Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 22 (29.10.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-10-29
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4. FKHW.' Nr. 21 Die Juden sehen, sie können es den anderen nicht recht machen, wenn sie Glück haben und nicht, wenn sie ins Unglück geraten. Vielleicht versuchen sic cs einmal, blos nur der AbwechslMkg willen, einmal sich selber recht zu machen. Me Jkers z» diesem Experiment lüge nahe genug, allein merkwürdigerweise sind noch die wenigsten draufgekommen. Vom Iudrnrlrnd in Krakau. Bon Pater JohM« Badepi.*) Wenn man die Berichte über das Elend der Eltern und Kinder und über die Mittel, durch die es beseitigt werden soll, hört, so drängt sich einem oft der Gedanke auf: „Bei den Juden ist es so und bei den Christen anders." Mögen auch; die Theoretiker der verschiedenen Lager sich darüber freuen oder es bedauern, unleugbar bleibt, daß sich ebenso wie die Wohlthätigkeit auch das jüdische und christliche Elend auf verschiedenen Wegen bewegt. Unter den Krakauer Juden fehlt es nicht an Elend, an dem traurigsten Elend. Mau gehe nur über den KaLmiörz und betrachte diese schmutzigen zusammenbrechendcn Häuser, diese unreinen Gassen und Plätze, die kühn mit den römischen und venetianischen Ghetti, wie sie uns von den Touristen geschildert werden, wetteifern können. Es genügt, wenn man in eines dieser Häuser hineinblickt, wenn man diese vertrockneten Gesichter von Männern und Frauen betrachtet und auf die von den Fenstern und Balkons herunterhängmden Fetzen, deren Farbe und Geruch kein Chemiker mehr zu bestimmen vermag, einen Blick wirft Man trete in die GcschäftSlocalr am KaSmiärz oder in Podgärze, in diese Höhlen, von denen man nicht weiß, ob in ihnen die . Menschen leben, oder faulen. Wie viel Menschen, wie viel Familien so leben, und wovon sie wohl leben? Frage den Sand am Meeresstrand, woher er kommt, warum er hier eiye Kluft und dort einen Hügel bildet, frage ihn nach der Zahl, nach der BeschaffeHÄ seiner Körner! Einige Juden von Kaibmierz und Podgärze, die sich mit der jüdischen Armenpflege beschäftigen, haben meine Aufmerksamkeit auf gewisse charakteristische Merkmale des jüdischen Massenelendes gelenkt und dieses in den düstersten Farben geschildert. - ' . Aber Eines mutz man bei den Juden anerkennen: Nur in der bittersten Noch, wenn ihnen der Hungertod droht, entschließen sie sich, auf der Straße zu betteln. Wenn mich einer um ein Almosen bittet, dann weiß ich, daß' er in der ärgsten Noch ist. Sie trinken nicht, ihre Bedürfnisse sind Unvergleichlich kleiner als die unsrigcn,. Wenn der Jude hungrig ist, dann'kauft er sich um einen Kreuzer Kürbiskörner, öffnet sie langsam, legt sie dann in den Mund und bildet sich ein, daß er nicht, mehr hungrig sei. Wenn einer nichtt mehr verdienen, nichts erhandeln kann, so nimmt er sich'bei Kaihal die Erlaubnis zum Absammeln, geht am Freitag zu den wohlhabenden Glaubensgenossen und bekommt von jedermann aus Sabbath einen halben Kreuzer. „Es besteht bei uns dir Einrichtung, daß wir niemandem diese Unterstützung'verweigern" — meinte ein gebildeter, an seinem Glauben und den Traditionen fanatisch fest haltender Jude — wir verweigern sie niemandem, der wirklich nothdürstig ist. Wir haben gewisse Ortsarme, die wir dauernd unterstützen. Wir haben auch viele Fremde, die sich hier vorübergehend'äushalten. Die Ortsarmen sind bescheidener. Unser Krakauer Jude würde eher zu Grunde gehen als betteln. Die Fremden sind oft zudringlich, manchmal sogar sehr zudringlich. Sie gehen von ejstem Hause zum andern, ober niemals hat sie jernand polizeilich abschaffen lasten. Das kann ein jüdisches Herz nicht. Wenn jemand die Gemeinde und ihre Mitglieder allzusehr belästigt und sich all- , *) Der Verfasser, der ein Mffe deS Ministerpräsidenten und Provincial des Jesuitenordens für Galizien ist, hat jüngst ein Buch „Obrazki;z krakowskicj nedzz“ (Bilder vom Krakauer Elend) veröffentlicht, dem wir obiges Capitel entnehmen, 0r. I/. zulangc in Krakau, aushält, ohne sich selbst helfen zu können, so giebt man ihm eine, reichlichere Unterstützung von 5 bis 10 Gulden, damit er die Stadt verlasse. . „Die jüdischem Bettler haben eine gewiffe Ordnung vereinbart. Es hat sie dazu niemänd gezwurtgien, sie haben es freiwillig grthäm Sie sammeln regelmäßig am Donnerstag und Freitag vormittags für den Sqbbarh; an Nderen Tagen lasten sie uns in Ruhe, es fei dM«, daß deü° Einen oder den Anderen eine außergewöhnliche "Noth zum Betteln veranlaßt. Es ist allgemein üblich, daß man niemanden abweist; man gibt wenigstens einen halben Kreuzer, wenn man schon nicht mehr geben kann. Mancher Kaufmann, der seihst nicht viel hat, gibt aus diese Weise sechs, ja sogar sieben Gulden wöchentlich, so daß so mancher es vorziehen würde, eine Jahresabgabe von 50—60 Gulden'W'leisten. ' ' „In unseren Gebetbüchern finden^ Dir viele schöne uüd treffende Aphorismen über das WohttHlyr: Die- Berfolgüngen, denen wir immer ausgesetzt waren, haben in' urts die Wicht der gegenseitigen Unterstützung großgezügen. Wir schützen unsere Armen. Bei euch Christen spricht man vom „Bettel", wir aber kennen nur „arme Greise". Und wie schön ist die Einrichtung, die wir „Plet" nennen, ein, Wort, das wahrscheinlich von „Billet" herstammt. Der Jude, der nicht weiß, wo er den Sabbath verbringen soll, z. B. ein Zugereister ober sonst jemand, der weder Verwandte noch Bekannte hat, begibt sich zum „Kahal", und dort bekommt er eine Karte, die es jedermann zur Pflicht macht, den Armen ins Haus aufzunehmen, ihn an den Tisch zu setzen und ihn dann ins Bethaus zu führen. Auch für die „Feiertage" werden solche „Plet" vertheilt. Es ist schade, daß diese schöne Gewohnheit schon nach und nach zu verschwinden beginnt. Es kommt vor, daß mancher Reiche auf eigene Kosten den armen Jude«, den er aus irgend einem Grunde am Sabbath nicht beherbergen kann oder will, in einem Gasthause verpflegt. Auch das ist gut, aber zweifellos war die alte, traditionelle Gewohnheit der Gastfreundschaft, die man dem ärmeren Bruder im eigenen Hause bot, viel schöner." Mein Jnterlocuteur sprach mit wahrhafter Begeisterung, . es kamen ihm sogar Thränen in die Augen. . Ein anderer Jude, ein einflußreiches Mitglied vieler jüdischer Wohlthätigkeitsvereine.bcurtheilte die Sache nüchterner. „Es gibt bei uns Bettler, die nur Faullenzer sind. Die Einrichtung, daß jeder, der sich meldet, einen halben Kreuzer bekommt, züchtet die Faulheit. Briefbettelei gibt es bei uns nicht, aber am Montag, Donnerstag und an dem ersten Tage eines jeden Monates sieht man ganze Schwärme von Haus zu Haus marschieren. Wenn man dann zählt, so findet man über. 500 Leute." . - v Wer öfter die jüdischen Stadttheile besucht, kann diesen Worten nur zustimmen. Da treffe ich z. B. eine Jüdin, die nicht gehen kann und von einem Burschen auf einem kleinen Wagen herumgeführt. wird. Sie. erinnert mich an die gewöhnlichste Bettlerin in Krakau, ja selbst in Kalwarya. Sie erzählte :mir selbst in einem ganz cvrrecten Polnisch von ihrem Schicksal. „Es geht schlecht, Herr! Die Leute geben sehr wenig, am Freitag habe ich kaum drei Sechser! gesammelt. Es reichte für den Sabbath nicht aus. Sonntag regnete es, da mußte ich zu Hause bleiben. Heute habe ich kaum einige . Kreuzer zusammengebracht und doch muß ich dem Burschen, der mich führt, täglichzehn Kreuzer bezahlen. Seine Arbeit ist nicht groß, eine Spielerei. Uebrigens, wenn sich ihm ein anderer Verdienst trifft, so muß er mich ja nicht herumführen, und wenn er sonst nichts verdienen kann, dann ist ja dies für ihn ein reiner Profit." Diese jüdischen Krüppel, Greise und Kinder verstehen ihr Handwerk: „Ich bitt' Sie, ich bin hungrig, kaufen Sie mir doch um einen Kreuzer Zwetschken!" „Herrlebeu! Kaufen Sic mir um einen Kreuzer Zuckerl." Diese Greise in Fetzen, abgemagert, mit den erloschenen Augen, die halbnackten,, hungrigen, abgezehrten Kinder brauchen nicht Zuckerl und Zwetschkensondern vorerst Brod.