Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315733--02433-3382051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 23 Seite 3. Die Woche. Wien, 3. November 1897. „ — — Und sie hielten die Kinder Israels wie einen Greuel. Und machten ihnen das Leben sauer mit schwerer Arbeit in Thon und Ziegeln und mit allerlei Frohnen auf dem Felde, die sic ihnen auflcgten mit Unbarmherzigkeit." Das war in Egypten, als Moses ausgesetzt wurde, im Schilf, am Ufer des Wassers, weil der Befehl ausgieng, die Knäblein der Ebräer zu tödten. Und Israel seufzte schwer unter den Ruthen der Vögte, denn schon die Egyptec kannten das hetzende Wort „Verjudung", und der Antisemitismus ist so alt wie die Pharaonen. In den Pyramiden, am Rande der Wüste, schlafen die ersten Antisemiten. * 4- * Ehrwürdig ist ihr Angedenken, und Friede sei mit ihrem Schlummer. Denn sie haben Erfolge gehabt. Sie haben Israel einig gemacht, dass cs stark wurde und nicht wankte auf seinem Wege in das Land der Versprechung. Mit ihren Ruthen und Stöcken haben sie diese geäugstigten Knechte zusammengepeitscht zu einem großen Volke. Sie haben das Gefühl der Verbrüderung in ihnen wachgeprügelt und diese stumpfen, zertretenen Nomaden zur Nation herangemartert. Aus den Falten ihrer gepeinigten Seelen haben sie Thatkraft und Begeisterung hervorgestampft. Und ihre Saat war schon gereift, als der Dornbusch brannte. * * * Als aber dann Moses unter die Kinder Israels trat und sie anrcdete mit den Worten der Befreiung, folgten sie seinem göttlichen Schritte. Doch kaum war der erste Freuden« laumel vorbei, da regten sich andere Gedanken. Und es gab etliche, die sprachen: „Lasset uns nach Egypterland zurückkchren, Können wir nicht sein wie die Egypter, dass sie uns lieben"? Siehe, das waren die ersten Assimilierungsideen. * * * Es sind arme, unerfahrene Menschen gewesen, welche die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Egyptens erfanden, und man muss sie wirklich entschuldigen. Sie hatten ja niemals ein Vaterland gekannt, und da empfanden sie eine Art Heimweh nach jener Erde, die mit ihrem Blute und ihrem Schweiße getränkt war. O Mose, du erster von allen Zionisten, erinnerst Du Dich, wie Du böse wurdest über diese egyptischnationalen Juden und hin stürztest auf Dein glühendes Antlitz im Zorne über die jüdischen Nil-Patrioten? Du hast alles geahnt in Deiner prophetischen Seele. . * * * Kämst Du aber heute zu uns und redetest uns an mit den Worten der Befreiung, dann würden Dich die Protestrabbiner aus dem Tempel jagen, würden Dich von der Bundcslade reißen, von Deiner Bundeslade! Die Meisten würden sich Zeit nehmen, ihre Brode zu säuern, denn sie lieben die Gefilde, in denen sie nicht heimisch werden dürfen, und wo man sie verachtete. Es sind arme, unerfahrene Menschen, die seit den Urvätern der Urväter kein Vaterland mehr kannten, und man muss sie wirklich entschuldigen. * * * Aber vielleicht sind sie es, die Recht haben. Vielleicht gehen wir wirklich der großen Assimilation entgegen. Man muss nur die Zeichen prüfen. Da ist eine Eiscnröhre. Es ist ja möglich, daß aus Eisenröhrcu Fricdenspalmen gemacht werden. Diese Eisinröhrc ist zwanzig Ccntimcntcr laug, sie hat einen Durchmesser von fünf Centimeter und sic wurde im Judentempel zu Olmütz gefunden. Das heißt, sie machte von selbst auf ihr Dasein aufmerksam. Sie zersprang nämlich, weil sie mit Dynamit gefüllt war und riß eine Mauer des Tempelvorhofes ein, zertrümmerte die Lampen und schlug die Fenster in Scherben. Es ist unglaublich, wie deutlich und wie beredsam so eine Eisenröhre Gesinnungen auszudrücken vermag, wenn. man sie nur ganz wenig mit Dynamit füllt. Legt von der Seitenstettengasse bis in die entlegensten Ghettowinkel galizischer Nester solche Eisenröhren und die Juden werden entzückt ausrufen: „Hier lasst uns Hütten bauen". -k- * SÜ Ich kann mich mit keinem vereinen, der mich wegstößt, und niemandem meine Hand reichen, der die seine zur Faust ballt. Dennoch wird das versucht. Aber vielleicht ist das Wegstoßen nur eine sinnreiche Abart der Umarmung, der Faustschlag nur eine etwas ungestüme Begrüßung. Seien wir verträglich und machen wir nicht viel Aufhebens von solchen Kleinigkeiten. Es wird schon gehen. Nur Geduld und Zudringlichkeit. Alle Zeichen sprechen dafür, dass es gehen wird. Warum sich separieren, gerade in einem Augenblick, in dem die Dinge sich so hoffnungsvoll gestalten? Man lese nur die Tafel, die vor dem Gute des Herrn Spickermann in Preußen angebracht wurde: „Juden ist der Eintritt bei Strafe verboten!" Wahrhaftig, einer so freundlichen Einladung kann man nicht widerstehen. * » * Ist das nicht eine herrliche Protest-Gelegenheit und ein famoser Anlass, wieder einmal von Toleranz zu sprechen? Wenn nur die Juden einsähen, wie beschämend das Wort „Toleranz" ist, wie demüthigend für sie. Ein bisschen Nachsicht, ein bisschen Gnade und ein bisschen Almosen steckt in diesem prachtvoll liberalen Wort. Und wenn sie nur die ungeschriebenen Tafeln lesen lernten, die heute nicht bloß vordem Gute des Herrn Spickermann, sondern vor allen Gütern aufgesteckt sind. An der Schwelle der Wissenschaft, der Kunst, der Vaterlandsliebe, der Barmherzigkeit, des öffentlichen Wohles, des Erwerbes, überall heißt cs: „Juden ist der Eintritt bei Strafe verboten!" * * * Vierhundert und vierzig Jahre haben die Kinder Israels das egyptischc Joch ertragen. Seither haben sie viel erlebt. Sie sind geduldiger geworden und halten länger aus. Als sie damals ihr Reich gründeten, hatte der Antisemitismus ein Ende. Feinde bedrohten die Kinder Israels, sie siegten und sie wurden besiegt, aber sie waren ein Volk unter den Völkern. Und erst als sie wieder hinauswandern mussten in die Lande der Sclaverei, da erst heftete sich der alte egyptischc Fluch wieder an ihre Fersen. Er hat sie nicht verlassen und er wird sie nicht verlassen, bis sie wieder daheim sind. * -r- * Und schon beginnt das Heimweh, das große, heilige Heimweh da und dort zu erwachen. Es hat lange gewährt dicscsinal. Aber es erwacht und bald flammt der Dornbusch wieder aus. Dann erscheint der Tag, an dem die Erinnerungen hervorslürmcn au alle die blutigen Ruthenstreiche, die wir empfangen, an die ungezählten Martern ungezählter Jahre: dann wird die Sehnsucht nach dem gelobten Lande so aufglühcn in allen, dass sie in der entzückten Hast der Befreiung wieder vergessen werden, ihre Brode zu säuern. Und dann, ausathmeud in freieren Lüften, werden sie andächtig wieder den ungeheuren Sinn jenes alten Vorhaltes ganz begreifen: „Ich bin der Ewige Dein Gott, der Dich hcrausgeführt hat aus Mizraim, dem Lande der Knechtschaft."