Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 22 (29.10.1897)
- Article
- Der politische Volksverein
- Date
- 1897-10-29
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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MHM?' Seite 8. Nr. 23.. lung geworfen hat, ist man vollkommen beruhigt.; Ja, hier/ ist die Atmosphäre des Friedens,, eine Atmosphäre, die sauft mit Spelsedüften durchsetzt ist und -den Geist des Ei »treten den von dem Thema der Judenfrage auf, das-Th-pia des Gausbratens mit zarter Sircncngcwalt hinlenkt, Da sitzen.etwa 80 Personen bei säuberlich gedeckten Tischen, man schwatzt, man isst und trinkt dazu einen guten Tropfen.' Und alles vollzieht sich unter dem Einfluss eines sichtlich gesegneten Appetits, wovon die behaglich znsamni'ngekniffencn. Augen, die da und dort zu erblicken sind, Zeugnis oblegen. Dann lehnt man sich aufathmeud zurück, zündet sich eine Cigarre au und verfolgt mit träumendem Blicke die blauen Wölkchen, die in die Lust ansstcigcn Die ganze Versammlung hat das Gepräge. der satten Trägheit. Da sind Massen, die sich schwerfällig aus einem alten, ausgetretenen Pfade vorwärts bewegen, die mit der Wucht ihrer breiten Rücken zähen Widerstand leisten, wenn man sic in eine neue gesunde Bahn hincinschieben will. Man fühlt sich fremd, sehr fremd in dieser Versammlung Wie lvdnn man in einem Museum herumgcht, >vo steife, unbewegliche Figuren ausgestellt sind, die einen in der abgelebten, altmodischen Tracht verflossener Jahre verständnislos anstarren. Man möchte aufspringcn und die Fenster des -Museums Khuner aufrcißcn, damit ein bischen frische Luft hcrcinströme. Endlich, nachdem sich die Vertreter des Judenthums für die bevorstehende Schlacht gegen den Antisemitismus hinlänglich gestärkt haben, nachdcui das Klappern der Messer und Gabeln leise verklungen ist, besteigt Dr. F ial la, Präses des politischen Volksvercincs, die Tribüne. Es beginitt die Lösung dcrJndeufragc in dcrVcrdauungsstunde. Dr.Fialla bespricht die gegenwärtige politische Lage sub specie des Judenthums. Es ist eine Freude, ihm zuznhvrcn. So klare, treffende Ansichten: „Der Antisemitismus ist im Wachsen begriffen." — Ganz richtig! „Der Autiscmitismus hat so ziemlich alle Parteien, die im österreichischen Parlamente sitzen, ergriffen." — Vollkommen einverstanden! „Die Juden haben von keiner der käinpfcndcn Parteien, weder von de» Tschechen noch von den Deutschen etwas zu erwarten." — Ganz wahr! Dann kommt die Aufzählnng einer Reihe von antisemitischen Ausschreitungen: Chodorow — Tarnow — Schulvereinsghetto rc. Wie gut Dr. Fialla ciugeweiht ist! Und jetzt, jetzt müssen die Conscqucnzcn, die vernünftige Conclusio auf die haarscharf ausgeprägten Prämissen koinmcn! Was sollen also die Juden thun, um sich aus dem Jammer hcrauszuhclfen? Man ist gespannt, jetzt muss das vernünftige Erlösungswort kommen — und richtig: Dr. Fialla entfaltet ein Papier und dringt das Programm des politischen Volksvcreins zur Verlesung: Der Jude soll trachten, im gcivohntcn Dienste des Fortschrittes und Freisinnes hier Gleichberechtigung und Anerkennung zu gewinnen. — Man greift sich an de» Kopf. Diese unglaubliche Logik! Und die Bercinsmitglieder applaudieren und verdauen ruhig weiter. — Kellner, noch ein Glas Pilsner! Still und gelangweilt steht die Glocke auf der Tribüne. Sie fühlt sich so unsäglich überflüssig bei diesem automatischen, conventioncllcn Applaus, bei diesen monotoucn Bravorufen, die wie überlautes Gähnen klingen. Und jetzt kommt das zweite Stadiunr der Verdauung und mit ihm Dr. Marccll Hoffman». Es beginnt der Nieseukampf gegen den Antisemitismus. Die Mitglieder beginnen auch thatinchlich kriegerischer auSzuschcn. — Kellner, »och ein Glas Pilsner! Also erster Vorstoß gegen den Antisemitismus: Dr. Ma cell Hoffman» beklagt sich, dass wir leider an derartige Angriffe wie der Antrag Neu mach er .gewöhnt sind. — Eia großartiger Hieb gegen den AntiscinitiSinus! Aber noch trotzt der Antisemitismus diesem ersten Vorstoß Dr. Hoffman« s, noch steht der Antiscuiitismiis. Also zweiter Vorstoß: „Warum ist die Staatsgewalt nicht gegen Ncumayer ciugcschiittcn?" — Dieser Vorstoß ist geradezu verblüffend in seiner strategischen Genialität. Polizei! Wo ist die Polizei?! Zittere Antiscmitisnins! Polizei! Polizei! — Aber der Antisemitismus steht noch immer trotz dieses großartigen Vorstoßes Ein vcrdamint zähes Leben! Aber warte, ,ctzl kommt der dritte Vorstoß, der bringt dich zu Falle: Dr. Marccll Hoffmann beginnt mit staunenswerter Gelehrsamkeit den adivcsendcir Wiener Gcmeinderäthen zu erklären, dass der Jude ein wohl ausgc-, bildetes sittliches Gefühl habe, dass er ganz wohl - befähigt - sei, ein Richterstelle zu bekleide». .. ... In unübersehbarer Ausdehnung rückt die Schlachtrcihe, gegen den Antisemitismus vor, ungeheure Colonnen, Citate und nichts als Citate, Moses, die Bibel, die Propheten,, Erz-- bischöfe, der Talmud, diverse Commcutatoren rc. rc., eine furchtbar lauge Reihe, cs wird einem ganz schwül und püst : im Kopf — und der Antisemitismus. beginnt zu wapken. Der dritte Vorstoß war zu furchtbal, . MeuMyer und alle antisemitischen Gcmcindcrälhe wippein W,im TodeskMpfe auf dem Boden, und über die Gefallenen.-staptpfcH hieCitate dahin und schreien Victoria.. Dr. Marcelh Hpff.nianu wischt sich die Stirne. Aber noch röchelt her- Aiistsemitismus.. ein wenig. Er ist noch nicht ganz todt.. iA'.'bWicht noch einen Gnadenstoß. Zu diesem Zwecke eröffnet Dt. Mm'cell HcHmann der stanncndc» Versaunnluiig, dass nickst. die Juden .mopälische Defectc besitze», sondern die Antisemiten: Mittcrinaycr rc. Das war ein großartiger Hieb gegen -den Antisemitismus. Dr. Marccll Hoffmann hat die-Beschuldigung, gegen die der . „Bolksvcrein" protestieren will, den Ailtiscpiitcn zprückgegehen uud damit hat der.Antisemitismus.-MtzgerÄchM.-,- -Noch eine - kleine Fabel von Dschingiskha»wahrhafiigvonDschin- - giskhan — und alles ist vorbei .... Palstezette.l,. •: Rcso- . lution: „Der Bolksvcrein ist. empört: .bet VolkSverein - beklagt — Polizei!" Allgemeiner Applaus. .Jetzt kvimmn die Leichcineduer. Der gewesene Aügcvrdiikte' Dr.i Bloch . besteigt die Tribüne, uni noch einige Wstete .dctU seligen Ncumayer und dem cbcns» seligen AntisciliitisUills z» widmen. Aber wir wollen seine Worte nicht wiedcrgeben. Öe mörtuis nil nisi bene. Er ist bereits politisch todt, der Ncumayer,. und wir wollen den wohlihätigeu Schleier des Schweigens, über die Leichenrede ziehen. Der. letzte Redner, ist Gemeinder rath Lucian B r u n n c r. Seine Rede ist., das eilizig Er- , frischende am ganzen Abend. Er sagt den.Vcr'sammeltcnin ziemlich unverblümten Worten, dass: ihre „Resolution" ein Stiefel ist. Und die Versammelten: applaudieren. — Ein - merkwürdiger Hang zur Scldstironie. Dann wird über die , Annahme der Resolution abgcstiinmt. Kein einziges Contra unter den Vcreinsmitgliedcrli. — Wer kennt sich aus in de» Räthseln der Menschensccle! — Kellner, zahlen! E. R. weltchroirrk. Der flervende Kreist««. Bor unsercil -Augen voll- - zieht sich jetzt in Oesterreich . in tzer-avezu classischer - Weise ein für den Inden äußerst -lehrreicher Proccss, die - Verschmelzung der dcutschfonschrittlichenmit der dentsckj- - national-antisemitischen Partei. Das gefährdete Dciltschthum hat die beiden Parteien geeinigt. "Währetld ihres Zusammenlebens hat eine wechselseitige Anpassung - der Gegensätze siattgefnndcn. Im Austausch der Programmpunktc, im nachgiebigen A«nehmen niib Ablegen' der Grundsätze haben sich die Differenzen abgeschlekft. - Eitles der ttzcnnendcn' Momente war der Autiscuiitisinus, Die Deutschforischrittlicheü hatten die Gnade gehabt, den Juden noch-als ebenbürtiges Lebewesen anziici-keimrn, die Deütschnationalcn halt it den Juden i» eine mindcrwerthigc-Specirs -verbannt. Nun kam - der Ausgleich der Anschauungen, Und . was 'geschah? Die - Freisinnigen haben ihren „Freisinn"- abgelegt und den Aiuiscmitismus der Nalionateii cingciiöinmcn, Das war die Anpassimg, die 'trennenden Momente sind beseitigt, -je deutsche Einigkeit ist wieder hergcstellt und "die Inden stehen-isoliert - da, von den Deutschnationalen wie früher angegriffen, von der Judcnschutztruppc im Stiche kgel-sfens.' '.Die/ Deutschfortschrittlichen zucken die Achseln. Die deutsche Einigkeit hat cs. erfordert, dass man die pagr Juden opfert. .Mögen, sie sehen, wie sie sich selbst ans der Klemme ziehen. Befremdend ist diese Metamorphose der, „Dentschsortschrittlichen" durchaus nicht. Wer an die Jiuiniinitäb der „Freisinnigen" nie geglaubt hat, wird es natürlich finden,: dass sie. bei der. ersten'Gelegenheit die lästige jüdische.Clientcl über Bord werfen. „Jndenknecht" ist ein gar so unangenehmes Won.