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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-10-29
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. SS. ’ DltfeVMtr Seite 3. gegen die Kohns. die Abeles und die anderen alle begann schön einförmig zu werden. Auch war sie nicht gründlich, nicht umfassend genug/ Jetzt holt man endlich das Versäumte nach und fängt bei den 'Erzvätern an, nimmt die Richter, die Propheten, die Könige her. Es ist ein biblischer Antisemitismus, der sich anschickt, im alten'Testamente fürchterliche Musterung zu halten/ Mit Jds» ah wurde neulich der Anfang gemacht. Man nennt ihn dett „berüchtigten jüdischen Bandenführcr und Nomädcnhäuptling", eine Art böhmischer Grafel etwa. Wie wird dieser Mann durch eine so einfache Localreporterdezeichnung plötzlich' aus der Ferne von fünf JahrtausendxM in -unsere Nähe gerückt. Und welch'ein reiches Gebiet wird bja den Beschimpfungen mit einemmale eröffnet. Bald wjrh'" pM',Siluso« an die Reihe kommen, der „übel bcle,unidete.jührsche Naufbold/ Mefserheld" oder wie man ihn heißen ^wird, oLe.r ^HaloMv, der Lebemann"/ wie ein jüdischer Milan wixd fr /eines schönen Tages dastchen, und dann haben wir die Verlegenheit. Kommt man uns'noch mit dem „oftmals abgestraften, angeblichen Propheten Jonas" oder mit der „jüdischen Räubinördcrin" Judith, dann find wir wirklich vor den Behörden discreditirt. - Gelegentlich der Besprechungen über die Landnahme Ungarns hat diese neue Idee' ihre ersten Blüten getrieben. Der arme „anonymus regis notarius", dem jetzt in Budapest ein'Standbild errichtet werden soll, hat alles verschuldet. Man hat nämlich herausgefunden, dass er — ein Jude war. Die Landnahme Ungarns durch Arpad hat er einfach nach der Landnahme Palästinas durch Josuah erfunden. So geschah cs, dass Ungarn schon im Keim vcrjudet wurde. Mit welch' talmudischcr Schlauheit hat dieser anonymus' regis notarius für seine jüdischen Nachkommen vorgesorgt. Wie geschickt hat er den ungarischen Boden für die Einbürgerung des Judcnthums bebaut. Er hat die Hochflut des Antisemitismus kommen gesehen, vor tausend Jahren schon, und er hat danach gestrebt, den Juden in Ungarn eine Zufluchtsstätte zu bereiten. Aber die Antisemiten von heute sind schlauer als eiu Jüdcl vor tausend Jahren. Sie haben diese ganze Jntrigue, die offenbar auf die Einführung der Civilehe angelegt war, durchschau^ und nun kommt die Strafe. Jetzt wird der anonymns regis notarius in den antisemitischen Blättern verrissen. Der Josuah wird verrissen, der so ,/berüchtigt" war, und der Arpad wird auch verrissen. Es ist schrecklich. * . * * Ueberhaupt, es ist jämmerlich, wie wenig man sich auf dieses Ungarn verlassen kann.'Auch die Liberalen haben das erfahren. Aus Ungarn erwarteten sie Hilfe in ihrer schweren Roth, Ungarn war ihreletzte, verzweifelte Hosschmg. In Budapest aber verspürt man nicht die leiseste Neigung, die Leitha zn überschreiten. Man genießt die eigene Ordnung lind Rühr und will sich Zustände wie die unscrigcn recht, recht weit vom Leibe halten. Da fingen unsere Liberalen an, tiefsinnig zu werden und begannen nachzudcnke«, wie cs die Ungarn eigentlich angestellt haben, dass sie so stark geworden sind. Und sie kamen zu dein'Schluss,. dass nicht so sehr das liberale als vielmehr-das nationale- Bekenntnis zur Macht verhelfen kann. So sind sie denn — verlassen wie sie nun einmal waren — asts Kummer und Sorgen national geworden. Sie leugnen, wenn man es verlangt, jeden Verkehr, der nicht rasscnrcin ist, und sie versuchen es, die Juden von sich abzuschütteln. Vorläufig thun sie das noch sehr sanft, denn ganz so national sind sie noch nicht geworden, dass sie ihre alten liberalen Liebschaften vergessen hätten. * -* * Die Judenschaft aber^benimmt sich/ wie eine-verabschiedete Geliebte sich.gewöhnlich benimmt, ungeschickt und zudringlich. Eine verabschiedete Geliebte versucht es noch hundertmal mit der alten zärtlichen Liebe, alle die Kosewörte, die einst in glücklicheren Stunden gewechselt wurden, bringt sie wieder und wieder in Erinnerung, alle die gemeinsamen süßen Erlebnisse, und wundert sich, wenn das alles nicht nur nichts hilft, sondern die Verstimmung nur erhöht. -Sie begreift eben nicht, dass die Geschichte zu Ende ist. Und die Inden machen es genau so vcrkshrt. Sie verdoppeln ihre Liebens-; Würdigkeiten, sie sind aufmerksam, zuvorkommend, sie gedenken mit sentimentalen Gefühlen der vergangenen Zeiten des guten Einvernehmens, statt sich einen würdigen Abgang M.fnchtN. * Ein verlassene Geliebte hat imMer noch ein letztes Mittel in Bereitschaft. Wenn gar nichts verfängt, dann -probiert sie den Ungetreuen dadurch zu gewinnen, dass sie seine neuen Neigungen-anerkennt. So-laufen die Juden jetzt immer mit zu 'den näkiostaken'Ntndczvöus, öbwohl man cs 7. ihnen deutlich zu hören gibt und sie 7 selber es doch spüren müssten, dass sie dieses junge Liebesglück nur stören. O! über; diese Nachgiebigkeit, die nichts nützt, und' dic nnr den Abschied erschwert. Man. will-es. gar nicht, dass die- Juden nachgiebig sind. Man verlässt sie, man beschimpft sic, man-verzichtet auf die Treue. Kein Mensch erwartet, von ihnen, nach der Art wie sie behandelt werden, dass sie noch Nachgiebig, zärtlich und treu seien, und keiner verlangt das von ihnen. Es ist ja ein schöner Satz, dass man die ändert Wange Hinhalten soll, ' wenn man auf die eine geschlagen wird, aber bei allen Anpassungsbestrebungen — gar so christlich brauchten die Juden sich doch nicht zu geberden. * •* * Freilich, jetzt haben sich schon alle daran gewöhnt, dass der Jude sich duckt, dass er sich alles gefallen lässt Und glück» selig lächelt, wenn irgendwo ein flüchtiges 'Wort von Zugehörigkeit gesprochen wird. Wahrlich aber ich söge euch, man wird eher tschechische Schustcrbubcn für gute Dcntsche gelten lassen, als aufhören, uns Fremdlinge zu nennen. Einstweilen ist der Lucian Brunner der einzige, der im Gcmeinderathe, als man ihn befragte, wclshalb ihm die Verhandlung über die Komcnsky.Schule kalt lasse, ruhig-und muthig entgcgncte: „Weil ich kein Deutscher bin!" — „Was denn?" war die erstaunte Frage. — „Ein Jude!" Und-so wenig ist man bei uns an derlei gewöhnt, dass Freund und Feind -verblüfft blieben und mau beinahe ge.nxjgt ist, diesen einfachen und logischen Gedanken als eine- Tljat^cküWfasscn. 1 * Allerdings machen cs die Antisemiten den Juden schwer, sich an den Trennuugsgcdankcn zn gewöhnen. Mit ihrem Geschrei von allgemeiner Vcrjudung bringen sie den Juden die Meinung bei, als ob sie wirklich die erste Rolle spielten, und als müssten sie nicht um jeden Fußbreit Badens kämpfen und leiden. Neulich hat man den Frauen Wiens von der Verjudung des Geisteslebens erzählt, Und Prinz Liechtenstein ' verflieg sich zu der etwas ' undeutlichen' Behpüptnng. „dass seit Jahrzehnten kein dcütscher/Christ als Dichter geschildert wird." ' Also Anzengruber, Hauptmann, Halbe, Ebne'r-Eschenbach, v. Saar, dann Keller, Gottfried Ferdinand Mayer, das sind entweder Juden gewesen oder die' Durchlaricht kennt sic gar nicht. Auch beim Theater söll's schlecht bestellt sein mit den Christen. „Die /jüdische Kritik hat. das christliche Talent beiseite geschoben und herabgesetzt." Mam-e braucht, um zu -sehen, was diese fürstlichen Worte wert Md/tzlos an Bauin tiftcv, Mittcrwurzer, Kainz. Girardi, an .die Wolter, Adele Sandrock rc. zu erinnern. * * * . düt- 'nichts, der Jude muss gedrückt-werden. Und so . lange^inr rnier sich unterstellt, etwas'zn erreichen, wird gewiss . von „allgemeiner Wrjuhmrg" gesprochen werden. Dabei weiß man nicht 'rinmal, wie man cs den Leuten recht machen soll. Floriert ein jüdisches Geschäft, dann heißt, cs, der Jude schwindelt und.'ruiniert , seiite, christlichen Eoncnrrcnten. Bricht aber cm jüdisches -Gejch8sts^»u^,Znsaminen, dann wird wie jetzt bei Gebrüder Hirsch Zct'ri'-/' tzcschricen über die Juden, die inan sich nach alten Witzblatltraditioncn als gewohnheitsmäßige Plcitcmacher vorstellt. Hape statt der Gebrüder Hirsch ein christliches-Warcuhaus gefallen, darin hätte man erst recht Morbio geschrieen und gejammert, dass die allgemeine Vcrjudung des Kausmannstandcs schuld an solchen Unglücks- ' fäll-n ici.

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