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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
Berlin / -ei-
Date
1897-10-29
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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„praktischen* Lager haben das Ihrige dazu beigetragcn, dass dir politische Zionismus in Berlin nicht jenen Ausschwung nahm, wie etwa in Oesterreich oder Rumänien. Der Cougress und die unermüdliche Thätigkeit der Kölner national-jüdischen Bereinigung, ebenso wie die der wenigen, aber energischen Berliner Vorkämpfer haben auch bei uns Wandel geschaffen. Beim nächsten Delegiertentag der deutschen Zionisten am .'31. October a. c. wird auch Berlin vertreten sein und sogar einen eigenen wohlerwogenen Statutenentwurf vorlegen. Auch unsere jüdisch-akademischen Vereine werden bald eine intensive und systematische Thätigkeit entfalten, sowie das einheitliche Programm und die Normen der Propanda festgesetzt sind. Die jüdisch-politischen Kreise verhalten sich allerdings bei «ns noch reserviert. Bei diesen schwer beweglichen Leuten findet irgend eine Bismarckanekdote oder irgend ein. kleiner Hoftratsch viel mehr Verständnis als unsere Bestrebung^. Zu ihrer „Rechtfertigung" sei gesagt, dass sie auch jeder anderen modernen Anschauung unzugänglich sind. — ei— England. den 24. October. (Orig.-Cvrr.) Die allgemeine Erregung, die der Angriff des „Daily Chrouicle" vom 16. d. M. gegen die Juden hervorgerufen hat, wurde durch einen weitere» Artikel noch verstärkt. Oswald John Simon versuchte in. einem Briefe diese Artikel zu widerlegen, doch derselbe wurde abgelehNt. Das gestrige „Daily Chronicle" enthielt jedoch eine Erwiderung Claude G. Montefiores, die sich in den allgemeinen assimilatorischen Phrasen bewegte. Allmählich scheinen nun die englischen Juden zur Einsicht zu gelangen, dass die Assimilation doch ihre Grenzen habe. Die traurigen Nachrichten aus Russland trügen' auch das ihrige zur Beunruhigung der englischen JudeNschaft bei Diesen Sonntag fanden in zwei Synagogen Special- Göttesdicnfte für die Jugend statt. Dieselben erfreuen sich in der Bevölkerung großer Sympathie. Die gestrigen Blätter zeigen die Verleihung des Commandeur-Titels des indischen Reichsordens (Lnixlrt Grand Commander of the most Eminent Order of the Indian Empire) an den bisherigen Lordmajor Sir George Fandest Philipps, da dessen Amtsjahr am 8. November zu Ende geht. Dieser Titel, den man für Verdienste um das indische Kaiserreich erhält, wurde dem Lordmajor wegen seiner eifrigen Thätigkeit bei der Geldsammlung für die von der HungerSnoth in Indien Betroffenen verliehen. Allgemein erwartete man seine Berufung ins Oberhaus. LvtkdS«. (Orig.-Corr.) Herr Moses Goldstein, geborener Engländer, amerikanischer Bürger, Kaufmann, seit fünf Jahren wohnhaft in Palästina, sein Partner, Herr Raffvlovich, welcher seit sieben Jahren in Palästina lebt und schon vor 15 Jahren das Land besuchte, Rechtsanwalt Rosenberg und Herr Groß sind jetzt in London. Die Ansichten der beiden letztgenannten Herren sind wohlbekannt und hier folgen die Berichte von Goldstein und Raffolovich. In Betreff der wohlthätigen Bertheilunge» stimmen diese beiden Herren darin überein, dass nach Palästina mehr Geld geschickt wird als nöthig ist, dass der Fonds für die russisch-polnischen Juden schlecht verwaltet wird, und dass sich, je schneller dieser Begünstigung des Pauperismus, der nur Heuchelei erzeugt, ein Ende gemacht wird, desto besser die Lage der Juden in Jerusalem gestalten wird. Elend herrscht bei den Askenasim der russisch-polnischen Abtheilung aus Mangel an Industrie und wegen der ungerechten Zusprechung der Chaluka, während die deutschen und ungarischen Juden diese Art der Wohlthätigkeit in einer Fülle genießen, welche sie in Stand setzt, beffer leben zu können als die jüdischen Handwerkerclassen. Die Juden lieben das Land (wörtlich den Boden). Keiner von ihnen würde Palästina verlaffen, er geht nur, wenn sein Magen leer ist.-.Das.ist es, was die Petition der Juden, nach Cypern zu gehen, erklärlich macht, Die Rothschjld'sche Verwaltung, welche schlcuderhaft und kostspielig geführt wird, will dm einheimischen Handwerker« nicht helfen, und die Verwalter der „Chevri Zion", die sich nach der Zeit richten, können ihnen nicht helfen. MS ich darauf hinwies, dass der Basler Congvess de» Wunsch hegt, die regellose, ungesicherte Auswanderung zu verhindern und. der eist,-, heimischen Bevölkerung zu Helsen, sprastg Herr Goldstein auf mit dein AuSrufe: „Das ist es, dirS ist das geeignete Mittel. Helft den eingeborenen Juden, den jungen Leute» von Jerusalem. Da sink tausende von solchen jungen Männern,. gute Maschinisten, welche nach Verlauf von einigen Jahren glückliche Colonisten werde» können. Es liegt ihnen wenig daran, für Auswanderer . gehalten zu werden, wenn sie nur ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Wenn sie aber etwas thun wollen, müssen sie gutx Engländer oder Amerikaner herschicken, um die Leitung zu Über- - Nehmen. Herr Rosenberg war der Einzige, der die Sache richtig , angegriffen. Er gimg nach dem Hauran, wollte sich seine Existenz seihst gründen, focht gegen dir Drusen und arbeitete mit Liebe-; weün man ihn hinreichend unterstützt hätte, würde sein Unternehmen erfolgreich gewesen sein. Ich war ganz überrascht über die Berichte, welche mir mein Freund in seiner ruhigen Gelehrtenweise gab, und Goldstein fuhr fort: Er gieng und ließ sein Herz tut Hauran zurück. Euere Colonisten fühlen sich glücklich, sie arbeiten schwer nnd dir Verwaltung ist kostspielig. Gott weiß, wann das Volk von Schulde» frei sein wird. Wenn ihr nur den Strom der ChalNka leiten könntet, würdet ihr Palästina zum Lande eines glücklichen Volkes machen." „Und wie' steht es mit der türkischen Verwaltung? „Sie ist nicht so schlecht, als man glaubt, und die Jude» verdienen eine» strengen Tadel in dieser Hinsicht. Dank dir amerikanischen Gemeinde (Kähäl) ist diese Verwaltung in den letzten Jahren viel beffer geworden und wird es täglich mehr. Dass da Bestechung herrscht, ist gewiss, aber die türkischen Beamten sind nicht böse und hassen die Juden nicht. Aber um Gottes willen, wenn ihr Zionisten für die Juden etwas thun wollt, so kömmt her, bringt eure Verwalter mit und helf den eingeborene« Juden, und dann wird Jerusalem so blühend wie Jaffa werden, wo es keine Chalnka, aber einen guten Geschäftsmarkt gibt. Wenn ihr eine Colouie braucht, werde ich Hunderte von starken, gutwillige» Arbeitern finden. Es gibt keinen einzigen Colonisten, der das Land verlassen möchte, und es gibt eine Menge von fähigen Männern, welche Colonisten sein wollen." J. de H. Rirtzlimd. Iffilna. (Orig.-Corr.) In Nr. 18 dieser Zeitschrift wurde unserer Stadt und ihrer Armen gedacht Ein Antisemitenblatt gab die Zahl der letzteren, angeblich nach einem Berichte eines jüdischen Weltvereines, von dem wir wenigstens keine Ahnung haben, auf 8000 an. Die Antisemiten haben diesmal die Wahrheit gesägt, weil sie ja von jüdischem Elend erzählen, das gewiss viel größer und weit mehr ausgebreitet ist, als der von ihnen verschrieene jüdische Reichthum. Es ist also hier nichts zu.berichtigen, sondern vielmehr zur Erläuterung sei hinzugefügt, dass die Zahl 8000 nicht Seelen, sondern Familien bedeutet. 8000 jüdische Familien leben hier in der größten Armuth; gegen 40.000 jüdische Seelen in einer Stadt leben in Elend, wenn Schnorre» und Bettel« überhaupt „leben" geheißen werden kann. Die Hälfte dieser Armen nämlich lebt durchwegs von Almosen, ans Kosten der Gemeindestiftungen; die andere Hälfte, die zwar keine Almosen empfängt, ernährt sich durch schwere anstrengende Arbeit, die jedoch so geringe» Lohn trägt, dass die armen Leute,, darunter Holzhacker, Wasser- und Lastträger, Maurer u. dgl., buchstäblich verhungern. Zu Ostern vorigen Jahres mussten z. B, von der Gemeinde 4570 Familien mit Mazzos versehen werden. Auch da8 Los der Handwerker ist kein beneidenwerteros, denn ihre Zahl übersteigt beträchtlich die Nachfrage. Man kann sich vielleicht im Westen kaum eine Vorstellung machen, wie so viele Arme beisamen sein können. Deshalb vielleicht findet der Gedanke

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