Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 22 (29.10.1897)
- Article
- Jüdische Trades-Unions
- Date
- 1897-10-29
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2. gemacht ünd große Krisen in einzelnen Gebieten dadurch verhütet, dass sie die Bedürfnisse und Ueberschüsse des Gesammtmarktes Lhersihen- und imstande sind, in zweckmäßiger Weise Nottz/burch -Fülle zu decken. Einige Zahlen sollen einen BegqHtxwoti geben, über was für Mittel die Trades-Unions aejjSpprt ^materielle und moralische Mittel. Die Union der MiWkücnWbeitzr, welche ungefähr hunderttausend Mitglieder umfasst, hat seit den paar Jahrzehnten ihres Bestehens fünfzig Millionen Gulden eingenommen und über dreißig Millionen an Krankengeldern, Pensionen, Unterstützungen u. s. w. verausgabt; die Bergleute, deren Mitgliederzahl doppelt so groß istr wie die der Maschinenbauer, verfügen über ein ungeheures Vermögen — Details darüber sind nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen — und sind ein Heer von wohlgenährten, geschulten, charakterfesten, zielbewussten Männern; es wagt es heute kein Grubenbesitzer, einem Bergmanne ein Haar zu krümmen; selbst die armen Weber, die sprichwörtlich geduldigsten und ergebensten der Unterdrückten, stellen ein Corps von achtzigtausend Mann mit einem Capital von vielen Millionen ins Feld und haben sich im Bei laufe der Jahre eine menschenwürdige Existenz zu erringen gewusst; sogar die Ziegelarbeiter haben ihre Union. Das' hat sich in aller Ruhe und Stille, unter den Augen des Gesetzes-vollzogen, und das Gesetz hat wohl daran gethan,- den Arbeitern ein; freundliches Antlitz zu zeigen; denn wie die Erfolge: zeigen, sind die Trades-Unions das mächtigste Bollwerk gegen-Umsturz und Gewalt; die Mitglieder der Arbeitervereine sind, ausgezeichnete Bürger und tadellose Patrioten. Warum sollten wir Zionisten es nicht mit jüdischen Trades-Unions. versuchen? Der antizionistifche Spötter, der in Wahrheit das ist, wüs man früher sehr richtig den jüdischen Antisemiten nannte, weil es ihm einen Hauptspass bereitet, alles Schlechte an seinem eigenen Volke zu entdecken, der wird natürlich hell auflachen über unseren Vorschlag. „Arbeitervereine ohne Arbeiter! Ha, ha, ha! Wirklich, ein köstlicher Witz!" Darauf erwidern wir: Selbst wenn wir Juden keine Arbeiter hätten, würden wir die Gründung von Arbeitervereinen anrcgen, so wie wir Zionsvereine haben — vorläufig ohne Zion. Wir wollen Arbeitervereine, weil die Arbeiter im landläufigen Sinne berufen sind, an der Wiedergeburt, an der Erlösung unseres Volkes den allergrößten Anthcil zu nehmen. Aber haben wir wirklich keine Arbeiter? Man muss nicht die officiellen statistischen Handbücher nachschlagcn, um zu sehen, dass wir Arbeiter haben in allen Provinzen Oesterreichs, in allen Ländern des Ostens und Westens, „gelernte" Arbeiter auf allen Gebieten des ökonomischen Lebens. Der kürzeste Aufeulhalt in irgend einer galizischcn Stadt wird dcn Beobachter davon überzeugen, dass wir viele, viele tausende von jüdischen Arbeitern haben, denen es nicht an Willen und Fleiß, an Können und.Geschick fehlt; was ihnen abgcht, das ist die Kundschaft und das Capital. Der jüdische Arbeiter von heute ist noch schlimmer daran, als der englische Arbeiter vor fünfzig Jahren. Dieser wurde mit Hungcrlöhnen in sklavischer Abhängigkeit erhalten, aber er bekam die Arbeit, für die er erzogen worden war; der jüdische Arbeiter ist überhaupt nicht imstande, Arbeit zu bekommen. Nicht in Russland und nicht in Polen, nicht in Oesterreich und auch bald nicht mehr in — England! Der Schimpfname „Ausbeuter" (Lveuter) wird seit Jahr und Tag in Großbritannien mit der Vorstellung des russisch-polnischen Juden verbunden, und chic Berufspolitiker, denen jedes Schlagwort gut genug ist, wenn sich politisches Capital daraus schlagen lässt, haben ja den „Fremden" als denjenigen hiugestcllt, der die englische Arbeit entwertet und die englischen Arbeiter verdrängt. Da ist vor wenigen Wochen ein sehr wohlgemeintes Buch eines Arbciterfrcundcs erschienen, das sich in sehr lehrreicher Weise mit den schädlichen Industrien Englands befasst; das Merkchen erregt verdientes Aufsehen und wird sehr viel gelesen?) Und *) Robert Harborough, S h e r a r d, Th« White Slaves of England (being truc pictnres of certain social eonditions in the kingdom of England in the year 1897) London, Bowden 1897. da finde ich denn eine furchtbare .Lluklagefgcgen die jüdischen Arbeiter in Leeds. Es ist nicht niS|ig, 8te Stellen iAVrtlich hieherzusetzen; wer sich darüber «MteriHchten wich Mie dse; Stimmung gebildeter, einsichtiger sM^NNer beschaffenHN unt?^ wie die Stimmung der WMnpgrgenHdie. jüdischknWitt^A Wanderer bearbeitet wird, derleseauf Seite 1.11, 114/120,'" 124, 127 ff., was der Mannte Verfasser ste^n. diKÄ-mül Teufel aus Russland undPolen vorzubringenweiss/DÄs ist ein ganz neuer Ton imjudenfeindlichen Register. Etz jcht hat es geheißen, der Jude arbeitet zu wenig; jetzt heißt es auf einmal, der Jude arbeitet zu viel! „Wo der jüdische; Arbeiter erscheint, da wird der christliche verdrängt!"'Das ist so ziemlich der Sinn der vielen Worte und Zahlen, mit denen der englische Arbeiterfreund die Juden'überfällt, i- Und ist es in Amerika anders? --Man braucht nur die erste beste Arbeiterzeitung New-AjorkS in - die Hand zu nehmen und man wird sich davon überzeugen, dass die jüdischen Arbeiter von den amerikanischen Concurrenten in New-Uork so wenig Gerechtigkeit zu erwarten haben wie von den deutschen m Berlin, von den englischen in London und Leeds. Aber hat man schon je etwas davon gehört, dass' sich ein österreichischer Maschinenarbeiter darüber beklagt hätte, der deutsche Arbeiter der gleichen Branche sei ihm au physischer und geistiger Arbeitskraft überlegen? Die deutscheUebcrlegenheit wird in der ganzen Welt empfunden, aber cs fällt keinem Menschen ein, dem deutschen Arbeiterdeshalb seine Existenzberechtigung zu bestreiten, ihn als Schädling zu bezeichnen. Er ist eben in seiner Werlstatt zuhause, seine Concurrenz wirkt in die Ferne, sie wird gegen Fremde, 'gegen andere Staaten und Völker geübt. Da liegt das Geheimnis. Wir wollen der jüdischen Arbeit eine heimische Werkstätte schaffen, es soll dem jüdischen Arbeiter gestattet sein, seinen Fleiss, seine Begabung jedem ihm zusagenden Handwerk zu widmen, ohne dass man ihm als Schattde Nachsagt, was jedem hennatbercchtigten zur Ehre gereicht. Aber dir jüdischen Arbeiter müssen erst zu dem großen Ziele erzogen, sie -müssen darauf vorbereitet und dazu organisiert werden. Wir brauchen jüdische Trades-Unions! Was die Zionsvereine thun können und müssen, ist natürlicherweise mehr ideeller Natur; sie-erfüllen ihre Aufgabe vollauf, wenn sie den.zionistischen Gedanken nach allen Seiten ausbilden und ihm nach oben und unten Geltung verschaffen. Die jüdischen Trades-Unions sollen in praktischer Weise nach dem englischen Vorbilde die'jüdische Arbeit organisieren. Die Weltweiss nicht, dass jüdische Arbeiter existieren; die Trades-Unions sollen dafür sorgen, dass die Welt es erfahre! Der jüdische Pessimist glaubt nicht/ dass ein jüdischer Schuster sein Handwerk versteht; die Trades- Unions sollen ihn eines Besseren belehren!; Der jüdische Arbeiter ist der Pariah unter den Arbeitern; die Trades-Unions werden ihm zu der Stellung verhelfen, die ihm gebürt! Und wir Zionisten hoffen in den Trades-Unions die ersten .Massenansiedler der neuen, uralten Heimat zu sehen. Der arme Tallisweber in Galizien, der heute als Einzelner das gebrechlichste ärmste Wesen ist, - wird als MÄglied einer Trade-Union gegen die Ucbergriffe der Arbeitgeber wir gegen die Schwankungen des Marktes geschützt sein, und eine Trade- Union von Talliswebern wird die Mittel und die Autorität haben, dieser Industrie, die jetzt aus Mangel an Organisation so schmählich däniederliegt, in Palästina zu ungeahnter Blüthe zu verhelfen. . ' . " Das ist ein Bnspiel; es würde keine besondere Mühe kosten, dutzende von anderen anzuführen. Wir können den Gedanken der jüdischen Trades-Unions hier nur in den allgemeinsten Umrissen andeuten; wir laden die jüdischen Arbeiter und Arbeiterfreunde ein, ihre Erfahrungen in den Dienst dieser Anregung zu stellen. Diese Spalten stehen ihnen zu diesem Zwecke zur Verfügung. Die Woche. W i eit, 20. October 1897. Der Judenhass hat wieder einmal eine neue Nuance gefunden. Es war auch die höchste Zeit, denn die Feindschaft