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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
Der sterbende Freisinn
Date
1897-10-29
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23. Seite 9. Ueber einen neuerlichen Fall liberaler Metamorphose schreibt die „O. R.": „Die Badener Judenschast ist wegen der scharfen antisemitischen Bede, die Schriftleiter Herzog in der am verflossenen Sonntag abgehaltenen Versammlung der Liberalen und Deutschnationalen gehalten hat, gründlich verschnupft. Wenn die Juden sich auf Grund des zwischen diesen freiheitlichen Parteien für die kommenden Gemeindewahlen ab- ' geschlossenen Wahlübereinkommens Hoffnungen gemacht haben, dass der-Antisemitismus der Deutschnationalen dadurch gemildert werden würde, so sehen sie sich in dieser Hoffnung durch Herzogs..Rede jämmerlich getäuscht. Sie sind daher wie uns mitgetheilt.wird,,gesonnen, entweder Wahlenthaltung zu üben oder ihre. Stimme, .den Christlichsocialen zuzuwenden und sie haben in diesem Sinne schon Besprechungen abgehalten." Kpt Stltte? Der Sommer ist vorüber, die Leute sind vom. LandaEenthälLe wieder in die Stadt zurückgekehrt und haben sichs DKWich und behaglich in den traulichen Stuben eingerichtet, .im CMm flackert schon an besonders kalten Tagen ein gemächliches Feuer und jetzt beginnt ein neuer Frühling für die. Wiener'. antistvtttische Bewegung.. Womit könnte man denn die langen> langen Winterabende angenehmer ansfüllen, als indem man, auf die Juden.schimpft? Die Berichte über antisemitische Versammlungen: in den einschlägigen: Blättern beginnen gewaltig in .die Länge, zu wachsen, man sinder dieselben Redner, wie in früheren Jahren, dieselben Redeblüthen, die schon im vorigen Frühlinge, im vvrvyrigen .Frühlingei re. geblüht, dasselbe monotone „Fud . . Jnd Jud . . das in jedem zweiten Satze wiederkehrt, dasselbe frenetische Beifallsklatschen bei einer besonders gelungenen „Judpointe" —.alles, ganz so wie früher. Verschiedene naive Seelen haben , einem Niedergang des Antisemitismus verkündet,. als, in den letztest Wochen die. antisemitischen Bersammlnngsberichte etwas .spärlicher erschienen. Und wie zum Hohne lässt, jetzt Lueger.seinen ganzen Heerbann ausinarschieren. Das Volk von Wien defiliert unter den Klängen des Luegermarsches vor seinem Herrn mnd .Meister. Ave Casar . . . Am 21. October ließ Lueger, die Wiener Beamtenschaft, zu Tausenden aufmarschieren und „Hoch Lueger" schreien. Dieselben Rufe erschollen im Sopran und Alt bei einer massenhaft besuchten Franenversammlung im VII. Bezirke. Auch im Gemeinderathe werden pikante Judenhetzm insceniert. Der Ausgangspunkt ist verschieden. Alle Wege, führen zu einer Judenhetze. Das Volk von Wien verlangt seinen Judenscandal im Gemeinderathsberichte und Lueger kommt mit Vergnügen diesem billigen Verlangen nach. So wurde durch ein geschicktes Arrangement aus der Debatte über die Komenskyschule eine regelrechte Judendebatte und Lneger hielt eine antisemitische Brandrede, die an seine schönsten Zeiten beim „wilden Mann" und „goldenen Luchsen" erinnert. Die Zkrotejlsavvmer iw österreichischen Warkamente. Die Protestrabbiner, die bereit sind, für ihr teutschcs Volksthum durchs Feuer zu gehen, haben endlich ihre officielle Anerkennung ge- Mmbcit. Diese Anerkennung wird ihnen gewiß eine süße Entschädi- "ng, ein tröstlicher.Lohn für den, ach, so dornenreicheu, Pfad des -Dotestb.erufes sein. In der Sitzung vom 21. October sprach sich der deutschnationale Abgeordnete Türk über die Agitation tschcchiicher Priester rm Dienste des Tschechenthums aus. Und da machte - er jungtschechisch-antisemitische Abgeordnete Breznovsky den be- -nerkenswerthen Zwischenruf: „S i e haben die Rabbiner auf ihrer Seite." Und auf deutschnationaler Seite erwiderte uum: „Sie haben den Stransky". Die. beutschthümelnden Rabbiner auf einer Stufe mit dem getauften Juden Stransky, der sich für die Ideale des Tschechenthums erhitzt -- das ist gewiss ein ungeahnter Erfolg des schwarz-roth-go.ldeneu, antisemitischen Rabbiner lhums. . . Kiye „riSerake" Wahr. Die diese Woche in Wien abgeschlossenen Wahlen in die Sleuereommission haben manches erheiternde Moment gezeitigt. So wurde ein Tischlermeister in den Vororten ans die liberale Liste gesetzt. Derselbe Tischlermeister erklärt aber in einem antisemitischen Blatte, er hoffe zu unterliegen, da doch die Antisemiten siegen müssten. Sollte er wider Erwarten gewählt werden, so werde er nichtsdestoweniger stramm zur christlich-socialen Partei halten. Wer ist da der Gefoppte? Das liberale Wahlcomite? Oder am Ende gar die jüdischen Wähler? Km antisemitischer Schacher. Als das deutsche Volk von Wien sich vor den letzten Gemeinderathswahlen mir dem Wunsche trug, nur solche Männer in den Vertretungskörper zu wählen, welche befähigt wären, den Juden das Leben recht sauer zu machen, da ergab sich für. das deutsche Volk von Wien die Nothwenigkeit, von den Tschechen Wiens eine, gütige Stimmzettelsubvention zu dem angedeuteten Zwecke zu erbitten. Das deutsche Volk von Wien hat zwar eine gewisse angeborne Abneigung gegen die Tschechen, aber wenn es sich darum handelt, dem Inden eines am Zeug zu .flicken, so reicht der Germane liebevoll dem Enkel Libussas die biedere Rechte zur Versöhnung, und in harmonischer Eintracht fallen dann die Beiden über die Juden her. So war cs auch bei den letzten Wiener Gemeinderathswahlen. Die Tschechen nahmen bereitwillig, ohne Gewissensscrupel die dargebotene germanische Rechte an. Warum denn nicht? Der Tscheche will zwar von dem Deutschen auch nicht viel wissen, aber wenn der Deutsche dem Juden einige blaue Flecke beibringen will, so ist das eine so löbliche, anerkcnnenswerthe Absicht, dass ihr der Tscheche unter keiner Bedingung seine Zustimmung und seine Werktätige Hilfe versagen kann. Nur eine kleine Bedingung hatten die Tschechen bei den letzten Wiener Gemeinderathswahlen an ihre Stimmzettelsubvention geknüpft: „Wenn di? Wahlschlacht geschlagen ist, und Juda am Boden liegt, so erwarten wir, dass der Wiener Gemeinderath unserer tschechischen Komeuskyschule das Oeffmtlichkcitsrecht verleiht." — Abgemacht! Wien erklärte sich bei den Wahlen als exquisit judenfeindliche Stadt, die Tschechen haben zu dieser Erklärung ein tüchtiges Scherflein beigetragen, und jetzt warten und warten sie täglich, stündlich mit heißer Spannung auf das - „Oeffentlichkeitsrecht,, — aber es will nicht kommen. Das ist eine böse Geschichte. Die „Narodny Lisch" führen Klage, dass die unterdrückten Wiener Tschechen gegen das Versprechen des Oesfentlichkeitsrechtcs der Komenskyschule den Antisemiten geholfen hätten, die Juden zu unterdrücken — nun seien sie betrogen worden. Und den Schlussstein des ganzen Handels bildet der im Wiener Gemeinderathe gefasste Beschluss, das an das Unterrichtsministerium gerichtete Ansuchen um Verleihung des Oeffentlichkeitsrechtes nicht befürwortend dem uiederösterreichischen Landesschulrathe vorzulcgen. __ .• Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. K o k e s ch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, i., Srrrgerstrafle 25, zu senden. In Köln und über die Grenzen des Rheinlandes hinaus, in ganz Deutschland entwickelt die national-jüdische Vereinigung für Deutschland eine so intensive Thätigkeit, dass sie selbst in gegnerischen Kreisen viel und achtungsvoll bemerkt wird. Es ist in der That geradezu erstaunlich, mit welcher Exactheit, Raschheit und genauer Sachkenntnis unsere Kölner Freunde die Agitation und Propaganda durchführen. Nun hat die Vereinigung für den 31. October a. c. einen Delegiertentag der in Deutschland lebenden Zionisten. Die Tagesordnung umfasst.fünf.Punkte. . Als Referenten sind bis jetzt Dr. Schauer aus Bingen und Fabius Schach aus Köln genannt. Dem Delegiertentage wird' auch ein Statutenentwurf der zionistischen Vereinigung für Deutschland vorliegen. Der Statutenent.wnrß.d.er.'ja,, gelegentlich des Berichtes über den Delegiertentag auch in der „Welt" zum Abdruck

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