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Die Welt · 1897-11-05 · 23 (5.11.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
23 (5.11.1897)
Article
Die Jagd in Böhmen
Date
1897-11-05
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. MHM? Nr. 28. wodurch wir mit der deutschen Cultur verknüpft sind. Und gerade darum wird es sich geziemen, uns vernünftig Rechenschaft zu legen über die würdigste Haltung, die wir einnehmen dürfen und Men. Für uns Zionisten ist die Frage wie die Antwort einfach. Wir sind für die ungehemmte natürliche Entwicklung jedes Volksthums, also auch des deutschen. Wir find gegen die Unterjochung und Verkümmerung jedes lebenskräftigen Volkes, folglich auch des czechlschen. Was aber in dem Streite vorliegt, ist offenbar ein Grenzconflict, der nur die Betheiligten etwas angeht. Wo liegt das Recht? Offenbar in der Mitte. Die Sache wird bald herüber, bald hinüber gezerrt, so dass abwechselnd jeder Strcitlhcil im Unrecht ist. So stellt es sich uns objectiv dar. Wir hielten es für unschicklich, in diesem Streit unsere eigenen Gravamina in den Vordergrund schieben zu wollen, und jedenfalls würden wir diejenigen Juden verurtheilen, die sich während eines Nothstandes der Deutschen aus deutschen Assiinilanten in czechische verwandelten. Die Gemüthsbewegungen der in Böhmen wohnhaften deutschen Juden in Ehren — wir sind nicht unfähig, sie zu begreifen. Wie steht cs aber mit der Aeußerung dieser Regungen? Bis zu welchem Grade sind sic würdig, und sind sie überhaupt politisch vernünftig? Zunächst jedoch die Vorfrage: Was sind die Mitbürger mosaischer Confession in Böhmen derzeit? Sind sic Deutsche oder sind sic Juden? Bei der Strammheit, mit der die deutschnationale Bewegung in Böhmen geleitet wird, ließe sich selbst eine officielle Antwort der Führer verlangen. Die Deutschen mosaischer Confession verabsäumen merkwürdigerweise diese Erkundigung, die vielleicht doch am Platze und an der Zeit wäre. Es ist doch nicht genug, dass sie sich, wie das beliebte Wort lautet, „als Deutsche fühlen". Werden sie auch von den übrigen als Mitglieder der Gemeinschaft angesehen? Es wäre interessanter als je, dies genau zu erfahren. Müßige Frage. Weiß man es denn nicht schon? Nehmen sich etwa die Führer der Deutschen auch nur die mindeste Mühe, ihre wahre Gesinnung zu verbergen? Nein, zur Ehre dieser Herren sei es gesagt, dass sie auch während des Kampfes, der in einer anderen Front geführt wird, sich keiner Jnconsequenz gegen die Juden schuldig machen. Sie haben es freilich auch gar nicht nöthig, eine Mithilfe zu erkaufen, die ihnen mit der größten Sclbstvergcssenheit zur Verfügung gestellt wird. Und da sind wir auf dem Punkt angclangt, wo wir auch beim besten Willen die deutschnationalcn Hebräer nicht mehr begreifen können. Schwiegen die Führer der Deutschen nur, man könnte sich voistcllen, dass manche Juden an Gedächtnisschwäche litten, was ja menschlich wäre. Ein Fusstritt, den man vor drei Monaten empfangen hat, gehört gewissermaßen der Geschichte an, und ein richtiger Realpolitiker hat nicht weiter als vierundzwanzig Stunden zu denken. Aber die Ausdrücke der Missachtung und des Hasses werden ihnen täglich erneuert, und sie müssen wahrlich viel Baumwolle in den Ohren haben, wenn sie das alles überhören. Hätten sie wenigstens den Trost, dass man ihnen die Dienste im Kampf der Deutschen in Böhmen anrcchnete. Nein, in Schul- und Turn- und Gesangvereinen wird man zusehends arischer und „jlidenrcincr". Sogar das Geld der Juden, von dem man doch denken sollte, dass es non ölst, wird mit Gebcrden der Geringschätzung zurückgewiesen. Im Schulvercin, der an den Juden so hingebende Mitarbeiter hatte, wird darüber gestritten, ob man noch Judengcld annehmen solle. Die allgemeine Stimmung ist dagegen. Wieviele deutsche Versammlungen werden abgehalteu, in denen Juden der Zutritt ausdrücklich verwehrt ist, und in den Versammlungen sprechen Abgeordnete, die mit jüdischen Stimmen gewählt wurden. Aber die deutschen Juden >rtragcn jede Demüthigung. Sie haben vielleicht die Hoffnung, dass inan sic künftighin nicht aiifallcn werde, wenn man sie auch nie als Gleiche mischen mag? Nein, der Abgeordnete Hvfmann von Wellcnhof hat ausdrücklich erklärt, dass die Schonzeit nur solange dauern werde, wie der jetzige Kampf gegen die Regierung. Der Abgeordnete Wolf bemerkte in der Reichsrnthssitzuiig vom 26. Oktober: „In Böhmen gibt es nämlich nicht zwei Völkerschaften, sondern drei, und das sind die Deutschen,.'die Czcchen und die Juden. . ." Ferner: „Unsere erbittersten Gegner, mit denen wir uns jetzt raufen, bis der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir uns über die Juden und die Regierung hinweg die Hände zur Verständigung reichen." . Ach, das sind ja nur die extremen Parteigänger; die sogenannten besonnenen Elemente sind von erprobter Judenfreundlichkeit — welche Herablassung — und halten an den Grundsätzen der Freiheit fest. Jawohl, sie sind heute bereits zu einer Partei mit den deutschen Antisemiten geworden, über das bisschen Judcnfrage sind sie leicht hinweggekommen. In den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerz und vor Freude. Deutschliberal? So hieß ein altes Couplet aus der Zeit der Krinoline. Die Männer jener Tage sind gestorben oder haben sich überlebt, und die letzteren kann man im Herrenhause sowie in hohen Aemtern beim Nichtsthun bewundern. Doch da gibt es noch eine letzte Einwendung: wenn es solche Männer gab, so können wieder welche aufstchen. Nun, wie es mit dem Liberalismus dieser Gönner in Wahrheit bestellt war, beginnt man allmählich einzusehen. Die Prager „Politik" erzählt von Dr. Schmeykal, dem verstorbenen Führer der Deutschen in Böhmen etwas, das auch vom Grazer „Volksblatt" durch andere Reminiscenzeu erhärtet wird. Die „Politik" schreibt: „dass Dr. Schmeykal in seinem Innersten ebenso antisemitisch fühlte, wie etwa die — anderen Dcutschliberalen, ist ein offenkundiges Geheimnis. In seiner Kanzlei im Landesausschuss konnte er seiner judenfeindlichen Gesinnung recht derben Ausdruck verleihen. Ja, war es doch auch er selber, der es öffentlich bestritt, dass die deutschen Juden Deutsche seien. Im günstigsten Falle wolle er sie wie ein nothwendiges Uebel als „deutschfreundliche Israeliten" beim Mitzahlen und Mitwählen gelten lassen." Arme, dumme, deutsche Juden! Der Liebe Müh' war ganz umsonst. Ihr seid, was ihr wart; ihr bleibt, was ihr seid: deutschfreundliche Israeliten. Und das sagte Schmeykal, euer Gönner, Schmeykal der „Liberale". Ja, ja, das Erwachen aus diesem Traum ist gemengt mit Bitterkeit. So nehmt endlich doch die Thatsachen, wie sie sind, und rettet euch aus einer Situation, die täglich ärger und erbärmlicher wird. Es ist nicht uninteressant, die Vertheilung der Juden in den verschiedenen Sprachgebieten Böhmens zu betrachten. In Böhmen wohnen 94.479 Juden. Das nachstehende Schema gewährt eine Uebersicht: 3.576 rcinczechische Gemeinden, 15 597 Juden 1.510 czechisch-deutsche „ 55.899 „ 976 deutsch-czechische „ 19.782 „ 1.148 reindeutsche „ 3.201 „ Von 7210 Gemeinden sind somit 3576 reinczechisch; von 94.479 Juden wohnen 15.597 in reinczechischen und 55.899 in gemischtsprachigen Bezirken mit czechischer Majorität. Wenn nun die Juden unter solchen Umständen, wo sic die Uebermacht der Czechen vor sich haben, und wo es klar ist, dass sie sich diese zu bitteren Feinden machen, an ihrem vermeintlichen Deutschthum festhalten, so könnte man darin etwas Rühmliches, ja sogar die „deutsche Treue" erblicken, von der in so vielen Commersliedern die Rede ist. Aber was ein rechter deutscher Mann ist, bleibt von alledem ungerührt, und Herr Hofmann von Wellenhof wird uns mittheilen, wann die Schonzeit vorüber ist. Die Schonzeit, das ist die Frist, innerhalb welcher nutzbares Wild nicht geschossen werden soll. Geduld, cs kommt ja doch wieder der Tag, wo man Juden fressen kann. Dann wird es in den Revieren wieder lustig knallen. Nur dürften sich dann auch czechische Treiber und Jäger 31t den deutschen gesellen. Der Kreis wird sich verengern, und unsere armen Haseü von Böhmen werden verblüfft rouliercu

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