Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Zangwill und die Assimilation
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315733-3381941--02443-3382056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite O. MHM.' Nr. 38. durften die Juden zu dem unerwarteten Angriffe nicht schweigen, und so antwortete denn Mr. Claude G. Montcfiore, der Präsident der Anglo- Jewish-Association in einem längeren Schreiben. Uns sagt Mr. Montefiore nichts Neues und den englischen Antisemiten, wie es scheint, auch nicht. Wir haben diese Redensarten bis zum Ueberdrnsse von unseren Assimilanten gehört. Aber etwas Gutes hat der Artikel doch gehabt: er hat eine sehr kurze, aber sehr schlagende Antwort I. Zangwills zur Folge gehabt, die wir vollinhaltlich reproducieren. „Ich gestehe, dass mich der Brief Mr. Claude Montefiores, den ich stets für einen jüdischen Idealisten gehalten hatte, sehr überrascht hat. Das Judenthum, sagt er, hat keine „id^es m&res“, die nicht schon von der arischen Cultur in sich ausgenommen worden wäre. Wenn das nun rhaisächlich der Fall ist, wenn Las Judenthum seine Aufgabe als geistige Macht überlebt hat, dann bleibt nichts übrig, als die jüdische Rasse. Nun ist aber unter allen Gegnern des National- oder Rassenjudenthums Mr. Montefiore der allereifrigste und hervorragendste Gegner gewesen. Daher scheint es mir, dass er unbewusst ihre Ansicht (d. h. die des „Daily Chronicle") unterstützt, dass nicht der geringste Grund vorliegt, weshalb die Juden nicht unter den Völkern aufgehen sollten, deren Sitten und Vaterlandsliebe sie sich so kaut zu eigen machen." Dtv £jatm Steinthal Steinthal ist zu Gröbzig im A haltischen am 16. Mai 1823 geboren. Er wollte ursprünglich Rabbiner werden, gab aber später diesen Plan auf. Auf der Berliner Universität, die er in seinem zwanzigsten Lebensjahre bezog, widmete er sich mit großem Eifer dem Studium der orientalischen Sprachen und der Philosophie. Im Jahre 1847 erhielt Steinthal den Doctorgra d. Im Jahre 1850 habilitierte sich der junge Gelehrte an der Berliner Universität, wo er über allgemeine Sprachwissenschaft und Mythologie Vorträge hielt. In demselben Jahre erschien sein Werk: „Die Classication der Sprache, dargestellt als die Entwicklung der Sprachideen." Dieses Werk unterzog der Verfasser dann später einer Umarbeitung und veröffentlichte es unter dem Titel: „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues." Im Jahre 1851 erschien: „Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen des Wissens." 1852 erschien die „Entwicklung der Schrift." Im Jahre 1853 erschien: „Grammatik, Logik und Psychologie, ihre Principien und ihr Verhältnis zu einander." 1855 erschien die „Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Römern und Griechen." Steinthals Hauptwerk ist die „Allgemeine Ethik". Der Abschnitt, in dem Steinthal die Ethik des Judmthums behandelt und seinen Stoff mit einem ungemein reichen Material talmudischer Belege bewältigt, zeigt von der großen Vertrautheit Steinthals mit dem jüdischen Schriftthum, von seinem tiefen Verständnis der jüdischen Volksseele. 1852—1855 verweilte er zum Behufe chinesischer Sprach- und Literaturstudien in Paris. Seit 1863 ist er außerordentlicher Professor der allgemeinen Sprachwissenschaft zu Berlin, wo er seit 1872 auch an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenlhums Religions- Philosophie und Religionsgeschichtc lehrt. Steinthal ist neben Lazarus Herausgeber der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft in Berlin. Jetzt feiert der greise Forscher das 50jählige Jubiläum seiner Promotion. Steinheil gehört der alten Affimilationsära an und der Geist der neuen Zeit ist in seine Gelehrtenstube nicht gedrungen. Aber er blieb seinem Judenthum stets treu und schon durch seinen Vornamen äußerte er dies demonstrativ. Er nannte sich Haim, nicht Heinrich, oder Hcrman oder Heyman, wie ihn andere nannten. Ucbcr die Etymologie dieses Namens hat sich Professor Steinthal gelegentlich einmal ausgesprochen. Der hervorragende Sprachforscher sagte, er sei sich darüber nicht klar, ob der Name von „chaj" (leben) stamme — wie mau allgemein glaubt — oder ob er eine spagnolische Ucbersctzung für „Jacob" bedeute. Er behalte aber seinen jüdischen Namen bei und lasse sich ihn nicht ändern. Auf diesen Namen lautet auch sein Doctordiplvm, dessen 50jähriges Jubiläum er jetzt — ein leidender, von der schweren geistigen Arbeit erschöpfter Greis — begeht. Möge ihn die Anerkennung der Gelehrtenwelt und die Achtung seines Volkes kräftigen und festigen, auf dass er noch recht lange die ehrenvollen Früchte seines Schaffens genieße! Die Nffairr Dreyfus. 'NltNS. (Orig.-Corr.) Die Affaire Dreyfus ist wieder aufgelaucht, nachdem man sie irgendwo im Weltmeer versunken wähnte. Der Hauptmann Dreyfus, ein elsässischer Jude, war bekanntlich vor einigen Jahren des Landesverrathes beschuldigt, öffentlich angeklagt, geheim verurtheilt und wieder öffentlich degradiert worden. Sein Urtheil lautete auf lebenslängliche Straf - Verbannung nach einer Insel mit mörderlichem Klima. Bisher ist der Verbannte nicht gestorben. Es haben sich aber seiner einige unerschrockene Männer angenommen, an deren Spitze unser Freund Bernard L a z a r e mit Wort und Schrift und auch auf dem Duellboden kämpft. In Deutschland hat sich namentlich Dr. Paul Gold mann von der Frankfurter Zeitung des Verurteilten angenommen. In letzter Zeit ist Herr S ch e u r er - K a st n e r, ein angesehener Elsässer, für Dreyfus' Unschuld eingetreten, die Revision des Processes wird verlangt, und in der öffentlichen Meinung beginnt sich ein Umschwung.bemerkbar zu machen. Man will, dass die Verhandlung bei offenen Thüren wieder ausgenommen werde. Hoffen wir, dass es geschehen wird.