— den Siebenstundentag. Bei aller Hochachtung vor Herrn Dr. Herzl und seinem genialen Buche, das unbestritten zum Ausgangspunkte der heutigen zielbewussten Bewegung geworden ist, kann man nicht leugnen, dass die arbeitende Klasse in demselben ziemlich stiefmütterlich bedacht wurde. Es wird vom Arbeiter gefordert, dass er aus eigene Gefahr auSmandern und sich einen Lebensunterhalt in einem ihm unbekannten Lande ohne Verkehrsmittel und Industrie suche. Das widerspricht jedoch vollständig dem Wesen des Arbeiters, dem natur^ gemäß der Unternehmungsgeist mangelt, da er sonst etwas Anderes geworden wäre. Es heißt, die Desperados werden die ersten Ansiedler auf den neu erworbenen Gründen sein. Wie sollen aber Leute ohne alle Hilfsmittel eine Reise von 2—300 Lm. zurückkegen und ohne jede Hilfe sich in einem fremden Lande eine Existenz gründen? Dahinter wittech der misstrauische Arbeiter einen kapitalistischen Kniff und will vom Zionist- Mus als einer Quelle der gefürchteten Ausbeutung nichts wissen. I Will man daher die jüdischen Arbeiter für unsere' Sache gewinnen, so muss man ihren Wünschen und Bedürfnissen entgegenkommen und namentlich ihr Vertrauen zu gewinnen suchen, allerdings ohne auch nur das Geringste zu versprechen, dessen Verwirklichung auf Hindernisst stoßen könnte, denn nur auf dem bereits ciugcschlagenen Wege der Offenheit und Wahrheit kann unser Ziel erreicht werden. ~ . £ Es ist natürlich nicht Sache eines Einzelnen, einen — sagest wir — Mobilisierungsplan für die Landnahme zu entwerfen, da ja heule schon eine competente Körperschaft hicfür besteht. Immerhin ist es nothwendig, unseren Arbeitern zu zeigen, dass man an ihre Bedürfnisse denkt und fest, entschlossen ist, ihnen die neue Existenz mit möglichst wenig Opfern, Mühen und Entbehrungen und — soweit menschliche Kraft dies vermag — mit Vermeidung von Gefahren zu verschaffen und dass man an dem nationalen Principe festhält, jedem Einzelnen das Dasein erträglich zu machen. Ohne das „Recht auf Arbeit" für ewige Zeiten zu codificieren, kann man doch das Prinzip aufstellen, dass niemand zur Auswanderung ermuthigt werden wird, für den nicht seinen Kenntnissen entsprechende Arbeit gesichert ist. Alle in europäischen Staaten zu Gunsten der Arbeiter bestehenden Wohlfahrts-Einrichtungen muffen dem Auswanderer für seine Lebensdauer garantiert werden. Namentlich der geschulte Industriearbeiter muss eine gesicherte, ehrenhafte Stellung mit Kranken- und llnfallsversicherung, sowie Altersversorgung für sich und seine Familie erhalten. Es wird also nicht angehen, dass man dem Arbeiter zumuthet, sich selbst seine Lehmhütte aufzurichten; im Gegentheile müssen die im Lande vorhandenen Arbeitskräfte stets für die menschenwürdige Aufnahme der Nachkommenden Sorge tragen und bei der im Anfänge unvermeidlichen militärischen Organisation des ganzen Staatswesens bis zur Schaffung normaler Verhältnisse wird dies auch obne große Kapitalien möglich sein. Wenngleich Palästina ein holzarmes Land ist, muß der Arbeiter noch nicht in einer Lehmhütte Hansen. Der Karst in Istrien ist wohl nicht holzreicher und trotzdem habe ich nirgends so schmucke Bahnwächterhäuschen gesehen als in Istrien, wo man eben den vorhandenen Kalkstein benützt hat. Wozu soll man einem jüdischen Arbeiter zumuthen, schlechter zu wohnen als ein morlakischer Bahnwächter? Aehnlich verhält es stch mit allen anderen Bedürfnissen des Arbeiters. Ihm eine ausgiebige Nahrung znzuführen, ist bei der Fruchtbarkeit des Landes — rationelle Wirtschaft vorausgesetzt — ein Leichtes. Man kann ihm jedoch ohne Schaden für die Gesammtheit auch zusichern, dass er in keine Einöde kommt, dass man für die Anlagen größerer Gemeinden mit der Fähigkeit Schulen, Vergnügungsorte u. s. w. zu erhalten, sorgen werde. Man versuche es, ein auf derartigen Grundlagen aufgebautes Programm aufzustellen, und ich bin überzeugt, dass die besser gestellten Arbeiter in kurzer Zeit treue und opferfreudige Zionisten werden. Nachwort der Redaction: Zu dieser interessanten Zuschrift wollen wir nur bemerken, dass Leo Rafaels die Erörterung der Trades Unions auf Anregung des Dr. Herzl begonnen hat. Es wäre also unrichtig, zu glauben, dass der Letztere den Wünschen und Bedürfnissen der gewerblichen Arbeiter fremd gegenüberstehe. In einem früheren Zeitpunkt wäre es eine missliche Sache gewesen, rn Einzelheiten der Ausführung einzugehen. Jedes Detail ruft Widerspruch hervor, und jemehr Einzelheiten zu discutieren sind, nmso heftiger wird das Ganze eine Utopie gescholten. Wenn Herr Oberingenieur Lau sich die Mühe nehmen will, im „Judenstaat" nachzulesen, wird er finden, dass für die Arbeiter an mehr als an den Siebenstundentag, und nicht nur an Lehmhütten gedacht ist. Im leidenschaftlichen Streit und Gelächter der ersten Zeit wurden diese Dinge übersehen und wir mussten uns das gefallen lassen, weil wir uns zunächst des Lebens zu wehren hatten, des Lebens unserer Idee. Heute wo wir so weit sind, dass der Zionismus als eine ernste und große Volksbewegung anerkannt ist, gehen wir logisch weiter. Leo Rafaels hat in der vorigen Nummer mit seiner gründlichen Kenntniß der englischen Verhältnisse den Charakter jener Trades Unions erklärt. Unsere Freunde werden unschwer verstehen, in welcher .Weise die Einrichtung auf specifisch jüdische Verhältnisse und auf die zionistische Bewegung zu übertragen ist. In den Trades Unions ist einerseits die Thätigkeit unserer arbeitenden Massen zu steigern und ihre Widerstandskraft im wirtschaftlichen Lebenskämpfe zu stärken, andererseits ist dabei aber auch ihre künftige Ansiedelung im Lande Israels vorzubereiten. Es wird alsdann die Aufgabe der Leitung sein, den zionistischen Trades Unions eine weitere Capitalförderung zuzuführen. Die Vorarbeiten für diesen letzteren Zweck sind im Zuge, und eine Pnblication wird erfolgen, sobald es an der Zeit ist. Nur kurz sei gesagt: die Trades Unions haben sich aus der Grundlage der Selbsthilfe zu bilden, dann wird ihnen weitergeholfen werden. weltchronik. I)ie Iervish ßolonisation Association hat in ihrer .Sitzung vom 24. October d. I. folgende Beschlüsse gefasst: 1. Ihr Interesse einigen Colonien in Nordamerika und besonders der Vergrößerung der Ackerbauschule der Colonie W o o d b i n e zuzuwenden. 2. Die Entwicklung der Colonie Hirsch in Canada zu fördern. 3. Die Unterstützungen zu Gunsten mehrerer Colonien in Palästina in größerem Ausmaße zu bewilligen. 4. Herrn Walter L. Cohen nach der Insel Cypern mit dem Aufträge zu serden, dort eine Niederlassung zu inspirieren, auf der mehrere jüdische Colonisten angesiedelt sind. 5. Sich an der Errichtung einer Ackerbauschule in Galizien zu betheiligen. 6. Ihre besondere Aufmerksamkeit der Schulfrage in Rumänien zuzuwenden. I)er englische Gesandte Kardmg, der am persischen Hofe accreditiert ist, hat sich anlässlich der letzten Judenexcesse in Persien auf's lebhafteste für die Juden verwendet. Um die Lage der Juden möglichst zu sichern, wendete er sich an den Scheikh Abdullah, einen Mollah, der das größte Ansehen genießt. Scheikh Abdullah hat dem Gesandten die Zusicherung gegeben, alle Ausschreitungen gegen die Juden hintanhalten zu wollen. Pie Krönt gegen das „Koschere". In der Sitzung des Wiener Gemeinderathes vom 29. October stellte Gemeinderath Schreiner folgende Anfrage: „Ist es dem Herrn Bürgermeister bekannt, dass die jüdischen Selchwarengeschäfte an Sonntagen über die Mittagszeit geöffnet , sind, und ist er geneigt, die Marktorgane zu beauftragen, dass dieselben die „koscheren" Selchwarengeschäfte controlieren, ob sie zur selben Stunde ihre Locale sperren wie die nichtkoscheren Selchwarengeschäfte, und im entgegengesetzten Falle mit strenger Strafe vorzugehen?" Noykolt jüdischer Geschäfte. Im Berichte über den Zusammenbruch einer großen Wiener jüdischen Firma schreibt das Wiener „Deutsche Volksblatt": „Nun hat auch diese Judenfirma das Schicksal erreicht, und muss der Zusammenbruch derselben wohl als ein Verdienst der christlichen Frauenbewegung betrachtet

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