Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 1 (sequence 5)
- Language
- German
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Der große Hader in Böhmen um die Sprachenverordnungen zeigt die österreichischen Juden in einer wunderlichen Lage. Sie gehen treu mit denen, die gestern ihre heftigsten Feinde waren — und es morgen wieder sein werden. Wäre die Sache nicht so furchtbar ernst, man könnte sie unendlich komisch finden. Mancher Nationaljude, der sich bereits zur Erkenntnis seines eigenen Volksthums durchgerungen hat, möchte vielleicht über das Schauspiel der an die Rockschösse von Racenantisemiten geklammerten Juden grimmig lachen. Aber im Spott wäre eine gewisse Ungerechtigkeit, und wir werden unserer eigenen Ueberzeugung keine Unehre machen, wenn wir es versuchen, die Lage und Stimmung dieser deutschnationalen Juden zu begreifen. Zunächst müssen wir sie nach ihren Unterarten sondern. Es gibt unter ihnen sicherlich Solche, denen es im Mitlaufen oder Nachlaufen lediglich um ihren persönlichen Vortheil oder um ihre vermeintliche Sicherheit zu thun ist. Sie sind eingezwängt, versprengt wie eine Gestcinader in eine ihrer Art fremde Lagerung. Schon in ruhigcnZciten werden sie von der sie umgebenden Mehrheit als Fremdkörper empfunden. Ist aber das Nationalgefühl der anderen aufgeregt, so müssen sie sich nur umso behutsamer verhalten. In der eigenthümlichen wirtschaftlichen Stellung der meist handeltreibenden Juden sind sie auf die Laune und Willkür wenn nicht der Einzelnen, so doch des Geschäfts- und Kundenkreises angewiesen. Sie dürfen ihre Umgebung nicht verstimmen. Wenn sie darum gefügig sind und mit dem Strom schwimmen, soll man das nicht zu hart beurtheilen. Wer nm seiner Existenz willen nie eine Concession gemacht hat, der hebe den ersten Stein gegen sie auf. Für den Familienvater stammelt seiner Kinder Mund die Entschuldigungen. Der Beamte, der die Schrullen eines Vorgesetzten erträgt, der Advocat, der seine Clienten nicht gegen sich aufbringen will, der Handwerker, der feiner Kundschaft Bücklinge macht, alle Abhängigen des Verkehrslcbens müssen auch den jüdischen Geschäftsmann verstehen, wenn dieser willenlos die politischen Bewegungen seiner Umgebung mitmacht. Dann gibt cs aber auch solche, die das übertreiben. Man sieht da widerwärtige Erscheinungen, man sieht Mauschel als Teutonen verkleidet; aber man sieht auch den rechtschaffenen assimilierten Juden, der sich heute in einer tragischen Situation befindet. Mit diesem wollen wir uns jetzt beschäftigen. Die Kampfesweise, die jeden Gegner lächerlich oder verächtlich machen will, verschmäht unser Zionismus. Wir wollen vielmehr, unseren Brüdern, die von ihrem Wurzelboden abgclöet sind und haltlos umherschwanken, die Augen über ihre Lage öffnen. Tie Juden deutscher Cultur, deren Jünglings- und erstes Mannesalter in die Zeit der Herrschaft liberaler Ideen fiel, haben sich mit aller Wärme ihres Herzens der deutschen Nation angcschlosscn. Sie liebten ihr Deutschthum zärtlich und haben dem deutschen Volke wie dem Gedanken der bürgerlichen Freiheit aufopferungsvolle, treue Dienste geleistet. Sie schmiegten sich der deutschen Nation in Kämpfen und Leiden eng an — zu eng, wie cs scheint. Denn plötzlich begann man sie abzuschütteln. Plötzlich hieß cs, sie seien Parasiten, die den Stamm aussaugcn. Sie waren mit einem Ruck nicht mehr Deutsche, sondern Juden. Es war eine Wandlung ohne Uebcrgang, jäh, wie das Erwachen aus einem Traum. Die Wirklichkeit umfieng sie wieder mit einer Grausamkeit, deren sie schon halb und halb entwöhnt waren. Sie giengen wie vor den Kopf geschlagen umher. Alles Bisherige war also Jrrthum, die ganze Rechnung des Lebens auf einem Grundfehler aufgcbaut, alle Opfer waren umsonst und alle Treue vergebens. Die Menschen und ihre Fassungskraft sind mannigfaltig, Umstände färben den Eindruck, den die Ereignisse auf uns machen, in jedem Lebensalter empsindet man anders. So ist cs natürlich zu erklären, dass die gewaltsame Entfernung aus dem Deutschthum verschiedenartig auf die Juden wirkte. Die einen sahen sich plötzlich einsam dastchen, heimatlos an ihrem Geburtsorte. Denn die Heimat ist ja nicht nur etwas Oertliches; das ist sogar die geringste Auffassung der Heimat, die nur in der Gewöhnung an eine Stadt, an eine Straße, ein Haus gesucht wird — die Heimat muss mehr als die Ver- - binduug mit Leblosem sein. Heimat ist die anerkannte Zusammengehörigkeit mit dem Denken und Fühlen der Volksgemeinschaft. Und auf anerkannt liegt der Ton. Ohne Anerkennung keine Heimat.. . Die anderen strebten energisch nach einer Vollsgenossenschaft, aus der sie nicht, nie mehr durch irgend einen politischen Wetterumschlag entfernt werden könnten, und dieses Streben hat heute schon unter dem Namen Zionismus einen Klang wie Erz weithin in der Welt. Die dritten wollten noch immer nicht glauben, dass sie aus dem Dcutschthum draußen seien, auch als man ihnen die Thüre bereits roh und deutlich vor der Nase zugeschlagen hatte. Nun kain aber eine Krise für das Deutschthum in Oesterreich; sagen wir, um nicht zu übertreiben: in Böhmen. Es ist eine ernste Krise, daran ist nach den Berichten der Blätter kein Zweifel. Die Deutschen in Böhmen fühlen sich beschwert, ja in ihrer nationalen Existenz bedroht. Wir, die wir selbst auf dem nationalen Standpunkte stehen, können einen solchen Kampf nicht ohne Thcilnahmc anschen. Die politische Frage für uns ist nur, inwieweit er die Juden angeht. Es ist ein Moment, wo sich in unserem Gemüthe alles mächtig regt,