Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 22 (29.10.1897)
- Article
- Köln [Nachricht] / W.
- Date
- 1897-10-29
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. MHM Nr. 22. kommen wird, lst so präcise und vortrefflich ausgearbeitet, dass wir schon jetzt allen zionistischen Ortsgruppen denselben empfehlen können. Wir behalten uns vor, auf die Thätigkert der Kölner Gesinnungsgenossen gelegentlich des Delegiertentages noch ausführlicher zurückzukommen. W. Angarisch-Kradifch. Während es der Brünner Rabbiner für gut befunden hat, gegen die zionistischen Bestrebungen Protest zu erheben, erfreuen »vir uns hier eines Rabbiners, der schon von der Studentenzeit her jüdisch-national und zionistisch gesinnt, sehr viel zur Einigung und Hebung des Judentums in unserer Stadt gethan hat, und dem auch die „Achiwah" zu Dank verpflichtet ist. Die Feiertägspredigten des allgemein hochgeschätzten Herrn Dr. Josef Bursty n, »velche im zionistischen Sinne gehalten »varen, fanden allerseits rvarmen Anklang, und es »vird sich höchstwahrscheinlich noch in diesem Jahre hier eine zionistische Ortsgruppe bilden. Dr. Burstyn gehört zu denjenigen wenigen Theologen, »velche als Studenten mitunter auch zu etwas weltlicheren Agitationsmitteln gegriffen haben. Er war actives Mitglied der „Kadimah" und »vurde anlässlich einiger Mensuren von Professor Graetz der „streitbare Theologe" genannt. Kosszuaszö. (Klein-K öfter Comitat.) Dr. I Ronai, der erst jüngst durch seine zionistische Brochure so großes und für ihn schmeichelhaftes Aufsehen erregte, ist unermüdlich thätig für die zionistische Sache. Am 7. October 1897 hielt er im Saale der sächsischen Schule unseres Ortes einen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über Zionismus. Die hiesige Judengemeinde ist über 200 Jahre alt und zählte früher zu den bedeutendsten Ungarns, heute aber ist sie ziemlich verarmt. Die Versammelten giengen sofort an die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe^ Der Versammlung wohnte auch der evang. Pfarrer mit einer sehr großen Anzahl seiner sächsischen Gläubigen bis zum Schluffe bei. Sie alle, wie auch mehrere zur Versammlung erschienene Gerichtsbearnte legten ein außerordentliches Interesse für die Bestrebungen des Zionismus an den Tag. — E. S.— Farnow. Am 24. l. M. fand hier eine,' zahlreich besuchte Volksversammlung statt, bei der Herr Sigmund Bromberg über den Congress zu Basel und Herr Dr. A. Salz über den Verein „Ahawath-Zion" referierten. Die Versammlung lauschte mit Spannung den Ausführungen und dem Berichte über den Congress. Sie sprach den Delegierten ihren Dank für die geleistete Arbeit aus. Zr»m Schluffe »vurde folgende Resolution gefasst: Die am heutigen Tage abgehaltene Volksversammlung erklärt sich mit den Bestrebungen des Zionistencongresses zu Basel solidarisch uud spricht den geistigen Führern des Congresses den innigsten Dank aus, sie zugleich der »värmsten Sympathien und der vollko»»rme»»sten Ergebenheit versichernd. Aen-Sandez. Den Bestrebungen des Herrn B. Margulies ist es endlich gelungen in Neu-Sandez eine bedeutende zionistische Bewegung ins Leben zu rufen. Herr Dr. A. Salz (Tarnow) berichtete unter großem Beifall über den Basler Zionistencongress. Lorresxondeirren. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Die für den 23. d. M. anberaumte ge»vesene Reichsgerichts-Verhandlung über die Besch»verde des Wiener Cultusvorstandes gegen den Erlass des k. k. Ministeriums, »von»it die Gründung eines israel. Gemeindebundes verboten »vurde, hat nicht stattgefunden. Es geschah dies im Einvernehmen mit beiden Streittheilen, da das Ministerium unter gewissen Modalitäten die Gründung eines Gemeindebundes zuzulassen sich entschlossen hat. Wien. (Orig.-Corr.) In der Gemeinderathssitzung vom 26. October fand — keine Judendebatte statt. Das muss man jetzt bereits registrieren. Als charakteristisch aber soll angeführt werden, dass sich noch immer Leute finden, die dern Wiener Gemeinderathe Spenden zukommen lassen für Arme „ohne Unterschied der Confession". Das ist so auffallend, dass selbst die Wiener Tagesblätler darüber bereits ihre Glossen machen. Wer soll bei solchen Vertheilungen gefoppt werdendie Juden oder der Gemeinderath,? Akrünn. (Orig.-Corr.) Am Schemini Azerethfeste bereitete uns Brünner Juden der Herr Landesrabbiner eine Üeberraschung. Er sprach trotz seines Alters mit emem Feuer, dessen sich ein Jüngling nicht hätte schämen müssen. Und was hat ihn so begeistert? Der Zionismus! Das ist kein Scherz, sondern blutiger Ernst. Wie so manche andere Amtsbrüder verdankt auch unset Landesrahbiner dem Zionismus ein Erwachen seiner Beredsamkeit. Nur sind die anderen Rabbjner reine Stümper gegen Dr. Placzek. Sie protestieren. Er ist darüber schon' längst hinaus. Er verleurndet, er hetzt, er schimpft in den unfläthigsten Ausdrücken. Und erst sein Einfluss auf die reichen Brünner Juden! Es ist erstaunlich, »vas für ein Organisationstalent Dr. Placzek verräth. Wir meinen nicht wegen seines Organrsationsentwurfes, welchen er durch die ihm zugängliche Mische Presse in den Himmel heben lässt, das wäre noch nicht das Schlimmste. Aber wie hat cs der Mann verstanden, die Brünner Juden zur Gefolgschaft von Leuten zu veranlassen, die vom Judenthum längst schon nichts mehr »visscn wollen! Wer ist der Führer, den auch Dr. Placzek, wie natürlich alle reichen Juden, protegiert? Doch nicht jemand, der seine Kinder aus Anhänglichkeit ans Judenthum taufen lässt? Gewiss nicht, Herr- Rabbiner, das werden Sie doch nicht thun? Gegen solche Leute wird doch ein Mann von echt rabbinisch strenger Gerechtigkeitsliebe sicher auftreten! Nicht wahr, Herr Dr. Placzek? Also lieber dort schimpfen und verleumden, »vo keine „Fabriksbesitzer", keine „Geldleiher", keine „Spiritusfabrikanten" mit all ihren guten Eigenschaften zu finden sind. Nur zu. Dieses wüste Schimpfen von der Kanzel kann dern Zionismus nur nützen. Noch ein paar solche ^Predigten, und der Herr Larrdesrabbiner wird sich bei den Brünner Juden ohne Rücksicht auf ihre Parteistellung derselben Liebe erfreuen, die er bei seinen Amtsbrüdern infolge seines „Entgegenkommens" genießt. Die Brünner Zionisten werden übrigens dafür orgen, dass diese Predigt allgemein bekannt wird.L.L. Aiekitz. (Orig.-Corr.) Die Bielitzer jüdischen Spießer, die allerorten Bielitz als Hochburg des confessionellen Friedens hinstellen und deshalb über den Zionismus nicht näher Nachdenken »vollten, sollten eines Besseren belehrt werden. Denn Bielitz hat schon, dank de»n Wiener Treiben, seinen — christlichsocialen Verein. Wiewohl derselbe schon feit dem 10. Mai a. e. besteht, drang die Kunde hievon erst durch die Abhaltung der dritten Vollversammlung in die Oeffentlichkeit. Nachdem ein ge- »visser P. Mourzka in dieser am 10 d. M. stallgefundenen Versammlung gegen Liberalismus und Socialdemokraten losgezogen »var, erklärte er unter anderem, die christlich-sociale Bewegung richte sich nicht gegen die Juden als Racen- und Religionsgenossenschaft, sondern gegen den jüdischen Geist, den Vater der modernen capitalistischen Bewegung, die alles vernichte und verderbe. Bernerkenswert ist es, dass auch Herr Modl, Pfarrer der Bielitzer evang. Gemeinde, Mitglied dieses Vereines ist. Lemsttrg. (Orig.-Corr.) Vor einiger Zeit forderte mich der Redacteur eines jüdischen Blattes auf, ihm einen Leitartikel zu liefern. Es war gerade die tobte Saison eingetreten, und ich »var in großer Verlegenheit, da in dieser Woche just nichts passiert ist; Lueger hat keine Rede gehalten, im Parlamente »vurde nicht geschimpft, und sogar die Protest-Mau sch el haben keine lendenlahme Verwahrung concipiert. Mein findiger Redacteur lächelte über meine Verlegenheit und meinte: „öffnen Sie das Conversations-Lexicon an einer beliebigen Stelle, schreiben Sie zu dem Titel des so gefundenen Aufsatzes die Worte: „und das Judenthum" und stellen Sie darüber eine drei Spalten lange Betrachtung an."